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Im zentralen Turm von Atlantis
Fünfter Tag nach der Ankunft

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Bevor sie selbst schlafen ging, suchte Elisabeth Weir die Krankenstation auf, denn sie beschäftigten noch immer einige Geschehnisse dieses Tages. Ein Bild verfolgte sie noch immer - die Verwirrtheit und Leere in den Augen ihres neuen Kommandooffiziers.

Auf dem Weg in den medizinischen Bereich hatte sie außer den obligatorischen Technikern und Wachen der Nachtschicht um diese Zeit keine anderen Mitglieder der Expedition getroffen, nicht einmal Rodney McKay, der sonst auch noch mit kleinen Augen aus seinem Labor kam.

Und auch in der Krankenstation war es sehr ruhig. Sie entdeckte nur Dr. Beckett und zwei seiner Assistenten im gedämpften Licht. Der Arzt schien auch nicht mehr lange arbeiten zu wollen, oder sollte es zumindest, denn er gähnte herzhaft und rieb sich die Augen, als sie sich ihm näherte.

"Carson, Sie sollten den Rat beherzigen, den Sie ihren Patienten immer wieder geben, und selbst schlafen gehen."

Der Schotte zuckte zusammen und lächelte. "Das werde ich auch gleich. Ich will nur noch einmal die letzte Versuchsreihe durchgehen, um morgen den allerletzten Test zu machen."

"Dann ist die Gentherapie schon so weit? Ich dachte, sie müssten noch mehr Zeit dafür aufwenden."

"Nein, ich war schon auf der Erde fast fertig. Aber ich wollte es dort nicht an die große Glocke hängen, wie sie sich vorstellen können. In spätestens zwei oder drei Tagen könnten wir sie am lebenden Menschen testen, natürlich nur wenn sich Freiwillige zur Verfügung stellen."

"Hm, da beginnen die Schwierigkeiten ..." Elisabeth nickte. "In Anbetracht unserer internationalen Zusammensetzung müssen wir auch die Gesetzgebung unserer Bündnispartner achten. Wir können keinen offiziellen Aufruf starten. Das widerspricht den entsprechenden Konventionen."

"Das weiß ich sehr wohl. Ich möchte auch niemanden dazu zwingen. Sie wissen aber selber, wie dringend wir mehr Leute benötigen, die dazu fähig sind, die Technologie der Antiker zu bedienen. Major Sheppard und die anderen schaffen das auf Dauer nicht ohne zusammenzubrechen oder durchzudrehen."

"Ich weiß." Elisabeth Weir überlegte. "Wir werden einen Weg finden, um die Leute anzusprechen und ihnen die Therapie schmackhaft zu machen. Da wir Millionen von Lichtjahren von der Erde entfernt sind und im Moment keinen Kontakt zum IOC und SGC haben, können wir keinen daran hindern, sich freiwillig zur Verfügung zu stellen. Wenn wir später Erfolge vorweisen können, wird sowieso niemand mehr nach den Umständen fragen."

"Ja, da haben sie recht", Becketts Gesicht hellte sich auf, auch wenn er im nächste Moment schuldbewusst dreinblickte. "Ich sage es ja nicht gerne, aber so könnte es vielleicht gehen. Mit der Offenlegung möglicher Nebenwirkungen und Gefahren sichern wir und dann noch zusätzlich ab."

"Gibt es denn irgend welche Faktoren, aufgrund denen Sie schwerwiegendere Bedenken haben könnten, die Therapie nicht einzusetzen?"

"Nun, ein Restrisiko gibt es immer, aber ich bin mir eigentlich ziemlich sicher, dieses sehr gering gehalten zu haben." Der Arzt holte tief Luft. "Mir liegt das Wohl meiner Patienten sehr am Herzen. Ich möchte nicht, dass jemand aufgrund meiner Behandlung stirbt, der vorher ganz gesund war. Das könnte ich mir niemals verzeihen."

„Das kann ich gut verstehen, Carson. Mir würde es nicht anders gehen." Elisabeth griff das Stichwort auf, denn eigentlich war sie auch aus einem anderen Grund in die Krankenstation gekommen. "Wo Sie gerade Ihre Patienten erwähnen, wie geht es eigentlich Major Sheppard? Er sah nach seiner Rückkehr nicht besonders gut aus und ich mache mir ziemliche Sorgen um ihn."

"Aye, sein Zustand ist mir auch aufgefallen, deshalb habe ich mich dazu entschieden, ihn mindestens eine Nacht zu überwachen. Ich habe ihm eine Kombination aus leichten Beruhigungs- und Schlafmitteln gegeben. Er schläft jetzt, aber seine Gehirnwellenströme machen mir immer noch Sorge. Sein Unterbewusstsein ist äußerst rege."

"Und was bedeutet das? Hat die Überanstrengung bleibenden Schaden angerichtet?"

Beckett zuckte mit den Schultern. "Das kann ich noch nicht genau sagen. Dazu wissen wir noch viel zu wenig über die Technologie der Antiker und ich müsste ihn über einen längeren Zeitraum hinweg hier behalten. Ich glaube nicht, das ein menschliches Gehirn so viel verarbeiten kann, wie dem Major in den letzten Tagen zugemutet wurde. Ich selbst habe schon bei der Hälfte dessen, was er aktivieren und bedienen musste, die Waffen gestreckt. Zudem steht er seit der Rettungsmission unter permanentem Stress."

"Ja, das ist mir bekannt. Denken Sie, dass es in dieser Situation angebracht ist, wenn er weiterhin das Amt des kommandierenden Offiziers ausübt?"

"Auf jeden Fall. Wenn Sie ihn jetzt suspendieren, ist das keinesfalls gut für seine geistige Gesundheit. Außerdem ist die Ausübung seines Berufes ein wichtiger Ausgleich zu seinen anderen Aufgaben! Nein, ich halte das für den größten Fehler, den Sie begehen könnten."

Elisabeth holte tief Luft.

Nach den Schwierigkeiten der beiden letzten Tage hatte sie wirklich für einen Moment erwogen, Major Sheppard von seinem Dienst zu suspendieren, aber etwas in ihr hatte sich dagegen gesträubt. Beckett bestätigte ihr mit seinem Rat, dass ihre Intuition sie nicht betrogen hatte.

Als sie den Piloten mit den überraschenden Fähigkeiten vor knapp einem Monat zur Teilnahme an der Expedition eingeladen hatte, hätte sie niemals damit gerechnet, dass sie beide einmal so eng zusammenarbeiten würden. Wenn sie ihm trotz seiner negativen Einträge in seiner Akte damals eine Chance gegeben hatte, so verdiente er es jetzt noch mehr, sich in seinem neuen Posten zu bewähren. Und bisher hatte er sich keine schwerwiegenden Fehler geleistet, auch wenn man merkte, dass er noch nie eine ähnliche Funktion ausgeübt hatte.

"Kann ich ihn sehen?"

"Ja, natürlich."

Elisabeth folgte dem Arzt zu einem abseits stehenden Feldbett. Stellwände boten ein wenig Privatsphäre. Der Major hatte sich auf die Seite gedreht. Er lag halb mit dem Gesicht im Kissen vergraben da und hatte die Beine leicht angewinkelt - vermutlich ein Reflex vor der Kälte, da sie ansonsten über den Rand des Bettes hinausgeragt hätten. Beide Arme waren angewinkelt, der obere hing quer über dem Brustkorb herunter und stützte sich auf dem anderen ab, so als wolle er sich wärmen oder schützen.

Elisabeth wusste, das schmale Schulter und ein überschlanker Körperbau eigentlich nichts ungewöhnliches für Piloten war, aber durch die jungenhafte Statur und den wilden Haarschopf wirkte John Sheppard auf den ersten Blick mit seinem entspannten Zügen fast so jung wie Lt. Ford.

Aber die feinen Linien um seine Augen und seinen Mund, die immer dann auftauchten, wenn es in seinem Gesicht zuckte, erzählten andere Geschichten: Die eines Mannes, der viel erlebt hatte. Mehr als seine Akte - und auch er - verraten wollten. Und der mehr als einmal so tief verletzt worden war, dass er sich nur noch auf sich selbst verließ, um mit seinen Problemen und Sorgen fertig zu werden.

Das was viele für seinen wahren Charakter hielten - der offenherzige und freundliche Sonnyboy war eigentlich nur eine Maskerade, mit der er alle täuschte, die nicht tiefer in ihn drangen. Loyalität und Ehrenhaftigkeit durfte man bei ihm nicht mit Vertrauen verwechseln. Denn sich jemandem wirklich und wahrhaftig zu öffnen, das konnte er nicht. Und das durfte auch niemand von ihm verlangen.

Elisabeth seufzte und gestand sich ihr falsches Verhalten ein. Vielleicht hatte sie in den letzten Tagen mit einigen Dingen etwas zu voreilig gehandelt. Aber einige dieser Fehler konnte sie noch ausbügeln und von nun an ein wenig mehr Fingerspitzengefühl im Umgang mit ihrem ungeplanten Kommandooffizier zeigen. Vielleicht würde er ihr so eines Tages mehr vertrauen.

Zwar würde sie Sergeant Bates seine Stellung nicht wieder absprechen, aber die Entscheidung über die Athosianer würde sie erst einmal vertagen. Die Argumente des Majors wogen genau so sehr wie die Einwände des Serganten.

Vielleicht waren Teyla Emmagan und ihr Volk ein Sicherheitsrisiko - aber auch unverzichtbare Verbündete auf den ersten Schritten in diese neue Welt, die man nicht grundlos verärgern sollte. Auch sie verdienten eine Chance.

"Schlafen Sie gut, Major", sagte sie leise. "Und sehen Sie zu, das Sie der dunklen Geister, die in Ihre Seele wüten, bald Herr werden. Atlantis, die Expedition und ich verlassen sich auf Sie."

Elisabeth drückte kurz seinen Oberarm und schämte sich dieser Geste, als er ihr sein Gesicht zuwandte und etwas Unverständliches murmelte, ohne die Augen zu öffnen. Erschreckt wich Sie einen Schritt zurück. Wecken hatte sie den Mann damit nicht wollen. Deshalb wandte sie sich ab und blickte verlegen Beckett an, der ein amüsiertes Schmunzeln nicht verbergen konnte. "Ich sollte Sie vielleicht jetzt besser auch ins Bett schicken, Dr. Weir. Sonst kommen Sie mir noch auf dumme Gedanken", zwinkerte er.

Elisabeth räusperte sich verlegen. "Sie haben das nicht gesehen ... ja? Ich gehe jetzt am besten von selbst. Gute Nacht, und machen Sie selbst nicht noch zu lange."

"Schlafen sie ebenfalls wohl", rief ihr Beckett leise nach. "Und wagen sie es ja nicht, vor zehn Uhr in ihrem Büro zu sitzen. Sechs Stunden Schlaf sollten Sie sich auf jeden Fall gönnen. wir haben schon fast drei Uhr."

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"Ich sehe, das macht ihnen viel mehr Spaß als die Arbeit im Labor!" erklang die Stimme von Rodney McKay an seiner Seite. "Aber kommen Sie ja nicht auf die Idee, das Torschiff starten zu wollen."

"Puddlejumper. Hatten wir uns nicht auf diese Bezeichnung für den kleinen Pfützenhüpfer geeinigt?", korrigierte John gleich den Versprecher.

McKay sah ihn gequält an. "Ich denke nicht, das die Antiker diesen Schiffen einen so lächerlichen Namen gegeben haben. Torschiff trifft als Beschreibung genauer auf das hier zu. Oder ist das Verteilen von albernen Bezeichnungen wieder eine ihrer kleinen Pilotentraditionen?" Er wedelte mit der Rechten in der Hand herum. "So wie Lastwagenfahrer ihren Trucks Frauennamen geben, so wie Betsy... hm? Den einschlägigen Filmen nach zu urteilen..."

"Hey, das ist wohl kein richtiger Vergleich", empörte sich John, aber er wusste, dass der Kanadier ihn nur aufziehen wollte. "Wagen sie es ja nicht, und mit diesen Erdkriechern zu vergleichen." Er grinste. "Aber ich muss zugeben, bei uns Piloten hat das durchaus seine Tradition: Wir vertrauen dem Baby, in dem wir sitzen, unser Leben an, und das ist oft genug in Gefahr, gerade bei Kriegseinsätzen."

Er strich sanft über die Konsole vor sich. "Es ist sozusagen unsere beste Freundin."

"Ha, ich wusste es doch", spöttelte McKay. "Also hat Top Gun doch recht. Deshalb gelten Piloten im Allgemeinen als..."

Er verstummte, denn John, der eine ganze Weile gedankenverloren die Konsole vor ihm berührt hatte, zuckte plötzlich zusammen und lauschte angestrengt.

"Was ist das?" Beide schwiegen einen Moment und lauschten. Nun war das gleichmäßige dunkle Summen, besser zu hören. "Haben Sie etwa..."

"Nein, ich habe weder etwas gedrückt, noch an etwas gedacht, noch..." John überlegte. "Ich habe nur die ganze Zeit die Konsole gestreichelt."

"Ach, sie meinen doch nicht etwa, das Ding schnurrt sie nur wegen dieser Liebkosungen an als sei es eine Katze? Pah, das wäre ja noch schöner?" McKay schüttelte den Kopf. "Jetzt gehen sie mir doch ein bißchen zu weit. Ich wüßte nicht, das ein Quentchen eigenständige Intelligenz in diesen Schiffen steckt."

Das Summen verstummte abrupt und einige Geräte, vor allem auf der Seite des Wissenschaftlers, schalteten sich ab. John hob eine Augenbraue. Das wirkte ja fast so, als wäre der Puddle Jumper beleidigt.

"Geben Sie zu, Sie waren das."

"Nein! Das wüsste ich. Er oder Sie hat selbsttätig gehandelt. Und jetzt..." John legte die Hand auf die Konsole. "Ich glaube jedenfalls an dich." Für einen kurzen Moment blinkten ein paar Lichter auf und die Geräte sprangen wieder an. Nur das Summen kam nicht wieder.

"Na, wer das glaubt wird selig ..." Mc Kay schüttelte den Kopf. "Schluss mit den albernen Scherzen. Könnten wir jetzt endlich weiter arbeiten? Das Ding muss doch so etwas wie eine Black Box haben. Die Daten, die sie auf ihrer Rettungsmission gesammelt haben, könnten überlebenswichtig sein."

John nickte. In diesem Fall teilte er ausnahmsweise einmal die Meinung des Wissenschaftlers. Schon seit über einer Stunde saßen sie nun in Puddlejumper Eins und suchten nach den entsprechenden Dateien. Natürlich mit den entsprechenden Pausen, denn Dr. Beckett hatte beiden nachdrücklich klar gemacht, dass sich sein Patient nicht wieder überanstrengen durfte.

John fühlte sich nach dieser einer Nacht des von Medikamenten unterstützten Schlafes zwar schon wesentlich besser als gestern, aber der Arzt war mit seinem EEG immer noch nicht zufrieden und hatte ihn gebeten, am Abend noch einmal vorbeizukommen.

Immerhin brachte ihm der heutige Tag auch etwas für ihn. McKay beschäftigte sich mit der Schrift und Sprache der Antiker schon seit Monaten. Zwar reichte auch für ihn nicht unbedingt dazu, um komplexe literarische Texte zu lesen, aber für wissenschaftliche Anleitungen und Anzeigen genügte es allemal.

Durch ihn wusste John nun, wie er die ein oder andere Zeile in den Projektionen zu lesen hatte und musste den Jumper nicht nur mehr intuitiv steuern. Auch wenn das bei seinem ersten Einsatz keine Probleme bereitet hatte.

"Na komm, sei ein liebes Mädchen", murmelte John. Er ahnte zwar, dass er dem Ziel ihrer Suche in den letzten Minuten näher gekommen war, aber irgendwie wurde er das Gefühl auch nicht los, dass das Schiff die Daten bewusst nicht frei geben wollte.

Mochte McKay denken, was er wollte. Der Puddlejumper besaß eine gewisse Intelligenz - und offensichtlich auch Gefühle. Deshalb war es auch nicht falsch, mit ihm zu flirten. "Ach Schätzchen, du bist die Beste von allen. Verrätst du mir, wo du die Aufzeichnungen versteckst? Damit ich nicht wieder Kopfschmerzen bekomme? Wir brauchen Sie nämlich, damit ich dich besser verstehe und dann noch besser fliegen kann."

"Sie glauben doch nicht etwa, dass das hilft?"

John warf dem Kanadier einen schiefen Blick zu. "Hör einfach nicht auf ihn", flüsterte er dem Puddlejumper zu. "Der ist blind und taub, was dich angeht ... und eigentlich auch ziemlich dumm." Das letzte sagte er fast unhörbar.

Wieder gab das Schiff seltsame Geräusche von sich, die sich diesmal fast wie ein Glucksen anhörten, dann plötzlich erschienen Bilder auf der Frontscheibe.

McKays Mund klappte auf, ihm fiel fast der Sensorstift aus den Händen, während John breit grinste. "Na bitte. Mit ein bißchen Zureden klappt es immer. Dankeschön, Schätzchen." Er beugte sich vor und deutete auf ein Panel neben dem Kopf des Kanadiers. "Und die Schnittstelle zum Überspielen der Daten befindet sich hier. Das hat sie mir eben verraten."

"Na gut!" McKay drehte sich der Wand zu und wollte die Verkleidung lösen, doch die herausziehbare Lade mit einigen Kristallstiften fuhr schon von selbst aus.