Kapitel 10, in dem alle wild durcheinanderraten
Ich war ganz schön nervös. Meine Mutter nicht. Sie werkelte summend in der Küche herum, stieß beschwingt ihren Zauberstab mal in die eine, mal in die andere Richtung und kicherte, als die Kartoffeln überkochten. Es schien ewig lange her, dass meine Mutter mal immer so gewesen ist. Ron rollte zwar mit den Augen, aber als er mir ein gequältes Grinsen zuwarf, wusste ich, dass er sich insgeheim genauso freute wie ich.
Es war beängstigend zu sehen gewesen, wie Mum in den letzten Monaten mehr und mehr ein Schatten ihres alten Ichs geworden war. Erst hatte sie aufgehört, albern zu sein, schließlich war selbst ihr Lächeln nicht mehr echt. Sie war in ihren Gedanken rund um die Uhr bei Dad gewesen. War sie einst rundlich gewesen, war sie nun mindestens 30 kg leichter. Ich war einmal mit ihr einkaufen gewesen, als uns eine Frau angesprochen hatte, mit der meine Mutter öfter mal ein Schwätzchen hält. „Sie sind schlanker geworden – das steht Ihnen ausgezeichnet, Mrs Weasley", hatte Mrs Burtons erfreut festgestellt und meine Mutter hatte tapfer ihr Gesicht verzogen und gelächelt. Die Worte hatten in dem Moment mein Herz zu Eis gefrieren lassen und ich hatte das Gefühl, nicht mehr atmen zu können. Ich war froh gewesen, als wir wieder an der frischen Luft waren.
Den Morgen vertrieb ich mir damit, ein Buch zu lesen. Der Schatten der Magie – wie Zauberei schamlos ausgenutzt wird. Natürlich wurde als Paradebeispiel Lord Voldemort angeführt. Viel mehr von dem Inhalt hatte mein Gehirn nicht erfasst, da die Zeit erbarmungslos lief und es schon bald halb Zwei war. Eine halbe Stunde noch!, dachte ich, und schluckte aufgeregt.
An diesem Vormittag blickte ich wiederholt auf unsere Weasley-Uhr. Der Zeiger von Dad stand unablässig auf „In Lebensgefahr". Meine Gedanken schweiften ab und ich stellte mir wieder und wieder die Frage, ob ich das Baby behalten sollte oder nicht. Sollte ich das Kind bekommen? Wollte ich das Kind denn überhaupt bekommen? Was würde passieren, wenn ich es bekomme? Ob Mum stolz wäre, Oma zu werden? Plötzlich fragte ich mich, warum Percy und Penelopé noch kein Kind und wieso Bill und Charlie noch nicht geheiratet hatten? Hatten sie überhaupt eine feste Freundin? Mir wurde auf einmal bewusst, wie wenig ich doch über meine Brüder wusste..
In diesem Moment rissen alle Gedanken ruckartig ab, wie ein Film, der zuende durchgelaufen war, denn es klingelte.
„Ginny, machst du schon mal auf, Schätzchen?", rief sie aus der Küche. „Ron!", kreischte sie dann, in der Hoffnung, er würde es hören, und herunterkommen. „Deck bitte den Tisch!" Er schlurfte ohne zu murren zu Mom und ihren Kochtöpfen und holte klappernd das Geschirr aus den Regalen – mit Hilfe seines Zauberstabes versteht sich!
Ich ging zur Tür und merkte dabei, wie sehr meine Beine zitterten, wie weich meine Knie waren. Bald würden sie es alle wissen!, schoss es mir durch den Kopf. Bald würden alle wissen, dass ich schwanger bin! Sie werden Fragen stellen. Sie werden erfahren, dass es nicht von Draco ist, dass wir eigentlich gar nicht mehr zusammen sind! Sie werden still in sich hinein denken: „Das haben wir dir alle gesagt! Wir wussten, dass es nicht funktionieren würde." Sie werden alle denken, ich bin eine Versagerin!
Ich schluckte einen unangenehm drückenden Kloß im Hals herunter, räusperte mich, atmete tief durch – und öffnete die Tür. Bill stand davor, mein großer Bruder Bill. Hinter ihm sah ich, wie Charlie apparierte. Grinsend sah er mich an und winkte. Bill und ich winkten zurück.
Ich ließ die beiden herein und sie setzten sich an unseren riesigen Tisch. Vorsichtig klopfte Charlie mit den Knöcheln auf das Holz. „Hey", sagte er dann leise. „Ist schon ´ne Ewigkeit her, seit ich hier war!"
„Wie läuft es denn so mit den Drachen?", fragte ich.
„Alles bestens! Mal abgesehen davon, dass mir schon wieder einer fast das Bein abgesengt hat."
„Um Himmels Willen!", rief Mum, die gerade einen schweren, dampfenden Topf mit einem Rumms! Auf dem Tisch lud. „Du warst doch hoffentlich sofort im Krankenhaus damit? Nicht, dass es sich entzündet! Du weißt doch, wie-"
„Schon okay!", unterbrach Bill sie in einem genervten Tonfall, genervt davon, dass Mum sich seit Dads Unfall so viele Sorgen machte.
Meine Mutter öffnete ihren Mund und schien etwas erwidern zu wollen. Doch sie schloss ihn schließlich wieder und schaute nur hilflos von Bill zu Charlie und dann zu mir. „Gut. Gut", murmelte sie dann.
Mit hochrotem Kopf trug Ron einen weiteren Topf in das Zimmer.
Nach und nach trudelten die übrigen Gäste ein. Penelopé und Percy, die Zwillinge, Hermine. Sie kam alleine, direkt nachdem Fred und George angekommen waren. Der Begrüßungskuss zwischen meiner besten Freundin und meinem Bruder (bei dessen Anblick ich tatsächlich immer noch Schmetterlinge im Bauch hatte!) machte mir klar, dass die beiden noch zusammen waren. Alles also in bester Ordnung, dachte ich seufzend.
„Dieses Essen hat einen besonderen Grund", kündigte meine Mutter schelmisch lächelnd an und zog verheißungsvoll ihren Augenbrauen hoch. Am Tisch, an dem zuvor noch eifrig geschnattert worden war („Percy, warst du beim Friseur?" – „Nein, schon länger nicht mehr. Vermutlich wird es daran liegen, dass sie sehr neu aussehen, meine Haare." Oder „Ihr seid wirklich ein nettes Paar, Fred und du, Hermine", hatte Ron verbissen gemeint. Hermine war knallrot angelaufen und Fred hatte seinem Bruder einen bitterbösen Blick geschenkt.) kehrte schlagartig Ruhe ein. Gespannt starrten sieben Augenpaare meine Mutter an; ich nicht, weil ich wusste, worum es ging, und ebenso starrte Ron mich an, nicht Mum. Mein Magen zog sich zusammen und mir brach der Schweiß aus.
Mein Gott, sagte ich mir plötzlich, wieso bist du so nervös? Du bekommst vielleicht ein Kind und musst über Leben und Tod entscheiden, das sollte dich viel verrückter machen als dieses Essen!
„Ich kann euch verraten, dass es etwas mit Ginny zu tun hat", fuhr meine Mutter fort und alle Köpfe schossen zu mir herum. Ich lief puterrot an. „Mom, bitte", murmelte ich.
„Ach komm schon, Ginny", rief George und kicherte, „wir können uns schon denken, worum es geht."
„Ach ja?", fragte Ron verwirrt.
„Ja", bestätigte Fred und zwinkerte mir verschmitzt zu.
Hermine hat es ihm verraten. Hermine muss es ihm verraten haben, sonst würde er doch nicht... Entgeistert starrte ich meine Freundin an, die mir gerunzelter Stirn zurückschaute und nicht zu wissen schien, warum ich so entsetzt war.
„Du und Draco, ihr-", begann George, aber meine Mutter ging dazwischen: „Schluss jetzt! Es wird erst nach dem Essen verraten, also langt kräftig zu!"
„Du und Draco, ihr-", wiederholte ich in Gedanken und fühlte mich ziemlich erleichtert. Vielleicht wussten die Zwillinge, dass wir uns getrennt hatten, mehr jedoch nicht.
Es schien, als hätte die Ankündigung auf etwas Großes alle ein wenig schneller gemacht: Sie aßen schneller, redeten weniger (und schneller!) und stürzten ihr Trinken hinunter als ginge es um alles oder nichts! Sie wollten wissen, was los war, worum es ging. Ich stöhnte innerlich gequält auf und stocherte in meinem Essen herum.
„Fertig", sagte George und schien erst jetzt wieder richtig Atem zu holen. Mein Blick glitt von dem einen Zwilling zu dem anderen. Ich konnte seine langen Wimpern von hier aus sehen und ich spürte nicht nur ein Flattern in der Magen-, sondern auch ein verlangendes Gefühl in einer anderen Gegend. Gott, wie gut, dass keiner meine Gedanken lesen kann, stellte ich fest, denn meine Gedanken glitten ins Schlüpfrige, Schmutzige ab. Zum Glück unterbrach mich Mums Stimme!
„Gut", sagte sie. „Nun, da wir fertig sind, werde ich euch natürlich verraten, was der Anlass für dieses Essen ist. Oder willst du es selber verkünden, Ginny?"
„Nein, lieber nicht", sagte ich mit gesenktem Kopf und spürte, wie meine Wangen brannten.
„Wie wär's, wir raten?", sagte Bill grinsend.
„Ginny und Draco heiraten!", schlug Fred wie aus der Pistole geschossen vor.
„Nein. Falsch!", erwiderte meine Mutter.
„Ginny verkauft ihren Laden in der Winkelgasse?", riet Charlie.
„Nein", entgegnete Mum.
„Ginny möchte sich erholen und macht Urlaub", sagte Percy, doch meine Mutter rief sogleich: „Nein, nein, wieder falsch!"
„Ginny... Ginny...", verzweifelt suchte Penelopé nach einer Lösung, und auf einmal leuchtete ihr Gesicht auf. „Ginny und Draco bekommen ein Baby!"
Wieder fuhren alle Köpfe zu mir herum. Gesichter, die sich freuten. Ungläubige Gesichter. Leicht entsetzte Gesichter.
„Echt?", fragte Fred staunend in die Stille hinein. Er hatte ganz große Augen bekommen.
„Fast." Um Mums Mund spielte ein leichtes Lächeln.
„Fast? Wieso nur fast?", fragte Charlie verdutzt.
„Weil das Kind nicht von diesem verdammten Slytherin kommt!", platzte es aus Ron heraus, der zweifellos von der Raterei genervt war. Hermine warf ihm einen giftigen Blick zu, doch Ron bemerkte sie nicht einmal. Aber auch unsere Mutter war nicht begeistert. „Ron", rügte sie ihn. „Da wären sie auch bald von selbst drauf gekommen."
„Es ist nicht von Malfoy?", wiederholte Percy laut und erschrocken.
„Nein", sagte ich widerstrebend. „Draco und ich... wir sind im Moment zerstritten", schloss ich. Ich konnte sehen, wie alle Anwesenden Blicke tauschten, die alle nur zu höhnen schienen: „Ich hab's ja gesagt!"
„Von wem ist das Kind denn dann?", fragte George zögernd.
„Von Colin. Colin Creevey", gestand ich leise.
Fred konnte sich ein Kichern nicht verkneifen. „Das ist doch der, der in Hogwarts ständig nur mit seiner Kamera herumgeknipst hat und Harry so verehrt hat, oder?"
„Er ist erwachsen geworden", entgegnete ich kühl.
„Weiß Harry es eigentlich schon? Wieso ist Harry nicht hier?" Hermine runzelte die Stirn und sah uns einen nach dem anderen an.
„Ich... Ich hab ihn einfach vergessen." Mum sank beschämt in ihrem Stuhl zusammen.
„Hey, nicht so schlimm", versuchte sie Percy zu trösten. Er nahm ihre Hand uns streichelte sie ungeschickt.
„So weit ich weiß ist Harry sowieso gerade in Schweden. Bei seinem Aurorendasein kommt er doch ganz schön rum. Ginny schreibt ihm sicherlich einen Brief, oder?", sagte Penelopé und guckte mich an.
Ich nickte. Percy hatte eine wirklich liebe Frau erwischt.
Mum blinzelte eine kleine Träne zurück und wuchs wieder etwas auf dem Stuhl. Sie atmete tief durch und sagte: „Sicher habt ihr Recht. Es ist schon in Ordnung. Er erfährt es. Sicher, sicher."
Für einige Augenblicke herrschte Schweigen, dann fragte Charlie: „Wird es ein Junge oder ein Mädchen?"
„Ja, und hat es schon einen Namen?", fragte Bill weiter. „Ich weiß noch gar nicht, ob ich es überhaupt bekommen soll.", sagte ich. Der Duft von Kartoffeln und dem Liebesknollen-Parfume hing in der Luft. „Aber es wird ein Mädchen", erzählte ich, „wenn ich ein Baby bekomme, dann ein Mädchen."
„Wovon hängt es denn eigentlich ab, ob du es bekommen willst oder nicht?" Ron starrte mich wissbegierig an.
„Das... –ähm-, weiß ich selber nicht so genau...", sagte ich kurzangebunden.
„Wir können alle zusammen eine Pro- und Contra-Liste erstellen!", warf jemand ein und sofort riefen alle wild Punkte, die dafür und welche, die dagegen sprachen, ein.
„Stopp, Stopp, Stopp!", rief meine Mutter in das Chaos hinein. „Ich denke, wir könnten alle ein wenig frische Luft gut gebrauchen."
Murrend erhoben sich meine Brüder von ihren Stühlen und trotteten zur Gardrobe.
„Kommst du mit, Ginny?" Hermine war noch sitzen geblieben, ebenso Fred.
Ich schüttelte den Kopf. „Ich kann eine kleine Pause gut gebrauchen", meinte ich erschöpft.
„Na gut, dann bis später." Sie lächelte mir zu.
„Ich habe auch keine Lust auf einen Spaziergang", sagte Fred. Und da passierte es. Für einen ganz kurzen Moment schaute er direkt mich an, mit einem ganz merkwürdigen Gesichtsausdruck, den ich nicht einordnen konnte. Er war schon wieder verschwunden, als ich noch einmal genauer hingucken wollte. Vielleicht hatte ich mir das auch nur eingebildet? Ich erinnerte mich daran, wie oft geglaubt hatte, Harry würde mich anstarren und insgeheim sogar lieben, als ich in der 2. Klasse in Hogwarts gewesen war. Wie ich letztenendes einsehen musste, war das völliger Schwachsinn gewesen.
„Dann nicht", sagte meine Mutter und ging ebenfalls, um ihren Mantel zu holen.
Die Tür fiel mit einem Krachen ins Schloss und es herrschte mit einem Mal gespenstische Stille. Ich sah Fred an und Fred sah mich an. Mein Herz setzte aus, für eine Sekunde, und schlug dann umso schneller.
„Was bist du so außer Atem, Schwesterherz?" Seine Stimme klang nicht neckisch, kein bisschen so, wie ich es von ihm gewöhnt war. „Kann doch nichts passieren. Wir sind doch-", er machte eine kurze Pause, „-Geschwister."
Das Wort schwang unheilvoll in der Luft.
review?
