Der Wald hatte sich verändert, ohne dass es Harry und Draco aufgefallen war. Zu sehr waren sie mit sich selbst beschäftigt. Schweigend gingen sie nebeneinander und hingen ihren eigenen Gedanken nach. Sie hatten bestimmt seit einer Stunde kein Wort mehr gesprochen und als Harry das erste Mal wieder seine Umgebung bewusst wahrnahm, war es Dunkel. Nicht wirklich natürlich, aber die Bäume bildeten hier ein so dichtes Dach, das man sich fühlte, als wäre es kurz vor dem Dunkelwerden. Auch Draco hob den Kopf und sah sich um.

„Der verbotene Wald", flüsterte er.

Harry nickte nur. Er war, für seinen Geschmack ein paar Mal zu oft darin gewesen, doch niemals ohne einen funktionierenden Zauberstab und schon gar nicht so klein. Draco schien etwas Ähnliches zu denken, er wirkte angespannt und lauschte in alle Richtungen.

„Vielleicht sollten wir heute Nacht nicht weitergehen", schlug Harry halbherzig vor.

„Es ist noch nicht einmal Nacht", antwortete Draco abfällig und stapfte voran.

„Wie du meinst." Harry zuckte die Schultern und folgte dem Slytherin.

Der Boden war bedeckt mit braunen, abgestorbenen Tannennadeln. Überhaupt wuchsen in diesem Teil des Waldes nur Tannenarten, die meisten bräunlich ungesund verfärbt oder gänzlich ohne Nadeln. Die Zypressen hatten sie längst hinter sich gelassen und es war anstrengend durch die vielen Tannennadeln zu waten. Eigentümlich weich war der Boden und Harry schwitzte stark. Der Wald schien, obwohl nicht viel Licht herein kam, die Wärme des Tages im Waldboden zu speichern. Und es war still hier drinnen. Viel zu still, wie Harry fand. Er konnte weder sagen, wie viel Uhr es war, noch welchen Tag sie hatten. Er wusste nicht einmal, in welcher Richtung Hogwarts lag. Dennoch war der verbotene Wald ein besserer Hinweis, als die bisherigen. Von dem wusste er wenigstens, dass er an die Schule grenzte.

Erschöpft blieb er stehen und Draco taumelte noch ein paar Schritte weiter und blieb dann ebenfalls stehen.

„Ich kann nicht mehr." gestand Harry schließlich und sah den Slytherin ein wenig hilflos an. Auch auf Dracos Stirn stand der Schweiß und er strich sich die blonden Haare aus der Stirn.

„Waschlappen", machte der Slytherin, doch Harry sah ihm an, dass es ihm genau so erging.

Harry ließ sich auf eine kleine Wurzel sinken und stützte den Kopf auf die Hände.

„Denkst du wir kommen hier jemals wieder raus?" In diesem Moment war Harry wirklich zum ersten Mal absolut mutlos. Er verwünschte seine dumme Idee, er verwünschte Ron und Hermine, die ihn dazu gebracht hatten, überhaupt eins der Bonbons zu schlucken und er verwünschte sich und Draco, die offensichtlich nichts Besseres zu tun hatten, als sich zu streiten oder übereinander herzufallen.

„Nein", knurrte Draco und warf einen Stein ins Dunkel. „Ich weiß nicht einmal mehr, wo wir sind."

Harry zog seinen Zauberstab hervor und versuchte ein paar einfache Zaubersprüche, doch einmal mehr geschah nichts. Ein paar rote Funken stoben kurz auf, genug, um ihnen Hoffnung zu machen, doch dann erstarb die Zauberkraft wieder und Harry hätte den Stab am liebsten zerbrochen, so wütend war er auf das Stück Holz, das ihn da im Stich gelassen hatte.

„Das bringt doch nichts", sagte Draco leise.

Harry hatte ihn nie so ernst gesehen.

„Wir müssen eben hier verrotten. Vielleicht verhungern wir hier auch vorher. Wir haben immerhin seit gestern Abend nichts mehr gegessen."

„So schnell verhungert man nicht", knurrte Harry.

„Dann verdursten wir halt. Das geht schneller."

„Wir sind immer noch in der Zivilisation und nicht in der Wüste", versuchte er Draco aufzumuntern, obwohl er im Moment dasselbe Gefühl hatte. Er wollte aufstehen und zu Draco hinüber gehen, doch ein Ruck ging durch den Waldboden und er stockte in der Bewegung.

Verwirrt sah auch Draco sich um. Der Ruck war nicht besonders kräftig gewesen, aber er reichte, um so kleine Geschöpfe wie sie in Angst und Schrecken zu versetzen.

„Was war das?", flüsterte Draco.

„Ich weiß nicht...", wisperte Harry ebenso leise zurück.

Dann schien alles gleichzeitig zu passieren: Draco sackte bis zu den Knien in den Tannennadeln ein, taumelte, stürzte jedoch nicht, während Harry einen Satz zurück machte, denn der Sand unter seinen Füßen geriet in Bewegung. Einige der Tannennadeln sanken in den Sand hinein. Hagrid hatte ihm einmal erzählt, wie er sich beinahe einen Fuß gebrochen hatte, weil ein unterirdischer Kaninchenbau eingestürzt war, etwas Ähnliches musste hier auch vorgehen.

„Bleib da stehen!", rief er Draco zu und machte noch einen Schritt nach hinten.

„Wo soll ich auch hingehen?", erwiderte der Slytherin säuerlich.

Harry biss sich auf die Lippen, sagte jedoch nichts. Er wusste mittlerweile, dass Draco ab und an einige seltsame Anwandlungen hatte, die man am besten ignorierte.

Er hörte das Rieseln des Sandes, irgendwohin verschwand der feine Stoff und man konnte Draco förmlich zusehen, wie er einsank. Harry bekam einen Ast zu greifen und zerrte ihn hinüber zu Dracos Treibsandgrube.

„Nimm den Ast!", herrschte er den Slytherin an, als dieser nicht reagierte, aber mittlerweile beinahe bis zur Hüfte eingesunken war.

Endlich erwachte Draco aus der Starre und griff beherzt zu. Es gab ein raschelndes Geräusch und Harry zerrte wie verrückt an dem Ast, den er ihm zugeworfen hatte. Dracos Füße kamen frei und dann rauschte der Sand in die Tiefe, als hätte jemand einen unsichtbaren Stöpsel unter ihnen gezogen. Die Tannennadeln wurden mitgerissen und Harry und Draco taumelten noch ein Stück weiter, dann blieben sie Beide benommen auf dem Waldboden liegen.

Harrys Herz hämmerte wie verrückt. So viele Dinge, die ihm in seiner normalen Größe unwichtig vorkamen, konnten tödlich sein, wenn man so klein war. Aber das war nicht der alleinige Grund, bei dem Spinnennetz hatte er es nicht so deutlich gemerkt, doch jetzt hatte er ehrlich Angst um Draco gehabt.

Draco neben ihm rappelte sich gerade wieder auf, Harry konnte sehen, wie bleich der Slytherin geworden war. Seine Arme zitterten und er stand nun ziemlich wacklig auf den Beinen. Doch zu seinem Erstaunen reichte er ihm die Hand und half ihm auf. Sein Blick suchte den des Slytherins und schließlich sah Draco ihm in die Augen.

„Danke", flüsterte Draco.

„Vergiss es einfach", murmelte Harry nun ein wenig verlegen.

„Das werde ich auch." Jetzt war er wieder ganz der Draco den er kannte, der versnobte Reinblüter mit dem überheblichen Mundwerk. Er klaubte den Sand aus seiner Kleidung. „Jedenfalls werde ich es leugnen, wenn mich jemand danach fragt."

„Das habe ich mir beinahe gedacht." Harry musste dennoch lachen. Das Ganze war so verrückt, niemand würde ihm auch nur ein Wort glauben, wenn er davon erzählte. Sofern er noch einmal die Gelegenheit dazu bekommen würde, hieß das.

„Ich möchte nicht mehr weitergehen heute …", murmelte Draco. Der Schock schien tiefer zu sitzen, als Harry gedacht hatte. Der Slytherin zitterte nun am ganzen Körper.

Ein wenig ratlos sah Harry sich um, dann erblickte er eine kleine Asthöhle in den Wurzeln eines Dornbuschs. Er nahm den immer noch reichlich verwirrten Draco am Arm und führte ihn hinüber.

„Da runter." flüsterte er und Draco kroch wortlos hinein.

Kopfschüttelnd folgte Harry und fand sich in einer erstaunlich geräumigen Höhle wieder. Die Dornen reichten nicht bis hier unten und der Boden war mit Tannennadeln bedeckt, weich und warm.

Draco ließ sich einfach auf den Boden sinken und bewegte sich nicht mehr. Er starrte zur Decke und atmete schwer.

„Alles in Ordnung?", fragte Harry besorgt.

„Ja."

„Wirklich?"

„Ja", knurrte Draco verärgert. „Ich kann es nicht leiden, wenn Leute mich zehn Mal danach fragen."

„Dann vergiss es." Harry streckte sich neben ihm aus und sah ihn an.

„Ich hätte nie gedacht, dass so etwas passieren kann", sagte der Slytherin plötzlich.

Harry war sich nicht sicher wovon er sprach. Dass er ihm zweimal das Leben gerettet hatte, oder sprach er von der Nacht neben der Dose? Er zog es vor zu schweigen.

„Das ist alles so verrückt", murmelte Draco nach einer Weile erneut.

„Was davon findest du besonders verrückt?", hakte Harry nach.

„Alles..." So wie er es getan hatte, überging auch Draco diese verwirrende Nacht. Er sprach nicht davon. Vielleicht war es besser so.