25
Langsam wurde es kälter, er spürte es daran, wie der Wald sich veränderte. Genau so veränderte sich die Gruppe, bei ihnen starb auch alles ab. Daryl hatte Rick seine Bedenken genannt, was diesen Jungen anging, doch der wollte nicht mit sich reden lassen. Der einzige, der seiner Meinung zu sein schien war Shane, doch mit dem wollte er gar nicht reden, wenn es nicht sein müsste. Sie sollten sich alle vielmehr darum sorgen, wie sie den Winter überstehen sollten, der sich bereits ankündigte. Zumal Lori auch noch schwanger war, das machte die Situation kompliziert.
Er konnte sie nicht besonders leiden, aber da konnte das Kind nichts für, von dem sie wahrscheinlich nicht einmal wusste, ob es Ricks oder Shanes war. Nein, er mochte sie wirklich nicht besonders. Doch er würde alles tun, um das Kind zu schützen, ob es nun schon auf der Welt war oder eben noch nicht, das tat für ihn nichts zur Sache.
Daryl brach seine Jagd ab, es war viel zu windig und die Tiere waren alle sehr schreckhaft. Als die Dämmerung einsetzte, war er zurück beim Haus und wollte Rick berichten, dass seine Suche nach einem Messer schwingenden Psychopathen leider erfolglos war. Genau wie die zwei Tage davor.
Im Hausflur legte er seine Armbrust ab und klopfte an das Zimmer, in dem die Grimes zur Zeit wohnten. Er hörte Schritte auf die Tür zukommen, dann öffnete sich die Tür und er sah Lori ins Gesicht. „Ich schicke ihn zu dir", sagte sie knapp und winkte Rick heran. Der kam zu Daryl in den Flur und wartete bis Lori die Tür geschlossen hatte.
„Und?" fragte er ungeduldig. Daryl schüttelte nur den Kopf. „Verdammt..." Rick fuhr sich mit der Hand über das Gesicht und starrte auf die Wand hinter Daryl. „Willst du es morgen noch mal versuchen?"
„Ich werde nichts finden, solange dieser Junge mit keine genauen Angaben macht. Ins Blaue hinein suchen ist nicht besonders einfach. Ich muss mit ihm reden, Rick."
„... In Ordnung. Morgen früh. Ich werde mit dir suchen. Shane will auch, dass wir diesen Kerl finden und so können wir das Suchgebiet ein wenig ausweiten, so wie bei Sophia. Andrea und T-Dog können auch helfen. Ich bekomme keine ruhige Minute, solange da draußen jemand ist, der Menschen anritzt und sie dann den Beißern überlässt. Wer weiß was er anrichtet, wenn er jemandem von uns im Wald über den Weg läuft..."
„Verstehe schon. Ich werde morgen die Gruppen einteilen und mich um alles kümmern."
„Du solltest wirklich im Haus schlafen, Daryl. Carol liegt mir die ganze Zeit damit in den Ohren und sie hat Recht. Auch wenn du das nicht gerne hörst." Rick sah ihn eindringlich an und Daryl gab sich geschlagen.
„Na gut. Ich werde noch alles zusammenpacken und dann komme ich sofort rein." Er erwiderte Ricks Blick und nach einer Weile runzelte er die Stirn. „Was ist?" fragte er den immer noch ernst dreinblickenden Sheriff.
„Ich hoffe du kannst mir eines Tages verzeihen. Wegen... Du weißt schon. Wegen ihr."
Daryl wendete den Blick ab und ging einen Schritt zurück. Dann drehte er sich um und murmelte: „Es gibt nichts zu verzeihen. Es ist meine Schuld."
Schnellen Schrittes ging er Richtung Haustür, nahm im Gehen seine Armbrust und trat hinaus in die kalte Abendluft.
XXX
„Aus welcher Richtung kamst du genau?" Daryl sprach nun schon seit einer gefühlten Ewigkeit mit Randall und er bekam einfach keine genaue Beschreibung aus diesem Jungen heraus. Langsam verlor er die Geduld.
„Also, ich glaube, ungefähr da muss ich hergelaufen sein..." Randall ging langsam vor ihm und den anderen her. Sie hatten sich umentschieden und eine gemeinsame Suche angefangen, da Randall ständig seine Meinung änderte und sich angeblich nicht genau erinnerte wo er herkam.
„Geht es auch etwas genauer, Junge?" fragte Shane gereizt. Man sah ihm an, dass er Randall am liebsten einfach erschossen hätte, doch das hatte Rick abgelehnt. Er wollte zumindest erst wissen, mit wem er es zu tun hatte. Und diesen Irren mit dem Messer finden.
Daryl verdrehte die Augen und konzentrierte sich auf seine Umgebung. Randall war vor fünf Tagen aus dem Wald gekommen und hatte sich erst erholen müssen, bevor er wieder genug Kraft zum Laufen hatte. Die Schnitte an den Beinen waren tief gewesen. Und nach der langen Zeit würde Daryl keine Spuren mehr ausmachen können, das hatte er Rick gesagt. Er wollte es trotzdem versuchen und Daryl konnte es wegen Carl und dem Ungeborenen bis zu einem gewissen Grade verstehen, auch wenn er selbst nie Kinder gehabt hatte.
So vergingen die Stunden und alle waren erschöpft als Rick beschloss sie Suche abzubrechen. Zurück auf der Farm hatte Daryl den Jungen zurück in seine Unterkunft in der Scheune gebracht. Sie wollten ihn nicht im Haus haben, da sie ihn nicht kannten und das war die einzige Möglichkeit noch Schlimmeres abzuwenden. Wer wusste, ob Randall sich nicht selbst die Wunden beigebracht hatte? Es gab für nichts mehr eine Garantie. Gerade als er hinter sich die Tür abschließen wollte, kam Shane angelaufen und hielt ihn auf.
„Hey, Daryl. Lass das Schloss offen. Ich will mal mit dem Jungen reden." Als Daryl nichts sagte und weiter seiner Beschäftigung nachging, fügte Shane schärfer hinzu: „Er soll endlich auspacken und das wird er nicht, wenn wir ihn weiter mit Samthandschuhen anfassen."
„Was willst du denn dagegen tun, Shane?" fragte Daryl mit einem aggressiven Unterton und ließ das Umhängeschloss gegen die Tür fallen.
„Nur mit ihm reden. Gute, alte Polizeiarbeit." Shane trat immer näher heran, so nah, dass sich bald ihre Nasenspitzen berührt hätten, wäre Shane nicht ein kleines Stück größer als Daryl gewesen. Kurz dachte er darüber nach, wie einfach es war das Leben dieses Jungen einfach abzuschreiben. Dann entschied er sich dagegen.
„Vergiss es." Daryl wollte an Shane vorbeigehen, als dieser ihn gewaltsam am Arm festhielt und zu sich zurück zog. „Was ist, willst du mich davor auch noch verprügeln?" Daryl lächelte Shane frech an. Bewusste Provokation, das machte er immer in solchen Situationen, denn die meisten hörten auf zu denken, wenn sie wütend wurden. Shane sah ihn einen Moment aus zusammengekniffenen Augen an, dann stieß er einen wütenden Ton aus und stürzte auf ihn los.
„Gib mir den Schlüssel!" brüllte er und drückte mit der einen Hand auf Daryls Hals, während die andere versuchte den Schlüssel aus Daryls Griff zu entreißen. Sie fielen zu Boden.
Mit einem Fuß trat Daryl in Shanes Rücken und ein stechender Schmerz zog in sein Bein. Es fühlte sich an wie ein reißender Muskel, aber es hatte funktioniert. Shane rutschte etwas zur Seite und Daryls Hand war wieder frei. Den Schlüsselbund fest umklammert, schlug er mit der Hand auf Shanes Schläfe. Die Schlüssel schnitten in Shanes Gesicht und er ließ von Daryl ab, um seine andere Hand auf sein Gesicht zu drücken. Er schrie vor Schmerzen, anscheinend hatte sein Auge auch etwas abbekommen.
Schwer atmend und eine Hand an seinem Hals, rutschte Daryl weg vom immer noch schreienden Shane und zog sich an der Wand auf die Beine. Er hatte Sterne vor den Augen und ihm wurde schwindelig.
Shane hockte jetzt auf allen Vieren auf dem Boden der Scheune und sein Kopf hing nach unten. Sein Körper bebte und Daryl hörte ein irres Lachen. Der Typ hatte sie nicht mehr alle. Schnell steckte er sich den Schlüsselbund in die Hosentasche und zog sein Jagdmesser. Shane stand betont langsam auf und drehte seinen Kopf hin und her, so als würde er sich nach dem Sport dehnen. Daryl versuchte sich zu konzentrieren, doch er hatte starke Kopfschmerzen und ihm war speiübel. Sein Kopf musste beim Sturz etwas abbekommen haben.
Shane schien das zu bemerken und sprang mit ausgestreckten Armen auf Daryl zu. Er bekam ihn zu packen, doch Daryl drückte ihm die Spitze der Messerklinge in den Bauch. Töten wollte er ihn nicht, aber er sollte sich fernhalten. Shane spürte das Messer an seinem Bauch und lächelte wie wahnsinnig.
„Drück zu, Daryl. Töte mich oder traust du dich nicht?" In diesem Moment hörten sie wie eine Waffe entsichert wurde. Keiner der beiden wendete den Blick von den Augen des jeweils anderen. „Auseinander", hörten sie Ricks Stimme sagen. Als keiner sich rührte wiederholte er sich: „Auseinander! Sofort." Daryl ließ das Messer sinken und lockerte seinen Griff um Shanes Kragen, den er umklammert hielt.
„Shane, du auch." Rick trat näher und richtete seine Waffe direkt auf Shanes entstelltes Gesicht. Erst als der Lauf fast seine Schläfe berührte, ließ Shane von Daryl ab und ging sofort aus der Scheune. Rick ließ den Arm sinken und atmete tief ein. „Was ist hier passiert?" fragte er laut.
Statt auf seine Frage zu antworten, zog Daryl die Schlüssel aus seiner Hosentasche und hielt sie Rick hin. „Krieg deinen Freund in den Griff" war das einzige, das er sagte bevor auch er die Scheune verließ.
26
Die Schmerzen wurden unerträglich. Das sah Merle an seinem Gesicht. Er hatte den Kerl jetzt seit drei Tagen in der Mangel und es gefiel ihm immer besser. Unzählige Zigaretten hatte er auf dem Körper dieses Bastards ausgedrückt und dabei zugesehen, wie er abstumpfte bis er schließlich gar nicht mehr reagierte, sondern es einfach über sich ergehen ließ. So ein Versager, war schon nach drei Tagen bereit zu sterben. Es nahm der ganzen Sache den Reiz, dass musste Merle schon zugeben, aber dafür machte es ihm einfach zu viel Spaß immer weiter nachzumachen, was sie mit ihm in Atlanta gemacht hatten.
„Weißt du, unter normalen Umständen würde mich das echt langweilen", begann er mit ruhiger Stimme. „Aber in Anbetracht dessen, was ihr so mit mir getrieben habt, finde ich es schon fast ironisch." Jetzt lachte er. „Du wirst nicht so schnell sterben wie du denkst, Arschloch. Wenn ich die anderen drei Wichser schon nicht bekomme, dann kriegst du eben alles ab. Ach ja... Wo sind die überhaupt? Haben dich wohl zurückgelassen und dich vergessen, nicht wahr? Oder warum streifst du alleine durch den Wald? Ihr ward doch so... unzertrennlich, möchte man meinen."
Er bekam keine Antwort, Tim schluckte nur und ließ die Augen geschlossen. „Also ich an deiner Stelle würde anfangen die Fragen zu beantworten, denn ich verliere langsam die Geduld mit dir."
Wut stieg in Merle auf, der Kerl wollte ihn wohl zum Narren halten. Mit einem Ruck schob er den Stuhl, auf dem er saß zurück und stellte sich direkt vor Tim, der auf einem weiteren Stuhl festgemacht war. Er zeigte keine Regung. Merle holte mit der Faust aus und traf direkt den Kiefer des Gefangenen. „Wo sind die anderen?" Tim schnaufte und spuckte Blut auf den Boden.
Dann antwortete er krächzend: „Tot, schätze ich..."
„So, schätzt du also? Leben sie oder nicht? Ich will eine Antwort!"
Merle holte erneut zum Schlag aus, doch Tim fing an zu betteln: „Bitte, ich schwöre, ich weiß es nicht! Wir haben sie gefunden und ich bin ihr nur knapp entkommen... Ich weiß nicht was danach passiert ist. Bitte, ich schwöre bei Gott!" Tim keuchte unaufhörlich und Merle entfernte sich von ihm.
Er sagte die Wahrheit. „Wer ist 'sie'?" fragte er dennoch, stutzig.
„Sie... Sie... Sie ist wahnsinnig! Diese Schlampe aus Atlanta, die dich mitgenommen hat. Wir haben sie gefunden. Sie hat alle umgebracht!" Tim zitterte unkontrolliert und kotzte auf den Boden. Dann schaukelte er sich in seinem Stuhl hin und her, hier war nichts mehr zu holen.
„Wo habt ihr sie gefunden?" fragte er und zog Tim am Haaransatz wieder in eine aufrechte Sitzposition. Sie lebte also noch und er hatte endlich eine Spur zu ihr. Er musste sie finden und herbringen. Woodbury war ein guter Ort. Das war er ihr schuldig.
27
„Wenn der Mensch mit froher Ungeduld den neuen Tag, den neuen Frühling, das neue Jahr erwartet, so ahnt er dabei nicht, daß er eigentlich den eigenen Tod herbeiwünscht."
- Leonardo da Vinci (1452 – 1519)
Judith wusste nicht wie lange sie geschlafen hatte nachdem sie die Naht abgedeckt hatte. Sie war sitzend an der Wand wieder aufgewacht und es war dunkel gewesen. Nur ein paar Stunden bis zum Morgengrauen vermutete sie.
Vorsichtig versuchte sie sich aufzurichten und hinzustellen. Wenn sie es schaffte ein paar Schritte zu machen, war es gut. Ihr Körper war schwach, denn sie hatte seit zwei Tagen nichts getrunken oder gegessen. Als sie stand und sich unsicher an der Wand abstützte, befand sie sich als fit genug zu der Tasche mit den Vorräten zu gehen.
Es wurde bald Zeit weiterzuziehen, denn hier hielt sie es nicht mehr für sicher. Mindestens zwei Leute wussten wo sie war und konnten jeder Zeit zurückkehren. Randall und der letzte der Atlanta-Männer. Sie nahm eine Plastikflasche mit Wasser und ein Einmachglas mit Essiggurken aus dem Gewühl und setzte sich auf den Boden. Gierig trank sie das Wasser fast in einem Ansatz leer. Schnaufend holte sie Luft und wischte sich mit dem Handrücken über den Mund.
Mit letzter Kraft öffnete sie das Einmachglas und nahm die erste Gurke heraus. Eigentlich war sie nie ein Freund von Essiggurken gewesen, sie hatte sie bisher regelrecht verabscheut, doch wollte sie auch nicht verhungern. Außerdem ärgerte es sie, dass sie ständig essen, trinken oder schlafen musste.
Während sie insgesamt drei der Gurken langsam verzehrte, feilte sie innerlich an einem Plan, der es ihr möglich machen sollte, diese lebensnotwendigen und doch ziemlich zeitaufwendigen Tätigkeiten auf ein Minimum zu reduzieren, und trotzdem noch genug von allem zu bekommen. Allerdings würde die Sache mit dem Schlaf schwierig, da sie keinen Wecker hatte, mit dem sie kontrollieren konnte, wie viel Schlaf nötig war. Aber ihr würde schon etwas einfallen.
Gestärkt widmete sie sich ihrer nächsten Aufgabe: Aufräumen und das Wichtigste zusammenpackten, denn sie wollte in den kommenden Morgenstunden losziehen.
Nur musste sie sich noch überlegen wohin sie gehen sollte, denn sie hatte keine Ahnung wohin die Männer damals mit Merle verschwunden waren und sie war sich eigentlich auch gar nicht sicher, ob sie überhaupt damit rechnen sollte, dass noch irgendein Mensch lebte, den sie je gekannt hatte.
Da waren nicht viele, nur ihr Vater, ihre Mutter, manche Leute aus der High School, die sie tatsächlich noch nicht dem Vergessen überlassen hatte und die Dixon-Brüder. Nicht viele also. Vielleicht war es ein Zeichen, dass sie es so lange allein geschafft hatte. Sowohl vorher als auch nachher. Vielleicht war es gut, dass sie allein war, denn überall wo sie war, war früher oder später jemand tot.
