KAPITEL 10

DRACO POV

Habe ich schon erwähnt, dass Granger mich wahnsinnig macht? Die Lernerei in der Bibliothek war mehr als nur merkwürdig, denn nachdem ich mich für den Tagebuch-Fauxpas entschuldigt habe hat sie einfach nichts mehr gesprochen und auch ich habe meinen Aufsatz fertig geschrieben und plötzlich hat sie sich verabschiedet, ist wieder zum Unterricht gegangen und hat mich mit einem Haufen voll wirrer Gedanken zurück gelassen. Das ist nun fünf Tage her und außer in Zaubertränke hatten wir nicht mehr viel miteinander zu tun und auch dort war sie wieder überraschend schweigsam. Außer über den Trank den wir zubereiten mussten, haben wir uns nicht unterhalten und ich habe das Gefühl, als hätte ich irgendetwas verpasst, doch wenn ich noch länger darüber nachdenke, platzt mir vermutlich der Schädel, also versuche ich erst gar nicht, aus Granger schlau zu werden.

Gott sei Dank ist Wochenende und seit langem steht mal wieder ein Hogsmeade Ausflug auf dem Programm. Eigentlich habe ich keine Lust hin zu gehen, aber Blaise zu liebe laufen wir nun ins Dorf und ehrlich gesagt ist es auch recht nett, denn es hat vor zwei Tagen angefangen zu schneien und ich mochte es schon immer, durch den Schnee zu laufen. Auch wenn ich Weihnachten dieses Jahr ausfallen lasse – dem Winter an sich kann ich dennoch etwas abgewinnen. Konnte ich schon immer. Es ist faszinierend, wie die komplette Natur auf einmal unter der weißen Schneedecke verschwindet und damit einfach alles stillgelegt wird.

„Brauchst du etwas Bestimmtes oder wollen wir einfach mal durch die Läden gehen und danach ein Butterbier trinken?", will Blaise wissen und reißt mich somit aus meinen Gedanken.

„Nein, ich brauche lediglich ein Geschenk für dich aber vielleicht suche ich mir auch einen neuen besten Freund, dann können wir uns gleich betrinken gehen", erwidere ich grinsend und Blaise gibt mir einen Schubs, so dass ich beinahe auf einer glatten Stelle ausrutsche. „Hey!"

„Ich geb' dir gleich neuen besten Freund!", fährt er mich gespielt beleidigt an und ich muss lachen. Ich bin wirklich dankbar dafür, dass ich Blaise an meiner Seite habe und werde auch direkt in meinen Gedanken bestätigt, als wir eine Gruppe Fünftklässler aus Gryffindor passieren, die mir vernichtende Blicke zuwerfen und ich versuche das Raunen zu überhören, dass mich auch ständig im Schloss verfolgt. Egal wo, das Geflüster ist allgegenwärtig und ich schließe beim ersten „Todesser", das mir zu Ohren kommt, gequält die Augen. Warum tu ich mir dieses Schuljahr eigentlich noch an?

„Hör' einfach nicht hin", ist Blaises nüchterner Kommentar dazu und ich denke mir, dass das leichter gesagt ist, als getan, aber was soll ich sonst schon großartig tun? Ich kann ja nur schwerlich alle mit dem Crucio foltern. Nicht, dass ich es mir nicht manchmal überlegen würde…

„Jaja, schon gut…", murmle ich und gehe teilnahmslos weiter. Meine Laune ist jedoch gerade mal wieder in den Keller gefallen und ich bin froh, als wir endlich das kleine Dorf erreichen und in dem erstbesten Laden, einer Buchhandlung, verschwinden können. Desinteressiert gehe ich die windschiefen Bücherregale ab, denn ich habe nicht vor, hier etwas zu kaufen doch hier und da ziehe ich dennoch ein Buch heraus und blättere darin herum, nur um etwas zu tun zu haben, während Blaise offensichtlich nach neuem Lesestoff sucht.

Ich spüre ihre Anwesenheit, noch ehe ich sie sehe und ein kurzer Blick über meine Schulter bestätigt meine Vermutung, dass Granger gerade die Buchhandlung betreten hat. Sie grüßt die alte Verkäuferin an der Kasse und diese lächelt Granger an, als sei soeben die Sonne aufgegangen, doch ich schätze, dass der Bücherwurm hier Stammkunde ist und muss grinsen. Sie hat mich noch nicht gesehen und ich nutze den Überraschungseffekt als ich neben sie trete, während sie gerade einen schweren Wälzer über Quidditch begutachtet und sich offensichtlich überlegt, ob sie ihn aus dem Regal ziehen soll oder nicht.

„Na Granger, bist du Potter und Wiesel mittlerweile erfolgreich losgeworden, oder warum hängst du hier alleine rum?"

Sie zuckt zusammen und scheint überrascht zu sein, doch dann verengen sich ihre Augen zu schmalen Schlitzen, aus denen sie mich böse anfunkelt.

„Nein, die beiden sind schon in den Drei Besen weil ich noch Geschenke suche. Und überhaupt – was geht es dich an?"

Ich zucke lediglich mit den Schultern und deute auf den Quidditch-Band. „Potter oder Wiesel?"

Sie seufzt. „Für Harry."

Irgendwie bin ich erleichtert, dass sie nicht auf der Suche nach einem Geschenk für Weasley ist, auch wenn ich keine Ahnung habe warum. Ich greife nach einem kleineren Buch in der Nähe, welches sich mit unterschiedlichen Flugtaktiken beschäftigt und von dem ich weiß, dass es sehr lesenswert ist und halte es ihr vor die Nase.

„Hier, das ist mit Sicherheit nicht verkehrt. Das große ist mehr ein Bildband als sonst irgendwas, damit kann Potter wahrscheinlich nichts anfangen." Ich muss mir ein Lachen verkneifen als ich ihre Verwunderung darüber sehe und sie greift nach dem Buch und ich zucke zusammen als sich unsere Finger für den Bruchteil einer Sekunde berühren. Verdammt nochmal, kann das nicht einfach aufhören?

„Danke. Wie komme ich denn zu der Ehre?"

„Habe heute einen sozialen Tag", antworte ich schulterzuckend und noch ehe sie etwas darauf erwidern kann kommt Blaise um die Ecke und im Moment möchte ich ihn erwürgen. Dafür, dass er es immer schafft, in unpassenden Momenten aufzutauchen und Blödsinn zu reden.

„Draco, ich bin soweit. Wir können… Oh, hallo Granger! So allein hier? Wir gehen in die Drei Besen, kommst du mit? Du könntest dich uns anschließen und wir könnten über Quidditch philosophieren." Er zeigt auf das Buch in Ihrer Hand und grinst über beide Ohren.

Ich schieße einen Todesblick auf ihn ab und beschließe, dass er kein Weihnachtsgeschenk bekommt und ein prüfender Blick zu Granger bestätigt mir, dass sie mehr als nur perplex über die Art und Weise ist, wie Blaise mit ihr spricht. Ich übrigens auch, aber viel mehr bin ich sauer auf ihn. Nicht etwa über das, was er gesagt hat, sondern vielmehr über die Tatsache, dass er offensichtlich keinerlei Probleme damit zu haben scheint, über frühere Hausfeindschaften hinweg zu sehen und Smalltalk mit Granger zu halten.

„Ich… also… Nein, ich brauche noch eine Weile. Das Buch ist nicht für mich", antwortet sie ihm offensichtlich verwirrt.

„Okay, Granger. Bis dann", mische ich mich nun ein und ziehe Blaise zur Türe und ohne mich nochmal umzusehen schiebe ich ihn vor mir auf die verschneite Straße. Seinen empörten Protest überhöre ich gekonnt.

„Was bitte sollte das denn?", fauche ich ihn an und er scheint nicht ganz zu verstehen, was ich meine.

„Wie bitte? Ich hab doch nur Konversation betrieben!"

„Was auch immer. Lass es einfach." Der Tag heute ist irgendwie nicht auf meiner Seite und ich beschließe, dass Butterbier eine gute Alternative für den restlichen Tag darstellt. Vielleicht auch Feuerwhisky.

Blaise gibt sich allerdings nicht so leicht geschlagen. „Was ist dir denn bitte über die Leber gelaufen? Man könnte meinen, du…" Doch er spricht nicht weiter sondern bleibt einfach stehen und sieht mich mit großen Augen an, als sei ihm gerade ein riesiges Licht aufgegangen. „… du stehst auf Granger!"

Ich fühle förmlich wie mein Gesicht entgleist. Was?

„So ein Schwachsinn!" Meine Stimme ist lediglich ein knurren und ich lasse ihn einfach stehen und gehe an ihm vorbei.

Feuerwhisky, definitiv.

Blaise steht immer noch an Ort und Stelle und fängt schallend an zu lachen und ich wünschte, ich hätte ihn nicht so gern, denn dann könnte ich ihm einfach eine zentrieren. Vielleicht sollte ich den Obliviate mal an mir selbst testen?

Aber ja, er hat Recht und ich hasse ihn dafür.

Ich stehe auf Granger.

Kann der Tag noch beschissener werden?

HERMINE POV

Ich komme ehrlich gesagt nicht mehr ganz mit. Was war das bitte vorher für ein seltsamer Abgang von den beiden Slytherins? Dass Zabini sich mittlerweile normal mit mir unterhält, damit habe ich mich abgefunden aber dass Malfoy mir Buchtipps für Harrys Weihnachtsgeschenk gibt, damit habe ich nun nicht gerechnet. Und schon wieder ist er anschließend beinahe schon geflüchtet. Diese Tatsache ärgert mich fast mehr als alles andere, denn dieser Typ ist nach wie vor undurchschaubar und ich werde jetzt einfach aufgeben, aus Draco Malfoy schlau werden zu wollen.

Es dämmert schon so langsam und wir haben noch etwa zwei Stunden, ehe wir wieder zurück ins Schloss müssen, also beeile ich mich, um zu Harry und Ron in die Drei Besen zu kommen. Die Wirtschaft ist recht voll und ich muss kurz nach den beiden suchen, doch dann entdecke ich sie mit Ginny in einer Ecke des Pubs und schlängle mich durch die vollen Tische. Wie selbstverständlich suchen meine Augen den Raum nach einem blonden Haarschopf ab und beinahe freue ich mich, dass ich Malfoy und Zabini an einem kleinen Tisch am Fenster, nicht allzu weit von unserem ausmache.

„Hermine, da bist du ja endlich! Wo zum Geier hast du so lange gesteckt?", begrüßt mich Ron, als ich mich auf den freien Platz an unserem Tisch fallen lasse und mich aus meinem Mantel schäle. Ich grinse ihn an und frage mich, wie lange wir uns nun schon kennen, dass er sich das nicht denken kann.

„In der Buchhandlung", antworte ich, während ich der Bedienung winke und gestikuliere, dass ich auch ein Butterbier möchte. Harry lacht und Ginny knufft ihn in die Seite.

„Wenn Hermine nicht dauernd in die Bücher schauen würde, wärt ihr zwei ganz schön aufgeschmissen! Lach also nicht!" Ich verspüre eine Welle der Sympathie für Ginny in mir aufwallen. Und sie hat Recht, die Jungs könnten wirklich mal mehr in die Bücher schauen anstatt ständig nur über Quidditch zu reden.

„Ernsthaft, Hermine. Du musst endlich mal anfangen zu leben, das kann nicht gesund sein!"

„Danke Ron, dass du dir solche Sorgen um meine Gesundheit machst. Würdest du dir genauso viele Sorgen um deinen Abschluss machen, wäre die Welt in Ordnung." Ich nehme dankbar mein Bier entgegen und nehme einen großen Schluck. Das Zeug ist einfach immer wieder lecker.

Harry versucht vom Thema abzulenken und fragt nach den Plänen in den Weihnachtsferien. Er wird mit Ron und Ginny in den Fuchsbau gehen und dass ich dieses Jahr nicht dabei sein werde, hat bereits schon für die ein oder andere Diskussion gesorgt.

Ginny sieht mich traurig an. „Willst du wirklich nicht mitkommen? Was soll ich denn die Woche ohne dich anfangen? Das wird todlangweilig!"

„Na vielen Dank!", echauffiert sich Harry. „ Ist ja nicht so, als wäre dein Freund nicht auch da!"

Ich muss grinsen.

„Tja Harry, da muss man schon Prioritäten setzen", lache ich und nehme einen weiteren Schluck meines Biers.

Ron mischt sich ein und beschwert sich darüber, dass er in der ganzen Planung wohl vollkommen vergessen wird und die Stimmung ist ausgelassen, weil Ginny nun erklärt warum Ron als ihr Bruder nicht zählt und mein Blick schweift durch den Pub und bleibt natürlich an einem gewissen Slytherin hängen. Ich verschlucke mich vor Schreck an meinem Bier, so dass Ron mir auf den Rücken klopfen muss, damit ich wieder normal atmen kann, denn Malfoy starrt mich durchdringend an und verzieht keine Miene. Nachdem ich wieder Luft bekomme sehe ich erneut zu ihm und muss feststellen, dass er mich immer noch beobachtet. Was soll das? Mein Nacken fängt an zu kribbeln und ich werfe ihm einen fragenden Blick zu doch er wendet den seinen lediglich ab und greift nach seinem Glas, das wohl Feuerwhisky enthält. Er leert es in einem Zug und knallt es geräuschvoll auf den Tisch. Mir fällt auf, dass Zabini ihm grinsend gegenüber sitzt und ihn höchst wahrscheinlich auslacht. Was treiben die beiden dort drüben?

„Hermine?" Harrys Stimme holt mich zum Geschehen am Tisch zurück und ich schüttle kurz den Kopf um die seltsamen Gedanken zu vertreiben.

„Ja?"

„Ich habe dich gefragt warum du Malfoy und Zabini anstarrst."

Scheisse.

„Ich war nur erstaunt, dass Malfoy sich offensichtlich betrinkt." Und das ist sogar nicht mal zu weit her geholt, denn soeben winkt er die Bedienung zu sich und ordert ein weiteres Glas.

Ron schnaubt. „Wär ich Malfoy, würde ich mich auch betrinken. Anders wird der Typ sich doch selbst nicht ertragen können. Eigentlich eine ganz clevere Taktik für so einen miesen Todesser!"

Ich starre ihn an und möchte ihm gerade den Kopf waschen, überlege es mir aber anders. Vielleicht ist es etwas zu auffällig, wenn ich ständig Partei für den Slytherin ergreife, auch wenn es mir gegen den Strich geht, dass Ron so etwas vom Stapel lässt. Trotzdem, es ist nicht okay, dass er nicht wenigstens versucht, die alte Fehde hinter sich zu lassen und einfach mal nicht direkt mit der bekannten Todesser-Leier zu kommen. Immerhin hat Malfoy uns im Manor quasi den Arsch gerettet, aber wahrscheinlich macht diese eine Tat keine 7 Jahre Hass wieder wett.

Außerdem kennen die Anderen den Blonden nicht so, wie ich ihn mittlerweile kennengelernt habe und ich frage mich, was das nun über mich aussagt.

Ich versuche, das Thema auf etwas Anderes zu lenken, was auch wunderbar funktioniert, denn nun unterhalten die drei sich über das nächste Spiel gegen Ravenclaw nach den Ferien und ich entschuldige mich mit der Ausrede, dass mir zu warm sei und ich kurz vor die Tür gehe, was eigentlich keine wirkliche Ausrede ist, denn ich habe das Gefühl, als würde es hier im Pub nicht genug Sauerstoff geben. Ich schnappe meinen Mantel vom Stuhl und bahne mir schnellstmöglich meinen Weg nach draußen, wo ich ein paar Meter nach links gehe, mich an die Hauswand lehne und erst einmal tief durchatme, was bei der kalten Luft wirklich gut tut. Was ist nur los mit mir? Seit einiger Zeit ist dieser vermaledeite Slytherin unentwegt in meinem Kopf und dass er mich so herausfordernd angesehen hat dort drin, macht die Sache ganz und gar nicht besser.

DRACO POV

Das mit dem Betrinken klappt schon mal ganz gut, denn Blaises Sticheleien über mein offensichtliches Interesse an Granger prallen nach dem zweiten Glas Feuerwhisky einfach an mir ab.

Es war amüsant zuzusehen, wie sie sich vor Schreck an ihrem Bier verschluckt hat und gerade mit Absicht habe ich sie weiter angeschaut, was sie anscheinend etwas aus dem Konzept gebracht hat. Ich gebe zu, dass es mich ärgert, dass die vier Gryffindors so unbeschwert und ausgelassen zusammen sitzen können und offensichtlich keine sonstigen Probleme haben. Wir hingegen bekommen ständig und überall vernichtende Blicke ab und ich bewundere Blaise im Stillen, dass ihn das überhaupt nicht zu interessieren scheint. Es wundert mich generell, dass er so hinter mir steht, denn er selbst hatte ja nie etwas mit den Todessern im Allgemeinen zu schaffen, da seine Mutter nicht in solchen Kreisen verkehrt hat. Eigentlich könnte er sich den Zorn manch anderer Schüler ersparen, wenn er sich ebenfalls gegen mich stellen würde, doch ich habe aufgehört diese Tatsache zu hinterfragen und freue mich einfach, dass es so ist, wie es ist.

Was ist das? Ich nehme gerade noch wahr, wie Granger zur Türe raus stürmt und frage mich, wieso? Potter und Konsorten sitzen noch an ihrem Tisch und unterhalten sich angeregt also wird sie wohl nicht einfach gegangen sein. Mich ergreift eine seltsame Nervosität und ich schiele immer wieder zur Tür, doch Granger kommt nicht zurück.

„Alter, geh einfach hinterher!" Blaise rollt mit den Augen und grinst mich verschlagen an, was mich genervt aufstöhnen lässt.

„Du bist eine Plage, weißt du das?", frage ich, meine es aber nicht wirklich ernst. Irgendwie ist es ein Fluch und ein Segen zugleich, dass Blaise mich einfach zu gut kennt. Einerseits geht es mir tierisch auf den Wecker aber andererseits muss ich mich vor ihm nicht verstellen, weil er sowieso das Meiste über mich zu wissen scheint. Ich überlege auch gar nicht lange, ehe ich mich erhebe, und nach meinem Mantel greife. „Bin gleich wieder da", murmle ich noch und er nickt nur und schielt zu einer Gruppe Ravenclaw Mädels, die schon die ganze Zeit hin und wieder kichernd in seine Richtung blicken.

„Keine Sorge, mir wird schon nicht langweilig!"

Daran habe ich keinen Zweifel und schnell verlasse ich den Pub ohne zu wissen, was genau ich eigentlich vorhabe. Vielleicht ist sie schon wieder ins Schloss zurück, doch ich denke nicht, dass sie alleine gegangen ist. Schnell suche ich mit den Augen die Umgebung ab und tatsächlich, ich entdecke Granger einige Meter weiter in der Dunkelheit an der Hauswand, wo sie sich dagegen gelehnt hat und nichts weiter tut, als dazustehen und geradeaus auf die Straße zu blicken.

Zielsicher steuere ich auf sie zu. „Muss man sich Gedanken machen, weil du vor deinen Freunden flüchtest? Wobei das absolut verständlich ist, wenn du mich fragst."

Wenn sie verwundert darüber ist, mich hier draußen zu sehen, dann kann sie das gut verbergen, denn sie sieht mich völlig ausdruckslos an während ich näher komme.

„Kannst du auch eine andere Platte abspielen? Diese wird auf Dauer langweilig." Sie lächelt trotz ihrer Worte und scheint meine Spitzen auf ihre Freunde nicht allzu ernst zu nehmen. Meine Güte, liegt das am Feuerwhiskey oder sah Granger schon immer so aus, wenn sie lacht? Ich schüttle den Kopf um den seltsamen Gedanken zu vertreiben, was mir komplett misslingt.

„Ja das könnte ich wohl, aber nun ja, ich will nicht." Mittlerweile stehe ich vor ihr und ich kann ihren Blick nicht zuordnen. Sie hat die Arme vor ihrem Körper verschränkt und sieht mich einfach nur an, ohne jegliche Emotion.

„Was wird das, Malfoy? Was soll das Ganze?", will sie leise wissen und das ist tatsächlich eine Frage, die ich mir weiß Gott wie oft schon selbst gestellt und einfach noch keine vernünftige Antwort darauf gefunden habe. Ich weiß weder, warum ich gerade hier bin noch was genau ich tun will. Ich weiß nur, dass ich wie ein Magnet von Granger angezogen werde und mich verdammt nochmal einfach nicht dagegen wehren kann. Offensichtlich überlege ich zu lange, denn sie seufzt und will sich gerade abwenden.

„Na dann…", sagt sie und irgendein Schalter wird in diesem Moment in meinem Kopf umgelegt, denn schneller als ich es selbst realisieren kann, schnellt mein linker Arm nach vorne an die Wand und versperrt ihr somit den Fluchtweg. Perplex sieht sie mich an und ich muss lachen.

„Wer läuft jetzt davon?" Meine Stimme ist rau und ich weiß einfach, dass es falsch ist und bin mir sicher, dass ich mich hier gerade in etwas hinein manövriere, was für mich absolut ungut enden wird, aber ich bin schon lange über den Punkt hinaus, wo ich mir darüber Gedanken machen möchte.

Ohne den Blickkontakt zu unterbrechen, beuge ich mich langsam zu ihr hinunter und registriere gerade noch, dass sie überrascht nach Luft schnappt, ehe ich meine Augen schließe und meine Lippen langsam auf ihre lege.

Tausend Volt schießen in diesem Moment durch meinen Körper und jeder rationale Gedanke wird gerade einfach aus meinem Hirn geschwemmt. Für wenige Sekunden verharre ich bewegungslos in der Position und ich bekomme gerade noch so mit, dass sie mich weder von sich stößt, noch mir mit der Faust ins Gesicht schlägt. Ganz im Gegenteil, denn Granger kommt mir entgegen und erwidert den Kuss mit einer Heftigkeit, mit der ich niemals gerechnet hätte. Das ist der Moment in dem mir vollkommen die Sicherungen durchbrennen und sofern das überhaupt noch möglich ist, dränge ich mich dichter an sie und unterdrücke ein Aufstöhnen, als unsere Zungen sich berühren. Meine Hand findet wie von selbst den Weg in ihren Nacken um sie an Ort und Stelle zu halten doch Granger hat nicht vor unsere Knutscherei zu unterbrechen.

Kein Wort der Welt kann beschreiben, wie es ist, Hermine Granger zu küssen und wenn ich nicht so komplett in meinen Gefühlen gefangen wäre, dann wäre jetzt wohl der Zeitpunkt um in Panik auszubrechen, doch nichts liegt mir im Moment ferner, als die Situation zu analysieren. Granger ist in meinem Kopf, unter meinen Händen, in jeder Zelle meines Körpers und nimmt mich vollkommen für sich ein. Hätte mir noch vor ein paar Wochen jemand gesagt, dass ich irgendwann einmal knutschend mit ihr an einer Hauswand lehne, hätte ich wahrscheinlich nicht lange gefackelt und den Crucio eingesetzt. Nun sieht die Sache jedoch anders aus.

Mein Magen macht einen unangenehmen Rückwärtssalto bei dem Gedanken, was nach diesem Kuss wohl passiert und verzweifelt greife ich nach ihren Händen und verschränke meine Finger mit ihren um den Kontakt noch länger aufrecht zu erhalten. Ich habe keine Ahnung, wie lange wir hier schon stehen und es ist mir auch egal, ob es Sekunden oder Minuten sind, denn rationales Denken ist absolut nicht mehr möglich und ich wünschte mir im Moment, dass einfach die Zeit still stehen bleibt.

Als wir uns schwer atmend dann doch irgendwann voneinander lösen, öffne ich todesmutig meine Augen und sehe sie an. Ihr Blick ist etwas verklärt und nur langsam spiegelt sich in Ihren dunklen Augen die Erkenntnis über das soeben Geschehene wieder und als es so weit ist, und ihr offenbar bewusst wird, was hier gerade geschehen ist, schnappt sie heftig nach Luft.

„Malfoy… was… wir haben…", fehlen ihr die Worte und ich schließe fassungslos die Augen und während unsere Hände immer noch miteinander verschränkt sind, erlaube ich mir einen Moment der Schwäche und lege meine Stirn an Ihre.

„Ja Granger, wir haben ein Problem."

HERMINE POV

Oh Gott, was ist passiert? Malfoy hat mich geküsst, nein, ich habe Malfoy geküsst oder? Mein Denkvermögen hat sich verabschiedet und ich kann nichts tun außer zu atmen. Einatmen, ausatmen… und dies in regelmäßigen Abständen. Auf mehr kann ich mich gerade nicht konzentrieren. Er ist immer noch so nah und sein Parfum, vermischt mit dem herben Geruch von Feuerwhiskey vernebelt meine Sinne. Wir halten uns nach wie vor an den Händen und so merkwürdig es klingt, aber ich bin mehr als froh über diese Tatsache, da ich mir nicht sicher bin, ob ich sonst nicht einfach an der Wand entlang auf den Boden rutschen würde.

„Ein… Problem?", kommt es mir zögerlich über die Lippen und bin erleichtert, dass ich überhaupt ein Wort raus bekomme.

Er richtet sich nun wieder auf und blickt mich ernst an, ehe er antwortet.

„Ja, oder wie würdest du das nennen?"

„Ich…", setze ich an, doch ich weiß ehrlich gesagt nicht, was ich ihm antworten soll, denn ich kann mich nicht gleichzeitig auf meine weichen Knie, meinen rebellierenden Magen und auch noch aufs Sprechen konzentrieren. Muss ich auch gar nicht, denn die Tür vom Pub geht auf und erschrocken stelle ich fest, dass es Ron ist, der mit seinem Blick die Straße absucht.

Schneller als ich in meiner momentanen Verfassung jemals hätte reagieren können, hat Malfoy einen Schritt nach hinten gemacht und mir seine Arme entzogen, die er nun vor seiner Brust verschränkt. Ich blicke panisch von ihm zu Ron und zurück, und in diesem Moment hat Ron uns auch schon entdeckt.

„Hermine? Alles in Ordnung?", will er wissen, während er an uns heran tritt. „Malfoy, was machst du hier?" Seine Stimme ist schneidend und ich hatte beinahe schon vergessen, dass auch Ron ganz schön furchteinflößend sein kann, wenn er wütend ist. Er starrt Malfoy abschätzend an und stellt sich schützend neben mich, wie immer bereit mich zu verteidigen, wenn es sein muss.

„Wiesel, was für ein herrlicher Abend um sich ungebeten einzumischen, nicht wahr?", kontert Malfoy und ich bin kurz davor einfach hysterisch aufzulachen, denn die Situation überfordert mich nun doch etwas.

„Ron, ich…", doch Malfoy unterbricht mich.

„Keine Sorge, ich hatte nicht vor, Granger zu ermorden. Das hat ja doch keinen Sinn mehr." Er blickt kurz amüsiert in meine Richtung.

„Und was willst du dann von Hermine?", fragt Ron und scheint ihm kein Wort zu glauben. Die beiden starren sich beinahe gegenseitig nieder und ich will bereits irgendetwas sagen, wobei ich keine Ahnung habe was, da rettet Malfoy gekonnt die Situation und ich staune nicht schlecht über seine Fähigkeit, sich so rein gar nichts anmerken zu lassen und direkt wieder in den normalen Modus umzuschalten, denn von jetzt auf gleich ist er wieder der arrogante Slytherin, der er schon immer war.

„Das geht dich zwar nichts an, Weasley, aber ich wollte mich lediglich bei Granger für die Geschichte mit der Krankenstation entschuldigen. Hatte sich bisher nicht ergeben. Also, Granger…", schaut er kurz ausdruckslos in meine Richtung. „…nichts für ungut." Kaum hat er die Worte ausgesprochen, geht er auch schon kommentarlos an uns vorbei und verschwindet wieder in den Drei Besen. Ich atme einmal kurz tief durch. Meine Güte, nicht auszudenken was passiert wäre, wenn Ron nur ein paar Minuten eher gekommen wäre um mich zu suchen.

„Der Typ wird immer ätzender", ist der Kommentar von Ron und ich schließe kurz gequält die Augen. Das kann ich so jetzt nicht unbedingt unterschreiben.

Ich seufze. „Lass uns wieder rein gehen, die Anderen warten bestimmt schon."

DRACO POV

Kaum habe ich mich wieder zu Blaise gesetzt kommen auch schon Granger und Wiesel zurück und ich muss zugeben, dass ich mich freue, dass sie doch etwas verwirrt aussieht. Sie scheint ihrem Kumpel überhaupt nicht zuzuhören, der offenbar irgendwas an sie hin quatscht. Ein zufriedenes Grinsen legt sich auf mein Gesicht und ich greife nach meinem Glas, das nach wie vor auf dem Tisch steht.

„Draco, das ist gruselig", kommt es trocken von Blaise und ich schaue ihn fragend an.

„Wie bitte?"

„Dein Grinsen. Ehrlich, lass das!" Er lacht, was mich dazu veranlasst nur noch breiter zu grinsen. Ja gut, ich versteh das schon, eigentlich ist es nicht meine Art, mich nicht unter Kontrolle zu haben aber im Moment peitscht immer noch haufenweise Adrenalin durch meinen Körper und ich kann einfach nicht anders, als weiterhin in mein Glas zu lächeln. Allerdings hilft der Alkohol erstaunlicher Weise gerade, wieder etwas klarer im Kopf zu werden.

„Möchte ich wissen, was draußen war?", ist mein Kumpel neugierig wie immer und ich lehne mich entspannt zurück.

„Natürlich willst du das, aber ich sage es dir nicht"

Er rollt mit den Augen und sieht mich vorwurfsvoll an.

„Komm schon, ich erzähl dir auch immer alles!"

„Ja, aber der Unterschied ist, dass ich das meiste gar nicht wissen will!", lache ich und lenke dann doch ein, als er seinen jämmerlichsten Hundewelpenblick aufsetzt. „Ich erzähle es dir später!" Mir fehlt gerade noch, dass er hier jetzt ausflippt und die Aufmerksamkeit dadurch auf uns zieht. Viel lieber beobachte ich noch eine Weile Granger, die sich offensichtlich relativ schwer damit tut, dem Gespräch ihrer Freunde zu folgen, denn Potter spricht sie gerade schon zum zweiten Mal an, ohne dass sie reagiert. Zum Glück sind Potter und Weasley nicht sonderlich gut darin, eins und ein zusammen zu zählen, nur die Schwester von Wiesel macht mir etwas Sorgen, denn soeben wirft sie einen Blick über die Schulter und blickt mich kurz nachdenklich an und das, sowie die Tatsache dass mir soeben bewusst wird, dass ich wahrhaftig Granger geküsste habe und ich nicht die geringste Ahnung habe was zur Hölle das jetzt bedeutet oder wohin das führt, bringt mich schlagartig auf den Boden der Tatsachen zurück.

Schnell wende ich meinen Blick wieder ab und proste Blaise zu, der gerade sein Glas austrinkt.

„Lass uns zahlen und verschwinden!"