10. Kapitel: Erster Überläufer
Einige Minuten herrschte
Schweigen im Raum. Zu Harrys Erstaunen, blieben alle auf ihren
Plätzen sitzen.
"Gut. Nachdem das jetzt geklärt ist,
könnt ihr Fragen stellen. Im Groben hab ich euch jetzt alles
erzählt. Also, was wollt ihr wissen?"
"Was passiert nach
eurer Hochzeit?"
"Tom wird weiterhin die Todesser führen,
ich diesen Orden hier. Das einzige, was uns beide angeht, sind die
Clanmitglieder. Allerdings werden wir uns in dem Punkt schon einigen,
und es betrifft euch nicht", antwortete Harry auf Katasumis
Frage.
"Wird dir das nicht zu viel?" fragte Remus vorsichtig
nach.
Harry lächelte den Werwolf warm an. "Wozu habe ich
euch? Ihr fünf seid die einzigen, die, so lange ich euch kenne,
immer auf meiner Seite gestanden sind, und es wirklich ehrlich
meinen. Deshalb möchte ich, dass ihr mir bei der Führung
des Ordens helft. Ihr werdet den selben Status einnehmen, wie Toms
Innerer Kreis. Ich vertraue euch und eurem Urteil und bin mir sicher,
dass, solltet ihr mal auf ein Problem stoßen, mit dem ihr nicht
zurecht kommt, mich um Hilfe bittet.
Was die Clangeschäfte
angeht. Katasumi hat das Ganze meiner Meinung nach gut hinbekommen.
Er hatte, auch als Kilana noch lebte, das Sagen unter den
Clanmitgliedern, da sie die letzten Wochen bettlägerig
war."
"Was ist mit uns?" fragte Bill. "Du hast vorhin
gesagt, dass ihr eng mit Tom zusammen arbeiten werdet. Wie genau soll
das aussehen?"
"Wir werden viele Missionen gemeinsam
durchziehen, und die Todesser vom Inneren Kreis dürfen sich in
unserem Hauptquartier aufhalten, so lange sie nichts durcheinander
bringen. Des weiteren haben Tom und ich beschlossen, dass wir euch
Todessern, wie auch den Mitgliedern meines Clans, die Möglichkeit
geben wollen, zwischen den beiden Orden zu wechseln. Im Klartext:
Wenn ein Todesser nicht mehr mit Toms Methoden der Führung
einverstanden ist, allerdings unsere Ziele weiter verfolgen will, hat
er die Möglichkeit in meinen Orden zu wechseln. Umgekehrt
genauso. Tom wird in dieser Beziehung keine Fragen stellen, sondern
es einfach gestatten. Ich bitte jedoch um Erklärung, damit ich
weiß, wenn ich etwas falsch mache."
"Du willst dich nach
uns richten?" fragte Draco verwirrt.
"Bis zu einem gewissen
Punkt, ja. Ich weiß sehr gut, dass ich nicht auf jede
Kleinigkeit eingehen kann, allerdings möchte ich versuchen,
Probleme innerhalb meiner Reihen zu lösen. Es bringt nichts,
wenn meine Mitglieder untereinander zerstritten sind, da dadurch die
Effektivität unseres Ordens leidet. Und das werde ich nicht
zulassen.
Das Selbe betrifft die Todesser. Solltet ihr
untereinander irgendwelche Probleme haben, biete ich denjenigen, die
sie annehmen, gerne meine Hilfe an."
"Und wenn man ein
persönliches Problem mit jemandem hat?" fragte Hermine und sah
Draco dabei direkt an.
"Herm, das ist kindisch. Das selbe gilt
für dich, Draco. Ihr kennt euch gar nicht wirklich. Draco, was
hat dir Hermine je getan, und fange jetzt bitte nicht damit an, dass
sie mugglegeboren ist. Ich meine damit, was sie dir jemals getan hat,
dass dieser dumme Streit berechtigt wäre?"
Draco dachte
einen Moment nach, fand aber keine Antwort. Darum schwieg er und
senkte betreten seinen Kopf. Harry hatte Recht. Alles, was in den
letzten Jahren zwischen den beiden geschehen war, war nur passiert,
weil sein Vater ihm eingebläut hatte, dass Mugglegeborene
niedriger gestellt sind, als Reinblüter. Wenn man diesen Aspekt
allerdings weg ließ, und die Menschen betrachtete, die hinter
diesen Vorurteilen standen, sah er keinen Grund darin, sich weiterhin
mit dem Mädchen zu streiten.
Draco seufzte tief.
"Granger,
entschuldige bitte mein intolerantes und dummes Verhalten der letzten
Jahre."
Hermine war erst einmal nur baff. Ebenso wie alle
anderen im Raum. Hatte Draco Malfoy sich gerade bei ihr
entschuldigt?
Nachdem Hermine das Ganze erst mal verdaut, und ihre
Stimme wieder gefunden hatte, meinte sie nur.
"Schon okay. Ich
war ja genauso kindisch. Vielleicht...vielleicht sollten wir uns
einfach mal zusammen setzen und die Sache bereden?"
"Gut. Das
machen wir."
"Geht doch", meinte Harry nur. "Bitte,
bedenkt, wir sind alle erwachsen. Deshalb bin ich der Ansicht, dass
wir auch miteinander über unsere Probleme reden können.
Egal ob in Anwesenheit eines Dritten, oder aber unter vier Augen. Das
bleibt jedem selber überlassen. Aber wir sind allmählich
aus dem Alter raus, wo man hinter vorgehaltener Hand über
jemanden lästert oder aber jemanden einen Fluch auf den Hals
hetzt mit der Begründung. Ich kann dich nicht leiden, einfach
nur, weil du am Leben bist.'
Das ist keine Begründung, das
ist Schwachsinn. Wenn euch jemand nicht passt, auch wenn ihr euch mit
dem Problem auseinander gesetzt habt, dann geht ihm oder ihr bitte
aus dem Weg, und sagt es mir. Es wäre nämlich sinnlos, euch
auf eine gemeinsame Mission zu schicken. Sonst noch Fragen?"
"Ähm
ja. Du hast gesagt, dass wir auch mit den Todessern auf gemeinsame
Mission müssten. Wie sollen wir die verschiedenen Parteien
voneinander unterscheiden?"
"Nun, zum einen möchte ich,
das ihr das Kampfoutfit des Katasima Clans tragt. Es besteht aus
einer schwarzen, eng am Körper anliegenden Hose samt Shirt. Dazu
schwarze Stiefel und ein Mundtuch, das euer Gesicht unkenntlich
machen wird. Des weiteren besorgt sich jeder bei seinem Eintritt eine
einfache, schwarze Robe mit Kapuze. Gebt die Robe und eventuelle
Ersatzroben mir, und ich werde darauf das Zeichen des Ordens machen,
das aus den Umrissen eines Falken bestehen wird. Das Zeichen befindet
sich auf dem Rücken so wie, etwas kleiner, über der rechten
Brust. Noch was?"
"Wie willst du die Mitglieder rufen? Ich
bezweifle, dass du uns das dunkle Mal verpassen wirst."
"Ganz
einfach. Jedes Mitglied, egal ob männlich oder weiblich, wird
sich einen Ohrstecker beschaffen und sich ein Ohrloch stechen lassen.
Da es auffallen würde, wenn wir alle denselben Anstecker haben,
hat jeder dabei seine individuelle Wahl. Ich werde die Ohrstecker
dann so verzaubern, dass sie einen leichten Ton von sich geben, wenn
ich meine Leute rufe. Das bedeutet aber auch, dass ihr den Anstecker
ständig tragen müsst. Sollte er euch irgendwann nicht mehr
passen, besorgt euch von mir aus einen neuen, aber gebt ihn mir,
damit ich den Zauber darauf legen kann."
"Was ist, wenn
Todesser wechseln?" fragte Draco.
"Tom hat mir erklärt,
wie ich das Dunkle Mal wieder entfernen kann. Das dürfte somit
also kein Problem sein."
"Ich werde irgendwie das Gefühl
nicht los, dass der junge Mister Malfoy uns mit seinen Fragen etwas
sagen will", meinte Tom nur und sah Draco durchdringend an. Dieser
lief leicht rosa an.
Harry rollte nur mit den Augen.
"Von
Taktgefühl hast du auch noch nie was gehört, oder?"
Tom
grinste ihn zur Antwort nur fies an.
"Draco, kommst du bitte mal
kurz mit", meinte Harry und stand auf.
Der Blonde tat es ihm
nach kurzem Zögern nach, und gemeinsam verließen sie das
Esszimmer.
Nachdem Harry die Tür hinter ihnen zugezogen
hatte, sah er den Blonden fragend an.
"Möchtest du gerne zu
meinem Trupp wechseln?"
"Ja", meinte dieser, kaum
hörbar.
"Warum?"
"Ich...ich wollte eigentlich kein
Todesser werden. Aber mein Vater wollte, dass ich einer werde.
Ich...ich kann das nicht."
"Du meinst, Leute
töten?"
"Ja."
"Ich weiß, was du meinst. Es
ist nur halb so schwer einen Menschen zu verletzten, wie ein Leben
auszulöschen. Ich habe es mir schon gedacht."
"Wirke ich
so schwach auf dich?"
"Nein. Aber ich habe gesehen, wie du vor
Dumbledore mit erhobenem Zauberstab gestanden und gezögert
hast."
"Du hast es gesehen?" fragte Draco und sah Harry groß
an.
"Ja. Ich lag bewegungslos unter meinen Tarnumhang
daneben."
"Hältst du mich jetzt auch für so schwach
wie mein Vater?"
"Nein. Draco, du bist nicht schwach. Es war
nur noch zu früh."
"Wie meinst du das?"
"Ganz
einfach. Du bist ein junger Mann, der außer den Strafen seines
Vaters, nicht viel Leid erfahren hat. Du hast somit für dich
persönlich keinen Grund zu töten."
"Und was ist mit
dir? Könntest du jemanden töten?"
"Ich habe schon
zwei Mal in meinem Leben getötet, Draco. Und wenn man die Sache
mit Tom damals mitzählt, dann drei Mal."
"Wie meinst du
das? Wen?"
"Quirell in meinem ersten Schuljahr, und den
Basilisken in meinem zweiten. Beides waren Lebewesen, und beide sind
durch meine Hand gestorben. Auch musste ich schon oft zu sehen, wie
andere Menschen starben. In dem Punkt ist meine Hemmschwelle mit der
Zeit ziemlich gesunken. Aber bei mir waren es andere Umstände
als bei dir. Und glaube mir eines. Der erste Mord ist der Schlimmste.
Und danach wird es jedes Mal ein bisschen leichter."
"Ich
kriege ja nicht mal den einen hin."
"Dann suche dir dafür
eine Person, die du wirklich hasst. Oder aber, wir üben es
zusammen."
"Wie meinst du das?"
"Ganz einfach. Den
Avada Kedavra ohne Ziel zu üben, und mit Ziel sind zwei
vollkommen verschiedene Dinge. Ich habe dir doch erzählt, dass
ich einen Spruch entwickelt habe, mit dem ich den Todesfluch brechen
kann. Wenn wir das Ganze oft genug üben, hast du vielleicht
irgendwann keine Skrupel mehr davor, ihn auf jemand anderen
anzuwenden. Okay?"
"Okay."
"Willst du immer noch
wechseln?"
"Ja, bitte."
"Dann gib mir deinen Arm, damit
ich das Mal entfernen kann. Ich kann dir leider nicht sagen, ob es
schmerzen wird oder nicht."
Draco nickte nur und reichte Harry
seinen Arm. Dieser zog den Stoff, der das Zeichen Voldemorts verbarg,
zurück und legte dann seine Hand auf das Mal.
"Brauchst du
keinen Zauberstab dazu?" fragte Draco verwirrt.
"Ich benötige
für keinen Zauber, den ich ausführe, noch einen
Zauberstab", lächelte Harry. "Beiß am besten
vorsichtshalber die Zähne zusammen."
Es ließ dem
Blonden noch ein paar Sekunden Zeit, sich mental auf das Kommende
vorzubereiten, ehe Harry leise einen für Draco unverständlichen
Spruch murmelte. Der Blonde verzog augenblicklich schmerzverzerrt das
Gesicht. Es war, als würden tausende von glühenden Nadeln
in seine Haut stechen. Der Blonde unterdrückte krampfhaft einen
Schrei.
Ebenso schnell wie der Schmerz aufgezogen war, war er auch
wieder verschwunden.
"Möchtest du gleich wieder mit rein
kommen, oder dich erst einen Moment setzen?" fragte Harry
besorgt.
Draco war noch blasser als sonst und der kalte Schweiß
stand ihm auf der Stirn. Sein Atem ging keuchend und
abgehackt.
Vorsichtig führte Harry den Blonden zur Treppe,
und setzte ihn dort auf die Stufen.
"Ich...ich komm
gleich...gleich nach", keuchte der Blonde.
"Soll ich dir noch
schnell was zu trinken holen?"
"Nein, geht schon. Ich will das
nur erst sacken lassen."
"Gut. Komm wieder rein, wenn du dich
besser fühlst. Wenn du später irgendwelche Fragen an mich
haben solltest, kannst du jederzeit zu mir in mein Zimmer kommen.
Aber klopf vorher bitte an und warte, bis ich geantwortet habe, ehe
du rein kommst. Verstanden?"
"Ja. Danke."
"Bitte",
lächelte Harry den Blonden an und ging wieder ins Esszimmer.
