Chapter 9

Horatio erstarrte, doch er wehrte sich nicht gegen die unerwartete Liebkosung. Betsys Nähe machte ihn erst ein wenig nervös, doch dann musste er lächeln, als er sie anschaute – zu fasziniert schien sie von seinem Mund zu sein, so konzentriert, wie sie ihn betrachtete! Als er ihre Hand vorsichtig in seine nahm und einen zarten Kuss auf ihre Fingerspitzen hauchte, schien sie wieder in die Realität zurückzukehren.

„Oh!" flüsterte sie verlegen und errötete sanft, erwiderte dann aber zögernd Horatios Lächeln. Er war sich vollkommen darüber im klaren, dass er sich auf dünnem, auf sehr dünnem Eis bewegte, doch er konnte nichts dagegen tun. Langsam fuhr er mit einem Finger über ihre Wange, ihre Lippen nach unten zu ihrem Hals, die zweite Hand folgte und ehe einer von ihnen auch nur einen klaren Gedanken fassen konnte, lag Betsy in Horatios Armen.

Während der junge Lieutenant nicht ganz unerfahren in Liebesdingen war, betrat die von ihrem Vater zärtlich geliebte und wohlbehütet aufgewachsene Admiralstochter in diesem Moment absolutes Neuland. Sehr, sehr aufregendes Neuland, wohlgemerkt! Benommen stellte sie fest, dass es sogar noch viel mehr Spaß machte, Horatios verführerische Lippen nicht nur berühren, sondern auch zu küssen. Es fühlte sich genauso an, wie sie erwartet hatte und sogar noch viel besser: warm und weich, feucht und fordernd. Es war ganz einfach ein himmlisches, bisher ungekanntes Gefühl. Eine wohlige Wärme breitete sich in ihrem ganzen Körper aus.

Horatio war Gentleman genug, sie nicht zu irgendetwas zu drängen, was ihr fremd und neu war. Ihr Kuss war zärtlich, ein bisschen vorsichtig, ein bisschen spielerisch, ein bisschen neugierig. Er gab ihr alle Zeit der Welt, ihn „entdecken" zu können, sich und ihre Gefühle dabei selbst kennenzulernen, an seiner Seite besagtes Neuland zu betreten. Und Betsy machte davon regen Gebrauch.

Ihren Mangel an Erfahrung machte sie mit weiblicher Intuition schnell wieder wett. Sie konnte gar nicht genug von seinen Küssen bekommen, seinen warmen, zärtlichen Händen, die ihr Gesicht streichelten, ihren Rücken, die sie festhielten und gar nicht mehr loslassen wollten. Betsy begab sich nur zu gerne auf Entdeckungsreise. Geborgen und beschützt in Horatios Armen erkundete sie neugierig und anfangs vorsichtig, dann verwegener jeden Quadratzentimeter seines Gesichts, fuhr genüsslich durch die langen, weichen Locken, die über seine Schulter fielen. Lachte über sein leicht stoppeliges Kinn. Und immer wieder führte ihr Weg sie zurück zu seinem Mund, der zum Küssen geradezu einlud und sie magisch anzuziehen schien.

Horatio war sich natürlich darüber im klaren, dass sie sich in sehr gefährliche Gewässer begaben, aber er verdrängte den Gedanken daran fürs Erste. Zu sehr genoss er Betsys Nähe und fand ihre kindliche Neugier ganz bezaubernd. Er wusste jedoch, er würde sich keine „Freiheiten" herausnehmen, die über den Austausch eher harmloser Zärtlichkeiten hinausgingen – niemals wieder würde er sonst Sir Edward gegenübertreten können! Zumindest hoffte er, dass er die nötige Kraft dazu hatte, denn Betsys warme Hände hatten in diesem Moment gerade sein Hemd aufgeknöpft und fuhren nun langsam über seine Brust.

Horatio schloss die Augen und stöhnte leise auf. Ihre Berührung ließ ihn erschaudern, fuhr ihm durch Mark und Bein.

„Miss Betsy, bitte..." flüsterte er gequält, doch weiter kam er nicht, da sich zwei süße Lippen eben wieder auf seine pressten. Sie lernt schnell, die kleine Teufelin! dachte er benommen und erwiderte den Kuss zu seinem Erstaunen bereitwillig. Was machte sie bloß mit ihm!

Betsy wusste genaugenommen nicht allzu genau, was sie da tat, aber es machte Spaß. Sie durchlebte Gefühle, die ihr bislang fremd gewesen waren, die ihr aber ausnehmend gut gefielen. Sie hatte wahrlich nicht viel Ahnung davon, was zwischen Mann und Frau vor sich ging, wenn sie alleine waren, aber sie war sich sicher, dass noch sehr, sehr viele unentdeckte Geheimnisse auf sie warteten – und Horatio ihr diese verborgene Welt würde zeigen können. Sie standen noch ganz am Anfang, es war so frisch und neu, fühlte sich aufregend an – und alles in ihr schrie nach mehr – auch wenn sie dieses „mehr" nicht so genau benennen konnte.

Betsy war sehr stolz auf sich, dass sie Horatio zum Aufstöhnen gebracht hatte, als er ihre Finger urplötzlich auf seiner nackten Haut spürte. Sie hatte jedoch nicht die geringste Vorstellung davon, was sie in ihm auslöste. Horatio wiederum war zwar mitnichten ein Schürzenjäger, aber auch kein Heiliger und reagierte auf ihre verführerischen Zärtlichkeiten wie ein junger, gesunder Mann nun einmal naturgemäß reagierte: mit wachsender Erregung.

„Miss Betsy, bitte...bitte nicht", brachte er mühsam hervor, doch da waren schon wieder ihre süßen Lippen auf seinem Mund, der sanfte Druck ihrer festen Brüste an seinem Oberkörper, ihre Arme in seinem Nacken, ihre Finger mit seinen Haaren spielend. Diese so bezaubernde Mischung aus unschuldiger Jungfrau und atemberaubender Verführerin. Er hätte sie fortstoßen, sich losmachen müssen, doch das brachte er nicht fertig; er wollte sie besitzen, sie mit allen Sinnen lieben, hier und jetzt, doch setzte sein Gewissen ihm glücklicherweise Grenzen.

Endlich ließ Betsy für einen Moment von ihm ab, lag einfach nur tief in seine Arme gekuschelt und schaute ihn still mit einem nachdenklichen Lächeln an. Horatio erwiderte ihren Blick warmherzig und gleichzeitig ernst.

„Miss Betsy, sie spielen mit dem Feuer", warnte er sanft. „Sie wollen doch sicher nicht, dass wir uns zu etwas hinreißen lassen, was wir später bitter bereuen würden?" Betsy verstand nicht ganz.

„Was meinen Sie?"

Horatio seufzte leise. Woher sollte sie in ihrer Unerfahrenheit auch wissen, zu was Männer fähig waren?

„So reizend es ist, sie zu küssen und im Arm zu halten, so gefährlich ist es auch. Für Sie." Er sah an Betsys verwirrtem Gesichtsausdruck, dass sie nicht verstand.

„Aber warum? Es ist doch ganz harmlos..." sagte sie erstaunt. Horatio schüttelte den Kopf, seltsam berührt von ihrer kindlichen Unschuld.

„Nein, Miss Betsy, es ist eben nicht harmlos." Er seufzte wieder und schob sie sanft zur Seite, um erst gar nicht in Versuchung zu geraten.

„Sie haben keine Vorstellung davon, zu was dieses – in ihren Augen – harmlose Geplänkel führen kann!" sagte er eindringlich. „Ich würde mir nie verzeihen – und ihr Vater ganz sicher auch nicht – wenn ich mich zu etwas...nun ja, zu etwas sehr Unschicklichem hinreißen ließe. Und Miss Betsy, das geht schneller, als Ihnen vielleicht lieb ist, wenn Sie mich weiterhin so verführen."

Betsy schaute ihn mit großen Augen verwundert an – sie verstand nicht unbedingt alles, aber sie ahnte immerhin in etwa, worauf er hinauswollte. Irgendwie war es lustig, und wenn man es genau bedachte, gab es ihr sogar ein gewisses Gefühl der Macht – Macht über Horatio. Sie lächelte süß. Vielleicht wäre es ganz spaßig zu sehen, wie weit sie diese „Macht" würde ausspielen können. Natürlich, es war ein Spiel mit dem Feuer, aber es würde nichts geschehen, was sie nicht auch wollte, oder?

Plötzlich kam ihr ein ganz anderer Gedanke. Ein Gedanke, der sie schon einmal beschäftigt hatte und der ihr nicht besonders gut gefiel. Ihr Lächeln verblasste. Nachdenklich nagte sie an ihrer Unterlippe, dann schaute sie zu Horatio auf, der sie immer noch fragend und mittlerweile gar ein wenig besorgt ansah.

„Ich habe sie nicht erschreckt, Miss Betsy, nicht wahr?" fragte er zögernd, denn er wusste ihren Gesichtsausdruck nicht so recht zu deuten. Betsy schüttelte langsam den Kopf.

„Nein, ich... ich glaube nicht. Aber...Mr. Hornblower... Horatio..." sie wurde rot, als sie ihn mit seinem Vornamen ansprach, doch Horatio nahm keinen Anstoß daran, im Gegenteil, er fand, es hörte sich irgendwie nett an. Er lächelte ermutigend und Betsy holte tief Luft.

„Gibt es... gibt es in England jemand, der auf sie wartet?" Da, es war ausgesprochen. Gebannt verfolgte sie seine Reaktion. Horatio verkniff sich ein amüsiertes Lächeln. War es das, was ihr Sorgen bereitete? Ob er bereits vergeben war? Diesbezüglich konnte er sie beruhigen.

„Nein, Miss Betsy, ich habe keine Familie", sagte er leise und ein wenig bedrückt, als ihm einmal mehr bewusst wurde, dass er ganz alleine auf der Welt war – wenn man von seinen Schiffskameraden einmal absah. Die Antwort schien Betsy jedoch nicht komplett zufriedenzustellen.

„Auch keine...keine...nun ja...also ich meine...wissen Sie...eine...nein, ich..." druckste sie herum und nun musste Horatio wirklich grinsen. Sie war wirklich süß, wenn sie so verlegen war!

„Nein, auch keine – wie sagt man – Herzensdame, wenn es das ist, was Sie meinen." Betsy errötete noch viel mehr, wenn das überhaupt machbar war. Wie hatte sie sich bloß in diese Situation hineinmanövriert, zum Henker!

„Oh, gut", stieß sie sichtlich erleichtert hervor und nun musste Horatio wirklich auflachen.

„Miss Betsy, was genau wollen Sie damit ausdrücken?" fragte er amüsiert und Betsy wäre am liebsten vor Scham im Boden versunken, als ihr bewusst wurde, wie er ihre gedankenlose Bemerkung wohl hatte auffassen müssen! Und dann nannte sie ihn auch noch ganz dreist mit Vornamen! Ganz zu schweigen von ihren „Zärtlichkeiten"! Was dachte er wohl jetzt von ihr!

Horatio hatte Mitleid mit der Ärmsten und tätschelte ihr beruhigend die Hand.

„Keine Sorge, Miss Betsy, ich glaube nicht, dass ich sie missverstehe", sagte er.

Betsy blickte schüchtern auf und starrte in zwei dunkle, braune Augen, die liebevoll-belustigt auf sie herablächelten. Sie schluckte hart. Er war so nett zu ihr und sie redete soviel Unsinn.

„Danke, Sir. Und entschuldigen Sie bitte." Sie machte eine kurze Pause und betrachtete nachdenklich die Plane über ihren Köpfen. „Dann sollten wir...dann sollten wir vielleicht..."

„Nach draußen gehen?" bot Horatio an und erhielt einen dankbaren Blick. „Gute Idee. Ich glaube, der Sturm hat mittlerweile aufgehört."

Betsy nickte erleichtert.