Kapitel 10

Severus hatte am Nachmittag einige Dinge erledigen müssen und da er Hermine in seinem Haus sicher wusste, ließ er sich Zeit. Die beiden Elfen, die schon seit Ewigkeiten in diesem Haus lebten und die Bibliothek würden ihr den Tag schon nicht lang werden lassen. Tatsächlich fand er sie bei seiner Rückkehr noch immer in eines seiner unzähligen Bücher vertieft. Trotzdem willigte sie sofort ein, als er ihr einen Spaziergang anbot und legte das alte Buch auf einen kleinen polierten Tisch.

Zusammen gingen sie durch den Park bis hinunter zu den schroffen grauen Klippen. Er stand einen Schritt hinter ihr und betrachtete sie, während sie verzückt aufs Meer hinaus blickte.
Der Wind hatte aufgefrischt und wie gegen abends üblich, nahm die Intensität des Wellenspiels zu und das Wasser peitschte immer wütender schaumgekrönte Wellen vor sich her, die sich in immer höher werdenden Kaskaden an den Klippen brachen. Hermine war fasziniert von dieser Kraft und Ursprünglichkeit.

Der Nachteil war nur, dass es immer kälter wurde und langsam schien es so, als würde sie zu frieren beginnen.
Severus stand noch immer hinter ihr und sah zu, wie der salzige Wind in ihre Haare fuhr und ihre Locken zerzauste oder an ihrem leichten Sommerkleid riss.
Er überlegte eine Weile still, ob er ihr seine Jacke anbieten sollte, entschied sich aber zuerst dagegen. Erst als sie später ihre dünne Strickjacke um ihre Schultern zog, trat er einen Schritt nach vorn und öffnete seine Jacke um ihren ganzen schmalen Körper darin aufzunehmen und die zitternde junge Frau an seinem Körper zu wärmen.

Er wusste nicht, wie sie darauf reagieren würde. Vermutlich würde sie gleich ausweichen oder aber einen höflichen Augenblick lang stehen bleiben um dann irgendeine Entschuldigung zu erfinden, warum sie rein gehen sollten. Tatsächlich konnte er spüren wie sie sich einen Moment lang anspannte als er so nah an sie herantrat, aber entgegen seiner Vermutungen entspannte sie sich nach wenigen Augenblicken und lehnte sich sogar noch etwas an ihn. Er schloss kurz die Augen als ihre Haare ihm ins Gesicht wehten und er den inzwischen vertrauten Maiglöckchenduft einsog. Sie stand ganz still an ihn gelehnt und versuchte nicht seiner Nähe und Wärme zu entfliehen.

Warum eigentlich nicht? Sollte sie das nicht eigentlich? ', dachte er.

Er war verwirrt.

Und was um Merlins Willen mache ich hier eigentlich? ' schalt er sich gedanklich, wagte aber trotz allem nicht sich zu bewegen, weil er diese Nähe gefühlsmäßig genoss - auch wenn sein Verstand etwas anderes sagte.

Nachdem die Sonne untergegangen war entließ er sie aus diesem merkwürdigen Arrangement und sie gingen schweigend nebeneinander her.

Beim Abendessen wechselten sie nur einige Wörter, meist das Essen betreffend. Ansonsten hing jeder seinen eigenen Gedanken nach. Woran Hermine dachte, wusste er nicht. Seine Gedanken jedenfalls drehten sich neuerdings immer öfter um sie.

Nach dem Essen hatte sie sich noch einmal kurz entschuldigt und war auf ihr Zimmer gegangen.

Als sie nun die Bibliothek wieder betrat, saß Severus schon seit einer Weile in einem der wuchtigen Ohrensessel vor dem Kamin und las in einem Buch über Runenmagie. Er sah von seiner Beschäftigung auf und griff nach dem Rotweinglas, das vor ihm auf dem kleinen Tischchen stand, als sie gerade näher an den Kamin herantrat.

„Sie können sich wohl von dem Anblick gar nicht losreißen, was?", sagte er schmunzelnd und sah sie mit belustigt blitzenden Augen über die Gläser seiner Brille hinweg an.

ooooooo

Hermine wurde durch diese Bemerkung bewusst, dass sie ihren Lehrer anstarrte.

Er saß da, mit lässig übereinander geschlagenen Beinen, das weiße, weiche Hemd am Kragen ein wenig geöffnet und grinste sie an. Das schwarze Haar war leicht zerzaust und die Brille...

Rasch wandte sie sich ab und trat auf den Kamin zu, ihre Hände dem Feuer entgegenstreckend.

„Haben Sie etwas Interessantes in dem Buch entdeckt?", fragte sie, ihm den Rücken zugewandt.

Sie achtete kaum auf seine Antwort. Das unbestimmte Gefühl beschlich sie, dass es gut sein würde, morgen nach Hogwarts zurückzukehren. Es brachte sie durcheinander, diesen privaten Snape kennen zu lernen. Sie kannte ihn als übel wollende Fledermaus, die mit schwarzem, wallendem Umhang durch die Gänge eilte und Hauspunkte abzog.

Das war Snape.

Aber offensichtlich war das hier auch Snape.

Dieser gelassene, entspannte Mann dort in dem Sessel, der sie auf den Klippen an seinem Körper gewärmt hatte. Sie hätte um nichts in der Welt sagen können, welcher dieser beiden sie mehr beunruhigte.

Schließlich atmete sie tief durch.

Jetzt ist aber gut, Hermine!', wies sie sich in Gedanken zurecht.

Lass ihm gefälligst Gerechtigkeit widerfahren. Du hast dich getäuscht, als du geglaubt hast, dass er zu keiner freundlichen Regung fähig wäre. Es verwirrt dich, nun zu erfahren, dass es nicht so ist, aber du bist schließlich bereit, deinen Irrtum einzusehen. Du hast ja noch nie einen Lehrer privat kennen gelernt. Na ja, außer Remus Lupin vielleicht, aber der war nicht so... anders als Privatperson. Du gewinnst hier einen kurzen Einblick. Wenn die Suche vorbei ist, wird alles wieder beim Alten sein, und du hast deine Ruhe.'

Diesen Gedanken festhaltend, wandte sie sich zu ihm und fragte lächelnd:

„Wollen Sie mir nicht ein Glas Wein anbieten?"

Er hob eine Augenbraue, schenkte ihr aber das zweite bereitstehende Glas voll.

Sie nahm es, holte sich das Buch, das sie am Nachmittag zurückgelegt hatte und setzte sich damit in den anderen Sessel, ihm gegenüber. Nachdem sie einige Augenblicke gelesen hatte, nahm sie das Glas auf und genoss einen Schluck des wirklich köstlichen Weines. Dabei bemerkte sie, dass Snape sie ansah.

Wer kann sich denn jetzt nicht von dem Anblick losreißen?'

„Was ist? Können Sie nicht glauben, dass es Schüler gibt, die freiwillig ein Buch in die Hand nehmen?", grinste sie.

ooooooo

Mit verschlagenem Grinsen knöpfte sie langsam sein Hemd auf und hinterließ mit ihren Lippen eine heiße Spur auf seiner Brust, die sie über den Bauch und seine Hüften fortsetzte.
Er atmete gequält aus als sie ihren Mund von seiner Haut löste und ihn aufreizend ansah.
Er griff verlangend in ihre herrlichen langen Locken als sie begann, seinen Reißverschluss zu öffnen.

Dann sank er zu ihr auf die Knie und zog sie leidenschaftlich an seinen nackten Oberkörper...

„Möchten Sie ein Ei dazu?" fragte sie plötzlich unvermittelt.

Ein Ei? Wozu? ', dachte er verwirrt, als sie ihn an der Schulter berührte.
Langsam öffnete er die Augen und blickte in ein kleines faltiges Gesicht mit großen blauen Kulleraugen.
„Guten Morgen, Master Severus.", sagte Tamy und grinste ihren Herren freundlich an.
Er setzte sich ruckartig auf und fuhr sich mit der Hand über sein Gesicht.
„Wollen Sie ein Ei zum Frühstück?", wiederholte die Elfe und zupfte an ihrem karierten Kleidchen herum.

„Wie? Äh, jaja...", antwortete er automatisch. Er war noch immer völlig gefangen in den Erinnerungen an seinen Traum.

Warum träume ich ausgerechnet von ihr? ', ärgerte er sich, als er langsam aufstand und ins Bad ging.

Beim Frühstück sprach er kein Wort mit ihr und nickte nur knapp, wenn sie ihn etwas fragte.

'Ich muss sie loswerden! So schnell wie möglich!' , dachte er und stocherte wütend in seinem Frühstück herum. Er fing kurz einen verwirrten Blick von ihr auf und erwiderte ihn so grimmig er nur konnte.

Er würde heute Abend mit Albus noch einmal über dieses Thema sprechen müssen. Wie sollte er denn mit ihr zusammenarbeiten, wenn er beinahe jede Nacht in dieser Weise von ihr träumte und wenn ihn ihre Berührungen derart durcheinander brachten. Ihre Nähe verwirrte ihn.

Nein! So konnte das auf keinen Fall weitergehen. Diese junge Frau berührte ihn nicht nur körperlich... und das durfte nicht sein.

ooooooo

Später verabschiedete sich Hermine ausgiebig von den beiden Elfen und mit dem Versprechen wieder zu kommen. Sie wusste, dass dies wahrscheinlich wohl eher ein stummer Wunsch bleiben würde, wollte aber die beiden nicht enttäuschen.

Hallo, Professor Snape! Da sind sie ja wieder', dachte Hermine, als er sie schließlich, kaum, dass sie in Hogwarts angekommen waren, einfach stehen ließ und ohne ein Wort davon rauschte.

Kopfschüttelnd machte sie auf den Weg zum Gryffindor-Turm.

Sie war verwirrt und gekränkt.

Hatte sie sich nur eingebildet, dass sie sich in Irland eigentlich ganz gut verstanden hatten? Der Abend im Hotel, die Nacht im Brett der Riddlesfords und der Moment auf den Klippen... Sie wurde nicht schlau daraus. Nach dem überaus amüsanten Abend gestern in seiner Bibliothek war er am Morgen plötzlich wie ausgewechselt gewesen. Er hatte sie kaum angesehen, geschweige denn angesprochen.

Wahrscheinlich musste er sich wieder auf den Hogwarts - Snape einstellen.', überlegte sie gehässig.

Den erlebte sie am nächsten Tag im Zaubertrankunterricht in Höchstform.

Er war übelster Laune und zog Unmengen von Hauspunkten ab, so dass Neville zu zittern begann, sobald er sich näherte. Tatsächlich wies er sie scharf zurecht, als sie sich eine Locke hinter das Ohr klemmte, die sich aus ihrem Zopf gelöst hatte. Trotzig wandte sie sich zu ihm um und funkelte ihn zornig an.

Die freche Bemerkung, die sie auf den Lippen hatte, blieb ungesagt, weil er sie so kalt und finster anstarrte, als hätte sie gerade vorgehabt, den Klassenraum in die Luft zu sprengen. Es schien ihr unmöglich, zu glauben, dass dies derselbe Mann war, der sie in seiner Jacke gewärmt hatte.

Stirnrunzelnd machte sie sich wieder daran, ihre Eibenbeeren sorgfältig zu zerquetschen, damit ihr Alptraum-Trank gut gelang. Sie sah auch nicht auf, als sie ihre Trankprobe nach vorn an sein Pult brachte und wartete schweigend ab, bis er zustimmend knurrte, was wohl bedeuten sollte, dass ihr Trank zu seiner Zufriedenheit gelungen war. Es war dumm von ihr gewesen, zu glauben, dass sich etwas von der Harmonie, die am Wochenende zwischen ihnen geherrscht hatte, in den Schulalltag retten ließ.

Warum auch?

Er war ihr Lehrer und sie gezwungenermaßen seine Gehilfin... mehr nicht. Ihr graute ein wenig vor dem nächsten Abend, an dem sie sich wieder bei ihm einfinden sollte, um Gebo zu entschlüsseln und die nächste Rune zu erfahren.

ooooooo

Als sie klopfte sah er nicht einmal von seinen Papieren auf, da er außer ihr heute niemanden erwartete, sondern bellte nur „Ja doch!"

Er war nach dem Gespräch mit Albus gestern Abend, heute sehr übellaunig und würde sie in der Luft zerreißen, wenn sie es wagte, ihn auch nur schief anzusehen.

Eigentlich konnte gerade sie nichts dafür, aber immerhin war sie der Hauptgrund für seine momentane Verfassung. Das war Grund genug!

Das Gespräch mit dem Schulleiter war alles andere als zufrieden stellend für ihn verlaufen, da ihn Dumbledore einfach abgewiesen hatte, als er ihn bat, Hermine von dieser Mission freizustellen.

„Ich dachte, dass ich mich klar ausgedrückt hätte, Severus. Du und Miss Granger, habt mit Ingwaz der ältesten, einen unbrechbaren Pakt geschlossen und wie das Wort nun einmal aussagt ist dieser ‚Vertrag', wenn du es so nennen willst, nicht aufhebbar bis auch die letzte der dreizehn Runen des Lichts geborgen ist.

Nur ihr beide seid gemeinsam in der Lage sie zu finden und zu bergen. Es tut mir Leid, dass ihr nicht harmoniert, aber die Dinge sind nun einmal nicht zu ändern...", klang der Monolog des alten Zauberers ihm noch immer in den Ohren.

Das ist es ja! ', dachte er zornig. ‚Wir harmonieren viel zu gut! '

Unschlüssig stand sie nun an der Tür und sah scheu zu ihm herüber. Sie trug noch immer ihren Zopf. Diese Haare machten ihn verrückt. Er hatte sie in den letzten Tagen intensiver als je zuvor gespürt und als sie sich heute abwesend diese Locke aus dem Gesicht gestrichen hatte, hatte das für ihn den Beigeschmack eines unanständigen Antrags gehabt.

Er war wütend auf sie, weil sie ihn in einer Art und Weise bewegte, wie es schon seit sehr langer Zeit keine Frau mehr getan hatte.

Wütend auf sich, weil er auf sie dermaßen intensiv reagierte, wütend auf Dumbledore und die ganze Welt! Er hatte immer alles unter Kontrolle- seit vielen Jahren.

Nun kam sie daher und seine mühsam erarbeitete Mauer begann zu bröseln wie ein zu trockener Keks.

„Nun setzen Sie sich doch hin!", pflaumte er sie nun barsch an und warf ihr einen vernichtenden Blick zu.

ooooooo

Hermine wurde langsam wütend. Ihrer Ansicht nach hatte sie ihm keinerlei Anlass gegeben, sie so zu behandeln. Allerdings kannte sie ihn lange genug, um zu wissen, dass es einem Tanz auf dem Vulkan glich, ihn in so einer Stimmung zu reizen. Deshalb gehorchte sie einfach stumm und saß mit verschränkten Armen still auf dem Stuhl vor seinem Schreibtisch.

Er blätterte noch einige Minuten in seinen Papieren herum und lehnte sich dann zurück.

„Fangen wir an...", sagte er resigniert und stand dann auf um wieder in sein Wohnzimmer hinüber zu gehen, wo sie schon die erste Rune entschlüsselt hatten.
Achtlos warf er die beiden großen Kissen auf den hellen Teppich und ging hinüber zu einem antiken Sekretär aus dunklem Nussbaumholz.

Hermine versuchte, möglichst wenig Aufmerksamkeit auf sich selbst zu lenken und nahm eines der Bücher von einem großen Stapel, bevor sie sich auf eines der Kissen setzte.

Flüchtig erhaschte sie einen Blick auf ihn, als er sich ein Glas voll Rotwein eingoss und es in wenigen Zügen austrank. Dann nahm er das Stoffsäckchen mit den beiden Steinen heraus und kam mit finsterer Miene auf sie zu.

Als würde er mich lieber erdolchen.', dachte Hermine, während Snape ihr mit einer raschen Bewegung die Rune auf die Stirn zeichnete.

Sie selbst näherte sich ihm nur sehr zögerlich, ärgerte sich dann aber über sich selbst, dass sie sich so sehr von ihm und seinen Launen ins Bockshorn jagen ließ. Mit ihrem Finger fuhr sie ein X auf seiner Stirn nach und erschrak beinahe vor dem düsteren Blick, den er ihr dabei schenkte.

Tief durchatmend streckte sie ihm dann die Hände entgegen, um die Rune Gebo ebenfalls zu berühren.

Ihre Hände lagen kaum ineinander, als Hermine auch schon das Kribbeln verspürte, mit dem sich letztes Mal die Vision vom Versteck der nächsten Rune angekündigt hatte. Sie bemühte sich, sich ganz auf die Empfindungen einzulassen, die sich ihr mitteilten.

Gebo wandelte sich... und wurde zu einer Form, die einem großen M ähnelte... Ehwaz!

Die nächste Rune war Ehwaz...

Sie sah Wälder... viele Bäume... und einer überragte sie alle... sie erkannte das Land als Schweden... und sah einen sehr alten Baum...

Nein, bitte nicht.', dachte sie noch, während sie spürte, dass sie schon wieder langsam zu Boden sank.

Als sie dieses Mal langsam erwachte, bemerkte sie gleich am Duft, wo sie lag. Er hatte sie wieder in sein Bett getragen. Für einen kurzen Moment hatte sie damit gerechnet, dass er sie auf dem Boden liegen lassen würde. Doch das hatte er nicht, und wieder stand er vor ihr und hielt ihr den Trank gegen Kopfschmerzen entgegen, den sie dankbar annahm. Als sie getrunken hatte, versuchte sie ein schwaches Lächeln.

„Ich glaube, ich habe schon wieder meinen Pyjama vergessen..."