Es war Sturgis Podmore, und er saß gemütlich im Schneidersitz auf dem Boden und las im Licht seines Zauberstabs ein Buch. Sirius und Harry wechselten einen Blick und verdrehten synchron die Augen, ehe sie gleichzeitig zwei stumme Schocker auf den armen Mann losließen. Harry ging zum Regal und nahm vorsichtig die Prophezeiung heraus. Da ertönte plötzlich eine Stimme.
„Der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, naht heran … jenen geboren, die ihm drei Mal die Stirn geboten haben, geboren, wenn der siebte Monat stirbt … und der Dunkle Lord wird Ihn als sich Ebenbürtigen kennzeichnen, aber Er wird eine Macht besitzen, die der Dunkle Lord nicht kennt …und der Eine muss von der Hand des Anderen sterben, denn keiner kann leben, während der Andere überlebt … der Eine mit der Macht, den Dunklen Lord zu besiegen, wird geboren, wenn der siebte Monat stirbt …"
„Aha…", machte Harry gedehnt. Sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen. Sirius dagegen sah sehr nachdenklich aus.
„Die Prophezeiung besagt also, dass Eltern, die Voldemort schon dreimal die Stirn geboten haben, ein Kind geboren wird, und zwar Ende Juli. Dieses Kind wird Voldemort ebenbürtig sein – beziehungsweise von ihm als solches gekennzeichnet werden – und ihn besiegen können."
Harry verengte die Augen. „Aber er könnte auch mich töten. Es heißt ja nur, dass einer den Anderen tötet."
„Schon, aber deine magischen Fähigkeiten haben – gerade in den letzten Monaten – beträchtlich zugenommen. Ich kann mir gut vorstellen, dass du, nachdem du ja unter anderem von Merlin gelernt hast, weiter bist als Voldemort."
„Aber wieso kann nur einer leben? Ich meine, im Moment leben wir ja auch beide."
„Du musst dich ständig vor ihm verstecken und kannst nie normale Dinge tun. Und er ist so besessen davon, dich zu töten, dass auch er nicht wirklich in Frieden leben kann. Wobei das für ihn wohl eh unmöglich wäre…"
„Aha. – Sag mal, das war doch Trelawneys Stimme, oder?"
„Möglich. Immerhin ist sie eine Seherin."
Harry sah seinen Paten ins Gesicht, um zu sehen ob er scherzte, konnte aber nichts entdecken. Er betrachtete die Prophezeiung noch einen Augenblick, dann ließ er sie fallen und die Scherben verschwinden. Sirius lachte. „Wenn Sturgis aufwacht, muss es ihm so vorkommen, als ob sie sich in Luft aufgelöst hat. Komm, wir verziehen uns!"
Kurz darauf standen sie wieder in dem runden Raum mit den vielen Türen. Sirius fluchte und ging geradewegs auf die Tür gegenüber zu, welche natürlich nicht der Ausgang war. Plötzlich hörten sie Stimmen.
„Und du … sicher, dass … ist? Warum … freiwillig ins Ministerium begeben? Vielleicht … Todesser nicht … Du-weißt-schon-wer!"
„Fuck! Das sind Auroren!", zischte Sirius. Er überlegte rasch und reichte Harry dann den geklauten Zeitumkehrer. „Okay, hör zu", sagte er eindringlich, „ich gehe den Stimmen entgegen und versuche die Typen aufzuhalten. Das dürfte dir genug Zeit geben, den richtigen Weg auszumachen und von hier zu verschwinden. Wir können auf keinen Fall riskieren, dass sie dich schnappen. Ich komm dann nach."
Harry sah ihn entgeistert an. „Du kommst dann nach…? Ich glaube nicht! Die nehmen dich gefangen, das ist so sicher wie das nächste Werwolfgesetz. Zu mehreren haben sie sehr gute Chancen gegen dich!"
Sirius verzog das Gesicht. „Die Möglichkeit besteht. Wenn ich in einer Stunde nicht zurück bin, weißt du, was passiert ist. Versucht bloß nicht, mich zu befreien! Dann werden bloß noch mehr von uns gefangen. Mir wird schon was einfallen. Vielleicht finde ich ja auch noch etwas Interessantes heraus."
„Sirius, du weißt schon, was das Ministerium mit dir machen wird…?"
„Sie können mir nichts tun, Harry! Sie haben keine Dementoren mehr auf ihrer Seite, die mich küssen könnten, und die Todesstrafe gibt es auch in der Zaubererwelt nur für Tiere, nicht aber für Menschen oder Zauberwesen."
„Nenn mir einen guten Grund, dich jetzt zu verlassen!", hielt Harry dagegen.
„Du hast es versprochen. Du hast versprochen, dass du jedem meiner Befehle gehorchst. Es ist so weit, das Versprechen einzulösen." Er gab Harry einen Kuss auf die Stirn. „Jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst!"
Mit diesen Worten drehte er sich um und öffnete die Tür, durch die die Stimmen kamen. Er wusste, dass seine Chancen mehr als schlecht standen, gegen diese – seinem Gehör nach – ungefähr ein Dutzend Auroren anzukommen, aber das hatte er vor Harry nicht ausgesprochen. Er hatte auch gelogen, als er gesagt hatte, dass die Auroren ihm nichts antun konnten.
Die Stimmen waren jetzt ganz nah. Sirius schützte sich mit einem Rundumschild und stellte sich in die Mitte des Ganges.
Die Auroren kamen um die Ecke und erkannten ihn sofort. Sirius kannte einige von ihnen, sie hatten ihn damals nach Askaban gebracht.
„Black!"
Sie fingen sofort an, ihn mit Flüchen zu befeuern, aber sein Rundumschild hielt. Jetzt musste er vorsichtig sein. Wenn er einem der Auroren mit einem Fluch dauerhafte Schäden zufügte, wäre er nicht mehr unschuldig. Nein, fürs Erste reichte es aus, Harry genug Zeit zu verschaffen. Er schaltete einige Auroren mit harmlosen Flüchen wie dem Schockzauber und der Ganzkörperklammer aus, musste sich selber aber unter anderem den Schnittfluch gefallen lassen. Da der Gang, in dem er stand, gerade mal einen Meter breit war, konnte er nicht effektiv ausweichen. Die Wunde verheilte jedoch dank den übernatürlichen Regenerationskräften der Gestaltwandler innerhalb einer Minute.
Immer mehr Auroren schaltete er aus und drängte den Rest zurück, indem er über die am Boden liegenden Auroren nach vorne ging. Er merkte in der Hitze des Gefechts jedoch nicht, dass einige Auroren ihre Kollegen wieder aufgeweckt hatten, welche ihn nun von hinten in die Mangel nahmen. Allein gegen zwei Fronten hatte er keine Chance; ein Lähmfluch traf ihn. In dem einen winzigen Moment der Kampfunfähigkeit trat ein Auror hinter ihn und setzte ihm seinen Zauberstab in den Nacken.
Der Kommandeur - Sirius erkannte John Dawlish in ihm - hob mit seinem Zauberstab Sirius' Kinn an und musterte ihn.
„Sirius Black. Dass ich das noch erleben darf! Nach drei Jahren beehrst du uns wieder." Er streckte die Hand aus. „Gib mir dein Schwert!", befahl er rigoros.
Sirius zog es langsam - wohl wissend, dass ihn bei einer falschen Bewegung sofort ein Fluch des Auroren hinter ihm treffen würde - und reichte es Dawlish.
„Herzlichen Glückwunsch. Ihr habt es also doch noch geschafft…", murmelte er mit Galgenhumor.
Dawlish trat vor und schlug ihm so heftig ins Gesicht, dass sein Kopf zur Seite flog. Sirius versteifte sich.
„War da noch jemand außer dir?", fragte Dawlish barsch.
Sirius drehte langsam den Kopf zurück und sah ihm starr in die Augen. „Nein."
„Ach wirklich? Und was wolltest du hier? Warum hast du dich gestellt, wenn du doch hättest fliehen können?"
Gute Frage. Wenn Harry bei ihm geblieben wäre ... hätten sie zu zweit eine Chance gehabt oder wären sie dann beide gefangen worden? Vermutlich Letzteres. Es waren zu viele Auroren. Nein, es war gut, dass Harry entkommen konnte. Inzwischen hatte er alle Zeit der Welt gehabt, um zu fliehen.
„Ich laufe nicht gern davon. Du weißt das, Auror."
Dawlish schien mit dieser Antwort alles andere als zufrieden zu sein. Er machte ein Gesicht, als hätte er Sirius am liebsten nochmal geschlagen, begnügte sich aber damit, eine Spritze aus seinem Umhang zu ziehen, die mit einer giftgrünen Flüssigkeit gefüllt war. „Dein Arm!", fauchte er kalt.
Sirius zögerte, doch Dawlish packte einfach seinen linken Arm und jagte den Inhalt der Spritze in eine Vene. Sofort spürte der Gestaltwandler, wie etwas in ihm abgeblockt wurde und er sich plötzlich schwächer fühlte.
„Eine kleine Erfindung von unseren Tränkemeistern, erst neulich extra für Werfalken entwickelt. Blockiert alle eure speziellen Fähigkeiten für 24 Stunden. Versuch also gar nicht erst, dich zu verwandeln, es würde sowieso nicht klappen! Magie kannst du auch vergessen! Jetzt sperrt dieses Tier weg!", befahl er. „Wir haben noch etliche Fragen an ihn! Da Askaban ja nicht mehr existiert, nehmen wir ihn wie die in Hogsmeade gefangenen Todesser hier im Ministerium in Gewahrsam."
Die Auroren drehten ihm grob die Arme auf den Rücken, durchsuchten ihn, schleiften ihn ohne große Umstände in zu einem Zellenkomplex und öffneten die Tür einer Zelle, die an einen Raubtierkäfig erinnerte. Die Wand, die zum Gang zeigte, bestand komplett aus Gittern. Sie stießen ihn hinein, warfen die Gittertür hinter sich zu und verriegelten sie magisch. Dann ließen sie ihn allein.
Sirius verzog das Gesicht. Er hatte es schon immer gehasst, eingesperrt zu sein, doch seit Askaban war es ein Trauma für ihn. Er lehnte sich an die Wand, zog die Beine an und schloss die Augen. Die mangelnde Bewegungsfreiheit schränkt die Freiheit der Gedanken nicht ein.
Harry starrte entsetzt auf die Stelle, wo Sirius kurz zuvor verschwunden war. Er hoffte für seinen Paten, dass er entkommen konnte, aber er hatte ihm versprochen, auf Sirius zu hören. Jetzt sieh zu, dass du Land gewinnst… Schnell drehte er sich um und versuchte sein Glück bei der nächsten Tür.
Nach einer Viertelstunde wurde er wütend. „Verdammt, wo geht es RAUS hier?", rief er verzweifelt. Da flog plötzlich eine Tür links von ihm auf, hinter der sich der Ausgang befand. Harry starrte die Tür an. Sie hätten den Raum nur fragen müssen?
20 Minuten später war er wieder zuhause. Sie saßen alle mit heißem Kakao in der Küche und warteten, bis die Stunde vorbei war. Schließlich konnte es keiner von ihnen mehr leugnen: Sirius war tatsächlich von den Auroren gefangengenommen worden.
In diesem Moment kam Adams hereingehumpelt. Alle Köpfe drehten sich zu ihm und sahen ihn vorwurfsvoll an. Schließlich ergriff Merlin das Wort.
„Deine Aurorenkollegen haben Sirius."
Sie hatten erwartet, dass der Auror sich freuen würde, doch nicht mal Triumph konnte man in seinen Augen lesen, eher so etwas wie Bedauern.
Yael legte den Kopf schief und sah ihn scharf an. „Müsstest du dich nicht freuen, Auror? Immerhin ist dein ‚größter Feind' jetzt … naja, weg."
Dave schüttelte nur den Kopf und verzog sich. Er hatte mit Sirius gern über das gesprochen, was er in dessen Denkarium gesehen hatte. Er glaubte ihm. Jetzt war es zu spät.
Zur selben Zeit im Grimmauldplatz 12:
„Die Prophezeiung ist weg."
Dumbledore hatte ein Notfalltreffen einberufen, nachdem Sturgis völlig verwirrt und außer Atem in seinem Büro aufgetaucht war. Nun starrten ihn alle entsetzt an. Lediglich Kingsley und Tonks fehlten.
„Sie war einfach weg. Ich habe ein Buch gelesen und bin dann, wie ich zu meiner Schande gestehen muss, eingeschlafen. Als ich wieder aufgewacht bin und einen Blick auf das Regal geworfen habe, war da nichts mehr."
„Das ist mysteriös", meinte Snape trocken. „Die hat jemand geklaut, ganz einfach."
„Sturgis, darf ich dich kurz mit Legilimentik untersuchen?", fragte Dumbledore. Sturgis nickte schuldbewusst. Dumbledore drang in seinen Geist ein, konnte aber keine Hinweise auf den Täter finden.
In dem Moment kamen Tonks und Kingsley herein. Ihre Gesichter zeigten den Anderen deutlich, dass etwas nicht so Schönes passiert sein musste.
„Sie haben Sirius."
Das schlug ein wie eine Bombe.
„Sirius?", hakte Remus ungläubig nach.
„Und wir sind beide gefeuert.", ergänzte Kingsley niedergeschlagen.
„Wieso? Und seit wann lässt Sirius sich erwischen?"
„Naja", hob Tonks an, „offenbar war er im Ministerium, frag mich nicht, warum, aber als unsere Kollegen ihn sahen, hat er sich zum Kampf gestellt. Zwölf gegen einen, auch wenn der Eine ein Gestaltwandler ist, da ist klar, wie das ausgeht. Jedenfalls sollten daraufhin alle Auroren sofort ins Ministerium kommen. Da hat Fudge Kingsley dann gefeuert, weil er ja nun wusste, dass er gelogen hat bezüglich Sirius' Aufenthaltsort. Als ich protestiert habe, hat er mich auch rausgeschmissen wegen Kooperation mit Verrätern oder so. Das größte Problem bei der Sache ist, dass jetzt niemand mehr von uns zu Sirius kann."
„Ich arbeite auch im Ministerium.", machte Arthur auf sich aufmerksam.
„Du bist aber kein Auror. Zu Häftlingen, die im Ministerium in Gewahrsam sind, dürfen nur Auroren."
„Sprich, wir haben keine, absolut keine Möglichkeit, herauszufinden, wie es ihm geht und was sie jetzt mit ihm machen.", ergänzte Remus in einem Das-kann-doch-nicht-wahr-sein-Tonfall.
„Richtig."
Eine Weile starrten alle schweigsam vor sich hin.
„Dann hat Sirius wahrscheinlich die Prophezeiung geklaut.", kam es Bill in den Sinn.
„Nee, kann nicht sein. Sie haben ihn durchsucht. Keine Prophezei… Moment mal, die Prophezeiung ist weg?", fragte Tonks alamiert.
„Ja. Einfach verschwunden, direkt unter der Nase von diesem inkompetenten Idioten.", grummelte Snape und nickte mit dem Kopf zu Sturgis hinüber.
„Sirius kann die Prophezeiung aber gar nicht geklaut haben. Sie kann nur von Leuten angefasst werden, die sie betrifft, und das sind in diesem Fall nur Harry und Voldemort."
Remus' Augen weiteten sich. „Dann ist er wahrscheinlich mit Harry zusammen ins Ministerium eingedrungen, Harry hat die Prophezeiung mitgehen lassen und auf dem Rückweg wurden sie von den Auroren überrascht. Das würde auch erklären, warum Sirius sich zum Kampf gestellt hat. Alleine wäre er einfach weitergegangen. Aber wenn er jemand Anderen gedeckt hat – jemand, dem er einen Fluchtweg freischaufeln wollte…"
„Klingt plausibel. Ich denk auch, dass es so war. Das heißt, Harry hat die Prophezeiung. Naja, wenigstens brauchen wir jetzt keine Wachdienste mehr im Ministerium.", meinte Dumbledore. „Ich wollte eigentlich nicht, dass Harry von der Prophezeiung erfährt, weil er sonst vor seinem Schicksal davonlaufen könnte, aber jetzt können wir es nicht mehr ändern."
„Harry läuft nicht vor seinem Schicksal davon, Albus. Er hat schon immer gekämpft und wird das auch immer tun!", sagte Remus eindringlich.
Albus seufzte und nickte. „Also gut, Remus, du versuchst Kontakt zu Harry aufzunehmen, er muss uns die Prophezeiung geben. Tonks, Kingsley, ihr bleibt am besten erst mal hier, ich bin sicher, dass Fudge bald auf die Idee kommt, euch zu verhaften; dann will ich euch außerhalb der Schusslinie wissen. Arthur, ich weiß nicht inwieweit es möglich wäre, aber vielleicht kannst du ja doch noch versuchen, mit Sirius Kontakt aufzunehmen. Das Treffen ist hiermit beendet."
