Auf Anraten Boromirs schleppte jeder von uns nun ein Bündel Holz mit sich, damit wir im Falle, dass wir auf dem Pass kurz vorm Erfrieren standen, ein Feuer machen konnten. Die letzten beiden Tage waren wir fast ausschließlich gegangen und unsere Rasten dauerten nie länger als fünf-sechs Stunden.
Seit einer Weile gingen wir nun schon einen recht steilen Pfad den Pass hinauf und noch war kein Ende in Sicht. Der Himmel wurde immer dunkler und brachte einen eisigen Wind mit sich, den mein Umhang nur mit Mühe abhielt.
Wir hielten, nachdem wir den Steilpfad soweit erklommen hatten, kurz und alle außer Legolas zogen sich wärmere Sachen an-Elrond hatte uns vorsichtshalber warmhaltende Wintermäntel und -Umhänge mitgegeben. Dem Elb schien die Kälte nichts auszumachen.
Es begann zu schneien und der kalte Schnee blieb auf unseren Umhängen und Mänteln liegen, sodass nach einer gefühlten halben Stunde mein Umhang von einer mehreren Zentimetern dicken Schneeschicht bedeckt war. Aragorn begann sich mit Gandalf zu unterhalten. So wie ich das mitbekam war es äußerst ungewöhnlich, dass die Schneegrenze soweit unten lag. Auch Boromir, unser selbsternannte Bergsteigexperte, teilte die Meinung der beiden.
Die Hobbits machte das Schneetreiben allmählich zu schaffen. Daher suchten wir uns einen Bergüberhang, der uns etwas, aber wirklich nur etwas schütze und zuerst Aragorn, dann Legolas und zuletzt Gimli versuchten mit den durchnässten Holzstücken ein Feuer zu entzünden, doch keinem gelang es.
Schließlich erbarmte sich Gandalf und stieß mit seinem Stab einmal in den Holzhaufen. Dabei sprang ein Funke auf die Hölzer über und fast augenblicklich entbrannte ein Feuer. Während wir uns alle um die Wärme scharrten, meinte Gandalf: „Wenn ich jetzt ‚Gandalf ist hier' an die Wand schreibe hätte es denselben Effekt, aber sonst erfrieren wir wirklich noch alle."
Neben dem leichten Zitronengeruch Legolas' nahm ich auch die Gerüche der anderen war: Während die Hobbits allesamt lecker nach Kuchen rochen, hatte Aragorn den Geruch eine Waldes an sich haften und Gimli roch für mich nach verbrannter Kohle, so wie in einer Schmiede. Nur Boromirs Geruch ließ mich leicht zusammen zucken, da er nach diesen Beeren roch, die, wie ich fand, grauenvoll stanken und meist im Spätfrühling blühten. Ich kannte zwar nicht ihren Namen, doch in meiner Heimatstadt gab es einige Stellen mit Büschen an denen ich die Luft anhielt oder nur durch den Mund atmete um nicht durchzudrehen. Seltsamerweise fand aber nur ich den Geruch der Blühte und Boromirs so abstoßend.
So aneinander gedrängt verbrachten wir die kalte Nacht und Frodo berichtete leise von einem harten Winter im Auenland, den nur noch Bilbo schon miterlebt hatte.
Am nächsten Morgen brachen wir wieder auf, um den Caradhras zu bezwingen. In den ersten Stunden war der Himmel blau und wir mussten uns, abgesehen von Legolas, der einfach über ihn lief, durch eine hüfthohe Schicht frischgefallenen Schnees kämpfen. Doch bereits gegen Mittag verdunkelte sich der Himmel erneut und zwei Stunden später waren wir mitten in einem heftigen Schneesturm.
Ich wusste nicht mehr wie viel Zeit vergangen war, als Legolas auf einmal durch das Getöse des Sturms rief: „Es sind grausame Stimmen in der Luft!"
Kaum hatte er das gesagt schlug ein Blitz irgendwo über uns ein und löste so eine Lawine aus. Ich hatte gerade noch so viel Zeit, dass ich mein Gesicht mit meinem Umhang verhüllte als die Massen an Schnee auch schon über uns hereinbrachen. Gottseidank war es nur eine kleine Lawine gewesen und als ich den Kopf hob erkannte ich, dass alle Gefährten einschließlich des Ponys Lutz wohlauf waren und die ersten sich schon wieder befreit hatten.
Frodo hielt mir seine vor Kälte zitternde Hand hin und ich griff sie dankbar. Mit seiner Hilfe war auch ich schnell wieder aus dem Schnee heraus.
„Der Arm des Bösen muss lang geworden sein, dass es uns hier erreichen kann.", meinte Gimli, als auch er wieder vollständig aus dem Schnee war.
„Der Arm ist lang geworden. Die Lawine sowie der Sturm müssen von Saruman ausgelöst worden sein.", erwiderte Gandalf.
Uns war allen klar, dass wir nicht weitergehen konnten und so machten wir uns, nachdem Frodo als unser Ringträger beschlossen hatte, dass wir umkehren, auf den Weg zurück. Wieder rasteten wir nachts unter dem Bergüberhang doch diesmal ohne Feuer. Wir hatten in der letzten Nacht das gesamte Holz verbrannt.
Zur Aufmunterung ließ Gandalf uns alle von einem „Stärkungstrank", wie er es nannte, trinken. Ich setzte nur zögerlich die Lippen an den Beutel, da ich eher glaubte, dass dieser „Stärkungstrank" eine Droge welcher Art auch immer sei, und nahm nur einen kleinen Schluck. Während ich den Beutel weiter reichte wurde mir plötzlich ein wenig wärmer und ich glaubte unsere momentane Situation sei nicht mehr ganz so aussichtslos. Es war definitiv eine Droge. ‚Danke, Gandalf.'
Nach einer weiteren unruhigen Rast unter dem Felsvorsprung, erkannten wir, dass unser Rückweg von dicken Schneedünen, so hoch wie ich selber, bedeckt war und Boromir und Aragorn begannen den Weg frei zu schaufeln. Das Drogengetränk von Gandalf hatte im Übrigen schnell wieder nachgelassen.
Wir kamen nur langsam voran, als Legolas, der vorgegangen war, zurückkam und uns mitteilte, dass nach der Schneemauer der Weg einfacher wurde. Zwar war der Schnee immer noch zu hoch für die Hobbits, Gimli und mich, aber nicht mehr so dicht. Daher wurden die Hobbits von Boromir und Aragorn getragen und Gimli ritt ohne große Begeisterung auf Lutz. Man bot mir zwar auch an mich zu tragen, doch ich hatte wenig Lust von Aragorn oder gar Boromir auf den Arm genommen zu werden und so ging ich auf dem nun plattgetrampelten Weg hinter Gimli her.
Es war ein beklemmendes Gefühl zwischen den Schneewänden zu gehen ohne über sie hinweg schauen zu können.
Legolas behielt Recht und so waren wir nach nur wenigen Stunden wieder bei dem steilen Pfad, den wir Tage zuvor hinaufgekraxelt waren. Hinunter ging es wesentlich einfacher und wir, also ich und die Hobbits, rutschten nur ein-zwei Mal aus.
Einmal rollte Frodo ein Stück bergab und verlor seinen Ring. Boromir hob ihn aus dem kalten Schnee auf und hatte anscheinend Mühe Frodo den Ring zurück zu geben, bis Aragorn ihn ermahnte. Er tat den Vorfall ab und wir machten uns weiter auf unsere Reise zurück.
In den tiefen meines Bauches zog sich etwas zusammen: Irgendwas stimmte mit Boromir nicht. Er hatte sich schon während des Ringrates sonderbar benommen und ich beschloss auf ihn beziehungsweise auf Frodo ein Auge zu haben.
