Disclaimer: Siehe erstes Kapitel
Kapitel 10: DID - Nargel in Not
Mit
dem Tod von Lord Voldemort verschwanden auch die
Totenkopf-Tätowierungen auf den Armen der Todesser sowie Harrys
Narbe auf der Stirn. Es war auf diese Weise, dass die Zaubererwelt
vom Ableben des Dunklen Lords erfuhr. Und ich erfuhr am selben Abend
auch den Hergang, als ich Tiny besuchte, um ihm die Neuigkeit zu
überbringen, dass ich um den ‚eine Mary Sue ist stets eine
Heldin'-Part des Schicksals noch einmal herumgekommen war.
Natürlich wusste ich sofort, dass die Zaubererwelt, sollte bekannt
werden, dass ‚mein' Schattendrache Voldemort gefressen hatte, der
Ansicht sein würde, dass der Sieg mir zuzuschreiben wäre, auch wenn
das nicht stimmte. Da ich aber, bescheiden, wie ich nun mal war, und
wofür ich ja vom Sprechenden Hut gelobt worden war, nicht viel davon
hielt, mich mit fremden Federn zu schmücken, schon gar nicht mit
Federn, die meinem besten Freund gebührten, beschloss ich
Stillschweigen zu bewahren. Außerdem konnte die Zaubererwelt
problemlos noch ein weiteres Rätsel verkraften. Schließlich mussten
künftige Forscher auf dem Gebiet der Geschichte der Magie ja auch
noch was zu entdecken haben. Man konnte mein Schweigen also fast
schon als Dienst an der Menschheit betrachten.
Was ich aber in
meiner anfänglichen Freude über Voldemorts Ableben nicht bedacht
hatte, war, dass Professor Snape nun deutlich mehr Zeit hatte,
gemeinsam mit Professor Weasley um meine Gunst zu buhlen. Dämliches
Schicksal!
Es war das letzte Wochenende vor Weihnachten und
zugleich auch das letzte Hogsmeade-Wochenende. So ziemlich die letzte
Gelegenheit Weihnachtsgeschenke einzukaufen. Entsprechend war jeder
Schüler ab der dritten Klasse und auch die meisten Lehrer in dem
Zaubererdorf unterwegs. Mich eingeschlossen. Ich würde Weihnachten
zwar in Hogwarts verbringen, aber das bedeutete ja nicht, dass meine
Familie deswegen ohne Geschenke bleiben sollte. Tiny hatte sich
bereits bereit erklärt, die Päckchen zu überbringen. Außerdem
hatte ich beschlossen, dem Sprechenden Hut jetzt schon ein Präsent
zukommen zu lassen, statt bis zum Schuljahresende zu warten. Aber wie
bitte sollte ich in Ruhe nach den passenden Geschenken suchen, wenn
ich mich als Nargel zwischen den Mistelzweigen verstecken musste, um
nicht von Professor Weasley und/oder Professor Snape ständig
überrascht, überfallen und im Versuch mir einen Kuss zu rauben
unter den nächsten Mistelzweig gezerrt zu werden? Ich konnte wohl
von Glück sagen, dass es im Honigtopf so voll war, dass die beiden
Professoren ständig von irgendwelchen Schülern angerempelt wurden
und ich mich so unbemerkt verwandeln und entkommen konnte.
Allerdings grenzte es schon fast an Grausamkeit, als das
Schicksal ausgerechnet, während ich zwischen dem Weihnachtsschmuck
herumkroch, Lee Jordan in den Honigtopf führte. Es war einfach zum
Heulen. Jedoch wäre es mehr als auffällig gewesen, und hätte mich
und mein Versteck bestimmt verraten, wenn plötzlich übergroße
Krokodilstränen aus der Dekoration herabgetropft wären. Weshalb ich
es mir also verkniff, tatsächlich zu heulen.
Doch zum Glück war
noch nicht alles verloren. Hatte ich schon erwähnt, dass es im
Honigtopf wegen der vielen Schüler extrem voll war? Und dass es in
dieser Situation nicht gerade hilfreich war, dass Professor Snape und
Professor Weasley angestrengt nach mir suchend, die Schülermassen
durchpflügten? Und dass die von draußen immer noch nachströmende
Kundschaft es den erfolgreichen Jägern der Schokolade, die mit ihren
Einkäufen hinauswollten, nicht gerade erleichterte, im Laden etwas
Platz zu schaffen? Unter diesen Umständen wird es wohl vermutlich
niemanden überraschen, dass es geradezu zwangsläufig zu einem
kleinen Unfall kommen musste. Und wie so häufig, wenn Professor
Snape in der Nähe war, war einer der Unfallbeteiligten ein
Gryffindor. In diesem Fall war es Euan Abercrombie, ein
Drittklässler, dessen Tüte mit Süßigkeiten aufzuplatzen drohte.
Ein erster Riss hatte sich bereits in der Tüte gebildet. Zauberer,
der er war, wollte Euan größeren Schaden mit einem raschen ‚Reparo'
verhindern, wurde aber von einem anderen Schüler angerempelt, der
Zauberstab machte sich selbstständig und feuerte bunte Funken durch
den ganzen Laden. Auch durch die Dekoration, weshalb ich mich auf
meinem Mistelzweig rasch in Deckung begeben musste. So rasch man eben
als Wurm dazu in der Lage ist. Dann aber erkannte ich meine Chance.
In dem Chaos, das ausgebrochen war, würde niemand weiter darauf
achten, wenn ein Teil der Mistelzweige plötzlich nach unten fiel.
Wenn ich mich also ein wenig anstrengte, im richtigen Winkel von
meinem Versteck absprang, müsste es mir gelingen, auf Lees Haaren
oder seiner Schulter zu landen. Und bestimmt würde er alsbald das
Chaos im Laden verlassen wollen und ich wäre draußen und vor den
beiden Professoren in Sicherheit. Gedacht – getan, zumal mein
Mistelzweig im allgemeinen Getümmel eh schon stark ins Wanken
geraten war.
Noch einmal holte ich tief Luft, dann sprang ich...
Noch ein kleines Stückchen, noch ein kleines Stückchen, noch
ein...
Erst im allerletzten Moment bekam ich den Saum von Lees
Robe zu fassen. Denn natürlich war und blieb ich ein Tollpatsch,
auch in meiner Animagusgestalt, und so hatte sich beim Absprung eines
meiner Blattohren mit dem Zweig darüber verheddert, der
Absprungwinkel stimmte nicht mehr und ich verfehlte das anvisierte
Ziel. Mich verzweifelt mit aller Nargelkraft an den Saum klammernd,
prallte ich immer wieder gegen den Boden, jeder Schuh, jeder Stiefel
um mich herum eine potenzielle Todesfalle.
Nach qualvollen, nicht
enden wollenden Sekunden, waren wir endlich draußen im Freien. Kalte
Luft umstrich meinen Nargelkörper wie wohltuender Balsam,
berauschendes Lebenselixier. Ich war so überwältigt, dass ich mich
augenblicklich zurückverwandelte und spontan Lee als meinem Retter
um den Hals fiel und ihn küsste.
Ja, ja, ich weiß, eine Mary
Sue küsst nur dann einen Mann, wenn es sich um den ihr vom Schicksal
zugewiesenen Traumprinzen handelt. Aber wisst ihr was? Das Schicksal
kann mir mal gestohlen bleiben. Besonders, wenn mein Kuss auch noch
erwidert wird...
