Tear me apart – Fortsetzung
Kapitel 10
Halte mich
Severus wusste nicht, wie ihm geschah, als ihn seine Gefühle überkamen. Er hatte viel zu wenig Erfahrung im Umgang damit, denn obwohl er ein erwachsener Mann war, war er emotional immer noch vollkommen unterentwickelt. Es fiel ihm schwer, zu wissen, was er tun sollte, geschweige denn, sich so auszudrücken, dass jemand anders es verstehen konnte. Nur sie hatte bisher versucht, so weit zu ihm vorzudringen. Kein anderer Mensch hatte das geschafft, nicht seine Eltern, nicht Dumbledore, nicht Lily…
Hermine lauschte dem Schlagen seines Herzens, das sich erst nach und nach beruhigte. Sie hielt ihn fest in ihren Armen und kuschelte sich behaglich an ihn, um seine Wärme in sich aufzunehmen. Ab und an hob sie vorsichtig den Kopf und sah an ihm hinab. Der Anblick ihres Professors, der so verzweifelt an ihrer Umarmung festhielt, erschütterte sie bis ins Mark.
Sie hatte Tränen in den Augen, die sie vergeblich verdrängen wollte. Wie sollte sie das durchstehen? Wie sollte sie das je begreifen? Obwohl er jeden Tag so stark sein musste, brauchte er jemanden, der ihm zeigte, was er wert war. Er brauchte jemanden wie sie, der ihn nicht fallen ließ. Innig drückte sie ihn an sich und spürte, dass er sich langsam entspannte.
Jede Umarmung, die sie mit ihm hatte, war ein Kampf für ihn, der damit begann, dass er seine Muskeln verkrampfte und abwartete, was sie tun würde. Erst dann, wenn er sich sicher war, dass sie ihn nicht plötzlich von sich stoßen würde, konnte er sich gehen lassen und seine harte Fassade lösen. Er wirkte zerbrechlich, beinahe wie ein Kind.
Eine ganze Weile lang hielten sie sich einfach nur in den Armen, lauschten gegenseitig ihrem Atem und nahmen jeweils das berauschende Aroma des anderen in sich auf.
Hermine war so von ihm in den Bann gezogen, dass sie jegliches Zeitgefühl um sich herum verlor. Dann, ganz plötzlich, ehe sie darüber nachdachte was sie tat, öffnete sich ihr Mund und offenbarte was sie fühlte.
„Liebe mich, Severus."
Sie hörte seinen tiefen Atem in ihr Ohr strömen. Ein Schauder durchfuhr seinen Körper und sie wusste, dass er sich ebenso stark zu ihr hingezogen fühlte, wie sie sich zu ihm.
Er wich zurück und wirkte plötzlich nervös, beinahe ängstlich.
„Hermine?" Seine Lippen bebten.
„Ja?", fragte sie überrascht und ließ sich gefangen nehmen von dem unbeschreiblichen Blick seiner schwarzen Augen.
Der Ausdruck des Leids auf dem Gesicht eines erwachsenen Mannes, der ihr so vertraut und doch so fremd zugleich erschien und der wie ein Häufchen Elend vor ihr saß und die Arme um sie klammerte, zerriss ihr das Herz. Sie konnte es kaum ertragen und stand kurz davor, den Glauben an die Menschheit zu verlieren. Was hatten sie ihm in seinem Leben angetan, dass er so unvorhersehbar auf alles reagierte?
Du musst reden, Hermine, schließlich warst du es, die ihn dazu gebracht hat, Sex mit dir zu haben. Erinnere dich an den Schmerz, den du ihm damit zugefügt hast. Du bist genauso schuldig, wie alle anderen auch.
Sie schluckte.
„Was würdest du sagen, wenn … wenn du die anderen Dinge siehst, die geschehen sind?"
Es quälte ihn, so etwas zur Sprache zu bringen. Er konnte nicht damit umgehen, weil er sich davor fürchtete, wie ein Monster auf sie zu wirken, wenn sie ihn unter diesen Umständen sehen würde. Doch während er fort war hatte sich einiges ereignet. Es gab also durchaus Gründe, warum er sich sein Leben lang so strikt in seine schwarze Kleidung einhüllte. Niemand sollte ihn so verletzlich sehen. Erst recht nicht sie.
„Oh."
Daran hatte sie gar nicht mehr gedacht. Er sah so verwundbar aus in diesem Moment, dass sie einen Stich in ihrem Herzen fühlte.
„Wenn es wehtut, dann … dann … wir müssen das nicht tun, Severus."
Wieder streichelte sie seine Wange und wartete seine Reaktion ab und er entspannte sich sichtlich. Dann drückte er sein Gesicht in ihr Haar und atmete ihren berauschenden Duft tief in sich ein.
„Nein. Es wird nicht wehtun. Ich möchte nur nicht, dass du dich unwohl dabei fühlst, wenn du mich so siehst. Und glaube mir, es ist kein Anblick, mit dem man prahlen sollte."
Sie drehte ihren Kopf, sodass sie ihm in die Augen sehen konnte. Die Leidenschaft, die in ihm steckte, war kaum noch zu verbergen.
„Ich würde dich niemals deswegen fallen lassen, Severus. Niemals."
Es fiel ihr nicht leicht, die Tränen, die sich in ihren Augenwinkeln bildeten, zurückzuhalten, doch die Botschaft, die hinter ihren beruhigenden Worten steckte, war die reine Wahrheit. Ganz gleich, was auch geschehen würde, sie würde immer zu ihm stehen.
Snape beugte sich zu ihr und küsste sie auf die Lippen, zuerst behutsam, dann nahm er ihren Kopf in seine Hände und drückte sie an sich.
Hermine öffnete den Mund. Sie fühlte seine Zunge nach ihrer tasten. Er wollte es. Und sie wollte es auch. Sie zitterte am ganzen Körper, als sie ihn schmeckte und die Lust in sich sacken ließ. Der unnahbare Professor, ihr unglaublicher Mann…
Endlich fühlte er sich ermutigt und drückte sie auf das Sofa nieder. Hermines Herz raste, es war alles so vollkommen anders in diesem Moment, so unglaublich, dass sie sich davor fürchtete, in einem Traum gefangen zu sein. Doch das war sie nicht. Sie waren ineinander verliebt. Nach allem was sie durch gestanden hatten, hatten sie gesiegt.
Das Verlangen in ihm war kaum mehr zu bändigen, als er sie küsste und Hermine beeilte sich, die restlichen Knöpfe seiner Kleidung zu öffnen, die lose an ihm herabhing.
Als sie dann die frischen Wunden auf seinem sehnigen Oberkörper sah, schluckte sie. Er war so abgemagert, dass sie nicht wusste, wo er all seine Kraft hernahm. Und dann fiel ihr wieder ein, dass es nie anders für ihn gewesen war. Schon immer hatte er alles erduldet, was ihm aufgebürdet wurde. Gewalt, magere Zeiten, Stress und die Tatsache, dass er von zwei Meistern ausgenutzt wurde, hatten ihn zäh werden lassen.
Seine schwarzen Augen waren von dunklen Ringen umgeben, tiefe Furchen lagen zwischen seinen Brauen und verliefen abwärts von der Nase zum Mund. Die blasse, geschundene Haut wirkte wie durchsichtiges Porzellan mit den unförmigen Schnitten und den farbigen Blutergüssen, die sie auf seiner Brust und seinem Rücken sehen konnte. Und dennoch war da dieses warme Feuer in seinen Augen, das ihr zeigte, wie sehr er sich nach ihrer Nähe sehnte.
Weitere Tränen bahnten sich ihren Weg nach außen, als sie ihn betrachtete. Severus war so still, dass es schon fast unheimlich war und Hermine begann unbewusst damit, seinen Körper mit ihren Fingern und ihrem Mund zu erkunden. Es war nicht das erste Mal, dass sie das tat. Nur die Umstände waren andere: er war sowohl seelisch als auch körperlich verletzt.
Snape beobachtete sie abschätzig dabei, wie sie vorsichtig jede einzelne seiner Verletzungen mit den Lippen berührte. Er hatte die Augen halb geschlossen. Das was er erlebte, grenzte fast schon an ein unnatürliches Gefühl, obwohl es keineswegs unangenehm war, sondern neu und fremd. Letztendlich bewegte es ihn dazu, sich zu entspannen. Ihm wurde bewusst, dass sie keine Angst davor hatte, wie er in diesem Zustand aussah. Anders als alle anderen Menschen, die zu schnell über ihn urteilten, sobald sie ihn erblickten, hatte sie sich noch nie negativ über seine körperliche Beschaffenheit oder sein Aussehen geäußert.
„Severus?"
Plötzlich sprangen seine Augen auf und er sah sie an. Noch immer waren die feuchten Spuren ihrer Tränen auf ihrem Gesicht zu erkennen.
„Ja?" Er hob seine Hand und wischte behutsam mit dem Zeigefinger über ihre Wange.
„War – war er das?", presste sie hervor, die Augen viel zu weit aufgerissen.
Er schob ihr eine Haarsträhne hinter das Ohr.
„Einiges davon."
Erst nach einer kurzen Pause fuhr er fort und Hermine erkannte das wohl eigenartigste Gefühl in seinem Blick, das sie in diesem Moment für möglich gehalten hätte: Scham.
„Ich wollte nicht, dass du es siehst, Hermine."
Sie hatte hart mit der Realität zu kämpfen, doch sie musste es für ihn tun, um ihm zu zeigen, dass er sich nicht entmutigen lassen durfte, ganz gleich, wie gedemütigt er sich fühlte, dieser körperlichen Schwäche ausgesetzt zu sein. Und das war es: eine Schwäche, die er nur schwer ertragen konnte, wie jede andere auch.
Sie ließ ihre Hand über seinen Rücken gleiten, ganz vorsichtig, um keine der Wunden darauf zu berühren.
„Wie kann jemand zu so etwas fähig sein?", fragte sie leise.
Er drehte sich zu ihr um und nahm ihr Kinn in seine Hände. Seine Augen sahen sie an, diese schwarzen, unergründlichen Augen, die sie so sehr liebte.
„Eines Tages werden es Narben sein", sagte er schlicht und seine Stimme klang fremdartig, wenn sie so schwach war, doch sie bemühte sich, es zu ignorieren.
„Ja, Severus. Genau das ist es. Es spielt keine Rolle."
Verblüfft starrte er sie an, eine Braue angehoben.
„Es ist nicht das, was du bist, sondern das, was andere dir angetan haben. Ganz gleich, was auch immer das zu bedeuten hat, du kannst nichts dafür. Das bist nicht du, es ist nur ein Teil deiner Geschichte."
Sie legte die Arme um seinen Nacken und küsste ihn auf den Hals. Er schloss die Augen und atmete laut hörbar aus, während Hermine sich mit den Lippen ihren Weg über die blasse Haut seiner Brust bahnte.
„Du bist wunderschön, Severus", sagte sie irgendwann.
Dann löste sie sich von ihm los, stand auf und zog sich langsam ihre Kleidung aus. Snape beobachtete jede ihrer Bewegungen, bis sie nackt vor ihm stand. Seine Augen glitten die Rundungen ihres Körpers entlang. Die Erregung, die ihn sowohl innerlich als auch äußerlich quälte, war deutlich zu sehen. Er erhob sich mit einer galanten Bewegung vom Sofa und war unmittelbar bei ihr. Dann nahm er ihre Hand in seine und küsste sie. Seine Lippen fuhren über ihren Arm, bis hin zu ihren Brüsten und bedeckten ihren Körper mit einer wohligen Gänsehaut.
Hermine schauderte und ließ sich von ihm auf seine Arme heben. Sein Blick bohrte sich tief in ihren, als er sie zum Bett hinüber trug und sie sanft darauf ablegte.
„Diese Nacht gehört uns, uns alleine", sagte er mit rauer Stimme. „Albus kann warten, bis er all seine dämlichen Bonbons verschluckt hat."
Ein Lächeln erschien auf Hermines Gesicht. „Das wird ihm keineswegs gefallen, Severus."
Er zuckte unbeeindruckt mit den Schultern, als er aus seiner Hose schlüpfte. „Das ist mein geringstes Problem."
Hermine grinste verschlagen, als sie ihn nackt und erregt vor sich sah. „Ja, Severus. Im Moment hast du ganz andere Dinge, um die du dich kümmern solltest. So kannst du ihm auf keinen Fall vor die Augen treten."
Er kam zu ihr aufs Bett gekrochen und legte sich auf sie. „In der Tat, Miss Granger."
Seine Mundwinkel rutschten zugleich mit seinen Augenbrauen nach oben und verliehen seinem Gesicht einen ganz neuen Ausdruck.
„In der Tat ..."
Sie atmete auf, erleichtert darüber, dass er seinen Stolz zurück gewonnen hatte. Es war eine seiner effektivsten Waffen, dem Druck standzuhalten, der auf seinen Schultern lastete. Sie musste es ihm nur zeigen.
Und das würde sie.
