Kapitel 10
„Viel Spaß!", hauchte Frederick dicht an Severus' Ohr, ehe er mit einem dreckigen und leiser werdenden Lachen verschwand.
Severus kümmerte sich nicht darum. Er hob einen etwa faustgroßen Stein vom Boden auf und hieb damit auf das Glas ein. Das natürlich nicht darunter zerbrach. Das wäre zu einfach gewesen. Also schmiss er den Stein wieder weg und zog stattdessen seinen Zauberstab. Er atmete einmal tief durch und konzentrierte sich darauf, es richtig zu machen.
Zuerst überprüfte er, was für Zauber auf dem Glas lagen. Es war starke Magie, mit der Frederick gespielt hatte. Severus hatte nicht gewusst, dass sein ehemaliger Freund dazu in der Lage war. Andererseits hatte er viel Zeit zum Üben gehabt und mindestens einen überdimensionalen Löwen unter seine Kontrolle bekommen. Möglicherweise wäre Severus fähig, die Zauber und Banne einen nach dem anderen aufzulösen. Aber nicht unter Zeitdruck.
Deswegen ließ er das Glas in Ruhe und widmete sich dem Steinsockel, auf dem es auflag. Mit vielen kleinen Angriffen aus seinem Zauberstab sprengte er den Rand weg, bis das Glas zu wackeln begann. Er hielt es mit einem Wingardium Leviosa in der Luft, damit Granger nicht davon zerquetscht werden würde. Danach sprengte er auch den Rest weg und konnte sie nun abdecken wie einen Schweizer Käse.
Zusammen mit dem Glas, das dumpf blechernd auf dem Boden landete, aber nicht zerbrach, warf er auch seinen Zauberstab beiseite. „Miss Granger!" Ihr Gesicht war leichenblass, die Lippen blau. Er tastete an ihrem Hals nach dem Puls und für einige Sekunden glaubte er, er wäre zu spät. Doch dann fand er ein zartes Flattern, das ihn aufatmen ließ. Seine Hand fuhr über ihre Nase, während er ihren Brustkorb beobachtete. Beides regte sich nicht. „Sie können es nicht lassen, mir Ärger zu machen", grollte er leise, ehe er ihren Kopf überstreckte und am Kinn ihren Mund zupresste. Gerade als er den ersten Luftstoß in ihre Nase geben wollte, riss sie die Augen auf und schnappte gierig selbst danach.
Severus wich zurück und sah, wie sie sich kraftlos aufbäumte und hustete. Ihre blauen Lippen standen noch immer im starken Kontrast zu ihrer blassen Haut, doch je öfter sie durchatmete, desto mehr Farbe kehrte zurück. Er sah sich nach seinem Zauberstab um und steckte ihn in die Tasche. Am anderen Ende der Höhle sah er Grangers Rucksack. Mit wenigen großen Schritten war er dort und warf ihn sich auf den Rücken. Dann kehrte er zu dem Steinsockel zurück und hob ihren Körper auf den Arm.
„Was ist passiert?", nuschelte sie leise, besaß aber genug Geistesgegenwart, um sich an seiner Schulter festzuhalten.
„Später, wir müssen erstmal weg." Und während er sich noch nach einer Spur von Frederick umsah, lief er in einen der Gänge.
oOoOo
Hermine krallte sich in den groben Stoff von Snapes Jackett, während er mit wenig sanften Bewegungen durch die dunklen Gänge lief. Sie wünschte sich wirklich, sie könnte alleine laufen (und das nicht nur, weil er nach knapp drei Tagen und viel Stress ebenso erbärmlich stank wie sie selbst). Doch allein das Festhalten war schon eine Anstrengung, von der sie nicht wusste, wie lange sie sie durchhalten würde, weswegen sie den Gedanken ans Laufen sofort verwarf.
Je mehr ihr Bewusstsein zurückkehrte und vor allem ihre Nervenenden wieder mit Sauerstoff versorgt wurden, desto mehr Schmerzen strahlte ihr geschundener Rücken aus. Immer wieder entkamen ihr leise Schmerzenslaute, die sie nur zu ersticken vermochte, indem sie ihr Gesicht gegen Snapes Brust presste. Die Wärme seines Körpers sickerte träge aus der verdreckten Kleidung und hatte trotzdem etwas Tröstliches an sich. Einen irrationalen Moment lang kam ihr der Gedanke, dass sie sich gerade jetzt das erste Mal, seitdem sie hier waren, wirklich sicher fühlte.
Snape bog um eine Ecke und presste sich heftig atmend gegen die Wand. „Miss Granger, ich wäre Ihnen sehr dankbar, wenn Sie Ihre Fingernägel aus meinem Rücken entfernen könnten."
„'Tschuldigung", murmelte sie und spürte trotz ihrer schlechten körperlichen Verfassung, wie sie rot wurde. Mühsam entspannte sie ihre Finger und legte sie anders, so dass sie ihm nicht wehtat, aber trotzdem nicht den Halt verlor.
Snape gab ein Grunzen von sich, das jedoch einige fremdartige, ferne Geräusche nur schwer übertönen konnte. Hermine hörte, wie sein Herzschlag sich beschleunigte. „Ich denke, Frederick hat festgestellt, dass Sie seinem perfiden Spiel nicht zum Opfer gefallen sind", stellte er mit einiger Genugtuung in der Stimme fest. Der tiefe Bass vibrierte in seinem Brustkorb und machte Hermine schwindelig.
„Das tut mir wirklich… außerordentlich leid." Doch sie schaffte es nicht, den angebrachten Zynismus in ihre Worte zu legen. „Können wir jetzt bitte irgendwo hingehen, wo ich nicht länger auf Ihrem Arm sein muss, Sir?"
Snape sah auf sie hinab. „Wenn es Ihnen lieber ist, können Sie auch gerne selber laufen, Miss Granger!"
„Nein, das ist absolut unmöglich. Und ich habe auch nichts dagegen, dass Sie mich tragen." Sie runzelte die Stirn und fragte sich, warum sie nicht einfach den Mund halten konnte. Es musste am Sauerstoffmangel liegen.
„Aber?", knurrte Snape mit drohender Stimme, was seinen Brustkorb nur noch mehr vibrieren ließ.
„Aber… Bei allem Respekt, Sir, Sie riechen genauso unangenehm wie ich. Nur dass ich es bei mir nicht ständig in der Nase habe." Hermine blinzelte ihn unschuldig von unten herauf an und hoffte, dass er sie jetzt nicht augenblicklich auf den Boden fallen lassen und alleine verschwinden würde.
Snape feixte. „Bei allem Respekt, Miss Granger, ich habe Ihren Körpergeruch ebenso in der Nase wie Sie meinen. Aber solange Sie mir nicht sagen können, wie ich zu einer Waschgelegenheit komme, die von ausreichend starken Bannen umgeben ist, werden wir beide damit leben müssen."
Während er gesprochen hatte, hatte Hermine immer mehr Schwierigkeiten gehabt, seinen Worten zu folgen. Ernsthaft, so dicht an seiner Brust sollte man sich nicht aufhalten, wenn er bitterböse Gespräche zu führen gedachte. Es fühlte sich einfach viel zu gut an. „O-Okay", war deswegen das Einzige, das sie letztendlich herausbrachte.
Daraufhin richtete er seine Aufmerksamkeit wieder auf die Gänge, die nun in vollkommener Stille lagen. Als er sich wieder in Bewegung setzte, spürte sie, dass sein Gang unregelmäßig und holprig war. Sie runzelte die Stirn und überlegte einen Moment lang ernsthaft, ob sie ihm diese Frage stellen sollte. Doch Sauerstoffmangel schien seinen eigenen Willen gerne durchzusetzen (und diese Überlegung ihrerseits klang viel mehr nach einer eigenständigen Persönlichkeit, als es beabsichtigt gewesen war): „Haben Sie sich Ihren Fuß verletzt, Sir?"
„Offensichtlich", knurrte er.
„Was ist denn passiert?"
„Ein riesiger Löwe hat mich verfolgt, während ich versucht habe, Ihren Schreien zu folgen."
„Oh." Sie blinzelte mehrmals und rieb unbewusst ihre juckende Nase an seinem Jackett.
„Lassen Sie das, Miss Granger!"
„Natürlich. Entschuldigen Sie, Sir."
„Und hören Sie auf, sich laufend zu entschuldigen."
Sie wollte gerade ansetzen, um genau dies wieder zu tun, besann sich aber rechtzeitig, um den Mund wieder zuzuklappen. Zumindest für zwei Sekunden (sie begann sich allmählich ernsthaft zu fragen, wie viele ihrer Gehirnzellen bei dem Sauerstoffmangel ihr Leben gelassen hatten, dass sie sich jetzt so wenig unter Kontrolle hatte): „Warum?"
„Warum was, Miss Granger?"
„Warum soll ich mich nicht entschuldigen, wenn es doch offensichtlich gerechtfertigt ist?"
Er sah mit gerunzelter Stirn auf sie hinab und schien einen Moment nachzudenken. „Weil ich es nicht verdient habe", antwortete er schließlich leise. So leise, dass er sichtlich hoffte, sie hätte es überhört.
Und Hermine war inzwischen schlau genug, jetzt weder weiter nachzubohren, noch es rigoros abzustreiten. Severus Snape war niemand, der eine angebrachte Entschuldigung von sich wies, zumindest das hatte sie inzwischen bemerkt. Sie wollte nur nicht in die Abgründe seines Wissens eintauchen, solange sie auf seinem Arm und nicht in der Lage war, selbstständig zu laufen.
oOoOo
Severus kehrte in die riesige Höhle zurück, die nach seinem Ermessen das Kernstück des Tunnelsystems bildete. Nun, da der Löwe das Zeitliche gesegnet hatte, hoffte er, dass sie hier einigermaßen sicher sein würden.
Dennoch belegte er eine der Hütten, in die er Hermine gebracht hatte, mit verschiedenen Bannen und Flüchen, ebenso wie die Zugänge zur Höhle, die in ihrer unmittelbaren Nähe lagen. Wenn Frederick vor hatte, weiterhin mit ihnen zu spielen, dann wollte er wenigstens über ein ausreichend ausgestattetes Frühwarnsystem verfügen.
„Meinen Sie, Sie kommen für eine halbe Stunde alleine zurecht, Miss Granger?" Er stand in der Tür zur Hütte und hatte einen distanzierten Blick auf sie gerichtet. Er wusste, dass sie eigentlich seine Hilfe brauchte. Sein Jackett war an mehreren Stellen, an denen ihr Rücken gelegen hatte, von blutigen Flecken übersät. Und trotzdem ertrug er ihre Nähe gerade jetzt nicht.
Sie sah ihn müde von unten herauf an und schien genau diese Dinge zu erkennen. Ihr Nicken war wie ein Startschuss für ihn. Er wirbelte herum und lief den kleinen Abhang zum bewaldeten Teil der Höhle hinab. Nun, da Granger in Sicherheit war, konnte er sich ruhigen Gewissens um seinen Hunger kümmern. Nur dass er jetzt keinen Hunger mehr hatte.
oOoOo
Hermine brauchte beinahe zwanzig Minuten, ehe sie die beiden Schlafsäcke ausgebreitet und in den Untiefen ihres Rucksackes Tränke gefunden hatte, die ihr Linderung verschaffen würden. Sie wusste, dass sie sparsam damit umgehen sollte, doch bei einem antibiotischen Trank konnte sie es nicht riskieren, nur die Hälfte zu nehmen. Sie musste entweder hoffen, dass ihre Verletzungen sich nicht entzünden würden, oder dass sie hiernach nicht noch einmal in die Verlegenheit kommen würden, einen solchen Trank zu brauchen.
Letztendlich entschied sie sich dafür, den Trank ganz wegzulassen. Snapes Laune war so schon mies genug, da musste sie es nicht noch herausfordern.
Was sie bei ihrer Forschungsreise in den Rucksack allerdings zutage förderte, waren drei verkleinerte und inzwischen überreife Cherimoyas und eine Flasche reinen Alkohol. Nachdenklich wog sie beides in den Händen und zuckte schließlich die Schultern. Beide Wasserflaschen waren inzwischen so leer, dass sie den Inhalt in eine gießen konnte. Anschließend brachte sie die Früchte auf ihre ursprüngliche Größe zurück und bohrte ein kleines Loch hinein, aus dem sie den süßen Saft in die nun leere Flasche pressen konnte.
Nachdem alle drei Früchte trocken waren, gab sie vorsichtig einen kräftigen Schluck des Alkohols hinzu und mischte das Ganze durch. Mit skeptischen Blicken musterte sie den Saft und traute sich erst nach viel gutem Zureden, ihn zu probieren (letztendlich war es ja auch egal, wie viele weitere Gehirnzellen noch ihren Tod fanden).
Es als widerlich zu bezeichnen, war noch eine Untertreibung. Doch prinzipiell würde sie das auch über den besten Feuerwhiskey sagen, insofern war ihr Urteil möglicherweise nicht ganz objektiv. Auf jeden Fall verursachte der Alkohol ein warmes Kribbeln in ihrem Bauch, das sie von ihrem schmerzenden Körper ablenkte und die Wartezeit verkürzen würde.
oOoOo
Severus war beinahe eine Stunde unterwegs, ehe er den quälenden Schmerzen seines Fußes nachgab und den Weg zurück einschlug. Rational gesehen sollte er es vermeiden, seinen Fuß irgendwie zu belasten. Doch wenn es um seinen eigenen Körper ging, war er selten rational und so biss er nur die Zähne aufeinander und tat so, als ob nichts wäre.
Der Alkoholgeruch schlug ihm schon entgegen, als er nur den Kopf in die Hütte gesteckt hatte. „Was haben Sie angestellt?", fragte er sofort und ließ die Ausbeute, die er in Form von verschiedenen Früchten, Wurzeln und Beeren gemacht hatte, in eine Ecke fallen.
„Cherimoyaschnaps", antwortete Granger und hielt ihm eine Flasche entgegen. „Probieren Sie mal! Ist ausgezeichnet, um Gehirnzellen abzumurksen."
Es war nur ihre Wortwahl, die ihn sicher sein ließ, dass sie bereits einiges von dem Zeug getrunken hatte. Und da es seine Schuld war, dass sie noch immer unversorgt hier saß und Zeit für derartigen Blödsinn hatte, konnte er ihr kaum einen Vorwurf machen. Dennoch lehnte er ab. „Ich will mich erst um Ihren Rücken kümmern."
„Okay." Sie zuckte mit den Schultern, stellte die Flasche weg und zog sich ohne zu zögern ihr Shirt über den Kopf.
Severus ging in die Hocke und griff nach ihren Händen, bevor sie auf die Idee kommen konnte, sich auch noch ihres BHs zu entledigen. „Wenn es Ihnen nichts ausmacht, wäre ich Ihnen sehr verbunden, wenn Sie sich erst umdrehen könnten", sagte er mit mühsam beherrschter Stimme.
Sie hob ihre Augenbrauen und dachte einen Moment über seinen Vorschlag nach. „Oh, Sie meinen…" Er nickte. „Klar!" Ein breites Grinsen erschien auf ihrem Gesicht, ehe sie die glatten Oberflächen des Schlafsacks ausnutzte, um sich mit dem Stoff zu drehen. Danach öffnete sie die drei Häkchen, hielt den BH aber vor ihrer Brust fest.
Severus betrachtete ihren Rücken nachdenklich. Die Kratzer und Schürfwunden waren tief und zogen sich vom Nacken bis hinunter zum Hosenbund. Die Haut dazwischen war verdreckt von Blut, Schweiß und Staub. Vermutlich wäre es schlauer, wenn sie sich erstmal waschen würden. Er hatte bisher jedoch keinen See oder Fluss gefunden auf seinen Streifzügen.
Schließlich riss er sich mit einem Räuspern aus seinen Gedanken und setzte sich hinter ihr auf den Boden. Granger hatte bereits Verbandszeug rausgesucht und so griff er nach einigen sauberen Tüchern, tränkte sie mit Wasser und begann zuerst, den groben Dreck zu beseitigen. Über ihre Schulter hinweg sah er, wie sie den Kopf in die Hände stützte.
„Sagen Sie, Sir…", begann sie nach einiger Zeit.
Severus brach innerlich zusammen. So ein Anfang konnte nichts Gutes bedeuten. „Was?", knurrte er missmutig.
„Was hatten Sie eigentlich vor, als Sie vorhin über mich gebeugt dastanden?"
Er verzog das Gesicht und starrte ungläubig ihren Hinterkopf an. „Ihnen das Leben retten. Was hätte ich sonst vorgehabt haben sollen?"
„Oh, ich weiß nicht", erwiderte sie arglos und ließ ihre Blicke durch den Raum schweifen.
Und da verstand er: „Sie glauben doch nicht…" Er fasste sie an der Schulter und nutzte nun seinerseits die glatte Oberfläche des Schlafsacks, um sie zu sich zu drehen. „Sie glauben nicht ernsthaft, dass ich vorgehabt habe, mich an Ihnen zu vergehen, oder?"
Sie blinzelte unschuldig. „Na ja, ‚vergehen' ist Ansichtssache…"
Daraufhin wurden seine Augen schmal. „Wie viel von dem Zeug haben Sie getrunken, Miss Granger?" Er nickte zu der Flasche mit dem Cherimoyaschnaps.
Granger neigte den Kopf und holte tief Luft, um sie scharf wieder auszustoßen. „Die Flasche war voll, glaube ich."
Severus betrachtete den Inhalt. Die Hälfte war noch drin. „Nun, das beruhigt mich." Er drehte sie zurück und nahm seine Arbeit wieder auf.
Granger schwieg lange Zeit, offenbar eingeschüchtert von den Fragen, die ihr alkoholumnebelter, müder Verstand ausspuckte. Doch diese Einschüchterung hielt zu seinem Leidwesen nicht lange genug vor: „Wo ist Frederick eigentlich hin? Und wie kommt es, dass er noch lebt?"
Severus nahm ein trockenes Tuch und wischte das Wasser von der nun halbwegs sauberen Haut. „Ich weiß es nicht."
„Und was plant er?"
„Ich denke nicht, dass Sie das wirklich wissen wollen." Sie zischte, als er die Kratzer nun mit dem Alkohol behandelte. Ein blutiges Tuch nach dem anderen landete neben ihm auf dem Boden und ließ sein schlechtes Gewissen steigen.
„Und ich denke, dass ich nicht gefragt hätte, wenn ich es nicht wissen wollte."
Er verzog das Gesicht, musste ihr aber Recht geben. So sehr ihre Fragen auch immer genervt hatten. „Ich denke, er nutzt die Gelegenheit meiner Anwesenheit, um sich dafür zu rächen, dass ich damals ohne ihn gegangen bin."
„Warum sind Sie damals ohne ihn gegangen?"
Für einen Moment geriet er in arge Versuchung, noch ein bisschen in ihren Kratzern zu bohren. Doch er konnte sich gerade so zurückhalten. Nichtsdestotrotz klang seine Stimme gereizt, als er antwortete: „Ich wusste nicht, dass er noch am Leben war!"
„Sie hätten sich dessen vergewissern können."
Das reichte. Wütend warf Severus das Tuch beiseite und drehte Granger erneut an der Schulter zu sich herum. „Sie haben nicht das Recht, sich über die Dinge von damals auszulassen! Es war meine einzige Chance, hier rauszukommen. Ich hatte keine Wahl!"
Sie sah ihn mit großen Augen an, schien aber nicht im Mindesten von seinem Ausbruch eingeschüchtert zu sein. „Wenn Sie das sagen, wird es so sein", erwiderte sie nach einigen Momenten ruhig und nahm ihm damit den Wind aus den Segeln.
Severus runzelte irritiert die Stirn und schluckte schwer. Dann nickte er und drehte sie in ihre vorherige Position zurück. Die weitere Versorgung ihrer Wunden verlief schweigend. Erst als er das letzte Pflaster geklebt hatte, räusperte er sich leise. „Haben Sie sonst noch Verletzungen?"
Sie verdrehte die Arme auf den Rücken und versuchte, ihren BH zu schließen. „Nichts Weltbewegendes", murmelte sie dabei. Severus hingegen beobachtete ihr Tun mit zur Seite geneigtem Kopf. Er hatte nicht viele Beziehungen gehabt, eigentlich waren es mehr Affären gewesen. Doch er hatte einige Frauen dabei beobachtet, wie sie sich ihren BH angezogen hatten. Manche verschlossen ihn vorne, andere hinten. Granger schien es für gewöhnlich vorne zu tun und verzweifelte vor seinen Augen.
Ein paar Moment tat er es sich an, sie dabei zu beobachten. Dann gab er ein gutturales Knurren von sich und nahm ihr die beiden Enden des Kleidungsstückes aus der Hand. „Das kann ja keiner mit ansehen", ließ er sie wissen und schloss die Häkchen.
Granger warf ihm einen Blick über die Schulter zu, wirkte dabei merklich rot im Gesicht und nuschelte ein betretenes „Danke".
Severus wandte sich mit einem Nicken ab und raufte die benutzten Tücher zusammen, um sie vor der Hütte zu vergraben. Selbst wenn der Löwe tot war, gab es hier sicherlich noch mehr Tiere, die den Geruch des Blutes als persönliche Einladung ansehen würden. Er brauchte nur zehn Minuten, bis dieses Problem aus der Welt geschafft war. Danach kehrte er in die Hütte zurück und sah, dass Granger wieder vollständig angezogen war und den Zauberstab in der Hand hielt.
„Setzen Sie sich, ich werde mir Ihren Fuß ansehen."
„Nicht mit dem Alkoholgehalt in ihrem Blut", wischte er ihre Worte entschlossen beiseite.
„Feigling", zischte sie. Doch Severus ließ sich davon nicht reizen. Nicht mehr. Die Zeiten waren vorbei. Granger allerdings schien sein Schweigen als Aufforderung dafür zu sehen, erneut nach ihrer alkoholischen Eigenkreation zu greifen. „Wir sollten uns duzen", stellte sie mit gerunzelter Stirn fest.
„Wie kommen Sie auf die Idee?", fragte er entsetzt, während er sich auf seinen Schlafsack fallen ließ und den schmerzenden Fuß von sich streckte.
„Na ja, zum einen sind unsere Vornamen im Ernstfall besser zu rufen, als die langen Nachnamen mit Anrede. Vor allem, da Sie so großen Wert darauf legen." Er wischte mit der Hand durch die Luft und verdrehte die Augen. „Und zum anderen hat es etwas mit Vertrauen zu tun", fuhr sie mit ernsterer Stimme fort. „Sie haben mir schon mehr als einmal das Leben gerettet, seitdem wir hier sind. Und ich Ihnen." Den letzten Zusatz fügte sie eilig hinzu, woraufhin er seine Augenbrauen hob. „Ich finde einfach, wir haben genug durchgemacht, um uns zu duzen. Und ich bin keine Schülerin mehr, also spricht nicht einmal etwas dagegen!"
Severus sah sie lange nachdenklich an. Er könnte einfach schweigen und so tun, als ob nichts gewesen wäre. Doch er war überzeugt, dass sie es irgendwie herausfinden würde. Und wenn sie es nicht selbst herausfand, dann würde Frederick sie darauf aufmerksam machen, dass er nicht sofort begonnen hatte, nach ihr zu suchen. Deswegen schüttelte er bedächtig den Kopf. „Es gibt etwas, das dagegen spricht, Miss Granger." Sie neigte fragend den Kopf zur Seite. „Es gibt etwas, das Sie wissen sollten."
TBC...
