9. Kapitel

Jane hatte mir erzählt, daß Charles Fitzwilliam gebeten hatte, sein Trauzeuge zu sein und Fitzwilliam hatte zugesagt. Ein halbes Jahr war vergangen seit London und ich dachte nur noch ab und zu an ihn. Sicherlich hatte er mich mittlerweile vergessen, war vielleicht sogar wieder frisch verliebt und es war ihm gleichgültig, was damals vorgefallen war. Ich nahm mir vor, nichts zu sagen, wenn sich nicht gerade eine Gelegenheit aufdrängte. Schlafende Hunde sollte man schließlich nicht wecken, nicht wahr!

Außerdem gab es da einen recht interessanten jungen Mann, der mir in letzter Zeit verstärkt den Hof machte. Nichts ernstes. Oder vielleicht doch? Er hieß Nicholas Hamilton und war der Sohn des ortsansässigen Tuchhändlers in Meryton.

Oh ja, meine Stiefmutter hörte schon die Hochzeitsglocken läuten! Aber ich mit meinen knapp neunzehn Jahren fühlte mich noch nicht reif für die Ehe. Mein größtes Problem würde der Verlust meiner Freiheit sein, und das war für mich ein wahrhaft gravierendes Problem. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, mich wie eine Ehefrau zu benehmen. Andere ehrbare Damen zum Tee einzuladen, andere ehrbare Damen zum Tee zu besuchen, Tag für Tag eine schickliche Haube tragen, jedes Jahr einem kleinen Tuchhändler das Leben zu schenken... das war nicht meine Vorstellung von einem glücklichen Leben.

Andererseits war Nicholas ein netter junger Mann. Er sah recht gut aus, kam aus einer anständigen Familie und hatte gute Manieren. Und ja, ich gebe es mit hochrotem Kopf zu: Ich stellte mir nachts manchmal vor, wie es sein würde, mit ihm das Bett zu teilen. Ich hatte momentan ein geradezu unschickliches Bedürfnis nach körperlicher Nähe, nach einem warmen, männlichen (!) Körper an meiner Seite. Jemand, der mich in den Armen hielt und mich beschützte.

Dieses Gefühl erstaunte und erschreckte mich etwas. Die ehelichen Pflichten, die über das Ehebett hinausgingen, wollte ich allerdings nicht so gerne erfüllen. Die ehrbaren Damen und so...

War ich tatsächlich so verdorben? War ich im Grunde meines Herzens eine H... – ein leichtes Mädchen? Ich kannte mich selbst nicht wieder. Aber war mein Wunsch denn wirklich so verwerflich...? Ich fühlte mich manchmal einfach so unendlich einsam und alleine.

Und ich beneidete Jane. In wenigen Tagen würde sie Mrs. Bingley werden. Ich wußte, daß sie Charles ‚Freiheiten' gewährte, aber sie wußte nicht, daß ich es wußte. Nichts schlimmes, ich war sicher, Jane ging ‚unschuldig' in die Ehe, aber ich hatte die beiden Verliebten schon mehrfach ertappt, war jedoch immer wieder leise gegangen, damit sie mich nicht bemerkten. Glückliche Jane! Bald würde sie mir sagen können, ob die Hochzeitsnacht wirklich so furchterregend war. Ich bezweifelte das irgendwie. Vielleicht war es auch nur meine romantische Wunschvorstellung, die mir ein völlig falsches Bild vorgaukelte...

Auf jeden Fall freute ich mich für meine Schwester – trotz allen Neids – und wünschte ihr ein schönes Leben mit Charles. Ich wußte, er würde sie auf Händen tragen und ihr jeden Wunsch von den Augen ablesen.

Tja, und danach würde ich alleine sein. Das heißt, Jane würde nicht mehr da sein, nur noch der Rest meiner Familie. Die Vorstellung löste Entsetzen in mir aus. Niemand mehr, mit dem man sich vernünftig unterhalten konnte, keine heimlichen Gespräche mehr mit Jane nachts in meinem Zimmer. Keinen mehr zum Herzausschütten.

Vielleicht hatte ich ja Glück und Nicholas würde mir bald einen Antrag machen. Ich war mittlerweile so durcheinander und neben mir, daß ich ihn wahrscheinlich sofort angenommen hätte. Und sei es nur, um jemanden zu haben, den ich ein bißchen liebhaben konnte.

Aber natürlich war das wieder einmal nicht so einfach. Einen Tag vor Janes Hochzeit hatte mich meine Stiefmutter beauftragt, Flieder zu schneiden. Es war ein wunderschöner Frühlingstag. Hoffentlich hielt das Wetter bis morgen, dachte ich. Mit einer Schere und einem großen Korb bewaffnet zog ich am Nachmittag los in Richtung Netherfield, wo auf halber Strecke am Wegesrand unsere beiden großen Fliederbäume in voller Pracht blühten.

Dummerweise hatte Fanny bereits dem Hausmädchen aufgetragen, Flieder von diesen Bäumen zur Dekoration in die Kirche zu bringen, und so waren die unteren Äste praktisch komplett geplündert. Aber das störte mich wenig. Oben in der Krone hing noch genug, und so kletterte ich ohne viel Federlesens nach oben und schnitt meine Zweige ab.

Wenn Nicholas mich jetzt sehen könnte! grinste ich vor mich hin. Er würde sicher keine Frau heiraten wollen, die in Bäumen herumklettert!

So sehr in meinen Gedanken und Fantasien versunken war ich, daß ich den einsamen Spaziergänger gar nicht bemerkt hatte, der gerade unter mir vorbeiging. Aber auch er hatte mich wohl nicht gesehen oder gehört, und so erschrak Fitzwilliam Darcy ganz außerordentlich, als ich ihm praktisch auf die Füße sprang.

Geistesgegenwärtig streckte er die Arme aus und hielt mich fest, bevor ich zu Boden fallen konnte. Sofort stieg mir wieder der Duft von Sandelholz in die Nase.

Der Schreck war beidseitig – ich erschrak mich furchtbar, ihn zu sehen. Einen Augenblick starrte er mich mit seiner gewohnt mißbilligenden Miene an, dann plötzlich lächelte er und schüttelte den Kopf.

„Miss Elizabeth. Und wie ich sehe, immer noch auf Bäumen unterwegs." Zögernd, wie es mir schien, ließ er mich los. Und ich, ich wurde natürlich wieder rot. Was auch sonst.

„Mr. Darcy! Entschuldigen sie, ich habe sie nicht gehört und nicht gesehen," murmelte ich und wir sahen uns einen Augenblick ziemlich verlegen an.

„Darf ich sie nach Hause begleiten?" fragte er schließlich und ich nickte.

Er nahm meinen Blumenkorb in die linke Hand und bot mir seinen rechten Arm. Zunächst schweigend gingen wir in Richtung Longbourn.

Meine Gedanken waren dermaßen in Aufruhr, daß mir noch nicht einmal die belangloseste Konversation gelang. Fitzwilliam schien es nicht anders zu gehen. Wir hätten uns so viel zu sagen gehabt, nach allem, was in London zwischen uns geschehen war, aber doch sprachen wir so gut wie nichts. Die Luft zwischen uns schien zu brennen, die Spannung war fast körperlich zu spüren.

Fitzwilliam brachte mich bis zum Gartentor und lehnte es höflich ab, mit ins Haus zu kommen.

„Vielen Dank, aber ich muß zurück. Charles braucht heute noch ein wenig Beistand, bevor er morgen vor den Altar tritt. Und ich kann ihn unmöglich alleine mit Caroline lassen." Er lächelte mich an, ein fast zärtliches, scheues Lächeln.

Ich nickte und murmelte etwas davon, daß wir uns ja morgen in der Kirche sehen würden. Wieder standen wir uns schweigend gegenüber und starrten uns an. Fitzwilliam ergriff meine Hand und hob sie zu seinen Lippen, küßte sanft meine Finger. Ein Stromstoß durchfuhr meinen Körper und ich wünschte nur noch, er würde mich noch ganz woanders küssen! Bevor ich eine Dummheit begehen konnte, kam glücklicherweise meine kleine Schwester nach Hause und der verzauberte Augenblick war vorüber.

„Bis morgen, Elizabeth," flüsterte Fitzwilliam, ließ zögernd meine Hand los und ging davon.

Wie auf Wolken schwebend nahm ich den Korb mit dem Flieder, trug ihn ins Haus und ging auf mein Zimmer. Ich brauchte erst einmal einen Augenblick für mich alleine.

Das Abendessen bekam ich kaum mit. Glücklicherweise waren alle viel zu aufgeregt wegen Janes Hochzeit und so bemerkte keiner mein Schweigen. Keiner bis auf Jane, natürlich. Als ich mich nach dem Essen zurückzog, folgte sie mir nach einigen Minuten und fragte mich besorgt, ob es mir denn nicht gutging.

Ich seufzte. „Ich habe Fitzwilliam heute getroffen."

Jane lächelte. „Wie schön, daß er Charles' Trauzeuge wird. Ich hatte anfangs Angst, er würde nicht kommen. Und ihr habt euch heute gesehen? Wie hat er sich dir gegenüber verhalten?"

„Ich bin ihm auf die Füße gesprungen," murmelte ich verlegen.

Jane schüttelte amüsiert den Kopf. „Du bist in den Fliederbaum geklettert, nicht wahr? Der arme Fitzwilliam, immer fällst du irgendwie auf ihn, wenn ihr euch seht! Ich hoffe, er hat nicht schon wieder eine Narbe davongetragen!"

Ich mußte lachen. „Nein, er hat mich diesmal aufgefangen." Meine Gedanken wanderten zurück. Sein männlicher Duft nach Sandelholz, seine Nähe...

Jane stupste mich an und grinste. „Was ist noch passiert, Lizzy? Du bist ja gedanklich meilenweit weg!"

„Nichts weiter. Er hat mich nach Hause begleitet."

Jane seufzte. „Oh Lizzy, ich würde so sehr hoffen, daß ihr zwei zusammenkommt. Ich finde, ihr paßt so wunderbar zusammen." Hm. Was sollte ich dazu sagen?

Ich schlief schlecht in dieser Nacht. Ehrlich gesagt, ich schlief so gut wie gar nicht. Wenn ich dann einmal kurz eindösen konnte, erschien sofort Fitzwilliams Gesicht vor mir. Oh, ich wollte, die Hochzeit wäre schon vorbei…

Entsprechend erschöpft sah ich am nächsten Morgen aus. Dicke Ringe unter den Augen, die Haare standen mir in alle Richtungen ab. Sarah, das Dienstmädchen, hatte alle Hände voll zu tun, um uns alle in einen akzeptablen Zustand zu bringen.

Wenigstens Jane enttäuschte nicht. Sie war so wunderschön, wie man es sich nur vorstellen konnte. Die schönste Braut, die ich je gesehen hatte. Das fanden offenbar auch alle Hochzeitsgäste, denn keiner konnte den Blick von ihr abwenden, als sie am Arm meines Vaters langsam den Gang zum Altar herunterkam. Das heißt, einer schon: Fitzwilliam Darcy. Der hatte offenbar nur Augen für mich. Und Lizzy Bennet wurde einmal mehr ziemlich rot.

Ich war mir nun ziemlich sicher: es hatte mich erwischt. Ich bekam feuchte Hände, mein Magen verknotete sich vor Aufregung, ich hatte einen Kloß im Hals. Und auch ich konnte meinen Blick nicht von ihm wenden. Ich wollte mich in seine Arme stürzen. Ich wollte, daß er mich küßte. Ich wollte mit ihm alleine sein. So mußte es sich anfühlen, wenn man verliebt war, oder?

Fitzwilliam hatte zwar nur Augen für mich, aber sein Blick war ausdruckslos. Er lächelte nicht, er starrte mich nur an. Vielleicht redete ich mir ja auch nur ein, daß ihm etwas an mir lag. Innerlich seufzte ich – verzweifelt. Würde ich heute Zeit finden, mit ihm zu sprechen? Ich mußte herausfinden, ob er noch schlecht von mir dachte. Ich würde es nicht ertragen! Natürlich wäre es unschicklich, alleine mit ihm zu sein. Aber ich wußte auch, er würde morgen wieder abreisen. Jane konnte ich nicht um Hilfe bitten, sie war schließlich gerade am heiraten! Was für ein Dilemma…

Zunächst einmal mußte ich die Hochzeit überstehen. Ich muß zu meiner großen Schande gestehen, ich kann bis heute nichts darüber sagen. Wenn ich an Janes Hochzeit denke, denke ich an Fitzwilliam. Ich glaube, ihm ging es genauso. Beide versuchten wir, vom jeweils anderen Blicke zu erhaschen, aber wann immer unsere Blicke sich trafen, schauten wir verlegen in eine andere Richtung. Liebe Güte, mir war so heiß…

Endlich waren Jane und Charles rechtmäßig vermählt und wir konnten nach draußen gehen. Charles hatte die komplette Hochzeitsgesellschaft zu einem festlichen Empfang nach Netherfield eingeladen und das glückliche Brautpaar und die Gäste rumpelten mit ihren Kutschen davon. Fitzwilliam verlor ich dabei aus den Augen. Ich sah ihn erst wieder im großen Ballsaal von Netherfield. Er stand alleine am Fenster und blickte nachdenklich hinaus. Mich bemerkte er nicht.

Um mich ein wenig abzulenken, machte ich mich nützlich und half beim Tee ausschenken. Ich hatte gerade mutig entschieden, Fitzwilliam eine Tasse zu bringen, als Nicholas Hamilton auf mich zutrat. Er verwickelte mich in ein Gespräch und zu meinem Ärger mußte ich mit ansehen, wie ein junges Mädchen aus Charles Verwandtschaft Fitzwilliam lächelnd eine Tasse Tee anbot. Er nahm sie dankend an und bei dieser Gelegenheit bemerkte er mich. Seine Stirn legte sich sofort in Falten, als er sah, daß ich in Gesellschaft eines Mannes war und er wandte sich wieder seinem Fenster zu.

Das wäre ja noch nicht so schlimm gewesen, aber meine Stiefmutter stand in Fitzwilliams Nähe und beobachtete mich und Nicholas. In ihrer wie üblich sehr lauten Stimme teilte sie allen, die es hören wollten oder auch nicht, mit, was für ein respektabler Mann der junge Hamilton doch sei, wie gemacht für ihre schwierige Tochter, und daß ich ihr in dieser Hinsicht nur Kummer und Sorgen machte.

„Ich wünschte, Lizzy wäre endlich unter der Haube!" jammerte sie. „Kein junger Mann ist gut genug für sie! An allen hat sie etwas auzusetzen und mit den meisten flirtet sie bloß!" Mein Magen rebellierte, als ich sah wie sich Fitzwilliam umdrehte, seine Tasse vorsichtig abstellte und den Saal verließ. Ohne mich eines Blickes zu würdigen.

Oooohhh….ich war wütend! Wütend auf Caroline Bingley, auf Andrew Lucas, auf meine Stiefmutter und auf Fitzwilliam Darcy. Auf die ersten drei, weil sie es mit schlafwandlerischer Sicherheit schafften, mich bei Fitzwilliam in Mißkredit zu bringen und auf Fitzwilliam, weil er diesem Unsinn so bereitwillig Glauben schenkte. Warum zum Henker sprach er denn nicht mit mir?