Absurde Fürbitte
Vorsichtig lugte Draco um die Ecke, für den Fall, dass der Professor doch nur geschwindelt hatte um ihn zu beruhigen und sein Vater hier noch irgendwo auf ihn wartete.
Die Jahre hier an der Schule hatten ihm oft genug bewiesen, dass man einem Gryffindor, sei es auch ein ehemaliger, nicht über den Weg trauen konnte. Obwohl Lupin sich ihm gegenüber dermaßen vorbildlich verhalten und sogar seine innig geliebte Schokolade mit ihm geteilt hatte, war er immer noch nicht überzeugt ob der ihn nicht hinters Licht führen wollte.
„Mr. Malfoy es war ein Irrwicht" versicherte Lupin ihm sanft ein weiteres Mal, da ihm nicht entgangen war, dass sein Schüler fahrig seine Blicke durch den Gang schweifen ließ.
Draco ließ sich zu einem Nicken hinreißen. Ein Irrwicht, was denn sonst? Das war doch offensichtlich gewesen, er hatte ihn nur nicht erkannt, weil er wegen des Aufsatzes bereits übermüdet gewesen war. Ja, schleppend langsam gewann Draco die malfoysche Denkweise zurück.
„Seltsam" murmelte der Werwolf plötzlich und blieb abrupt stehen und starrte auf den steinernen Fußboden. Draco wäre beinahe erneut in ihn gerannt, konnte aber noch rechtzeitig genug abbremsen und folgte dem Blick des Professors, der redlich interessiert an dem kühlen Untergrund zu sein schien.
Einige Rauchschwaden irrten noch in der Luft umher und hätte Draco irgendwann einmal im Verteidigung-gegen-die-dunkle-Künste-Unterricht aufgepasst als er noch in der dritten Klasse war oder wenigstens dem Professor zuvor vernünftig zugehört, wäre ihm aufgefallen, dass dies die Überreste seines ‚Vaters' sein mussten, doch so sah er sich ernsthaft nach dem Brandherd um und nahm an, dass Lupin das selbe tat.
„Wirklich bizarr" meinte der hünenhafte Lehrer immer noch mit ruhiger Stimme und kratze sich an der Schläfe. „Ich bin mir sicher…" flüsterte er und fing dann an Draco zu mustern.
Der junge Zauberer verstand nur Bahnhof, was war denn jetzt schon wieder los? Irritiert und immer noch verängstig sah er sich um, vielleicht redete Lupin ja auch mit jemanden der hinter ihm stand, den Draco nur nicht bemerkt hatte.
Fehlanzeige, nur sie beide befanden sich in diesem Flur und Draco wurde langsam mulmig zu Mute. Schnell starrte er aus dem Fenster und suchte hinter den dicken Regenwolken den Mond. Er kannte sich zwar nicht so genau aus, doch das seltsame Verhalten des Professors war möglicher Weise ein Anzeichen für seine Verwandlung. Erleichtert entdeckte Draco die runde Scheibe, die sich zwar dem Vollmond näherte, aber noch als zunehmender Mond galt. Er atmete tief durch, es bestand also keine Gefahr. Aber was beschäftigte Lupin dann?
Es wäre besser wenn sie jetzt gehen würden, bevor er noch mit dem alten, verarmten Mann hier entdeckt werden würde. Das Abendessen musste gleich vorüber sein und er wollte den anderen Slytherin sicher keinen Anlass geben über ihn zu spotten. Wer konnte schon ahnen, wer um diese Urzeit vor hatte noch ein Lehrerbüro aufzusuchen?
Im schlechtesten Fall würde Lucius noch einmal auftauchen, nein Schwachsinn, ein Irrwicht, es war ein Irrwicht, versuchte er sich verzweifelt einzureden.
„Mr. Malfoy Sie haben mir doch hier Ihre Arbeit, nun ja …. übergeben, nicht wahr?" erkundigte sich Lupin bei Draco und probierte Blickkontakt mit ihm aufzubauen, den der Junge halbherzig erwiderte, bevor er wieder zu Boden starrte.
Die blauen Augen ruhten fragend auf ihm und Draco brauchte einen Moment um zu begreifen.
„Mein Aufsatz?" fiepte er schockiert und spürte wie kochende Wut in ihm seine Furcht allmählich aber nicht vollkommen ablöste.
„Ja, den habe ich Ihnen gebracht" teilte er ihm mit und verschränkte die Arme vor der Brust. Lupin strich sich peinlich berührt durch die mit grau durchzogene hellbraunen Haare. „Er ist nicht mehr da" sagte er dann.
„Wie kann man auch so dumm sein und die Hausaufgaben seiner Schüler herumliegen lassen?" meinte Draco sichtlich empört und funkelte ihn zornig an. Wenn das nicht typisch für Lupin war, der wusste einfach nicht wie man mit dem Hab und Gut anderer umzugehen hatte, wie denn auch, wenn er doch selbst nicht mehr als drei oder vier geflickte Umhänge und eine Tafel Schokolade besaß?
Der Professor winkte ab und legte seine Stirn nachdenklich in Falten. Wahrscheinlich wollte er sich jetzt nicht auch noch mit ihm streiten, nahm Draco an. Vielleicht gestand er sich aber auch gerade seinen eigenen Fehler ein.
„Er wird sicher auftauchen" murmelte Lupin vor sich hin und ging dann weiter.
„Das will ich aber auch hoffen" setzte der Slytherin arrogant hinterher und folgte ihm auf Schritt und Tritt. Unbewusst ließ er kaum einen Abstand zwischen dem Pädagogen vor ihm und sich und wäre dem mehrmals um Haaresbreite auf die Fersen getreten.
Als sie an der Stelle vorbeikamen, an der Draco seine Tasche zurückgelassen hatte, las dieser jene auf und nun war es auch nur noch ein Katzensprung zum Arbeitszimmer.
Mit einem knarrenden Geräusch öffnete der Besitzer die Tür und trat ein.
Draco rümpfte die Nase nachdem er sich umgesehen hatte. Abgenutzt, dass war das Wort, dass Lupins Einrichtung am besten beschrieb. Auf dem Schreibtisch lagen gebrauchte Federkiele nach der Länge sortiert neben einem halbleeren Tintenfass und ordentlich aufgestapelten Pergamentrollen.
Zwei Bücherregale standen dahinter und waren zum Bersten vollgepresst mit Büchern, deren Titel Draco noch nie gehört hatte. „Die dunklen Künste überlistet" stand in goldenen Lettern auf einem eingerissenen Buchrücken und war nur ein weiterer Beweis für Dracos Unkenntnis.
Auf einem Sideboard befand sich ein stählender Käfig ohne Inhalt. Der Slytherin nahm an, dass sonst dort magische Tierwesen gehalten wurden, die der Lehrer für Unterrichtszwecke missbrauchte.
Professor Lupin lehnte sich rücklings gegen seinen Schreibtisch und blickte für seine Verhältnisse relativ ernst drein. Mit den Fingerkuppen strich er über die grobe Holzplatte seines Pultes.
Draco hingegen senkte seinen Blick auf die abgewetzten Lederschuhe seines Lehrers, er hatte noch nie länger Blickkontakt halten können und vor allem nicht, wenn er vorhatte etwas so Erbärmliches wie jetzt vorzubringen.
„Mr. Malfoy soll ich Ihnen wirklich eine Bestätigung für Mr. Urquhart ausstellen oder wollen Sie mir nicht lieber sagen warum sie noch mit hier her kommen wollten?" die remische, dunkle Stimme klang immer noch barmherzig und wirkte auf Draco so, als würde er Rücksicht auf ihn nehmen wollen. Dies war gar nicht so abwegig, wenn man bedachte, in welchem Zustand er den Jungen zuvor entdeckt hatte.
„Für was ist der leere Käfig?" erkundigte sich Draco, nur um sich selbst noch zu überlegen wie er seine Bitte formulieren konnte ohne lächerlich zu klingen.
Er spürte direkt wie der Blick seines Professors zu den Gittern wanderte. „Er ist nicht leer" erläuterte dieser und schenkte Draco dann seine volle Aufmerksamkeit.
„Nun Mr. Malfoy, wollen Sie mir ihr Begehr nicht mitteilen?" bat er ihn gutmütig.
Draco öffnete den Mund und schloss ihn wieder.
„Brauchen Sie dieses Schreiben?" wurde ihm auf die Sprünge geholfen und da sein Blick immer noch starr auf die Beine des Lehrkörpers geworfen war, bekam er mit, dass sich dieser aufstellte und auf ihn zutrat.
Der Regen trommelte immer noch wie wild gegen das kleine Fenster im Raum und daher verstand Draco die Aussage nicht, die auf sein Kopfschütteln folgten.
Missmutig lenkte er sein Interesse auf den scheinbar leeren Käfig und trat einen Schritt zurück, was die Folge hatte, dass er nun mit dem Rücken zur Wand stand.
Draco kam sich abscheulich hilflos vor und die Furcht die eigentlich bereits abgeklungen war breitete sich von neuem in ihm aus.
„Mein Aufsatz…" begann er schließlich zögerlich und die Schuhe des Professors kamen augenblicklich zum Stillstand.
„…. wird sich finden, ich werde später alles genau erkunden" beendete der Werwolf für ihn und eine Woge der Überraschung schwang als Unterton mit. „Aber als Sie sich entschieden haben mit mir zu kommen, wussten Sie noch gar nicht, dass ihre Arbeit verloren gehen würde" vollendete der Werwolf schließlich seine Ausführung.
Draco wich ihm aus und schritt zu dem Gehäuse um steif hineinzusehen. Vielleicht konnte er den Bewohner ja doch noch ausmachen.
„Können Sie mir nicht helfen, Sir?" platze es schließlich in einer rasenden Geschwindigkeit aus ihm heraus, so dass Lupin Mühe hatte denn Sinn des Gesprochenen zu verstehen.
„Sie wollen Privatstunden erhalten?" erkundigte er sich verblüfft und Draco konnte hören wie er wieder näher an ihn heran trat.
„Ich kann bezahlen" grummelte er kaum verständlich, eigentlich hatte er sich nur ein Ja oder ein Nein erhofft und nicht damit gerechnet sich noch rechtfertigen zu müssen.
„Mr. Malfoy!" seufzte der Ältere und Draco konnte erahnen, dass sich seine Augen in diesem unbeobachteten Moment verdrehten. „Ich benötige Ihr Gold nicht"
„Das sehe ich anders" erwiderte der Siebzehnjährige keck, aber mit wenig Enthusiasmus und drehte sich auf dem Absatz nun doch zu ihm um.
„Das Verteidigung gegen die dunklen Künste nicht zu Ihren herausragenden Fächern gehört liegt nicht an Ihrem Können sondern an Ihrer Arbeitshaltung" erklärte die Respektsperson und überspielte die unpassende Bemerkung seines Schülers.
„Aber Vater wird…." presste Draco hervor und fixierte mit seinen grauen Augen abermals den Käfig und seinen unwahrnehmbaren Gefangenen. Kaum hatte er dies ausgesprochen durchfuhr ihn erneut ein leichtes Zittern und wieder klammerte er sich an den Gedanken fest, dass es sich nur um eine Verwechslung mit einem Irrwicht gehandelt hatte, also nichts vor was man sich ängstigen müsste.
„Hören Sie Mr. Malfoy ich mache ihnen ein Angebot" entgegnete Lupin nach einer kurzen Pause in der er tief ein und ausgeatmet und die Situation zu überprüfen versuchte. „Wenn sie sich von heute an in meinem Unterricht benehmen komme ich ihnen entgegen und biete ihnen die gewünschten Stunden an"
Draco nickte eifrig, er wollte nicht noch mehr sagen um sich weiterhin zu blamieren. Er war sich nur darüber bewusst geworden, dass Lucius knappen Prozess mit ihm machen würde, wenn er weiterhin nicht die erwünschte Leistung in seinen UTZ-Fächern erreichen würde. Und zu wem konnte Draco denn gehen um ihn um Hilfe zu bitten? Nott würde ihn auslachen und Daphne befand sich auf einem ähnlichen Level wie er selbst, Schüler aus den anderen Häusern kamen natürlich nicht in Frage, bloßstellen würde er sich vor niemanden, vor Lupin hatte das ja schon der Irrwicht für ihn übernommen.
„Aber Mr. Malfoy, ich möchte dass Sie es Ihretwillen in Erwägung ziehen" schloss der Professor nun endgültig. „Wenn Sie sich sicher sind, dass ich Ihnen helfen kann, werde ich es tun, aber nicht weil Ihr Vater es so wünscht, sondern weil Sie wollen"
„Aber Vater wird…" wiederholte sich Draco und bei dem Gedanken an das eben Erlebte wurde ihm schlecht, unruhig biss er sich auf die Unterlippe und traute sich immer noch nicht seinen Professor, der ihm dermaßen freundlich Hilfestellung anbot entgegenzusehen.
„Das möchte ich überhaupt nicht hören" sagte Lupin und Draco bemerkte, wie plötzlich eine vernarbte Hand von hinten auf seiner Schulter abgelegt wurde. Merklich zuckte er zusammen, was Lupin dazu brachte ihm einen mitleidigen Blick zu schenken, den Draco natürlich nicht feststellen konnte, da er sich auf die etwas zu langen Fingernägel der Hand konzentrierte.
„Aber Vater wird…." startete er einen weiteren Versuch seinen Satz zu Ende zu bringen.
„Es ist mir egal was er denkt, sagt oder tut" wiederholte sich nun auch Lupin mit ruhigem aber minimal schärferem Ton, er wollte wohl damit ausdrücken wie ernst ihm das war.
Draco hatte noch vor etwas erwidern, doch in diesem Moment klopfte es an die Tür und sie öffnete sich quietschend, ohne dass der Professor ein „Herein" hätte verlauten lassen.
Wer war dass denn jetzt? Draco saß in der Falle, Lucius kam ebenfalls immer mit einem ankündigenden Klopfen, doch ohne Einladung in fremde Zimmer. Der Werwolf hatte ihn also doch in die Irre geführt.
Eigentlich konnte Draco danach nicht mehr aufzeigen was ihn dazu getrieben hatte sich hinter Lupin zu verstecken, der ihn so böswillig hereingelegt hatte, doch mit einem einzigen Sprung verkroch er sich nun hinter ihm und war dankbar dafür, dass der Lehrer ihn um einen Kopf überragte. Gleichzeitig fiel ihm auf, dass jener zu schmale Schultern besaß. Der Eindringling würde sicher den weißblonden Haarschopf hinter dem schmächtigen, von der Gesellschaft verstoßenden, Professor hervor blitzen sehen. Lupin sollte eindeutig mehr essen.
„Sie haben etwas verloren" erklang nun die ölige Stimme von Severus Snape. Ein „Oh" entfuhr ihm noch, als er seinen Lieblingsschülers hinter dem Rücken seines verhassten Kollegen entdeckte.
Erleichtert atmete Draco aus und trat wieder nach vorne, dass er sich bei dem Professor von einem seiner UTZ-Kursen befand konnte man nicht negativ für ihn auslegen. Oder?
„Sie haben den Aufsatz von Mr. Malfoy gefunden" sagte Lupin um das Szenario zu entschärfen. Trotzdem zogen sich Snapes Augenbrauen in die Höhe seines fettigen Haaransatzes als er die Pergamentrollen überreichte.
„In der Tat" antwortete er und musterte Draco von oben bis unten, der sogar für seine Verhältnisse immer noch extrem blass um die Nasenspitze war.
„Dann können Sie jetzt gehen Mr. Malfoy" erklärte Lupin wohlwollend und Draco nickte wieder einmal nur.
Zögerlich ging er zur Tür und öffnete sie, natürlich wurde er dabei von beiden Lehrern beobachtet. Sicherheitshalber blickte er nach rechts und nach links um jegliche unerwünschte Überraschung zu vermeiden. Wären doch nur Crabbe und Goyle hier, die ihn beschützen könnten.
„Vergessen Sie Theodore nicht, Mr. Malfoy" rief ihm Lupin noch hinterher und Draco schritt nun endlich nach draußen, ohne zu antworten.
Die Holztür fiel mit einer angebrachten Lautstärke ins Schloss und er war wieder auf sich alleingestellt.
