Disclaimer:
Alle bekannten Personen, Orte etc. gehören natürlich JKR.
Zu mir gehört lediglich der „Zeitsprung" sowie Sina/Sayda, Lena/Siria und Tina/Temptation/Alechia. Und das Faithless geht auf meine Kosten.
A/N: Eine etwas humorvollere Stelle folgt ;)
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Die Ferien verliefen weiter ziemlich ereignislos, Snape rief sie nie zu sich, nur Siria versuchte ständig, Sayda über ihn auszuquetschen und so verbrachte diese die meiste Zeit mit ein paar Mädchen aus Slytherin – bis der 30. Dezember näher rückte, der Tag, an dem das Ordenstreffen sein sollte.
Wie versprochen holte Professor McGonagall die beiden ab und geleitete sie nach Hogsmeade in ein kleines, heruntergekommenes Gasthaus, an dem ein Schild hing, das früher einmal „Faithless" geheißen hatte, nun aber vollkommen verblichen war. Faithless. Treulos, ungläubig, unzuverlässig. Was für ein ansprechender Name. McGonagall hatte anscheinend Saydas zweifelnden Blick gesehen, denn sie sagte: „Keine Sorge, das Haus ist OK, der Wirt ist ein Cousin von Kingsley Shacklebolt, ihr wisst schon, der Auror, der…"
„… den Premierminister beschützt", beendete Siria ihren Satz und öffnete die ramponierte Holztür des „Faithless".
Drinnen war es unglaublich düster, doch schließlich konnten sie in einer einsamen Ecke Lupin und Tonks ausmachen, außerdem waren noch weitere unbekannte Zauberer und Hexen um deren Tisch versammelt.
„Guten Tag", begrüßte Minerva sie. „Ich bringe Sayda und Siria mit, unseren jungen Nachwuchs!"
Die Phönixorden-Mitglieder lächelten die beiden freundlich an, dann wurden Stühle gerückt und alle nahmen Platz.
„Also, fangen wir am besten gleich an, ich hab' nicht so viel Zeit", meinte ein großer Zauberer mit dunkler Haut. Kingsley.
„Ja, zuerst die wichtigste aller Fragen: Was soll Sayda tun? Ihr-wisst-schon-wer hat sehr deutlich Interesse an ihr bekundet und sie hat abgelehnt."
Erstaunte Blicke richteten sich auf Sayda.
„Und das hat er durchgehen lassen?", fragte Lupin misstrauisch.
„Jein. Sie ist offiziell als Spionin tätig.
Wie Severus früher…", fügte Minerva mit etwas wehmütiger Stimme hinzu. „Der hat übrigens auch einen Narren an ihr gefressen, bestellt sie jeden Samstag in sein Büro…"
„Was?" Lupin runzelte die Stirn. „Woher sollen wir wissen, dass sie nicht doch auf der falschen Seite ist, hm? Ich glaube es jetzt nicht, aber um ganz sicher zu gehen…"
„Von mir aus gebt mir Veritaserum, ich habe nichts zu verbergen. Allerdings stellt dann keine Fragen, die nicht relevant sind für diese Sache. " Sie sah Siria streng und bittend an. „Vor allem du hältst dich bitte da raus!"
Überraschtes Schweigen. Dann räusperte Tonks sich. „Ähm, ich denke, das zeigt doch, dass sie auf der richtigen Seite steht, oder?"
„Severus hat auch immer…"
„Lasst Severus doch mal Severus sein, zu dem kommen wir später noch, jetzt geht es um Sayda!", fauchte ein breitschultriger Kerl.
„Ja, also, nachdem ich kein Veritaserum dabei habe, denke ich, dass wir auf Sayda vertrauen sollten, oder was meint ihr?", fragte Lupin in die Runde. Alle nickten zustimmend. „Gut, dann wäre Punkt 1 schon mal abgehakt. Wie geht es weiter?"
„Die Greifer", sagte Minerva leise.
„Jaa. Die Greifer…" Lupin starrte ins Nichts. „Ein paar Außenposten des Ordens haben vor ein paar Tagen eine Gruppe sogenannter Greifer entdeckt, das sind Leute, die herumlaufen, um Muggelstämmige einzufangen und gegen eine Belohnung an Ihr-wisst-schon-wen auszuliefern. Harry zu kriegen wäre natürlich noch schöner für sie. Einer der Greifer war anscheinend ein junges Mädchen in eurem Alter, Minerva meint, ihr hättet sie gekannt. Ihr Name ist Alechia Saunders und sie ist nach den jüngsten Informationen eine Art Unter-Todesserin."
Der Schock traf Sayda und Siria so heftig wie ein Schlag in die Magengegend. Ihre Freundin eine Todesserin! Wie konnte das sein?
„Wie…", begann Sayda verzweifelt.
„Wie das passieren konnte? Oh, ganz einfach!", rief Kingsley. „Laut unseren Nachforschungen haben sie haben einen Fehler gemacht, einen falschen Alarm ausgelöst. Dabei haben einige Muggel sie entdeckt, wie sie mit ihren Zauberstäben herumgefuchtelt haben, das hat natürlich Probleme bereitet. Einer zuverlässigen Quelle zufolge stellte Ihr-wisst-schon-wer die ganze Gruppe vor eine Entscheidung: entweder wurden sie zu treuen Gefolgsleuten oder er würde sie töten. Ich denke, es ist klar, was sie gemacht haben?"
Allgemeines Verständnis.
„Ja, wir kennen sie. Sie ist mit uns aus den USA gekommen, nur ein wenig später…", erklärte Siria leise. „Wir waren gut befreundet…"
„Das tut uns leid…"
„Naja, wir dachten ja auch, dass Peter Pettigrew ein guter Freund von James war!", knurrte Arthur Weasley. „Aber dann hat er sich doch den Todessern angeschlossen und auch … ihr wisst schon…"
„Wo wir bei unserem nächsten Thema wären: Snape."
Der versammelte Orden guckte betreten. Niemand wollte dieses Thema wirklich ansprechen.
„Sayda, erzähl' doch mal, was du herausgefunden hast!", meinte Lupin.
Nun war Sayda gezwungen, von dem Ball an Weihnachten zu erzählen. Natürlich unterließ sie es, zu erwähnen, dass sie getanzt hatten… Doch die Gesichter der Erwachsenen um sie herum waren auch ohne dieses Detail geschockt genug.
„Du warst wo?", fragte Minerva McGonagall tonlos.
„Auf einem Todesserball? Bei ihm?" Remus Lupins Stimme schwankte und Tonks sah aus, als würde es sie gleich umhauen.
Siria, die direkt neben Sayda saß, sah diese fassungslos an und keuchte: „Warum hast du mir nichts davon erzählt? Ich dachte, wir wären Freundinnen! Ich meine, beste Freundinnen! Wir erzählen uns alles und so!"
„Es tut mir echt leid, Siri, aber ich… konnte nicht… ich kann dich da nicht reinziehen!", entschuldigte sich Sayda.
„Bitte, Sayda, versprich uns, dass du dich nie wieder in eine solche Gefahr begibst! Er könnte dir ganz leicht die Gedanken lesen!", meinte Kingsley beunruhigt.
„Nein, könnte er nicht", entgegnete Sayda trotzig. „Snape hat es auch nicht geschafft und er ist einer der besten Legilimentiker!"
Betretenes Schweigen.
„Das… ist allerdings wahr…", brachte Lupin zögernd hervor. „Haben wir dann alles geklärt?" Die restlichen Ordensmitglieder nickten und zogen sich ihre Reiseumhänge über. „Dann… Auf Wiedersehen! Und passt alle gut auf euch auf!"
Der Weg zurück zum Schloss verlief unnatürlich still. Sayda und Siria befanden sich in einem Zustand zwischen Traurigkeit und Verzweiflung und Minerva wusste nicht, wie sie ihnen helfen sollte. Sie war selber so geschockt, dass eine Hufflepuff zur Todesserin geworden war.
Am 3. Januar wurde Sayda das nächste Mal in Snapes Büro beordert. Nervös betrat sie den kreisrunden Raum und blieb in einiger Entfernung zum Schreibtisch stehen. Um den Hals trug sie ihre neue Halskette, wie schon jeden Tag, seit sie sie im Plumpudding auf dem Todesserball gefunden hatte. Ihre Hände wurden feucht und ihre Finger zitterten. Was würde er sagen?
„Guten Tag, Sayda", begrüßte der Schulleiter sie mit seiner gewöhnlichen kühlen Stimme. Seine Augen wanderten zu dem kleinen Anhänger an Saydas goldener Kette und dann wieder zurück zu Sayda.
„Guten Tag." Langsam setzte sie sich auf einen Stuhl. „Ich habe nichts zu erzählen."
Snape zog die Augenbrauen hoch.
„Gar nichts?"
„Nein."
„Das ist schade… Dann schlage ich vor, dass Sie nächsten Samstag wieder kommen." Anscheinend wechselte er nach Belieben zwischen Sie und du hin und her…
„Oh, das geht schlecht, am Samstag bin ich schon verabredet… Könnte ich vielleicht schon am Freitag kommen?" Freitag, der 9. Januar. Snapes Geburtstag. Sayda klimperte mit den Augenlidern.
Snape zögerte.
„Na gut… Dann bis Freitag, auf Wiedersehen."
Sayda wusste nur zu gut, dass es ihm nicht recht war, aber das war ihr in dem Moment egal. Jetzt brauchte sie nur noch ein Geschenk – oder? So eine Kleinigkeit… Nur was? Was würde sich ein Mann wie Snape wünschen? Einen Schrumpfkopf, dachte Sayda bitter. Dann lachte sie. Wie wäre es mit ein paar Blumen? Blumen waren doch nie schlecht, vor allem nicht in einem tristen Lehrerbüro!
Am 9. Januar machte sich Sayda extra pünktlich auf zu Snapes Büro. Sie wollte noch ein bisschen lauschen, damit sie dem Orden auch etwas zu erzählen hatte. Leise schlich sie sich die Treppe hoch – das Passwort hatte sich nur geringfügig geändert und lautete jetzt zartes, fließendes Gold – und legte ein Ohr an die Tür. Verdammt, manche Leute führten ja Selbstgespräche, aber Snape anscheinend nicht. Was hätte Sayda nur dafür gegeben, in diesem Moment durch die Tür sehen zu können!
Eine ganze Weile harrte sie noch vor der Tür aus und versuchte, ein Geräusch wahrzunehmen, doch es war erfolglos.
Sie war schon 3 Minuten zu spät dran, als sie kurz klopfte und dann die Tür zum Büro aufriss. „Orchideus", murmelte sie und prächtige Orchideen erschienen an der Spitze ihres Zauberstabs. Mit einer flinken Bewegung beschwor Sayda eine Vase herauf und stopfte die Blumen hinein, die sofort einen betörenden Duft ausströmten.
„Alles Gute zum Geburtstag, Professor", rief sie mit einem breiten Grinsen und stellte Snape, der immer noch verdattert an seinem Schreibtisch hockte, die Orchideen direkt vor die Nase. „Ich dachte mir, man könnte hier ein bisschen mehr… Atmosphäre… schaffen!" Sie sah sich um und wischte ein wenig Staub von einem Schrank.
„Was…? Woher…?", fragte Snape sichtlich verwirrt.
„Ach, Sie wissen doch, ich habe da so meine Quellen…"
Snape nickte kurz und überrascht. „Danke." Mit spitzen Fingern schob er die Vase ein Stück zur Seite, sodass er Sayda sehen konnte, die jetzt ihm gegenüber Platz genommen hatte. „Und was sagen Ihre Quellen noch so?"
„Ich bedaure, nichts Vielversprechendes. Augenscheinlich sind diesen Witzbolden die Ideen ausgegangen."
„Aha." So einsilbig wie üblich. Der Schock saß also nicht tief genug.
Deshalb holte Sayda zum nächsten Schlag aus.
„Wollen wir vielleicht anstoßen?", fragte sie und organisierte sich eine Flasche Met aus einem Schränkchen hinter dem Schreibtisch, aus dem auch zwei Gläser auftauchten. „Ich meine, solche Orchideen muss man feiern, oder?"
Snape starrte entgeistert auf die Gläser, die sich mit gold-brauner Flüssigkeit füllten.
„Ja", meinte er gedämpft. „Prost."
Jetzt bloß nicht lachen!, beschwor sich Sayda, als sie sich zurücklehnte von ihrem Met nippte. Snape dagegen saß vollkommen steif da, als hätte er einen Stock verschluckt und trank nur äußerst zögerlich. Wahrscheinlich war ihm Saydas Aktion nicht ganz geheuer.
Einige Zeit hockten sie beide noch so da und schauten aneinander vorbei. Sayda betrachtete die Porträts der früheren Schulleiter – besonders von Dumbledore – und Snape begutachtete wieder das goldene Herz um Saydas Hals und sie tat so, als würde sie es nicht bemerken. Warum war er daran so interessiert? Sie war kurz davor, ihre Hand darüber zu legen. Er könnte es ja auch auf ihren Ausschnitt abgesehen haben.
Schließlich stellte sie ihr Glas ab und stand auf.
„Ich muss mal los, hab' nicht gerade wenige Hausaufgaben übers Wochenende aufgekriegt, sollte mal anfangen. Tschüss."
„Wiedersehen", sagte Snape ohne jegliche Regung.
Okeee, der Typ wird immer seltsamer, dachte sich Sayda, als sie die Treppe wieder hinunterstieg. Jetzt machte er ihr schon regelrecht Angst. Erst der Ball… und dann das hier… Das musste man nicht verstehen, oder?
Sie setzte sich mit ihrem Aufsatz über den Imperius-Fluch mitten in den Gemeinschaftsraum der Slytherins und hörte sich um. Erzählte jemand von irgendwelchen Dingen, die außerhalb von Hogwarts geschehen waren, die man mit Voldemort in Verbindung bringen könnte? Und tatsächlich: Blaise Zabini flüsterte Millicent Bulstrode gerade hinter vorgehaltener Hand etwas über Angriffe auf Muggel zu. Unauffällig rutschte Sayda näher in deren Richtung, sodass sie mithören konnte.
„… haben viele erwischt, bestimmt 50 Stück oder so!", berichtete Blaise gerade.
Sayda stockte der Atem. Muggel? Sie haben 50 Muggel auf einmal umgebracht?
„… cool, dann können sie wenigstens nicht mehr stören…", antwortete Millicent mit einem gestörten Kichern.
Anscheinend hatte Sayda ihnen ohne es zu merken den Kopf zugewandt, denn plötzlich stand Pansy neben ihr und starrte sie wütend und misstrauisch an.
„Was spionierst du denn hier rum? Schon mal was davon gehört, dass man das nicht macht?", zischte sie.
„Ach, lass mich doch!", gab Sayda bissig zurück, genervt, dass sie das Gespräch nun nicht mehr belauschen konnte.
„Nein, tu ich nicht! Du spionierst jetzt schon eine ganze Weile hier herum und hörst bei Sachen zu, die dich einfach nichts angehen! Was soll das denn?", empörte sich Pansy.
„Das ist ganz allein meine Sache!", fauchte Sayda sie an. „Ich beobachte die Leute wie es mir passt. Auch dich, wenn's nötig ist!"
„Aha, wenn's nötig ist! Wann ist es denn nötig, hm?" Pansy starrte sie mit zornesfunkelnden Augen an. „Was erwartest du dir davon?"
„Informationen", knurrte Sayda. „Man kriegt ja als Otto Normalbürger nichts mehr mit!"
„Otto… - was?" Pansy schien verwirrt.
„Otto Normalbürger! Der Typ von nebenan, der Standardmensch, der, nach dem sich die ganzen Studien richten!"
„Und was für Informationen hättest du gerne?"
„Potter", meinte Sayda knapp.
„Potter?" Pansy tat so, als höre sie nicht recht. „Was willst du denn noch von dem? Der ist so gut wie erledigt, versteckt sich mal wieder, die kleine Kröte!"
„Trotzdem. Was die Todesser so treiben."
„Die Todesser treiben nichts, du Miststück! Hast du denn gar keinen Respekt?"
„Warum soll ich mich eigentlich von einer alten Kanaille wie dir anschnauzen lassen, he? Weißt du was, leck' mich mal am Arsch!"
„Du dreckige… Blutsverräterin!"
„Dir fällt auch nichts Neues ein, Einfaltspinsel, oder? So ein Pech aber auch!"
„Hey! Was soll denn das? Pansy, warum beleidigst du Sayda so? Sie hat dir doch gar nichts getan!" Draco. Was wollte der denn jetzt hier?
Pansy schnaubte verächtlich und drehte ihm den Rücken zu.
„Sayda, komm' mal eben kurz her", flüsterte Draco. „Ich… wollte dich fragen…" Er wurde knallrot und Sayda ahnte, was kommen würde. Sie lachte leise auf.
„Tut mir leid, Draco, aber du kannst aufgeben, das wird nichts!"
„Nicht…?" Draco klang am Boden zerstört.
„Nein. Ich mag dich so als Freund, aber nicht mehr, nein. Tut mir leid."
„Das… ist sehr schade…" Er biss sich auf die Lippe. „Tut mir leid, dass ich… naja…"
„Kein Ding!", meinte Sayda freundlich. Dann senkte sie die Stimme. „Aber ich glaube, bei Pansy wärst du erfolgreich…"
„Echt?" Draco sah zu der beleidigten Pansy hinüber. „Meinst du…?"
„Geh' halt mal hin!", forderte Sayda ihn auf. „Mehr als 'ne Absage kann's nicht werden… Oh, sie kommt her…"
„Nun gut, Sayda", sagte sie schnippisch. „Ab jetzt ist es mir egal, was du da veranstaltest, aber ich sage dir, wenn du nur einmal mir hinterher spionierst, mach' ich Blutsverräterhackfleisch aus dir!"
„Na, na, sei mal nicht so überheblich! Hältst dich wohl für was Besseres oder was?", schoss Sayda zurück.
„Aber du! Was ist das eigentlich für eine komische Kette, die du da seit neustem trägst?"
„Hab' ich zu Weihnachten bekommen", kam die knappe Erwiderung.
„Und von wem, wenn ich fragen darf? Wer würde so etwas Mickriges verschenken?"
„Von Unbekannt", schnappte Sayda. „Und es ist nicht mickrig!"
„Woher weißt du dann, dass das Ding überhaupt für dich war? Hätte ja auch für jedes andere Mädchen hier sein können!"
„Nur zu deiner Information, Pansy, ich habe es auf einem Ball des Dunklen Lords in meinem Plumpudding gefunden. Frag' mich nicht, wer es da rein hat, aber es war definitiv schon drinnen, als ich angefangen hab' zu essen!"
Pansy und Draco klappten vor Überraschung die Kinnladen herunter.
„Du warst auch auf dem Fest?"
„Du weißt nicht, wer es da reingetan haben könnte? Wer saß neben dir?"
„Nein, ich weiß es nicht. Und neben mir saßen deine Tante Bellatrix und Snape. Wäre ziemlich komisch, wenn die mir eine Kette ins Essen mischen würden, oder?", fragte Sayda mit skeptisch hochgezogenen Augenbrauen. „Außerdem war es ja schon vorher drinnen!"
Pansy setzte einen Schmollblick auf und sah Draco anklagend an, als ob nur er so etwas Dummes hätte fragen können. Dann zog sie ihn zur Seite und raunte ihm etwas zu. Draco wurde rot wie eine reife Tomate und Sayda machte sich wieder über ihren Aufsatz her. Dass sie hier die Kupplerin für Nachwuchstodesser spielen würde, hatte sie auch nicht gedacht!
In den nächsten Tagen gab es immer wieder Gerüchte, dass der etwas im Sand verlaufene Duellierkurs weitergeführt werden sollte, und schließlich hing auch wieder eine Mitteilung aus.
Duellierkurs am Freitag, 8 Uhr, Anwesenheitspflicht für die Jahrgänge 6 und 7, sonst Bestrafung (Cruciatus-Fluch u. Ä.)
Unterricht am Nachmittag, ebenfalls Anwesenheitspflicht, sonst Bestrafungen (s. o.)
„Das klingt aber ganz heftig nach Carrow!", grummelte Neville, als er das sah. „Macht Snape nach seiner Panne wohl nicht weiter, he?"
„Würde ich an seiner Stelle auch nicht!", lachte Siria. „Nur die Vorstellung, sich noch mal die Blöße zu geben, muss für den schrecklich sein!"
Tatsächlich stand am Freitagmorgen Amycus Carrow auf der Matte und kommandierte sie herum.
„Stellt euch auf, na los! Macht schon, macht schon, meine Güte, ihr seid ja langsamer als die Muggel!", herrschte er.
„Genau!" Alecto Carrow tauchte nun auch auf. „Elendige Würmer, passt endlich auf!"
Ginny verdrehte die Augen und stellte sich Luna gegenüber hin, Siria und Sayda standen nah beieinander und sahen sich das Durcheinander an.
„Das wird doch wieder nichts", überlegte Siria laut. „Ich glaube kaum, dass wir heute etwas Vernünftiges lernen werd – AU!"
Alecto Carrow hatte es mitbekommen und Siria mit ihrem Zauberstab eine gewischt.
„Pass' bloß auf, was du sagst, Fräulein, sonst verlierst du schneller deinen Zauberstab als du Crucio sagen kannst!"
„Vielleicht will ich ja gar nicht Crucio sagen!", entgegnete Siria schnippisch.
Die untersetzte Frau schnappte nach Luft und kreischte „Crucio! CRUCIO!", doch Sayda warf ein Schild zwischen Siria und die Todesserin.
„Lassen Sie das, oder es bekommt Ihnen nicht!", knurrte sie.
Mit verbissener Miene schlich Alecto zu ihrem Bruder zurück und flüsterte ihm etwas ins Ohr. Der starrte zu Sayda hinüber und ein fieses Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus.
„Oh, oh, ich glaub' ich weiß, was jetzt kommt…", murmelte Siria und betastete ihre gerötete Wange.
Sayda nickte. „Ja. Er wird mich auswählen. Als Vorführobjekt."
Natürlich war das ganz genau Carrows Plan gewesen. Er rief Sayda mit einem falschen Lächeln auf den Lippen zu sich auf die Bühne.
„So, du Biest, jetzt wird mal nach meinen Regeln gespielt!", raunte er ihr zu.
„Na, das werden wir ja sehen!", zischte Sayda zurück.
Sie umschlichen sich wie zwei Katzen, als Carrow plötzlich angriff. Sayda konnte noch rechtzeitig ausweichen, doch der Fluch traf wie zufällig Neville, der stocksteif wurde und nach hinten umkippte. Ganzkörperklammer. Sayda wartete ein wenig ab. Besser nicht gleich den nächsten Fluch schicken.
Der zweite Angriff des Todessers war deutlicher als der davor und Sayda lenkte ihn zurück, sodass Amycus Carrow gegen seinen eigenen Stupor zu kämpfen hatte.
„Incarcerus!", schoss Sayda hinterher und der Lehrer wurde von Seilen umwickelt. Ein paar Leute klatschten und jubelten leise, doch Carrow wand sich schnell wieder heraus. „Rictusempra!"
Der Todesser begann unkontrolliert zu lachen, als er von unsichtbaren Händen gekitzelt wurde, aber als er sich wieder gefangen hatte, war er umso wütender.
„Impedimenta!", brüllte er und Sayda wehrte sich erbittert gegen den Lähmzauber. „Na, Kleine, wie gefällt dir das, hee?"
„S-Stupor!", grunzte Sayda unter großer Anstrengung, doch die Spitze ihres Zauberstabs schien regelrecht zu explodieren und der Schockzauber warf Carrow hart auf den Bühnenboden. Als er sich wieder aufrappelte, lief ihm Blut aus dem linken Mundwinkel, aber auch der Lähmzauber war von seiner Gegnerin abgefallen.
„Du wagst es?", fragte er gefährlich leise. „Du wagst es wirklich? EVERTE STATUM!"
Die Wucht des Zaubers traf Sayda so überraschend, dass sie von der Bühne geschleudert wurde und gegen die Wand krachte. Bewusstlos sank sie zu Boden. Ein paar spitze Schreie waren zu hören und fast überall sahen die Schüler geschockt und erschrocken aus. Eine dunkle Gestalt löste sich von der Wand und rannte auf Sayda zu. Snape war die ganze Zeit dabei gewesen und niemand hatte ihn bemerkt! Vorsichtig hob er Sayda hoch und rauschte aus der Halle in Richtung Krankenflügel.
Die Carrows lachten lauthals.
„Da hat sein Schätzchen wohl einen Kratzer gekriegt!", japste Alecto und klopfte ihrem Bruder auf die breiten Schultern.
„Geschieht ihr recht, mieses Miststück, diese Kleine!", grölte Amycus und gab seiner Schwester einen Schmatzer auf die Wange. „Jemand musste der echt mal zeigen, wo's lang geht!"
Während die Geschwister noch feierten, machten sich Siria, Neville, Ginny und Luna so schnell sie konnten auf den Weg zur Krankenstation, aber Madam Pomfrey ließ sie nicht herein.
„Heute Abend vielleicht, aber jetzt geht es noch nicht, tut mir leid!", wies sie die vier ab.
Enttäuscht und besorgt hockten sie sich in die Bibliothek.
„Habt ihr gesehen, wie blass Snape war?", fragte Luna.
„Snape ist immer blass", antwortete Siria leicht sarkastisch, aber sie nickte, in Gedanken versunken.
„Naja, sie ist ja immerhin so seine Lieblingsschülerin, oder?", meinte Neville und vermied es, an das andere zu denken, das ihnen zweifelsohne allen durch den Kopf ging. Aber das war sinnlos, ja geradezu unmöglich!
Das erste, was Sayda wieder wahrnahm, war die Anwesenheit einer Person neben ihr und dann eine tiefe Stimme die sagte: „Ja, Poppy, geh' ruhig, ich mach' das." Jemand hob ihren Kopf an und flößte ihr ein scheußliches Gebräu ein, das wie Feuer in ihr brannte.
„Buääh, aufhören!" wollte sie schreien, doch sie brachte nicht mehr als ein kaum hörbares Stöhnen zustande. Sie hatte Kopfschmerzen und wusste nicht, woher.
„Sayda?", fragte die dunkle Stimme wieder. „Sayda?"
Himmel, wer war da? War da überhaupt jemand, oder war das alles Einbildung? Schläfrig sank sie wieder in ihr Kissen.
Das nächste Mal erwachte sie wieder von der Stimme.
„Sayda? Sind Sie wach?"
Und dieses Mal konnte sie sogar wieder etwas sagen.
„Nein, sieht nicht so aus", grummelte sie mit ihrem üblichen Sarkasmus.
„Ah, wie ich sehe, hat der Trank angeschlagen. Erkennen Sie mich?"
„Bitte? Nein, was sind Sie denn, ich sehe nur etwas wie eine überdimensionierte Taschenlampe, schwarz mit einem Lichtfleck oben…"
Das Wesen ihr gegenüber schluckte.
„Okay, schon gut. Hier, trinken Sie." Es reichte ihr einen kleinen Kelch mit einer seltsamen, schwarz-blauen Flüssigkeit.
Etwas misstrauisch trank Sayda den Becher leer.
„Das war ekelig", stellte sie fest. „Bitte nicht noch mal."
Sie vernahm ein leises Lachen.
„Das sollte ihr Gedächtnis wieder herstellen…"
Gedächtnis? Wieder herstellen? Ah…! Langsam kamen die Erinnerungen zurück, das Duell, Carrow.
„Sind Sie Amycus Carrow? Furunkulus!"
„Hey!", rief jemand überrascht. „Das hätte nun wirklich nicht sein müssen, seit wann sehe ich aus wie ein ungeschliffener Holzklotz, hm?"
Saydas Blick klarte plötzlich auf und sie sah Snape neben ihrem Bett stehen, der sich mit unergründlicher Miene von Furunkeln befreite. Sie schlug die Hand vor den Mund.
„Oh mein Gott, Verzeihung, ich war wohl noch nicht ganz da…", beteuerte sie und obwohl sie nun wieder ganz normal denken konnte, tat sie weiterhin so, als gäbe es einige Defizite.
„Hmpf. Erkennen Sie mich jetzt?"
„Sicher. Eine Art große Fledermaus auf zwei langen Beinen. Ich wollte wirklich keine Tiere quälen." Es kostete Sayda unglaublich viel Mühe, nicht das Gesicht zu verziehen oder laut loszulachen.
„Ähm, nicht ganz…", meinte Snape. „Versuchen wir's nochmal."
„Öh… Wenn Sie keine Fledermaus sind, was denn dann? Ein Vampir?"
„Vampir!", kam ein empörter Ausruf von Snape. „Dann hätte ich dich wohl schon längst ausgeschlürft!" Wieder dieser plötzliche Wechsel zwischen Sie und du, der Sayda so oft verwirrte. Merkte er das eigentlich? Er machte gelegentlich den Anschein, als wäre er komplett abwesend und wüsste er nicht, was er tat…
„Hmmm… Dann hab' ich leider auch keine Ahnung… – ach halt, ein, ein… ach, wie heißen diese Viecher, die herumfliegen, so hässliche, nackte Köpfe und Hälse haben und Aas fressen?"
„Geier", presste Snape zwischen zusammengebissenen Zähnen hervor.
„Genau, Geier… Sind Sie so einer?"
„Nein…?"
„Hm." Scheinbar resigniert starrte Sayda vor sich hin. „Geben Sie mir einen Tipp…"
„Ich bin ein Lehrer, Schulleiter!", antwortete Snape ungehalten.
„Hö? Ein Lehrer? Ein Geier als Lehrer? – Ach halt, Sie waren ja gar keiner…" Und wieder versank Sayda in angebliche Grübeleien.
Da platzte Snape der Kragen.
„Ich bin Severus Snape, Schulleiter von Hogwarts!", rief er verzweifelt, beinahe leicht hysterisch, und rang die Hände. „Hallo? Du kennst mich, verdammt!"
„Severus… Snape?" Sayda kostete den Moment herrlich aus, bevor sie ihr Gegenüber schließlich erlöste. „Ah, Snape, Severus Snape! Kommt mir bekannt vor… Hübscher Name übrigens, Severus, hat nicht jeder…"
Das ist nur ein Zustand geistiger Verwirrtheit!, versuchte sich Snape zu beruhigen.
„Ah, danke."
In diesem Augenblick stürzten Siria, Neville, Luna und Ginny herein. Als sie Snape bemerkten, setzten sich schließlich brav neben Saydas Bett. Diese starrte scheinbar ohne Erinnerung an ihnen vorbei und zwinkerte ihnen heimlich zu. Ginny grinste amüsiert.
Auf einmal richtete Sayda sich auf.
„Jaaa! Professor Snape! Jetzt hat's geklickert! Wow, ich kann mich an alles erinnern, bis auf… Was hab' ich grade zu Ihnen gesagt? Ich glaub', ich hab' viel gesagt…"
„Zuerst, ob ich eine Taschenlampe bin."
Ein unterdrücktes Prusten kam von Siria.
„Eine… Taschenlampe… Und weiter?"
„Dann… ging es um eine Fledermaus."
„Fledermaus… Aha. Und dann?"
„Ein Geier."
„Wie, ein Geier?"
„Na, ob ich ein Geier bin!"
„Natürlich nicht, oder? Verzeihung, aber ich verstehe ihre Aufregung nicht, das ist doch sonnenklar! Sie brauchen keine Angst zu haben, ich werde niemandem erzählen, dass Sie sich für eine Taschenlampe halten!"
„Ich halte mich nicht für eine Taschenlampe!", rief Snape entsetzt.
Ginny kicherte hinter vorgehaltener Hand und Neville sah aus, als würde er gleich platzen.
„Aber das haben Sie doch gerade eben gesagt!"
„Hab' ich nicht!"
„Haben Sie schon!"
„Nein, hab' ich nicht!"
„Na, was denn dann?"
„Ich glaube, es ging um eine Fledermaus", warf Luna ein.
„Nee, also bitte! Das sieht doch ein Blinder mit Krückstock, dass da die Proportionen falsch sind!"
Ginny konnte nicht länger an sich halten und lachte laut. Snape warf ihr einen bitterbösen Blick zu.
„Und danach war der Geier an der Reihe", führte Luna fort.
„Um ein Geier zu sein, müssten Sie sich aber schon scheren", meinte Sayda mit schrägem Blick und klimperte mit den Augenlidern. „Und… essen Sie wirklich Aas? Das wäre ein bisschen paranormal…"
„NEIN! Verdammt, ich dachte, der Trank hätte gewirkt!"
„Hat er auch, Professor. Herzlich Willkommen bei „Verstehen Sie Spaß?"! Ach halt, das kennen Sie ja gar nicht…", gab Sayda trocken zurück und grinste gespielt schockiert. „Sie sind natürlich weder eine Taschenlampe, noch eine Fledermaus oder ein Geier!"
„Wie schön, dass Sie das auch endlich festgestellt haben! Man sieht sich." Und mit diesen Worten wirbelte Snape herum und stürmte davon.
Kaum hatte er die Tür der Krankenstation zugeknallt erhob sich übermütiges Gelächter.
„Unglaublich, Sayda, der tut dir wirklich nichts! Und ich hab' das immer für ein Gerücht von neidischen kleinen Mädchen gehalten!", lachte Neville.
„Der hat dich sehr, sehr gern", meinte Luna mit ernster Miene. „Ob das gut für ihn ist?"
Ginny und Siria schüttelten synchron den Kopf. „Garantiert nicht!"
Es war tatsächlich komisch, wie Snape auf diese offensichtlichen Beleidigungen reagiert hatte. Er hatte Sayda nie angeschrien oder ihr Strafen angedroht. Und dann war da ja noch der Ball…
Hastig tastete sie nach ihrer Kette. Ein Glück, das kleine Goldherz mit der Schlange war noch da. Wenn sie nur wüsste, von wem es kam!
