Kap. 10

Doireann dreht sich noch einmal in ihrem Bett um. Sie konnte es kaum fassen, was gestern Abend geschehen war. Nun war sie sicher, dass sie und Guy keine Ehe mehr nebeneinander führen würden. Es klopfte an der Tür, dann nochmals ungeduldig und laut. „Lady Gisborne, seid Ihr wach? Lady Gisborne, es ist etwas Schreckliches geschehen, der Herr hatte einen Unfall! Sie haben ihn gerade eben vom Hof in die Halle gebracht." Die Magd klopfte nochmals und trat ein ohne die Erlaubnis abzuwarten. Doireann saß noch wie erstarrt in ihrem Bett. Guy? Ein Unfall? Sie schob ihre Decken von sich und schlüpfte aus dem Bett, zog hastig Tunika und Überkleid an und rannte die Treppe hinunter.

Man hatte Guy auf ein Lager neben dem Kamin gebettet. Er war blass, seine Augen waren geschlossen und Blut sickerte durch ein Tuch, das über eine Wunde an seinem Kopf gelegt war. Doireann stieß einen Schrei aus und kniete neben ihm nieder. War er tot? „Er lebt," sagte eine Stimme neben ihr und sie erkannte den Stallmeister.

„Was ist passiert?" fragte Doireann mit zitternder Stimme. Eine Magd hatte mittlerweile warmes Wasser und ein sauberes Tuch gebracht und Doireann wischte vorsichtig das Blut ab. Guy rührte sich nicht.

„Der Sattelgurt ist gerissen; der Herr ist gestürzt und mit dem Kopf auf eine Wurzel oder einen Stein aufgeschlagen," erklärte der Stallmeister. „Es war Glück, dass ich an diesem Tag ebenfalls früh unterwegs war, weil ich zwei Jährlinge bei einem Pferdehändler in Glororum kaufen wollte. Wenn ihn jemand erst nach Stunden gefunden hätte, dann…" Er sprach nicht weiter, aber jeder wusste, was er meinte.

Guy wurde von zwei Dienern in sein Schlafzimmer gebracht ohne dass er das Bewusstsein wieder erlangte. Doireann hatte Sarah weggeschickt und sie verschiedene Kräuter holen lassen, von denen sie einen Sud bereitete und ein frisches Tuch damit tränkte, mit dem sie immer wieder die Wunde abtupfte und dann mit einer frischen Binde verband. Als sie ihm sanft über die Stirn strich, fühlte sie eine leise Bewegung und seine Augenlider flatterten und öffneten sich einen Spalt und dann schlug er die Augen auf. „Guy," flüsterte Doireann und seufzte erleichtert.

Guys Kopf schmerzte fürchterlich und wenn er ihn nur etwas bewegte wurde ihm schwindlig. Er versuchte sich aufzusetzen, aber Doireann drückte ihn in die Kissen zurück. „Bleib liegen, du bist schwer gestürzt, als dein Sattelgurt gerissen ist." Dann streichelte sie sanft sein Gesicht und lächelte ihn an. Alle Scheu und Unsicherheit war von ihr abgefallen; sie wusste jetzt, dass er ebenfalls etwas für sie empfand.

„Ich bin gleich wieder da, ich muss einen neuen Sud aufgießen und hole eine frische Binde. Die Mägde sind zu sorglos." Damit verließ Doireann das Zimmer.

Guy konnte sein Glück nicht fassen. Er hatte nie an zweite Chancen geglaubt, aber er hatte anscheinend Unrecht gehabt. So wie Doireann ihn anschaute…

Es klopfte an der Tür und auf Guys Zuruf erschien der Stallmeister, der erleichtert schien seinen Herrn so viel besser zu sehen. Irgendetwas stimmte jedoch nicht, das bemerkte Guy sofort. „Milord, ich habe mir den Sattelgurt noch mal angesehn, weil ich zuerst dachte, ein Stallbursche hätte das Gurtzeug nicht richtig gepflegt – Der Gurt ist nicht gerissen, er war angeschnitten.

Das scheppernde Geräusch einer herunterfallenden Schüssel ließ Guy und den Stallmeister zusammenzucken und herumfahren. Doireann war inzwischen wiedergekommen und hatte die letzten Worte des Stallmeisters gehört. Das musste ein Irrtum sein. Wer sollte Guy nach dem Leben trachten? Zitternd und mit weit aufgerissenen Augen starrte sie Guy an, während der Stallmeister sich nach einem Wink Guys verlegen entfernte.

Der Sattelgurt war angeschnitten? Während Guy auf Doireann schaute, fühlte er, wie er innerlich erstarrte und eine eisige Hand nach seinem Herzen griff. Wie hatte er nur so dumm sein können!. Er hatte mit eigenen Augen gesehen, wie sie sich von Liam Gordon verabschiedet hatte und er wusste, was dieser für Doireann empfand. Am gleichen Abend war Doireann zu ihm gekommen und hatte versucht ihn zu verführen, wahrscheinlich um ihn in Sicherheit zu wiegen. Sie war jeden Morgen in den Ställen und jetzt tat sie so, als ob… Guy schluckte, er schloss die Augen und atmete schwer.