Die Legende vom Drachenfelsen
Nervös sah sich Eragon um und fühlte sich alles andere als wohl in ihrer ungeschützten Position. Die Landschaft lag karg und leblos vor ihm und gab ihm das Gefühl, dass irgendetwas in einem Versteck lauerte und die kleine Reisegruppe beständig beobachtete. Irgendwann würde es dann aus dem Boden gekrochen kommen und über sie herfallen. Zwar war es nur ein wages Gefühl, das sich auf keinerlei Tatsachen stützte, doch es ließ Eragon nicht zur Ruhe kommen. Möglicherweise hing es damit zusammen, dass Murtagh die Gruppe vor zwei Tagen verlassen hatte. Über sein Ziel und seine Absichten hatte er praktisch kein Wort verloren. Zwar hatten sie einen eindeutigen Treffpunkt und eine Zeit ausgemacht, doch die Sache war Eragon nicht geheuer. Er machte sich Sorgen – zum Einen, weil er nicht wusste, was Murtagh tat und wie es ihm ging, zum Anderen, weil er sich fragte, ob sie den Weg unbeschadet zurücklegen konnten. Die drohende Gefahr hing wie dunkle Wolken über ihnen, auch wenn eigentlich weit und breit nichts zu sehen war. Außerdem waren da ja noch die Drachen. In dieser abgelegenen Gegend konnte es kaum etwas geben, das es mit Saphira und Istra aufnehmen konnte. Die beiden Drachendamen schienen sich dessen auch völlig bewusst zu sein. Sie verhielten sich absolut ruhig und besonnen und zwischendurch schämte sich Eragon fast für seine Unsicherheit. Trotzdem ließ sie ihn nicht schlafen, während die beiden Drachen und auch Jonata friedlich im Reich der Träume wandelten. Die junge Halbelfe schien sich vor nichts zu fürchten, das um sie herum war und zeigte in jeder Nacht einen tiefen, erholsamen Schlaf. Das führte dann dazu, dass sie tagsüber einen fast unverschämten Tatendrang entwickelte, dem Eragon einfach nicht folgen konnte.
Eragon wurde aus seinen Gedanken gerissen, als Jonata erwachte. Das Mädchen blinzelte verschlafen und streckte sich ausführlich, wobei ihre Hände über Istras Schuppen strichen, am Hals der Drachendame Halt machten und begonnen, ihnen zu kraulen. Istra schnaufte leise und drehte den Kopf ein wenig.
„Guten Morgen", murmelte Jonata unwillig.
Es stand ihr ins Gesicht geschrieben, dass sie keine Lust hatte, aufzustehen. Trotzdem erwachte sie jeden Morgen zur gleichen Zeit und blieb wach, als wäre sie nie müde gewesen.
„Das muss sich noch erweisen", brummte Eragon ungehalten.
Istra schlug daraufhin die Augen auf, erhob den Kopf und sah sich interessiert um. Das Interesse verebbte jedoch schnell, als ihr bewusst wurde, dass es nichts zu sehen oder zu entdecken gab. Die Enttäuschung erfasste sie jeden Morgen aufs Neue. Genüsslich reckte sie sich und ließ ihre farbenfrohen Schuppen im fahlen Morgenlicht facettenreich glänzen.
Wir sind heute offenbar wieder bei bester Laune, meinte sie amüsiert zu Eragon.
Jonata kicherte leise und verschaffte sich einen Überblick über die Situation. Die Ausläufer des Gebirges waren in der Ferne schon zu sehen. Auf den Rücken ihrer Drachen wären sie wohl schnell zu erreichen gewesen. Doch das machte wenig Sinn. Sie mussten warten, bis sich Murtagh am vereinbarten Treffpunkt einfand. Eragon schien der Einzige zu sein, der es eilig hatte, voran zu kommen. Jonata legte eine Geduld und ein Durchhaltevermögen an den Tag, das ihn in Erstaunen versetzte. Vielleicht lang es daran, dass sie sich nicht von der befremdlichen Umgebung beeindrucken ließ. Trotzdem standen Probleme an. Ihre Vorräte gingen zur Neige und die Jagdausflüge verliefen meist ergebnislos. In den letzten Tagen war es zunehmend schwierig geworden, essbare Pflanzen zu finden. Diese Tatsache schien aber wiederum nur Eragon Sorgen zu bereiten. Dann mussten sie eben doch von der spärlichen Jagdbeute leben, hatte Jonata gemeint. Im Buckel würde es mehr Wild geben. Sie schien nicht die geringsten Anstalten zu machen, sich für die fleischfreie Ernährung der Elfen zu erwärmen. Dabei hatte sie als Drachenreiterin wahrscheinlich ähnliche Erfahrungen mit dem Leben um sich herum gemacht wie er selbst. Ihre Schlüsse daraus schienen jedoch andere zu sein.
Eragon fing eine seltsame, längliche Frucht auf, die Jonata ihm zuwarf.
„Kein Wunder. Hunger macht böse", stellte sie vergnügt fest.
Misstrauisch betrachtete Eragon das Ding, das er essen sollte. Jonata hatte es vor zwei Tagen in einem der letzten noch halbwegs lebendig wirkenden Wälder gesammelt. Obwohl er selbst einiges über die Pflanzenwelt von Alagaesia gelernt hatte, hätte er nicht sagen können, was von dem, das dort wuchs, essbar war und was lebensgefährlich. Diese Frucht wirkte, als wollte sie eher in die zweite Gruppe gehören. Sie war leicht länglich, dick und hatte eine bläulich dunkelviolette Farbe. An beiden Enden ragten giftgrüne Stiele heraus.
„Iss schon", forderte Jonata. „Es bringt dich nicht um."
Eragon holte tief Luft und biss in die Frucht. Der Saft spritzte aus der Furcht und verteilte sich über sein ganzes Gesicht. Das konnte nur ein herrlicher Morgen werden. Jonata saß mit krampfhaft zusammengepressten Lippen da und atmete schwer. Ihre Finger krallten sich in das vertrocknete Gras. Istra entblößte ihre messerscharfen Zähne und gab ein glucksendes Geräusch von sich. Dann wandte sie den Kopf ab. Jonata konnte sich nun nicht mehr beherrschen. Das Lachen brach regelrecht aus ihr heraus, bis sie sich begleitet von Tränen auf den Boden fallen ließ, um nicht zu ersticken. Inzwischen war auch Saphira erwacht. Noch ein wenig verwirrt sah die blaue Drachendame zwischen den Anwesenden hin und her. Vermutlich klärte Istra die Situation auf, denn Eragon spürte, wie sich auch Saphira amüsierte. Er fühlte sich fast ein wenig verraten. Dass Istra und Jonata, die ihn ja kaum kannten, ihn auslachten, konnte er gerade noch ertragen. Aber Saphira. Seine Saphira. Er zuckte zusammen, als die blaue Drachendame ihm das Gesicht ableckte.
Nun sei doch nicht so übellaunig, Kleiner. Sie schmiegte ihren Kopf einen Moment an ihn und sah ihn aus ihren eisblauen Augen derart liebevoll an, dass sein Zorn wie von selbst verrauchte. Er konnte ihr einfach nicht böse sein.
Jonata war indes ganz damit beschäftigt, sich von ihrem Lachanfall zu erholen.
Sie hat ein sonniges Gemüt, stellte Eragon trocken fest.
Ich denke, sie weiß nur das Beste aus ihrer Situation zu machen. Wenn du dich erinnerst: Es ist gar nicht einfach, ein solches Leben zu führen. Ständig auf der Flucht, keine Freunde, keine Abwechslung.
Ob es ihm gefiel oder nicht, Eragon musste Saphira Recht geben. Natürlich war es nicht einfach. Er hatte es auch gehasst. Für Jonata hatte es nie ein anderes Leben gegeben. Die Frage war, ob das die Dinge leichter oder nur noch schwerer machte.
Es dauerte ein wenig, bis sich die Dinge in dem bescheidenen Lager wieder beruhigt hatten. Verdrossen hatte Eragon seine Frucht aufgegessen und sorgsam darauf geachtet, dass er sich nicht noch mehr bespritzte. Saphira und Istra hatten diese Eigenschaft ihrer Mahlzeit genossen und sich hinterher ausführlich gegenseitig trocken geleckt. Eragon hatte bei diesem Anblick lächeln müssen. Die beiden Drachendamen verstanden sich hervorragend, auch wenn sie sich erst kurz kannten. Vielleicht hatte es damit zu tun, dass sie beide aufgewachsen waren ohne auch nur eine Spur eines Artgenossen in ihrer Nähe. Überhaupt war Istras und Jonatas Lage seiner Situation nach der Flucht aus Carvahall fast schon unheimlich ähnlich. Ob das wohl so etwas wie der Familienfluch war? Ernstlich gewundert hätte ihn das nicht.
„Worüber hast du heute Nacht gegrübelt?", wollte Jonata wissen, während die beiden Reiter ihre wenigen Habseligkeiten zusammenpackten.
„Ich habe mich gefragt, warum dein Vater einen anderen Weg eingeschlagen hat als wir. Und ich habe mir den Kopf über Fragen und Rätsel zerbrochen, die seit inzwischen zweihundert Jahren ungelöst sind", antwortete Eragon wahrheitsgemäß.
Jonata nickte und wirkte nachdenklich, während sie Istras Satteltaschen packte. Vermutlich hatte ihr Murtagh nicht mehr erzählt als ihm. Wann auch? Trotzdem zeigte sie keine Anzeichen von Besorgnis und hatte auch keine Fragen gestellt. Ob er sich oft so verhielt? Eigentlich glaube Eragon das nicht. Es schien ihm nicht, als würde Murtagh seine Tochter und ihren Drachen länger aus den Augen lassen als unbedingt nötig.
„Ich denke, er musste einfach mal eine Weile seine Ruhe haben. Auch wenn er es nicht zeigt. Der Verlust seines Drachens quält ihn immer noch sehr. Und wir" Sie deutete auf Istra und sich. „sind ziemlich anstrengend. Er kümmert sich seit so langer Zeit um uns und nur um uns. Irgendwann braucht man eine Pause. Und jetzt seid ja ihr beide da, um ein Auge auf uns zu haben. Das bringt das schlechte Gewissen und die Sorgen zum Schweigen."
Also ob wir nicht selbst auf uns Acht geben könnten, merkte Istra an.
Aber darum ging es wahrscheinlich gar nicht. Eltern ließen ihre Kinder einfach nicht allein zurück, wenn die Zeiten auch nur irgendwie gefährlich waren. Von diesem Standpunkt aus gesehen fand Eragon Jonatas Erklärung durchaus schlüssig. Ihm blieb nur zu hoffen, dass sie Recht hatte. Alles andere war mit möglichen Komplikationen verbunden und kompliziert waren die Dinge im Moment schon zur Genüge.
„Und über welche ungelösten Rätsel hast du nachgedacht?", fragte Jonata weiter.
Einen Moment dachte Eragon darüber nach, ob er ihr wirklich antworten wollte. Aber was konnte es schon schaden? Wem konnte sie es erzählen? Abgesehen von den anwesenden Personen natürlich und er hatte nicht das Gefühl, gegen die Vorbehalte haben zu müssen.
„Ich habe an eine Vorhersage gedacht, die eine Werkatze gemacht hat. Sie sprach vom Felsen von Kuthian und dem Verlies der Seelen. Ich weiß bis heute nicht, was es damit auf sich hat."
Jonata gab ein unverbindliches Brummen von sich und verschloss die gepackte Satteltasche. Istra drehte und wendete sich ein wenig, um herauszufinden, ob die Gurte richtig saßen und das Gewicht einigermaßen gleichmäßig verteilt war.
„Felsen von Kuthian?", wiederholte Jonata. „Davon hab ich schon gehört."
Eragon biss sich auf die Lippen. Diesen Satz hatte er in dieser oder vergleichbarer Form schon früher gehört. Er hatte in eine Sackgasse geführt.
„Lass mich raten: Dir will aber gerade nicht einfallen, wo bzw. was es damit auf sich hat", entgegnete er.
Jonata sah ihn fragend an und verzog ein leicht ungehaltenes Gesicht. Offenbar hatte er sie unbeabsichtigt unterbrochen.
„Nein", gab Jonata zurück. „Ich weiß es zufällig noch sehr genau. Dazu gibt es eine Geschichte, die aus einem Buch stammt. Es trägt den schönen Titel „Mythen und Legenden der Drachen". Sehr aufschlussreich."
Eragon konnte nur mit den Schultern zucken. Davon hatte er noch nie gehört. Aber das musste nichts heißen. Es gab so viele Dinge, von denen er noch nicht gehört hatte. Gerade wenn es Bücher betraf, ließ sein Wissen zu wünschen übrig. Außerdem hörte es sich verboten an – zumindest für die Zeit, aus der er kam.
„In dieser Geschichte ist jedenfalls die Rede von einem Felsen von Kuthian. Dorthin hat es – so sagt man – die Seelen der verstorbenen Drachen verschlagen. Sie warten an diesem Ort, bis ihre große Mutter zu ihnen kommt und ihnen erneut das Leben schenkt", erklärte Jonata.
Eragon wandte sich zu Saphira um. Die blaue Drachendame sah das Mädchen misstrauisch und auch ein wenig fragend an. Man konnte ihr regelrecht ansehen, wie ihr Verstand versuchte, Jonatas Worte zu verarbeiten und mit ihrem Wissen in Einklang zu bringen.
Kannst du dir einen Reim darauf machen?
Nein. Ich habe noch nie von dieser Legende gehört und ich kann mir auch nicht vorstellen, wovon sie erzählt. Saphiras Geist überschlug sich regelrecht bei dem Versuch, sich Jonatas Worte zu erklären. Sie dachte darüber nach, ob sie je auch nur annähernd von einer Möglichkeit gehört hatte, verstorbenen Drachen das Leben wiederzugeben. Angestrengt ging sie ihre Lektionen durch und versuchte, verschiedenen Fakten von einer neuen Seite zu beleuchten. Ein Erfolg wollte sich aber nicht einstellen.
„Was bedeutet das?", wollte Eragon also wissen.
„Ich weiß es nicht", räumte Jonata bedauernd ein. „Ich kenne nur die Geschichte, nicht ihre Bedeutung. Die große Mutter ist vielleicht so etwas wie eine Göttin der Drachen? Möglicherweise hat es etwas in der Art früher gegeben. Aber ich weiß es wirklich nicht."
Saphira schnaubte nervös. Eragon konnte mitverfolgen, wie vor ihrem inneren Augen noch einmal all die Dinge abliefen, die Glaedr ihr über ihre Vorfahren beigebracht hatte. Von einer großen Mutter oder einer Göttin war keine Rede gewesen. Schon gar nicht davon, dass man den Seelen verstorbener Drachen neues Leben einhauchen konnte. Das klang absurd.
Wahrscheinlich ist es einfach nur eine Geschichte, merkte Saphira unbehaglich an.
Aber das ist im Moment unser einziger Hinweis. Eragon wandte sich wieder Jonata zu. Sie war ebenso ratlos. Es wirkte jedoch nicht, als hätte sie sich bisher viele Gedanken über diese Geschichte gemacht.
„Die Seelen verstorbener Drachen begeben sich also zu diesem Felsen oder werden dorthin gebracht", wiederholte Eragon nachdenklich. „Alle Seelen? Oder nur eine bestimmte Art? Vielleicht kommt es darauf an, wie sie gestorben sind oder wie sie gelebt haben."
Jonata rümpfte die Nase und sah zwischen Istra und Saphira hin und her. Offensichtlich hatte sie noch nie näher über diese Geschichte nachgedacht. Oder aber die Antwort war darin nicht zu finden. Vielleicht war es wirklich nur eine Legende. Dann spielte es im Grunde auch gar keine Rolle. Doch allein die Möglichkeit, dass sich darin ein greifbarer Hinweis finden ließe, schürte Eragons Neugier noch mehr.
„Keine Ahnung", räumte Jonata schulterzuckend ein. „Ich kennen den genauen Wortlaut des Textes nicht. Das Buch selbst hab ich nicht in der Hand gehabt. Diese Drachenlegenden waren gewissermaßen meine Gute-Nacht-Geschichten, als ich noch klein war. Ich fand sie unterhaltsam, mehr aber nicht. Wir könnten meinen Vater fragen, wenn er zurück ist, ob er sich an mehr erinnert. Er hat das Buch selbst in der Hand gehabt."
Sie schwieg verlegen und tätschelte gedankenverloren Istras Hals. Die Drachendame brummte versonnen und schien ebenso wie ihre Reiterin auf der Suche nach Antworten zu sein.
Mach dir nur nicht zu viele Hoffnungen, meinte Saphira.
Es heißt doch: Jede Legende hat auch einen wahren Kern.
Ja. Saphira kniff kurz die Augen zusammen und warf dann einen Blick auf die Berge in der Ferne. Aber wer weiß, wie der dieser Legende aussieht. Wer weiß, wie die Wahrheit inzwischen umgedeutet und missverständlich formuliert worden ist. Möglicherweise ist es gar nicht wörtlich zu sehen.
Eragon brummte ungehalten und lehnte den Kopf gegen Saphiras Flanke. Obwohl sie schon Zeit gehabt hatten, sich an die neue Situation zu gewöhnen, platze Eragon nach wie vor fast der Kopf, wenn er über mehr als die alltäglichen Notwendigkeiten nachdenken musste.
Aber vielleicht spielt es auch gar keine Rolle mehr, sinnierte Eragon. Sieh dich doch mal um. Es ist nichts als verbrannte Erde geblieben.
Saphira gab ein wütendes Knurren von sich, das Eragon zusammenzucken und Istra vor Schreck aufspringen ließ. Die ältere Drachendame setzten einen Schritt zurück, besann sich dann aber auf das, was sie als ihr vordringliche Pflicht ansah, und schob sich zwischen Jonata und ihre Artgenossin.
Das Land mag verbrannt sein, seine Menschen sind es nicht. Einige sind noch übrig und egal wie schwierig die Dinge auch geworden sind, es bleibt unsere Aufgabe, ihnen zu helfen. Saphiras Wut schwang in jedem Wort mit und Eragon wusste nicht anders zu reagieren, als den Kopf betreten zu senken und sich für seine Dummheit zu schämen.
Jonata hatte sich inzwischen erhoben und sah die beiden über Istras Hals hinweg an. Ihr stand ins Gesicht geschrieben, dass sie zu gern gewusst hätte, was Eragon und Saphira besprochen hatten. Doch sie schien genug Anstand zu besitzen, nicht zu fragen.
„Ich denke nicht, dass die Seelen aller verstorbenen Drachen zu diesem Drachenfelsen gelangen konnten", ergriff sie schließlich wieder das Wort. „Das dürfte schon allein für die nicht möglich gewesen sein, die ihren Eldunari hergegeben haben."
„Ihren was?", fragte Eragon irritiert.
Jonata zog die Augenbrauen hoch und kniff die Lippen zusammen.
„Davon hat dir niemand erzählt? Ich gebe zu, das ist eine schwieriges Thema. Aber es ist auch wichtig. Die Eldunari oder auch Seelenhorte sind Gebilde, die in den Drachen entstehen. Dort hinein kann der Drache seine Seele verlagern und den Eldunari dann ausspeien. Körper und Seele können so unabhängig voneinander aber nie ganz getrennt existieren. In manchen Kreisen schien es früher regelrecht als schick zu gelten, diesen Teil von sich preiszugeben. Das hat unter anderem dazu geführt, dass die Drachenreiter eine erhebliche Menge dieser Seelenhorte in Verwahrung hatten."
„Die alle Galbatorix in die Hände gefallen sind, vermute ich", schlussfolgerte Eragon.
Er kniff kurz die Augen zusammen und hoffte erneut, dass er aus einem Traum erwachen würde. Doch dieses Glück war ihm nicht vergönnt. Saphira rutschte neben ihm nervös auf ihrem Platz hin und her.
„Ja, natürlich", stimmte Jonata ernst zu.
„Ich wage kaum zu fragen, aber: Was hat er davon? Drachen, die keinen Körper mehr haben?"
Jonata grinste verlegen. „Sie sind eine Kraftquelle. Wer den Eldunari besitzt, kann die Macht des Drachen kontrollieren, seine magische Energie."
Eragon seufzte laut und ließ sich gegen ganz gegen Saphira sinken. Das war nun wirklich zu viel für einen Tag. Auf diese Weise erklärte sich das eine oder andere, doch im Moment sträubte sich ein großer Teil von ihm dagegen, weiter darüber nachzudenken.
„Die Sache ist ...", begann Jonata, wurde aber durch einen Wink von Eragon unterbrochen.
„Das muss ich zuerst verarbeiten. Weißt du vielleicht noch etwas über diesen Drachenfelsen? Vielleicht wo er liegt?", wollte Eragon nur wissen.
Jonata schüttelte den Kopf.
„Wie gesagt, ich kenne die Geschichte nicht wortwörtlich", erinnerte sie. „Ich kann mich an keinen Hinweis erinnern."
Betretenes Schweigen erfasste die kleine Gruppe. Saphira und Eragon grübelten – zum Teil allein aber auch immer wieder gemeinsam, wenn ihre Gedankengänge die gleichen Bahnen einschlugen. Es wurde offensichtlich, dass sich auch Saphira dieser Eigenart der Drachen nicht bewusst war.
„Lasst uns aufbrechen", meinte Eragon schließlich. „Ohne weitere Informationen erreichen wir nichts und ich befürchte, in meinen Kopf passt im Moment nicht mehr rein."
Jonata nickte nur und machte sich daran, auf den Rücken ihres Drachens zu steigen. Ihr war anzusehen, dass sie gern noch mehr gesagt hatte, doch sie schwieg. Eragon war ihr mehr als dankbar dafür. Es fühlte sich anstrengend an, während er selbst in den Sattel stieg. Als wäre durch die neuen Erkenntnisse nicht nur sein Wissensschatz sondern auch sein Körper schwerer geworden. Die Befreiung war groß, als Saphira vom Boden abhob.
