Die Twilight- Saga und alle ihre Charakteren, Handlungen und Dialoge gehören Stephenie Meyer.
Endlich, das neue Kapitel ist fertig. War nach Ostern in Wien, deswegen bin ich leider nicht zum Schreiben gekommen. Aber nun dürft uihr euch auf 8000 neue Wörter über Bella und Edward freuen.
Danke für die Reviews und an meine neuen Followers! Viel Spaß beim Lesen. Hoffe ihr mögt das Kapitel!
Der Lauscher an der Wand
In Gedanken war ich bei Bella und der Art und Weise, wie sie hinter mein Geheimnis gekommen war, während ich nach Hause fuhr. Ihr Kontakt zu den Quileute beunruhigte mich. Schließlich war an den Legenden nicht nur eine Seite der Medaille wahr, die Seite der Blutsauger, wie sie uns verächtlich nannten, sondern auch die der Indianer. Ich selbst hatte damals, als der Pakt zwischen den Cullens und dem Stamm geschlossen wurde, gesehen, wie sich die Rothäute in Wölfe verwandelt hatten. Sie fielen dabei etwas größer aus, als ihre natürlichen Artgenossen und verfügten über bedeutend ausgeprägtere Eigenschaften als diese. Außerdem waren sie meilenweit gegen den Wind zu riechen. Es gab nichts, was eine Vampirnase so beleidigen konnte, wie der Geruch der Gestaltenwandler. Deshalb wusste ich auch, dass es seit kurzem im Reservat wieder begonnen hatte – das Gestaltwandeln. An unserer Grenze hatte ich mindestens zwei Wolfsfährten gerochen und deswegen hatte ich Bella warnen müssen sich vom Wald fern zu halten. Es konnte nicht ungefährlich für sie sein einem der Wölfe zu begegnen, auch wenn sich die Indianer als Beschützer sahen, so konnte man meiner Meinung nach nicht sicher sein, ob sie sich in wölfischer Verwandlung zu beherrschen wussten.
Kaum bog ich in den Waldweg zu unserem Haus, fing ich einen fremden Gedanken ein. Alice! Sie fragte sich, wo ich steckte und wie der Nachmittag gelaufen war. Ich lächelte über ihre Besorgnis und trat aufs Gas, um sie schnellstmöglich zu beruhigen. Sie stand auf der Terrasse und wirkte erleichtert, als ich endlich um die Ecke bog. So ganz konnte auch sie solche menschlichen Regungen nie unterdrücken. Dabei hatte es zu Besorgnis um mich nie weniger Grund gegeben, schließlich war ich unsterblich.
Alice lief mir entgegen, als ich eingeparkt hatte und ausstieg. Dabei bemühte sie sich um eine natürliche Geschwindigkeit. Sie gab sich immer Mühe ihre übernatürlichen Kräfte zu beherrschen, damit es ihr im täglichen Umgang mit den Menschen leichter fiel.
„Ist alles gut gegangen?", erkundigte sie sich aufgeregt.
„Warum sollte es das nicht?", konnte ich es mir nicht verkneifen sie etwas zu necken.
Sie knuffte mich dafür in den Arm und fragte: „Ist Bella in Ordnung?"
„Sicher. Ich habe sie gerade zu Hause abgesetzt, unversehrt."
„Da bin ich froh. Erzähl!", verlangte meine Schwester und ich folgte ihrer Bitte, während wir langsam ins Haus und in die leere Küche gingen, damit wir ungestört waren.
Alice reagierte einerseits bestürzt, als ich ihr erzählte, dass Bella hinter unser Geheimnis gekommen war, andererseits verkündetet sie entschieden, dass sie Bella vertraue, dass diese es für sich behalten würde. Nachdem ich meinen detaillierten Bericht über die Ereignisse des Nachmittags und Abends beendet hatte, wollte Alice wissen: „Was wirst du jetzt tun?"
„Wenn ich das nur wüsste! Auf der einen Seite beängstigt es mich, dass Bella Gefühle für mich hat. Auf der anderen freue ich mich darüber. Ich kann mir mein Leben ohne sie einfach nicht mehr vorstellen, obwohl ich weiß, dass es einfach viel zu gefährlich für sie ist. Nicht nur der Durst, der nach wie vor in mir für sie brennt. Sie ist so zerbrechlich und du siehst doch selbst, wie leicht sie von einer Gefahr in die Nächste stolpert!"
„Edward, du bist so stark, du hast so lange gegen diese Gier gekämpft, dass ich nicht glaube, dass du eine wirkliche Gefahr für sie bist. Und du könntest sie beschützen. Außerdem wirst du nichts gegen ihre Gefühle ausrichten können. In dieser Hinsicht ist Bella starrköpfig, könnte ich mir denken. Ich mag sie und sie passt ganz gut zu dir. Letztendlich wirst du keine Wahl haben: sie ist dazu auserkoren deine Gefährtin zu sein. So ist das nun mal bei uns. Da kann man nichts machen!"
Alice Gesichtsausdruck wurde abwesend und ich folgte ihr in ihre Vision. Die erste kannte ich bereits: sie zeigte Bella und mich auf der sonnenüberfluteten Wiese zwischen blühenden Gräsern. Sie verschwamm und machte einer neuen Platz: Bella, meinen Arm um ihre Hüfte, im Kreis meiner Familie, in unserem Haus.
Lächelnd kehrte meine Schwester in die Gegenwart zurück. „Siehst du", verkündete sie strahlend, gab mir einen Kuss auf die Wange und ließ mich unschlüssig zurück. Ich konnte mich ihren Ausführungen nicht einfach bedenkenlos anschließen. Also beschloss ich Carlisle nach seiner Meinung zu fragen, der mir, so lange ich denken konnte, immer ein guter Ratgeber gewesen war.
Ich fand ihn in seinem Arbeitszimmer, der Bibliothek. Er las und ich erkannte am Buchtitel, dass es eine nagelneue medizinische Erscheinung war, die ihn sichtbar fesselte. Trotzdem sah mein Ziehvater sofort auf, als ich eintrat, und da er meine Miene scheinbar abzulesen schien, dass ich das Gespräch suchte, klappte er das Werk ohne zu zögern zu. Er schwang die Beine vom Sofa und bat mich Platz zu nehmen. Ich musste ein wenig über diese menschliche Eigenart lächeln, die Carlisle in den gut vierhundert Jahren seines Lebens nicht abgelegt hatte. Zum Lesen legte er sich gern aufs Sofa, als bräuchte sein Körper die Ruhe. Manchmal traf man auch Esme in dieser Position an, sie hatte sich diese Angewohnheit ebenso zu eigen gemacht wie ihr Gefährte.
„Was kann ich für dich tun, Edward?", fragte Carlisle, in dem väterlichen Tonfall, den ich zu solchen Gelegenheiten sehr schätzte. Er gab mir immer das Gefühl ein Mensch zu sein und kein seelenloses Monster.
Energisch rief ich mich zur Ordnung, denn ich wollte mich nicht vom eigentlichen Grund meines Besuches abbringen lassen. Die Diskussion, die in mir angeklungen war, hatte ich bereits unendlich oft mit Carlisle durch und wir kamen nie zum selben Ergebnis.
„Es geht um Bella", erklärte ich und nahm neben ihm Platz.
Lächelnd erwiderte mein Adoptivvater: „Das habe ich mir beinah gedacht. Alice erzählte mir, du wärst ihr heute nach Port Angeles gefolgt, wegen einer Vision, in der sie in Gefahr schwebte."
„Ja, und es hat sich wieder einmal gezeigt, dass Alice Visionen nicht zu unterschätzen sind. Bella wurde von vier Kerlen in einen Hinterhalt gelockt."
Bei den letzten Worten schlug eine Welle der Wut in mir hoch und sie kamen fast als Knurren über meine Lippen. Besorgt bemerkte Carlisle die Veränderung, die mit mir vorging.
„Und dann?", wollte er in besänftigendem Tonfall wissen. Ich las in seinen Gedanken die Sorge, dass ich meiner Wut in Port Angeles nicht die Zügel angelegt hatte.
„Ich habe Bella rausgeholt und bin mit ihr fortgefahren, ohne den Kerlen was zu tun", erklärte ich zu seiner Beruhigung.
„Ich bin stolz auf dich, Edward. Bei deinen Gefühlen für Bella war es sicherlich nicht leicht die Männer zu verschonen."
„Es hat nicht viel gefehlt und ich wäre umgekehrt, um ihnen die Köpfe abzureißen", gestand ich.
„Aber Bella war bei dir. Das hat dich abgelenkt", schlussfolgerte Carlisle.
Ich nickte zustimmend und erzählte ihm dann vom restlichen Abend. Wie ich mit Bella in dem italienischen Restaurant gewesen war und sie mir auf dem Heimweg ihre Theorie über mich, beziehungsweise unsere Familie, offenbart hatte.
„Eines Tages musste es so kommen. Es bestand immer die Gefahr, dass ein Mensch erkennt, was wir sind", kommentierte Carlisle gefasst. „Ich denke wir können Bella vertrauen. Diesen Eindruck hat sie damals im Krankenhaus bei mir hinterlassen. Schließlich hat sie damals über ihre Bedenken wegen deiner Schnelligkeit und Kraft geschwiegen. Ich nehme also an, dass es nicht das ist, was dich beschäftigt?"
„Nein", gab ich ehrlich zu. „Es sind eher ihre Gefühle für mich, die mich ratlos machen."
Fragend schaute mich Carlisle an und bat mit dem Hochziehen einer Augenbraue um eine genauere Erklärung.
„Sie hat gesagt, dass sie sich die letzten Tage, als ich weg war, beziehungsweise nicht zur Schule gehen konnte, schlecht fühlte. Nervös, weil sie nicht wusste, wo ich war. Genauso wie ich mich auch die letzten Tage gefühlt habe! Und sie lässt sich das einfach nicht ausreden. Sie beharrt darauf diese Gefühle für mich zu haben, egal, was ich bin oder was ich tue!"
„Das ist der Charakter der Liebe. Er fragt nicht nach dem was man ist oder tut. Bella scheint tiefe Gefühle für dich zu hegen, das ist sonnenklar. Und du für sie, also musst du sehen, was du daraus machst. Von ihr fern halten kannst du dich nicht. Das beweist du nicht nur jede Nacht aufs Neue, sondern hast es auch heute Nachmittag getan. Du musst Vertrauen in dich haben, dass du das, was du liebst, nicht verletzen, sondern beschützen wirst."
„Du redest fast wie Alice", fuhr ich auf.
Doch Carlisle lächelte darüber und stellte fest: „Hattest du gehofft, ich würde dich verdammen und es versuchen dir auszureden? Das kann ich nicht, Edward. Es wird geschehen, was geschehen muss. Daran können nicht mal wir Vampire etwas ändern! Ich hoffe du bist jetzt nicht allzu enttäuscht von unserer Unterredung. Solltest du jemanden suchen, der dir die Sache gründlich ausredet, so fürchte ich, bleibt dir nur Rosalie. Sie übernimmt diese Aufgabe sicherlich gern."
Noch immer schmunzelnd, griff mein Ziehvater zu seinem Buch und ich wusste, er hatte zu dem Thema nichts weiter zu sagen.
„Danke", sagte ich gequält und verließ das Zimmer, wohlweislich die Gedanken des Zurückbleibenden ausschließend, da ich befürchtete, Erheiterung über meine Unzufriedenheit in ihnen zu lesen.
Grübelnd ging ich in mein Zimmer, schaltete die Stereoanlage ein und ließ Debussy meine Gedanken begleiten. Ich konnte nicht glauben, dass Carlisle mir nicht von einer Beziehung zu Bella abgeraten hatte. Andererseits hatte er mir nie falsch geraten und Rosalie war der letzte Mensch – Pardon Vampir – auf Erden, mit dem ich mein Liebesleben besprechen würde. Dann wohl eher noch mit Emmett, obwohl auch dies ein durchaus abwegiger Gedanke war, vor allem angesichts des letzten Campingwochenendes.
In den nächsten Stunden ließ ich mir Alice und Carlisles Worte immer wieder durch den Kopf gehen und überlegte hin und her. In meinem ganzen Leben hatte ich mich nicht so zerrissen gefühlt, wie in diesen scheinbar unendlichen Nachtstunden. Ich wünschte, ich wäre zu Bella gegangen, um zu sehen, wie sie die Nacht nach diesen Offenbarungen verbrachte. Aber ich hatte mich dagegen entschieden im dem Bewusstsein mit mir selbst ins Reine kommen zu müssen, bevor ich sie wieder sah.
Endlich dämmerte neblig und düster der neue Tag, und ich konnte mich von meinem Sofa erheben, auf dem ich reglos die Nachtstunden zugebracht hatte. Ich kleidete mich um und lief durchs Haus, beschwingt von der Entscheidung, die ich in den letzten Minuten getroffen hatte.
„Ihr müsst heute mit Rosalie zur Schule fahren. Ich hole Bella ab", verkündete ich und war schon auf dem Weg zu meinem Volvo. Ich ließ mir bewusst Zeit, als ich zum Haus der Swans fuhr. Ich wollte dem Polizeichef nicht begegnen, um Bella Fragen zu ersparen. Außerdem hoffte der winzig kleine Teil in mir, der meine Entscheidung nicht gut hieß, dass Bella schon weg sein würde. Ihr Chevy stand jedoch noch vor der Tür, als ich das Haus erreichte. Ich schaltete den Motor ab und wartete, allerdings nicht lange. Bella trat fröstelnd aus dem Haus, schaute zu ihrem Transporter und bemerkte im nächsten Augenblick meinen Wagen.
Blitzschnell war ich ausgestiegen, um ihr die Beifahrertür zu öffnen. Erheitert von ihrem entgeisterten Gesichtsausdruck, fragte ich: „Möchtest du heute mit mir fahren?" Ich hoffte Bella würde die Unsicherheit in meiner Stimme nicht hören, die erneut von diesem winzig kleinen Teil in mir herrührte, der noch nicht von der Richtigkeit meines Tuns überzeugt war und nun hoffte sie würde ablehnen.
Stattdessen erklärte sie: „Sehr gern, danke" und stieg ein. Ich schloss die Tür und flitzte ums Auto. Letzteres um Bella einmal mehr zu demonstrieren, wie unnormal ich war.
„Ich hab dir die Jacke mitgebracht. Nicht, dass du krank wirst oder so."
„So eine Mimose bin ich nun auch wieder nicht", stellte Bella fest, aber ich sah, wie sie ihre Arme in die für sie viel zu langen Ärmel schob.
„Bist du sicher?", zweifelte ich, leise, unsicher, ob sie es hören sollte. Sie gab keine Antwort. Befangenes Schweigen hing in der Luft und so ergriff ich grinsend die Initiative: „Was denn, keine zwanzig Fragen heute?"
„Stören dich meine Fragen?", wollte sie wissen und ich glaubte Erleichterung über das gebrochene Schweigen heraus zu hören.
„Nicht so sehr wie deine Reaktionen."
Sie runzelte die Stirn. „Ich reagiere nicht richtig?"
„Genau, das ist das Problem. Du nimmst alles so cool hin – das ist unnatürlich. Ich frag mich dann immer, was du wirklich denkst."
„Ich sag dir immer, was ich wirklich denke."
Das konnte ich nicht glauben. Dazu hatte ich zu viele Vergleichsobjekte. Egal, wessen Gedanken ich hörte, die meisten verschwiegen die Wahrheit. „Du behältst Dinge für dich."
„Nicht viele."
Ich frohlockte, dass ich Recht behalten hatte und erklärte: „Genügend, um mich in den Wahnsinn zu treiben."
Ihre gemurmelte Antwort hätte ich ohne Vampirfähigkeiten nicht verstanden.
„Du willst sie doch nicht hören."
Ich grübelte, ob sie damit ins Schwarze getroffen hatte. Fürchtete ich mich manchmal vor ihren Gedanken? Sicher, ich hatte nicht hören wollen, wie tief sie für mich empfand. Aber ansonsten waren ihre Worte doch bei mir immer auf offene Ohren gestoßen, oder nicht?
Inzwischen hatten wir den Parkplatz der High School erreicht und Bella fragte: „Wo ist eigentlich der Rest deiner Familie?"
„Sie sind mit Rosalies Auto gekommen. Ist das nicht protzig?" Ich parkte direkt neben dem glänzenden roten Kabrio, das Emmett seiner Gefährtin vor kurzem geschenkt hatte, zum Valentinstag. Meine Familie war ziemlich von den Socken gewesen und Rosalie total begeistert. Sie liebte schnelle Autos, wie der Rest der Familie, aber keiner hätte ich vermutet, dass sie so ein Geschenk, beispielsweise einer Halskette, zum Valentinstag vorzog.
„Ähm – wow. Wenn das ihres ist, warum fährt sie dann immer mit dir?"
„Wie gesagt, es ist protzig. Wir versuchen zumindest, nicht aufzufallen."
Lachend und kopfschüttelnd erklärte Bella: „Ohne Erfolg.", während sie ausstieg.
„Wenn es so auffällig ist, warum ist Rosalie dann heute mit dem Kabrio gekommen?"
Ich ging die Alternativen unseres Fuhrparks im Kopf durch. Da wäre zu einem Emmetts Jeep gewesen, in dem nur zwei Leute Platz hatten, ebenso in Carlisles schwarzem Jaguar und Esmes rotem Ferrari. Alice Wagen war in der Werkstatt und Jasper begnügte sich als Beifahrer, denn seine VW- Limousine mit voll getönten Scheiben hätte noch mehr Aufsehen erregt wie das Kabrio.
„Hast du noch nicht gemerkt, dass ich im Moment sämtliche Regeln breche?", fragte ich, während ich neben sie trat. Dicht beieinander, aber ohne uns zu berühren, gingen wir zu den Schulgebäuden. Verwundert wollte Bella wissen: „Wenn ihr so unbehelligt wie möglich bleiben wollt, warum habt ihr dann überhaupt solche Autos?"
„Genusssucht. Wir fahren alle gerne schnell."
Ihre Erwiderung war nur gemurmelt, ich verstand sie trotzdem: „Warum wundert mich das nicht?"
Wir mussten unser Gespräch unterbrechen, denn Jessica erwartete ihre Freundin mit deren Jacke unter dem Dachvorsprung der Cafeteria.
Ich glaube es einfach nicht. Edward Cullen scheint an Bella zu kleben wie ein Kaugummi. Ich verstehe das einfach nicht! Was hat diese Bella nur?
„Hallo, Jessica. Danke, dass du dran gedacht hast", grüßte Bella und nahm ihre Jacke.
„Guten Morgen, Jessica", bemühte ich mich um Höflichkeit, während die Stimme des Mädchens vor mir durch meinen Kopf geisterte.
Ich glaube es nicht, Edward sagt mir guten Morgen. Und er sieht wieder hinreißend aus. Das ist so fies, dass er sich scheinbar kein bisschen für jemanden anderen interessiert. Bella muss mir dann haarklein erzählen, wie es gestern noch mit ihm war.
„Äh ... hi", stammelte unsere Mitschülerin mit weit aufgerissenen Augen. „Wir sehen uns dann in Mathe, nehm ich an", erklärte sie, nachdem sie ihre wirren Gedanken geordnet hatte, mit einem bedeutungsvollen Blick.
„Ja, genau, bis dann", erwiderte Bella und schaute Jessica resigniert nach, die noch zweimal zurück schaute.
„Was willst du ihr erzählen?", fragte ich Bella leise und erschrak als sie zischte: „Hey, ich dachte du kannst meine Gedanken nicht lesen."
„Kann ich auch nicht", bekräftigte ich verwundert und dann fiel es mir Schuppen von den Augen: Bella hatte sich gefragt, was sie ihrer Freundin erzählen sollte! Ich erklärte: „Aber dafür ihre – sie kann's kaum erwarten, dich nachher mit ihren Fragen zu bombardieren."
Stöhnend legte sie meine Jacke ab, reichte sie mir und schlüpfte in ihre eigene. Ich legte sie mir über den Arm, nicht ohne kurz der Versuchung ihren Geruch aus dieser zu wittern, nachzugeben.
„Also – was willst du ihr sagen?", hackte ich nach. Ich wusste, Bella würde unser Geheimnis für sich behalten. Andererseits war ich neugierig wie sie Jessica unser gemeinsames Auftauchen am Vorabend und jetzt an der Schule erklären würde.
„Wie wär's mit ein wenig Hilfe? Was will sie denn wissen?"
Mit einem spitzbübischen Grinsen schüttelte ich den Kopf. „Das wäre nicht fair."
„Ich sag dir, was nicht fair ist: dass du etwas weißt, was du mir nicht verrätst."
Ich dachte darüber nach, während wir weiter zu Haus drei gingen, wo sich unsere Wege vorerst trennten, und kam zu der Einsicht, dass ein wenig Unterstützung nicht schaden konnte. Schließlich brachte meine ständige Anwesenheit an ihrer Seite Bella erst in diese Situation. Könnte ich mich von ihr fern halten, wäre sie Jessicas Inquisition nicht ausgesetzt.
„Sie will wissen, ob wir insgeheim zusammen sind. Und sie will wissen, was du für mich empfindest", verriet ich Bella.
„Oje. Was soll ich bloß sagen?" Sie versuchte einen unschuldigen, statt eines verzweifelten, Gesichtsausdruck auf ihr Gesicht zu zaubern, um die Blicke vorbeigehender Schüler nicht auf sich zu lenken. Doch sie hätte eigentlich wissen müssen, dass allein meine Anwesenheit dies völlig sinnlos machte.
Oh, die Cullens beehren uns auch mal wieder, dachte Terence Marks, der in unserer Klassenstufe war, ironisch.
Edward sieht heute wieder schnuckelig aus. Zu schade, dass er nur Augen für diese Bella hat, hörte ich Mariah Winsley aus der Unterstufe denken.
Ich blendete die weiteren Stimmen aus, um mich auf Bella zu konzentrieren, die nicht zu unrecht etwas „Schützenhilfe" von mir erwartete. Während ich darüber nachdachte, welche Worte ich ihr für Jessica mit auf den Weg geben sollte, ergriff ich eine Strähne ihres nach Erdbeeren duftenden Haares, die sich aus ihrer Frisur gelöst hatte. Der Wind hatte bereits geraume Weile damit gespielt und das Verlangen es zu berühren, geschürt. Ich wickelte die mahagonifarbene Strähne auf und befestigte sie wieder im Haarknoten und hörte deutlich, wie Bellas Herz dabei schneller zu schlagen begann.
„Vielleicht könntest du das erste bejahen ... das heißt, wenn du nichts dagegen hast – es ist die einfachste Erklärung."
„Ich habe nichts dagegen", erklärte sie mit schwacher Stimme. Ihre Antwort enttäuschte mich ein wenig. Sie war mir ein wenig zu kurz, denn es hätte mich interessiert, was sie über diese Aussage dachte. Doch sie sprach nicht weiter, also tat ich es.
„Und was die andere Frage angeht ... da bin ich auch schon gespannt, was du sagst."
Ich lächelte sie noch einmal an, bevor ich mich umdrehte, um zu Haus fünf weiter zu gehen, wo meine Mathematikstunde stattfand. „Bis zum Mittagessen", rief ich der sprachlosen Bella zu, die verwunderte Blicke unserer Mitschüler angesichts der Lunchverabredung mit mir erntete. Daran würde sie sich wohl oder übel gewöhnen müssen, wenn sie wirklich mit mir zusammen sein wollte. Während ich zum Klassenzimmer ging, versuchte ich Mike Newtons Stimme einzufangen, der die erste Stunde mit Bella hatte und sie gewiss ansprechen würde.
Wie immer konnte ich mich auf den Teenager verlassen. Er fragte Bella, wie es in Port Angeles gewesen war und wunderte sich über ihre nahezu einsilbige und nicht überzeugende Auskunft.
Jessica hätte mich jetzt mit einem halbstündigen Monolog über die Freuden städtischer Einkaufstempel vollgelabbert. Ob sie Bella was von unserer Verabredung am Montagabend erzählt hat? Ich meine, als Freundinnen werden die doch so was bequatschen, oder? Was soll's, ich frage Bella einfach.
Jessica hat unsere Verabredung gefallen? Ob das sicher ist? Na, wenn Bella sich sicher ist, wird es wohl so sein.
Dann erschien der Englischlehrer, Mr Mason, in Mikes Gedanken und ich konnte mir den Anschein geben mich auf den Unterricht bei Mr Varner zu konzentrieren, der uns heute mit Problemen der Differentialgeometrie beschäftigte. So sehnsuchtsvoll, wie ich die übernächste Stunde erwartete, konnte ich mir vorstellen, dass Bella sie fürchtete. Es war nicht schwer, Jessicas Gedanken vor der Mathematikstunde zu finden.
Wo Bella heute nur bleibt? Sie wird doch nicht absichtlich rumtrödeln? Sie kann mir so oder so nicht entkommen. Da kennt sie Jessica Stanley schlecht!
Ich musste bei dem Gedanken lächeln und erntete einen erstaunten Blick von Alice, die zum Spanischkurs neben mir Platz genommen hatte. „Bella versucht um eine Unterhaltung mit Jessica herum zu kommen", flüsterte ich ihr erklärend zu und nickend gab sie mir zu verstehen, dass sie mich in Ruhe lassen würde, damit ich dem „Gespräch lauschen" konnte.
Da ist sie ja endlich. Die Stunde geht gleich los! Wie soll ich da alle Informationen aus ihr rauskriegen? Also los, Bella erzähl!
„Was willst du denn wissen?", fragte Bella ausweichend.
„Was gestern alles passiert ist!"
„Er hat mich zum Essen eingeladen und dann nach Hause gefahren."
Erzähl mal was neues. Das weiß ich ja nun schon! „Wie bist du denn so schnell nach Hause gekommen?"
„Er fährt wie ein Irrer. Der blanke Horror."
So schlimm kann es gar nicht sein, wenn sie heute früh freiwillig wieder bei ihm eingestiegen ist. „War das so was wie ein Rendezvous? Hattest du dich dort mit ihm verabredet?" Was ich äußerst hinterhältig fände, schließlich hattest du ein Treffen mit mir und Angela ausgemacht. Obwohl ich natürlich auch nicht Nein gesagt hätte zu einem Date mit Edward Cullen.
„Im Gegenteil – ich war völlig überrascht, ihn dort zu treffen."
Kann das wahr sein? Ich meine, dass wäre ein überaus großer Zufall. Ich habe noch nie zufällig einen Bekannten in Port Angeles getroffen. Aber es scheint, sie sagt die Wahrheit. Eine gute Lügnerin ist Bella nicht.
„Aber er hat dich heute früh zu Hause abgeholt?"
„Ja – das hat mich genauso überrascht. Ihm ist gestern aufgefallen, dass ich keine Jacke hatte."
Als hätte man nur eine Jacke im Schrank. Also echt! Das ist vielleicht eine Ausrede! „Und, trefft ihr euch wieder?"
„Na ja, er hat mir angeboten, mich am Samstag nach Seattle zu fahren, weil er der Meinung ist, mein Transporter schafft das nicht – zählt das?"
„Das zählt!" Was für eine Frage! Nach Seattle und zurück braucht man einen ganzen Tag. Das ist ein Riesendate!
„In dem Fall – ja."
„W-o-w. Edward Cullen." Ich möchte echt mal wissen, was er an ihr findet. Sie ist nicht halb so hübsch wie ich, sogar total unscheinbar. Gut, sie hat vielleicht was im Köpfchen, aber stehen die Kerle da echt mehr drauf als auf gutes Aussehen? Obwohl, die Cullens sind alle merkwürdig! Da muss es einen nicht wundern, wenn sich Edward so ein unscheinbares Wesen als Partnerin sucht. Gesichtsfarbenmässig passen sie jedenfalls ideal zueinander. Und Bella kommt mir bei Mike nicht mehr in die Quere. Was will ich mehr?
„Ich kann's auch kaum glauben."
„Warte, warte! Hat er dich geküsst?" Ich meine so ein kleines Abschiedsküsschen nach einem Abendessen beim Italiener und ungestörter Zweisamkeit auf dem Heimweg ist bei so einem Typen wie Edward doch bestimmt Standard.
„Nein. So ist es irgendwie nicht."
Das hätte ich ja nun nicht gedacht. Sie scheint darüber auch etwas enttäuscht. Aber wenn sie Samstag den ganzen Tag zusammen abhängen, wird sich da doch sicher was tun. „Meinst du, dass er am Samstag..." zur Sache kommen wird?
„Ich glaub kaum."
Oh, da habe ich wohl einen wunden Punkt erwischt. Hätte ich gar nicht von Bella gedacht, dass sie so wild aufs knutschen ist. Aber was haben die bloß miteinander zu reden? Garantiert nur über die Schule, zwei solche Musterschüler untereinander. „Worüber habt ihr geredet?"
„Keine Ahnung, Jess, über alles Mögliche. Ein bisschen über die Schule."
Ha, hab ich's mir doch gedacht. „Bella, bitte. Wie wär's mit ein paar Einzelheiten."
„Mmmh ... okay, also. Du hättest sehen sollen, wie die Kellnerin mit ihm geflirtet hat – es war nicht mehr zum Aushalten. Aber er hat sie nicht mal beachtet."
Sehr unnormal, aber das werde ich ihr garantiert nicht auf die Nase binden. „Das ist ein gutes Zeichen. War sie hübsch?"
„Ziemlich – und wahrscheinlich so neunzehn oder zwanzig."
„Noch besser. Er muss dich wirklich mögen." Oder er ist schwul und hat das Gefühl bald mal eine Alibi- Freundin zu brauchen. Wenn er dich noch nicht mal küssen wollte! Dann kann ich nur froh sein, wenn er sich dafür nicht mich ausgesucht hat!
„Das Gefühl hab ich auch, aber es ist schwer zu sagen. Er ist immer so kryptisch."
„Ich weiß gar nicht, woher du den Mut nimmst mit ihm allein zu sein." So gut er auch aussieht, er und seine Familie machen mir manchmal eine Gänsehaut!
„Wie meinst du das?"
Ist dir nie die unheimliche Aura aufgefallen, die die Cullens umgibt? Diese starre Unnahbarkeit hat bisher jeden von übertriebenen Freundlichkeiten gegen die Geschwister abgehalten. „Er ist so ... einschüchternd. Ich wüsste überhaupt nicht, was ich zu ihm sagen sollte." Um ehrlich zu sein, kann ich keinen klaren Gedanken fassen, wenn er vor mir steht. Obwohl er mir natürlich völlig egal ist.
Ja, versuch dich nur davon zu überzeugen, Jessica, dachte ich lächelnd. Die Unterhaltung war überaus fesselnd. Mich hätte nur interessiert, ob Bella ihre Antworten genau abwog, weil sie wusste, dass ich Jessicas Gedanken las. Immerhin war ich so fair gewesen sie vorzuwarnen.
„Ehrlich gesagt, manchmal fehlen mir auch die Worte, wenn ich mit ihm zusammen bin", gestand Bella.
Mir auch. Ich gebe mir nur Mühe es zu verbergen! Wenn du wüsstest, was du mit mir anstellst, Bella, könntest du mit deinem Bericht Jessicas Ohren zum Glühen bringen.
„Na ja, dafür ist er wirklich unglaublich süß." Und dafür lohnt es sich alle anderen Fehler zu übersehen. Schließlich ist ein süßer Typ als Freund das beste Aushängeschild, das man haben kann. Und mit Mike ist doch immerhin auch etwas Staat zu machen. Und da Bella nicht zum Schulball geht, kann sie mir mit Edward zusammen auch nicht die Show stehlen!
„Es gibt noch viel mehr, was toll an ihm ist."
„Wirklich? Was denn?" Jetzt bin ich mal gespannt, was sie außer gutem Aussehen noch positiv bewerten will. Seine Klugheit? Geschenkt! Wer will schon mit einem Klugscheißer zusammen sein? „Ich kann's nicht so richtig erklären ... aber hinter seinem Äußeren ist er noch viel unglaublicher." Da musst du dir schon was besseres einfallen lassen, um mich zu überzeugen. Etwas sehr vage Formulierung! Was soll sonst schon hinter einer hübschen Fassade stecken? Außer eiskaltes Desinteresse an allem und jedem an dieser Schule, mal abgesehen von Bella, wie es scheint. „Und das geht?"
Jessicas Kichern fand ich reichlich kindisch. Aber was war schon anderes zu erwarten von der oberflächlichen Miss Stanley. Ihre nächste Frage traf dafür mein allergrößtes Interesse.
„Das heißt, du magst ihn?"
„Ja."
„Ich meine, so richtig?" Komm Bella, lass dir nicht jedes Wort aus der Nase ziehen. Du weißt schließlich auch haargenau über meine Gefühle für Mike Bescheid.
„Ja."
„Wie sehr magst du ihn?" Bei Bella muss man echt auf die Fragestellung achten, wenn man genauere Informationen will.
„Viel zu sehr. Mehr als er mich. Aber ich wüsste nicht, was ich dagegen tun sollte."
Jessica konnte nicht weiter darüber nachdenken, denn Mr Varner rief sie auf und die restliche Stunde musste sie sich auf den Unterricht konzentrieren. Mir blieb dafür um so mehr Zeit über Bellas letzte Antwort nachzudenken. Ihre Einstellung, dass sie mich viel zu sehr mochte, teilte ich vollkommen. Wäre es nicht so, könnte sie sich nämlich von mir fern halten, was mir eindeutig anders herum nicht gelang. Weil ich sie eindeutig mehr liebte, als sie ahnte oder vielleicht auch ahnen sollte, hätte es mir zu ihrer Sicherheit gelingen müssen. Doch jeder Versuch, sie auf Abstand zu halten, scheiterte. Und ich konnte gegen meine Gefühle ebenso wenig tun wie sie.
Die Stunde ging zu Ende und eine weitere lag vor mir, bevor ich Bella zum Mittagessen wiedersehen würde. Ich verfolgte Jessicas „Stimme", da das Mädchen mit Bella zum Spanischkurs ging. Leider war es ihr gelungen das Thema „Edward" abzuhaken und Jessica mit einem ellenlangen Gespräch über ihre Unterhaltung mit Mike abzulenken. Ich bedauerte es zutiefst, dass sich Miss Stanley so leicht beeinflussen ließ. Andererseits hätte es mich verwundert, wäre es anders gewesen, denn ich wusste schließlich, dass es nichts gab über das der oberflächliche Teenager lieber sprach als über sich selbst, knapp gefolgt von Mike. Bella hatte es geschafft beide Lieblingsthemen in eins zu packen, da hatte ich als Gesprächsgegenstand ausgedient. Ich zog mich aus Jessicas Gedanken zurück, denn so sehr ich auch ihre Unterhaltungspartnerin schätzte, so sehr stieß mich das Thema ab. Ich fand, ich hatte in meinem Leben schon viel zu viel solcher Unterredungen mitbekommen.
Während der Politikunterricht an mir vorüberzog, ging ich, in Ermangelung neuen Stoffes, das Gespräch der beiden nochmals durch. Dabei blieb ich erneut an Bellas letzten Sätzen hängen. Wieso konnte sie nur glauben, dass ich nicht ebenso viel für sie empfand wie sie für mich. Ich dachte eigentlich, dass ich ihr deutlich gemacht hatte, wie tief meine Gefühle gingen. Schließlich hatte ich sie nicht einmal, nicht zweimal, sondern gespürte hundert Mal vor mir gewarnt. Ich liebte sie so sehr, dass mir nichts wichtiger war als ihre Sicherheit. Allerdings war ich zu schwach, um meine Gefühle so weit in den Griff zu bekommen, dass ich von ihr fern bleiben konnte. Es war ein ziemlich verzwickter Teufelskreis. Aber ich würde Bella nochmals darauf hinweisen müssen, dass sie mich und meine Gefühle nicht unterschätzen durfte.
Kaum klingelte es zur Pause, war ich aus dem Klassenzimmer verschwunden und sprintete, so schnell ich es ohne Aufsehen zu erregen konnte, zum Nachbargebäude, in dem die Sprachkurse abgehalten wurden. Vor dem Spanischklassenzimmer lehnte ich mich an die Wand und wartete auf Bella, allerdings nur kurz. Sie musste sich heute ziemlich mit Zusammenpacken beeilt haben, und Jessica schien sich ihrem Tempo angepasst zu haben, denn sie kam gleich hinter Bella aus dem Raum. Ich sah wie das Mädchen die Augen verdrehte, was eindeutig zu ihren Gedanken passte: Wird ganz schön anhänglich dieser Cullen. Der hängt ja wie eine Klette an Bella.
Zu Bella sagte sie: „Bis später, Bella." und ihr bedeutungsvoller Unterton war nicht zu überhören. Werde Bella heute Nachmittag anrufen müssen, um sie wegen des Lunches auszufragen. Hoffentlich hängt sie da nicht auch noch mit Edward ab, könnte voll lästig werden.
Ich grüßte Bella, sie antwortete einsilbig mit einem „Hi" und schweigend gingen wir zur Cafeteria. Es war der reinste Spießrutenlauf. Ich glaube, wenn Brad Pitt und Angelina Jolie gemeinsam über unser Schulgelände gegangen wären, hätte das nicht weniger Aufmerksamkeit erregt. Ich blendete jedoch die Gedanken unser Mitschüler aus und konzentrierte mich auf Bella. Ihr Schweigen verärgerte mich irgendwie. Sie konnte nichts dafür, dass ich ihre Gedanken nicht lesen konnte, aber in diesem Moment hätte ich alles dafür gegeben, zu wissen, was in ihr vorging. Dass musste sie doch wissen, aber sie schwieg.
Ich trat an die Essensausgabe und häufte unbesehen Essen darauf, während ich überlegte, wie ich das Gespräch beginnen sollte.
„Was hast du vor? Soll das alles für mich sein?", protestierte Bella.
Erst jetzt sah ich, dass ich eine Menge mehr aufgetan hatte als mir sonst als Alibi nützlich erschien. Ich bedauerte die Verschwendung von Lebensmitteln, konnte sie aber nicht immer umgehen.
„Die Hälfte ist natürlich für mich", behauptete ich und erntete dafür eine hochgezogene Augenbraue. Wortlos folgte sie mir zu dem Tisch, an den ich sie vor wenigen Tagen zu mir gewunken hatte. Nachdem sie Platz genommen hatte, setzte auch ich mich und schob das Tablett zu ihr hinüber.
„Nimm dir, was du willst."
Sie griff nach einem Apfel und begann zu sprechen: „Aus reiner Neugier: Was würdest du machen, wenn jemand dich fragt, ob du dich traust, so was zu essen?"
Bella provozierte mich, etwas das in meiner momentan leicht gereizten Stimmung gar nicht gut kam. „Aus reiner Neugier, wie immer", kommentierte ich und griff grimmig nach einem Stück Pizza. Ohne den Blick von ihr zu wenden, biss ich ab, kaute kurz und schluckte es unter ihren aufgerissenen Augen hinunter. Ich fragte mich, was sie in diesem Augenblick wohl dachte. Hatte sie gedacht mir würde irgendwas grausiges zustoßen, nur weil ich menschliche Nahrung verzehrte? Ich hätte bedenkenlos tonnenweise Pizza in mich hineinstopfen können. Nicht ein Gramm hätte ich davon zugenommen. Aber menschliche Nahrung schmeckte für uns nach nichts und lag etwas schwer im Magen, der nicht mehr die gleichen Verdauungssäfte produzierte wie zu menschlichen Zeiten.
„Wenn jemand dich fragt, ob du dich traust, Erde zu essen, dann könntest du das doch auch, oder?" Naserümpfend gestand sie: „Hab ich mal ... es war eine Wette. Es war gar nicht so schlimm."
Ich lachte bei dem Gedanken an Bella mit einem Mund voll Erde und gab ehrlich zu: „Ich würde sagen, das überrascht mich nicht."
Dann schob sich Jessicas Stimme in meinen Kopf. Nachdem ich sie eine geraume Zeit lang absichtlich belauscht hatte, gelang es mir nicht mehr so leicht, sie aus meinen Gedanken heraus zu halten. Ihre Blicke spießten und
s förmlich auf, was Bella nicht sehen konnte, da sie mit dem Rücken zu ihrer Freundin saß.
Jetzt teilen sie sich sogar das Mittagessen. Fehlt nicht mehr viel und Bella isst ihren Lunch auf seinem Schoß.
„Jessica analysiert jede meiner Bewegungen – sie wird das später alles haarklein vor dir ausbreiten", informierte ich Bella und schob ihr die restliche Pizza zu. Beim Gedanken an Jessica fiel mir ein, worüber ich eigentlich mit Bella hatte sprechen wollen. Die Verärgerung über ihre Aussage, dass sie mich mehr mochte als ich sie, stieg wieder in mir hoch, aber ich beschloss nicht „mit der Tür ins Haus zu fallen", sondern begann das Gespräch statt dessen mit der gespielt beiläufigen Frage: „Die Kellnerin war also hübsch, ja?"
„Hast du das wirklich nicht bemerkt?"
„Nein. Ich hab sie nicht beachtet. Mir ging eine Menge durch den Kopf." Das die Gedanken des Mädchens aufdringlicher gewesen waren als ihre Person, verschwieg ich lieber. Was gut war, denn so konnte Bella gönnerhaft sagen: „Armes Ding."
Doch mir ging es nicht um den vergangenen Abend, sondern um ihr Gespräch mit Jessica und das sprach ich jetzt an, da sie darauf vorbereitet war, dass ich ihre Antworten gehört hatte.
„Eine Sache, die du zu Jessica gesagt hast ... na ja, die wurmt mich." Es war mir noch nie so schwer gefallen etwas in Worte zu fassen, wie in diesem Moment und so bemerkte ich selbst, dass meine Stimme rau dabei klang.
„Es wundert mich gar nicht, dass du was gehört hast, was dir nicht gefallen hat. Du weißt ja, wie es dem Lauscher an der Wand geht", erinnerte sie mich an das alte Sprichwort.
„Ich hab dir gesagt, dass ich zuhören werde."
„Und ich hab dir gesagt, dass du nicht alles wissen willst, was ich denke."
„Das hast du gesagt", musste ich ihr beipflichten, konnte dabei aber den unwirschen Ton nicht unterdrücken. „Aber das stimmt nicht ganz. Ich möchte sehr wohl wissen, was du denkst – alles. Ich wünschte nur ... dass du über einige Sachen anders denken würdest."
Mit finsterem Blick erwiderte Bella: „Das ist ein ziemlicher Unterschied."
„Aber darum geht's im Moment sowieso nicht."
„Und worum geht es?", wollte Bella wissen.
Ich beugte mich weiter zu ihr vor, damit ich noch leiser sprechen konnte und um ihr näher zu sein. Mit durchdringendem Blick fragte ich: „Glaubst du wirklich, dass du mehr für mich empfindest als ich für dich?"
Sie wich meinem Blick und meiner Frage aus. „Du tust es schon wieder", murmelte Bella.
„Was denn?", erkundigte ich mich überrascht. Ich hatte nichts getan, außer ihr eine Frage zu stellen! „Du bringst mich aus der Fassung."
Ein stirngerunzeltes „Oh" war meine Entschuldigung. Sie erweiterte diese mit der geseufzten Feststellung: „Du kannst nichts dafür!"
„Beantwortest du meine Frage?", hackte ich nach.
„Ja."
Langsam verstand ich Jessicas Ungeduld im Gespräch mit Bella. Man konnte manchmal echt verzweifeln, ehe man eine brauchbare Information von ihr bekam.
„Ja, du beantwortest die Frage, oder ja, du glaubst das wirklich?", stellte ich ihr zur Auswahl.
„Ja, ich glaube das wirklich."
Bella blickte mich dabei nicht an, sondern vertiefte sich in das Holzmuster, das auf das Laminat der Tischplatte gedruckt war. Ich schluckte, weil mich der traurige Ton, den ihre Stimme dabei gehabt hatte, berührte. Er stimmte mich sanft und so klang meine Stimme samtweich, als ich widersprach: „Du irrst dich."
Sie wagte aufzublicken und flüsterte: „Das weißt du doch gar nicht."
Hätten wir in diesem Moment nicht in einer übervollen Cafeteria, in der schätzungsweise siebzig Prozent uns sowieso schon anstarrten, gesessen, hätte ich Bella in diesem Augenblick sicher in die Arme genommen, um ihr das Gegenteil zu beweisen. So beschränkte ich mich auf Worte: „Wie kommst du denn darauf?"
Mir schien es eine Ewigkeit, und das Warten machte mich verdrießlich, die Bella darüber nachdachte. Oder wollte sie mir darauf nicht antworten? Dieser Gedanke stimmte mich noch finsterer. Scheinbar sah sie mir meinen Unmut jedoch an, den mit erhobenem Zeigefinger bat sie mich, sie nachdenken zu lassen. Etwas friedlicher gestimmt, beobachtete ich wie ihre Hände nervös auf den Tisch gepresst wurden, sie diese anschließend aneinander legte, die Finger verschränkte und wieder löste und sich endlich auch ihre Zunge löste, um mir zu antworten.
„Also, abgesehen von den offenkundigen Gründen ist es manchmal ... Ich bin mir nicht sicher – ich kann keine Gedanken lesen. Aber manchmal ist es, als würdest du versuchen, dich von mir zu verabschieden, obwohl du scheinbar etwas anderes sagst."
„Gut erkannt", gab ich ihren Beobachtungen Recht. „Aber genau das ist der Grund, warum du dich irrst." Ich stockte in meiner Erklärung, denn eine ihre Sätze, gleich der erste war es gewesen, stieß mir sauer auf. „Aber von welchen 'offenkundigen Gründen' redest du eigentlich?"
„Guck mich doch an. Ich bin absolut durchschnittlich. Na ja, abgesehen von den negativen Besonderheiten wie dem Talent, ständig in Todesgefahr zu geraten, und einer Ungeschicklichkeit, die an körperliche Behinderung grenzt. Und dann guck dich an."
Im ersten Moment verärgerte es mich, dass sich sich selbst so gering schätzte. Doch dann musste ich erkennen, dass es eine ihrer Eigenschaften war, die sie für mich so liebenswert machte. „Du kannst dich selber nicht sonderlich gut einschätzen, weißt du das? Ich gebe zu, dass du vollkommen recht hast, was die negativen Besonderheiten angeht. Doch im Gegensatz zu mir hast du nicht mitbekommen, was jedem männlichen Wesen an dieser Schule durch den Kopf ging, als du zum ersten Mal hier aufgetaucht bist."
Erstaunt blinzelnd erklärte Bella: „Kann ich mir nicht vorstellen..."
„Glaub mir, nur dieses eine Mal – du bist das Gegenteil von durchschnittlich." Meine Worte brachten sie in Verlegenheit und so wandte sie rasch ein: „Ich bin es aber nicht, die sich verabschiedet."
„Verstehst du nicht? Genau das ist es doch, was mir Recht gibt. Du bedeutest mir mehr, denn wenn ich so etwas tun kann..." Verzweifelt schüttelte ich den Kopf, als könne ich damit die richtigen Worte finden für das was Bella wissen sollte. „Wenn es das Richtige ist, mich zurückzuziehen, und ich mache das, um dich nicht zu verletzen – dann heißt das, dass mir deine Sicherheit wichtiger ist als meine Wünsche."
„Und du meinst nicht, ich würde dasselbe tun?", funkelte sie mich an.
„Du würdest nie in eine solche Lage kommen." Dann fiel mir der Grund ein, denn Alice und Carlisle befürwortend für eine Beziehung zu Bella vorgebracht hatten, und der sich mit der Angabe ihrer negativen Besonderheiten deckte: ihr Schutz. „Andererseits – allmählich kommt es mir so vor, als erforderte deine Sicherheit meine Anwesenheit rund um die Uhr."
Entgegen Bellas Angewohnheiten auf solche Provokationen meinerseits aufzubrausen, erinnerte sie mich: „Heute hat noch niemand probiert, mich um die Ecke zu bringen."
"Aber dennoch", ergänzte ich und sie stimmte mit den gleichen Worten zu. Ich ging auf ihren Themenwechsel ein, denn schließlich hatte ich ihr meinen Standpunkt klar gemacht und früher oder später würden wir darauf zurückkommen. Bis dahin konnte sie sich meine Worte durch den Kopf gehen lassen. Ich beschloss stattdessen ein andere Angelegenheit zu erwähnen, die mich beschäftigte.
„Ich hab da noch eine Frage", hub ich an und auf Bellas „Na los", vergewisserte ich: „Musst du wirklich am Samstag nach Seattle, oder brauchtest du nur eine Ausrede für deine ganzen Verehrer?"
„Ganz ehrlich, die Sache mit Tyler nehme ich dir immer noch übel", warnte sie mich. „Es ist deine Schuld, dass er jetzt denkt, ich würde mit ihm zum Jahresabschlussball gehen."
„Ach, er hätte schon noch ohne mich eine Möglichkeit gefunden, dich zu fragen – und ich wollte so gern dein Gesicht sehen", erwiderte ich lachend. „Wenn ich dich gefragt hätte, hättest du mir auch eine Abfuhr erteilt?"
Ihre Antwort erstaunte mich. „Wahrscheinlich nicht. Aber später hätte ich dann wegen Krankheit oder einem verstauchten Fuß abgesagt."
„Warum denn das?"
Betrübt den Kopf schüttelnd erklärte sie: „Okay, du hast mich nie im Sport gesehen, aber ich hätte gedacht, dass du weißt was ich meine."
„Was denn – etwa die Tatsache, dass du nicht über eine gerade Oberfläche gehen kannst, ohne zu stolpern?", neckte ich sie.
„Was sonst?"
„Das wäre kein Problem. Beim Tanzen kommt alles darauf an, wie geführt wird." Bella wollte protestieren, doch ich schnitt ihr das Wort ab. „Aber was denn nun – willst du unbedingt nach Seattle fahren, oder wärst du auch einverstanden, wenn wir etwas anderes machen?"
„Ich bin offen für Vorschläge. Aber ich muss dich um einen Gefallen bitten."
Das klang wieder nach einer typischen Bellaeinwendung, die mich immer etwas argwöhnisch machten. Ich gestand ihn ihr trotzdem zu und fragend bat sie: „Kann ich fahren?"
„Warum?"
„Hauptsächlich deshalb, weil mich Charlie, als ich ihm erzählte, dass ich nach Seattle will, ausdrücklich gefragt hat, ob ich alleine fahre, und zu diesem Zeitpunkt nahm ich das an. Wenn er mich noch mal fragte, werde ich sicher nicht lügen, aber ich vermute, dass er mich nicht noch mal fragen wird. Und wenn ich jetzt meinen Transporter zu Hause stehen lasse, beschwöre ich das Thema nur unnötigerweise herauf. Abgesehen davon macht mir deine Fahrweise Angst."
Letzterer Grund war meine erste Annahme gewesen, als sie bat fahren zu dürfen. Und das sagte ich ihr auch, zumindest so ähnlich. „Von allem, was dir an mir Angst machen könnte, sorgst du dich ausgerechnet um meine Fahrweise. Willst du denn deinem Vater nicht sagen, dass du den Tag mit mir verbringst?"
Widersprüchliche Gefühle über diesen Gedanken schwirrten durch meinen Kopf. Warum wollte sie Charlie nicht sagen, dass sie den Tag mit mir verbrachte? Für mich schämen musste man sich ja nun nicht gerade und Charlie hatte nie irgendwelche Bedenken gegen meine Familie gehabt. Im Gegenteil, die wenigen Gelegenheiten zu denen der Polizeichef meinen Ziehvater traf, waren immer überaus freundschaftlich verlaufen. Ich dachte da nur an Bellas Unfall bei dem sie mir zum ersten Mal auf die Schliche gekommen war.
„Bei Charlie ist weniger grundsätzlich mehr. Wo fahren wir denn überhaupt hin?", lenkte Bella ab. „Es wird schönes Wetter sein", zum dritten Mal diese Woche. Ein meteorologisches Phänomen, das es in Forks an die hundert Jahre nicht mehr gegeben haben muss. „Ich werde mich also von der Öffentlichkeit fern halten ... und du kannst mit mir kommen, wenn du magst."
Falls ich geglaubt hätte, Bella würde einen solchen Vorschlag zurückweisen, bekehrte mich die Begeisterung, die ihr Gesicht erstrahlen ließ. „Heißt das, du zeigst mir, was du meinst, mit der Sonne?"
„Ja", bestätigte ich lächelnd angesichts ihrer fast kindlichen Neugier. „Wenn du allerdings nicht mit mir ... allein sein willst, wäre es mir trotzdem lieber, du würdest nicht ohne Begleitung nach Seattle fahren. Wenn ich daran denke, was dir in einer Stadt dieser Größe zustoßen könnte, läuft es mir kalt den Rücken runter."
Wie erwartet, entrüstete sich Bella über diese Aussage und lenkte mich etwas von meinem Gedanken daran, dass sie allein mit mir nicht viel sicherer war, ab.
„Phoenix hat allein schon dreimal so viele Einwohner wie Seattle, und was die Größe angeht ...", begann sie mich zu belehren.
„Aber anscheinend waren deine Tage in Phoenix noch nicht gezählt. Deshalb wär's mir lieber, du bist in meiner Nähe." Letzteres Geständnis war mir eher unabsichtlich über die Lippen gerutscht, bekräftigten aber Bellas Entschluss sicher nicht unerheblich: „Wie es der Zufall will, bin ich gar nicht abgeneigt, mit dir allein zu sein."
„Ich weiß", seufzte ich grübeln. „Trotzdem solltest du Charlie Bescheid sagen." Auch wenn ich mit Bella schon einmal allein unterwegs gewesen war, hatte damals doch der Hintergedanke bestanden, dass Jessica und Angela wussten, dass ich als letztes mit ihr zusammen gewesen war. Einen solchen Rückhalt fühlte ich auch für den Samstag nötig.
„Warum um Himmels Willen sollte ich das tun?"
„Um mir einen kleinen Anreiz zu geben, dich heil zurückzubringen", erklärte ich grimmig, da sie nicht allein darauf gekommen war. Sie sah der Gefahr, die von mir ausging, noch immer völlig blauäugig entgegen und das reizte mich.
„Ich glaube, ich lass es darauf ankommen", verkündete sie nur einen Augenblick später.
Aufgebracht blies ich die Wangen auf und Bella schlug vor über etwas anderes zu reden. So schnell konnte ich mich nicht beruhigen und so fragte ich, noch immer verärgert: „Worüber willst du denn reden?"
Bella schaute sich um, ob niemand uns belauschte und blieb dabei am Tisch meiner Geschwister hängen. Alice starrte sie an, die anderen drei mich, als würden sie versuchen meine Worte zu hören. Ich fand das etwas unfair von ihnen, schließlich gab ich mir immer Mühe mich aus ihren Gedanken herauszuhalten. Auch jetzt zog ich es vor, ihre Stimmen ausgeblendet zu lassen. Ich konnte mir auch so vorstellen, was sie dachten. Rosalie war hundertprozentig sauer, dass ich mit Bella zusammen saß. Emmett amüsierte sich garantiert über meine Gefühlsschwankungen. Jasper würde sich vielleicht als einziger zurückhalten, denn sonst hätte ich wahrscheinlich schon eine besänftigende Woge seiner übernatürlichen Kräfte abbekommen. Und Alice studierte Bella, um sie besser kennen zu lernen. „Meine kleine Schwester" schien bereits einen Narren an dem Mädchen gefressen zu haben, dass ich so in mein Herz geschlossen hatte. Nichts desto trotz würde ich den anderen eine Standpauke bezüglich Diskretion halten, wenn wir wieder Zuhause waren.
„Warum seid ihr eigentlich am Wochenende zum ... Jagen in die Goat Rocks Wilderness gefahren? Charlie meinte, das sei keine gute Gegend, wegen der vielen Bären."
Ich sparte mir eine Antwort, sondern schenkte Bella einen Blick, der besagen sollte: Darauf wirst du wohl auch alleine kommen!
„Bären?", erkundigte sie sich nach Luft schnappend und ich grinste über ihre Entgeisterung. Tadelnd ergänzte sie: „Und das, obwohl keine Jagdsaison ist."
„Wenn du die Bestimmungen sorgfältig liest, dann wirst du feststellen, dass die Verbote lediglich das Jagen mit Waffen betreffen", neckte ich sie amüsiert.
„Bären?", wiederholte sie zaghaft.
„Grizzlybären mag Emmett am liebsten", klärte ich meine Tischnachbarin auf und studierte dabei sorgfältig ihre Reaktion. Das Entsetzten, das sich auf ihren Gesichtszügen abzeichnen sollte, blieb aus. Stattdessen griff sie nach einem Stück Pizza und mir grauste fast vor ihrer nächsten Frage, denn ich sah ihr an, dass sie etwas ausheckte. Meine Besorgnis war nicht umsonst.
„Und? Was magst du am liebsten?"
Eigentlich hätte ich mit einer solchen Frage rechnen müssen. Ich ließ mir meine Missbilligung darüber anmerken, als ich wahrheitsgemäß bekannte: „Puma."
Sie tat, als interessiere es sie nur nebenbei und ich erklärte: „Selbstverständlich achten wir darauf, nicht durch unüberlegtes Jagdverhalten in die Umwelt einzugreifen. Wir sind bemüht, uns auf Gegenden mit einem Überbestand an Raubtieren zu beschränken, und nehmen dafür auch weitere Strecken in Kauf. Natürlich wären hier in der Gegend immer genügend Rehe und Elche verfügbar, aber es soll ja auch ein bisschen Spaß machen." Der Schalk kehrte in meine Worte zurück und als Bella kauend „Oh, selbstverständlich", murmelte, reizte es mich, noch einen drauf zu setzten.
„Die ersten Frühlingswochen sind Emmetts bevorzugte Bärensaison – da kommen sie gerade aus dem Winterschlaf und sind besonders reizbar."
„Es geht doch nichts über einen gereizten Grizzlybären", pflichtete sie mir nickend bei und ich musste über ihre nonchalante Art mit dem Thema umzugehen, kichern.
„Bitte sag mir, was du wirklich denkst."
„Ich versuche mir das vorzustellen, aber es gelingt mir nicht. Wie jagt man einen Bären ohne Waffen?"
„Oh, Waffen haben wir schon." Blitzschnell verzog ich meine Lippen zu einem kurzen, bedrohlichen Lachen, das die einzigen Waffen zeigte, die ein Vampir benötigte. „Nur nicht solche, die unter die Jagdbestimmungen fallen. Falls du jemals im Fernsehen einen angreifenden Bären gesehen hast, dann kannst du dir ein Bild von Emmett beim Jagen machen."
Ein wenig selbstzufrieden, dass es mir gelungen war Bella etwas zu beeindrucken, ein sichtbarer Schauer rieselte ihr den Rücken hinunter, grinste ich. Ich folgte ihrem Blick zu Emmett, der es aufgegeben hatte uns zu belauschen, und merkte ihr den Respekt für meinen „großen Bruder" an. Die dicken Muskelstränge an seinen Armen und seinem Oberkörper hatten bisher jeden Feind eingeschüchtert und menschliche Schlägertypen kamen nicht mal anflugsweise auf die Idee Stunk mit ihm zu suchen, auch ohne eine Ahnung von den dahinter stehenden übernatürlichen Kräften zu haben.
„Bist du auch wie ein Bär?", fragte Bella leise, und zum ersten Mal spürte ich so etwas wie Verunsicherung in ihren Worten.
„Mehr wie eine Raubkatze, das sagen zumindest die anderen. Vielleicht sind unsere kulinarischen Vorlieben ja bezeichnend für unsere Wesen."
„Vielleicht", wiederholte sie mit dem Versuch eines Lächeln. Ich konnte ihr ansehen, dass die widersprüchlichsten Gedanken durch ihren Kopf geisterten. Ihre nächsten Worte schockten mich deshalb um so mehr: „Werde ich das auch einmal zu sehen bekommen?"
Die Wut über ihre unbedachte Frage schoss so schnell in mir hoch, dass ich sie nicht ganz verbergen konnte. Bella erkannte sie in meinen Augen und wich zurück. Ich lehnte mich zurück und verschränkte die Arme, um mich zu beruhigen.
„Zu beängstigend für mich?", erkundigte sie sich, nachdem sie sich von ihrer Überraschung erholt hatte.
„Wenn es das wäre, würde ich dich noch heute Nacht mitnehmen. Es gibt nichts, was du dringender nötig hast als eine gesunde Portion Angst:"
„Warum dann?", drängte Bella, meine verärgerte Miene ignorierend. Ihr Schneid rang mir Bewunderung ab, doch um vernünftig argumentieren zu können, musste ich meine Wut abkühlen lassen. Eine Wut, die sie nicht verstehen konnte. Eine Wut, die daher rührte, dass sie wieder einmal nicht verstand, was für einer gefährlichen Spezies ich angehörte.
„Später", sagte ich und stand auf. „Wir müssen los." Ich war froh über die Galgenfrist, die mir blieb, bis ich Bella eine ruhige Erklärung für meinen Zorn geben musste. Sie zeigte sich verblüfft, dass die Cafeteria fast leer war. Das lenkte sie aber nicht von unserem letzten Thema ab.
„Okay, dann später", gestand sie mir zu. Und ich wusste, sie würde es nicht vergessen!
