Kapitel 10

Sie wischte sich die Tränen von der Wange.

Zum Teil, weil sie wütend auf sich selber war, zum anderen Teil, weil sie jetzt zum Ende des Buches gekommen war, was sie geschworen hatte, nicht weiter zu lesen. Und sie las nicht mehr den Namen Alec. Ihr Verstand spielte ihr schon seit hundert Seiten einen widerlichen Streich.

Sie las auch nicht mehr den Namen Paige.

Das kannst du nicht machen!" Die Richter hatten das Urteil gesprochen. Und es gab keinen Ausweg. „Du kannst nicht gehen", rief Hermine unter Tränen.

Sie klammerte sich an Dracos Arm, als wäre es der einzige Halt in der Welt.

Sie können nicht zulassen, dass die Dementoren ihn küssen! Sie können es nicht zulassen! Ich habe Ihnen doch gesagt, er hat mich gerettet! Draco Malfoy hat mich gerettet!", schrie sie verzweifelt.

Das ist unerheblich, Ms Granger. Wir werden ihn nach Askaban bringen, wo er seine gerechte Strafe erhält. Er trägt das Dunkle Mal, nicht wahr?"

Er hat doch-"

Ja oder nein?", unterbrach sie der Richter rigoros.

Ja", antwortete Draco statt ihrer.

Und er hat sie als seine Sklavin gehalten?"

Nein! Er hat mich gerettet, damit mich die Todesser nicht bekommen. Wir haben zusammen agiert, damit wir sie überwältigen können, damit sie nicht meine Gruppe töten konnten und er hat völlig selbstlos-"

Sie gehören also zu dieser Organisation?", fuhr der Richter sie an und Hermine biss sich auf die Lippe.

Ja, ich-"

Nein! Es war allein meine Idee, ich habe sie beeinflusst. Jetzt gerade steht sie unter dem Imperio und tut, was ich sage!", rief Draco laut und schob Hermine zur Seite.

Nein! Glauben Sie ihm nicht! Es ist kein Imperio, er will mich nur schützen!"

Warum sollte ein Todesser ein Schlammblut schützen wollen, Euer Ehren?", fragte er und schenkte ihr einen kalten Blick.

„Draco", flüsterte sie eindringlich.

Wag es nicht, mich anzusprechen, Schlammblut", erwiderte er und fast glaubte sie dem kalten Blick in seinen hellen Augen.

Hermine schüttelte kurz den Kopf und verdrängte die Tränen. Die Buchstaben wurden wieder klarer und auch die Namen stimmten wieder vor ihrem inneren Auge.

Lassen Sie ihn gehen! Sehen Sie nicht, dass er nur spielt? Es ist eine Show, damit-"

Schaffen Sie sie endlich fort!", rief Alec außer sich und Paige warf sich zu seinen Füßen auf den Boden.

Nein!", rief sie und die Richter hatten sich erhoben.

Die Dementoren werden sie beide mitnehmen, wenn sich diese Szenerie hier nicht klärt. Ms Lemore, Beihilfe ist genauso strafbar wie der Akt selbst. Wenn Sie hier schwören beteiligt gewesen zu sein, dann müssen wir Sie ebenfalls nach Askaban bringen!"

Ich gehe nicht ohne Alec!", schrie Paige wieder und er versuchte sich von ihr loszumachen.

Glauben Sie ihr doch nicht!"

Sie stehen unter Gewahrsam, bis die Dementoren kommen."

Die Richter verließen den grauen Raum und Paige schlug ihm hart gegen die Brust.

Wie kannst es nur tun?", weinte sie verzweifelt.

Paige, reiß dich zusammen und spiel mit. Ich lasse nicht zu, dass sie dich mitnehmen. Es gibt keinen anderen Weg."

Keinen anderen Weg, als dich von den Dementoren küssen zu lassen? Ich werde das nicht zulassen. Dann komme ich lieber mit dir!"

Sie werden uns umbringen. Und wenn du für eine Sekunde deine Fassung behältst, dann wirst du überleben. Du musst es für mich tun, hast du verstanden? Ich werde meine Strafe bekommen. Ich werde tun, was nötig ist."

Nein, nicht so! Du bist kein Verbrecher, du bist kein Todesser, Alec. Ich kann nicht auf dich verzichten. Ich liebe dich!"

Er zog sie an sich, verschloss ihre Lippen augenblicklich und sie griff hart in seine Haare, hielt ihn fest und küsste ihn so verzweifelt, dass kein Hauch Luft mehr zwischen ihre Körper passte.

Ich liebe dich, Paige. Und deswegen muss ich sterben. Du musst mich gehen lassen, damit ich dich retten kann. Es gibt keinen Ausweg hierfür. Es gibt keinen."

Nein", weigerte sie sich und schüttelte wieder den Kopf. „Die Dementoren-"

Es geht schnell. Der Kuss ist schnell vorbei und ab da weiß keiner mehr, was passiert. Sobald die Seele den Körper erst verlassen hat, kann-" Sie warf sich wieder in seine Arme.

„Hör auf!", schrie sie. „Hör auf damit!"

Hey", hörten sie eine Stimme und dann öffnete sich die Tore des Verhörraums. Jerry war da. Das Gesicht zerschunden, aber er lebte. „Die Dementoren sind angekommen", rief er gehetzt.

„Nein!", wiederholte Paige jetzt leiser. „Nein!"

Begreif doch, es gibt keinen Weg."

Es gibt einen Weg", erklärte Jerry. „Aber… nur für einen."

Welchen Weg?", verlangte Paige zu wissen.

In der Halle des Todes. Wenn Alec durch den Bogen geht, können ihm die Dementoren nichts mehr anhaben. Er wurde verurteilt, Paige. Alles, was jetzt noch möglich ist, ist dich zu retten!"

Sie schüttelte jetzt nur stumm den Kopf. „Ich lasse ihn nicht durch den Schleier des Todes gehen, Jerry!"

Dann musst du mit ihm nach Askaban und verlierst deine Seele in den nächsten zwei Stunden", erklärte Jerry bitter und Alec hatte sich schon erhoben.

„Du kannst das nicht tun! Wenn du mich liebst, dann bleibst du bei mir", flüsterte sie, denn ihre Stimme versagte.

„Ich liebe nur dich und deshalb muss ich das tun. Bitte, begreif das. Du darfst nicht sterben, hörst du?" Er folgte Jerry und Paige stolperte hinter ihnen her, blind vor Tränen und sie liefen tiefer hinab. Die Männer liefen so schnell und sie kam kaum hinterher, geschweige denn, hatte sie die Möglichkeit sie aufzuhalten.

Alec!", schluchzte sie und er hielt sie fest, als Jerry die richtige Tür zum Halten brachte.

Paige, er muss gehen. Lass ihn gehen, damit ihm seine Seele bleibt. Denk an dein Kind."

Dein Kind?", fragte Alec verstört und Paige sah ihm schuldbewusst ins Gesicht.

Du hast es ihm nicht gesagt?" Jerry betrachtete sie wütend. „Sie ist schwanger, Alec. Sie kann unter keinen Umständen nach Askaban!" Alec nickte als wäre es selbstverständlich.

Paige, mach mir das leichter. Wenn du…" Er weinte jetzt und sie konnte sich kaum noch halten.

Du kannst mich nicht alleine lassen, du kannst nicht! Du kannst nicht gehen!" Jerry zog Alec in den nächsten Raum. Sie erkannte den Bogen von weiten, stolperte die Tribünen hinter ihnen her, hörte hinter sich den Tumult losbrechen, hörte die Dementoren leise murmeln und Kälte erfasste sie.

Du darfst nicht gehen!"

Alec, du musst gehen!", flüsterte Jerry. „Wir können dich leider nicht anders retten." Selbst Jerry konnte nicht mehr sprechen. „Es tut mir so leid." Dann sank sein Blick, seine Stimme brach.

„Ich liebe dich, Paige", sagte Alec mit sehr trockener Stimme. „Du lebst. Für mich. Ich bin nicht fort, hörst du? Ich bin um die nächste Ecke. Ok? Hör mir zu, ich liebe dich! Hab keine Angst. Du bist mein, ich bin dein! Bis in alle Ewigkeit!"

Alec!" Sie wünschte sich, die Tränen würden aufhören, damit sie ihn ansehen konnte. Damit sein Gesicht nicht immer wieder verschwamm, damit sie ihn behalten konnte, damit er sah, sie würde nicht ohne ihn gehen. Er durfte nicht gehen. Es musste einen Weg geben.

„Sie kommen", flüsterte Jerry heiser.

Alec!", rief sie wieder. Er küsste ihre Handflächen, ihre Wangen, ihre Stirn, ihre Lippen. Immer wieder, immer wieder.

Ich liebe dich! Ich liebe dich. Leb wohl." Er küsste sie noch einmal, so dringend, so verzehrend, dass sie ihre Hände auf seine Wangen legen musste, um ihn zu behalten. Dann riss er sich mit einem verzweifelten Schrei von ihr los.

Als sie die Augen öffnete hörte sie kein Geräusch. Die Sekunden klebten zäh aneinander. Seine starken Beine machten einen Schritt um den anderen nach vorne. Der Vorhang flatterte ruhig, obwohl keine Brise wehte.

Sie spürte, wie sich ihre Lippen öffneten, wie sie Worte formten, die sie nicht verstand. Seine dunklen Haare schimmerten im düsteren Licht der Kerzen und so agil, so stark, so wunderschön sah ihr Alec aus. Wo rannte er hin? Wo wollte er ohne sie hingehen? Wieso nahm er sie nicht mit?

Er warf keinen Blick zurück. Sie kam auf die Beine, stürzte wieder, wollte hinter ihm her und spürte, wie Jerry sie fest umklammerte.

Und dann sprang Alec durch den Vorhang auf die andere Seite.

Jemand schrie. Jemand schrie so unglaublich laut, dass ihr Trommelfell zu platzen schien. So laut. Unerträglich.

Sie schrie. Es war ihre Stimme.

Alec! Alec! Alec!"

Immer wieder. Immer wieder. Wieder. Wieder. Fort. Fort. Fort.

Hermine schleuderte das Buch so zornig zur Seite, dass es einige Meter weit flog. Es landete mit dem Rücken nach oben und knickte die Seiten ein, die unten lagen. Es fehlten noch ein paar Dutzend. Aber sie konnte nicht weiterlesen. Wie konnte sie jetzt noch weiterlesen?

Sie schrie zornig auf. Er durfte nicht sterben! Er durfte nicht! Wie konnte Malfoy ihn umbringen? Wie zum Teufel konnte er das tun?

Sie weinte noch eine ganze Weile.

Dabei hatte sie sich geschworen das Buch bis zur letzten Seite zu verabscheuen, Malfoy zum Teufel zu wünschen und das Buch zu verbrennen. Bisher war sie soweit gekommen, Malfoy zum Teufel zu wünschen. Und nicht weiter.

Danke. Er hatte sich bedankt. Warum? Er war doch nicht so verrückt und hatte es geplant? Sie spürte mehr Tränen. Immer mehr von ihnen. Er hatte mit ihr gespielt. Dieses Gefühl beschlich sie. Er hatte sie benutzt. Und sie hatte auch noch mitgespielt. Er hatte sie geblendet. Und er hatte gewagt, sich zu bedanken. Und… noch niemand hatte sie so geküsst! Nicht Krumm, nicht Ron, nicht Cormac! Niemand! Und dass er es getan hatte, brachte sie nur wieder zu den Tränen.

Malfoy hatte sie geküsst…. Sie weinte wieder.

Und sie war weggelaufen.

Und jetzt war Alec tot.