Höhen und Tiefen Teil I
Zu sagen, Ataria war erschüttert, traf es nicht einmal ansatzweise. Sie war auch nicht einfach nur aufgelöst. Nein, sie stand völlig neben sich. Ein Wechselbad der Gefühle könnte ihren momentanen Zustand noch am ehesten beschreiben.
Vor kurzem noch himmelhoch jauchzend, war sie nun zu Tode betrübt. Und das alles nur, weil…
Aus zusammengekniffenen Augen funkelte sie Beros zornig an. Mit verschränkten Armen und grimmigem Gesicht stand der Verursacher ihrer schlechten Laune hoch aufgerichtet neben Gabron und starrte, STARRTE, abwechselnd Gabron und den Kommandanten der Elben nieder.
Wäre die Situation eine andere, Ataria hätte sich verwundert die Augen gerieben ob dieses Anblicks. Beros war ein friedliebender Mensch, ein solches Verhalten passte ganz und gar nicht zu ihm.
Wie hatte es nur dazu kommen können?
Wortfetzen drangen an ihr Ohr, während ihr verräterische Nässe in die Augen trat. Ataria atmete tief durch und versuchte, recht erfolglos, innerlich zur Ruhe zu kommen. Vielleicht würde sich ihr sein Verhalten erschließen, wenn sie die vorherigen Ereignisse noch einmal mit klarem Kopf durchdachte? Vielleicht hatte sie etwas Entscheidendes übersehen, das ihr einen Hinweis darauf liefern würde, warum Beros sich plötzlich so verhielt? Doch nein, auch intensives Nachdenken brachte sie hier nicht weiter. Beros Verhalten war ihr unbegreiflich. Doch eines stand für Ataria fest: sie traf keine Schuld.
+++Rückblick+++
Dies ist eine offizielle Einladung nach Lothlorien.
Diese Ankündigung hatte sie, gelinde gesagt, geschockt. Zu überraschend, zu überwältigend war diese Einladung und vor allem das, was sie letzten Endes bedeutete. Und Ataria war offensichtlich nicht die Einzige, die so empfand. Für einen langen Moment hatte in dem großen Raum Totenstille geherrscht. Dann, als ihr langsam dämmerte, was die Elben ihnen dort anboten und unbändige Freude sie aus ihrer Schockstarre erwachen ließ, brach ein gewaltiges Stimmengewirr los. Gabron hatte sich lautstark Gehör verschaffen müssen und als er das endlich geschafft hatte, bis auf Ataria, ihre Familie und natürlich die Elben alle Anwesenden des Raumes verwiesen. Viele missgünstige Blicke hatten daraufhin auf ihr und den anderen ‚Glücklichen' gelegen, was Ataria zutiefst erschreckt hatte. Obwohl sie keinen Anteil an dieser Entscheidung gehabt hatte, so fürchtete sie doch insgeheim, dass diese augenscheinliche ‚Bevorzugung' leicht weiteren Unmut ihr gegenüber schüren könnte. Und dieser Tage brauchte es nicht viel, gewisse Menschen gegen sich aufzubringen. Das hatte Ataria bereits bitter erfahren müssen.
Mit einem flauen Gefühl im Magen hatte sie sich auf die nächststehende Bank sinken lassen. Sofort war Manara, die sich stur geweigert hatte zu gehen, auf ihren Schoß geklettert und hatte ihr die Arme um den Hals gelegt, was Ataria ein leichtes Lächeln entlockte. Als dann auch noch Rúmil und sein Bruder neben und ihr gegenüber Platz nahmen, war ihre Besorgnis gewichen und hatte anderen Gefühlen Platz gemacht, die Ataria in diesem Moment lieber einfach nur genoss, anstatt zu versuchen, sie zu ergründen. Gabron's Entscheidung, sie an diesem Gespräch teilhaben zu lassen, ehrte sie. Dementsprechend widmete sie ihm und seinem Gespräch mit dem Kommandanten ihre volle Aufmerksamkeit. Jedenfalls, soweit ihr das möglich war, denn immer wieder ertappte sie sich dabei, Rúmil verstohlene Blicke zuzuwerfen. Dass er sie dabei die ganze Zeit mit einem strahlenden Lächeln betrachtete, machte die Sache für sie nicht einfacher und mehr als einmal musste sie sich eingestehen, nichts von dem Gespräch wahrgenommen zu haben, das möglicherweise über die Zukunft des gesamten Dorfes entschied.
Mit halbem Ohr lauschte sie Belan's nervösem Bericht, was genau sich bei Abreise vom Goldenen Wald ereignet hatte, froh, dass sie, wenn auch wohl nur für den Moment, nicht ihren Teil der Geschichte dazu beitragen musste. Sie würde sich später erklären müssen, das war ihr mit einem Blick in Beros' Gesicht klar. Für den Moment begnügte er sich jedoch damit, seinen Sohn mit strafenden Blicken zu bedenken.
„Ich dachte, wir hätten eine Übereinkunft getroffen, Belan?", sagte er unwirsch und schüttelte missmutig den Kopf.
Belan sank sichtlich in sich zusammen und blickte betreten zu Boden, während Gabron seinem Neffen eine Hand auf den Arm legte und versuchte, Beros' Zorn von seinem unglücklichen Sprössling abzulenken. Haldir indes blickte irritiert von einem zum anderen. Die Reaktion dieses Menschen überraschte ihn und stand in klarem Gegensatz zu dem, was er auf die großzügige Einladung Celeborn's und Galadriel's erwartet hatte.
Antwort heischend sah er Gabron an, von dem er wohl am ehesten eine Erklärung erwarten konnte. Dieser lächelte entschuldigend und setzte zu sprechen an, bevor er den Mund wieder schloss, einen Moment überlegte und dann noch einmal ansetzte.
„Ihr müsst verzeihen, Kommandant, doch dies ist ein sehr spezielles Thema, das bereits in der Vergangenheit für einige… Diskussionen… sorgte." Nachdrücklich sah er dabei Beros an, der die Aufforderung verstand und hinzufügte: „Es stimmt. Diese Angelegenheit wurde schon vor langer Zeit geregelt und abgeschlossen. Dass eines dieser Überbleibsel nun solches nach sich zieht, hat mich ehrlich gesagt sehr überrascht." Einen Moment hielt er inne und holte tief Luft, dann entspannten sich seine Gesichtszüge. Er sah Haldir an, doch seine Worte galten Belan. „Und obwohl ich meinem Sohn einerseits zürnen sollte, komme ich nicht umhin, zuzugeben, dankbar dafür zu sein, dass sich uns dadurch eine solche Möglichkeit bietet."
Zerknirscht neigte er sein Haupt vor Haldir und murmelte: „Ich bitte vielmals um Entschuldigung für mein ruppiges Benehmen, Kommandant. Ich hoffe, Ihr könnt es mir nachsehen."
Haldir musterte ihn einen Moment kühl und abschätzend, bevor er schließlich nickte und sich alle Beteiligten daraufhin merklich entspannten.
Wieder ergriff Gabron das Wort und wandte sich an Haldir. „Was soll nun geschehen? Ihr sagtet, der Herr und die Herrin Lothlorien's erbitten den Besuch eines Repräsentanten. Doch sage ich, dies ist unmöglich."
„Was meint Ihr, bitte?" Vollkommen überrascht von dieser Aussage verlor Haldir für einen Moment seine viel gepriesene Fassung und starrte den alten Mann ungläubig an. Hätte er einen Blick in die Runde getan, so hätte er gesehen, dass es den Umstehenden nicht anders erging.
Ein Blick in die fassungslosen Gesichter um ihn herum ließ Gabron breit grinsen. Mit einem Lachen führte er aus: „Ich sage lediglich, dass es uns unmöglich wäre, einen Repräsentanten zu schicken. Es müssten ihrer zwei sein. Nein, wenn ich es recht bedenke, drei."
Erklärend zeigte er zuerst auf sich, dann auf Belan und als letztes auf…
„Mir als Dorfvorsteher kommt diese Aufgabe natürlich zu, die ich nur zu gern übernehme. Doch werde ich nicht ohne die Erschaffer dieser Kunstwerke gehen - Belan und Ataria."
Sein noch geäußertes „Sicher stimmt Ihr mir da zu, Kommandant" ging praktisch unter, als das Gesagte bei den Betroffenen zu ganz unterschiedlichen Reaktionen führte. Während Belan beinahe entsetzt aufkeuchte und ihm die Augen aus den Höhlen zu quellen drohten, konnte Ataria einen kleinen Freudenschrei nicht unterdrücken. Hätte Manara nicht auf ihrem Schoß gesessen, so wäre sie wohl impulsiv aufgesprungen. So aber blieb sie sitzen und schlug sich, verlegen dreinschauend, eine Hand vor den Mund.
Gabron lächelte sie amüsiert an, während Manara sich ihre kleinen Hände auf beide Ohren presste und empört zu ihr hochsah, doch das störte Ataria nicht im Geringsten. Auch nicht, dass Rúmil und sein Bruder sie ein wenig verwirrt anblickten, hatten sie doch kein Wort verstanden und wussten daher nicht, was sie so reagieren ließ.
Ataria war glücklich. Sie war so überglücklich…
„Nein!", donnerte es da plötzlich. „Das erlaube ich nicht!"
Jäh aus ihrer seligen Versunkenheit gerissen, war ihr Kopf wie leergefegt. Sie kannte diese Stimme, sie kannte diesen Tonfall… Doch sicherlich meinte er nicht sie. Er meinte nicht…
Doch Beros meinte sie und niemand anderen. Entsetzt starrte sie in seine harten, unnachgiebig blickenden Augen. Sein Gesicht glich einer Gewitterwolke, als er sie mit festem Blick praktisch auf ihrem Platz festnagelte.
Ataria bewegte ihren Mund, doch kamen keine Worte über ihre Lippen. Sie war fassungslos, wie erstarrt.
‚Wie konnte er nur?!'
Das war der einzige Gedanke, zu dem sie noch fähig war. Und er erzeugte eine Wut in ihr, deren Intensität sie selbst erschreckte, doch sie konnte sich nicht erwehren. Der Mann, der wie ein Vater für sie war, zerstörte ihr Glück, ohne mit der Wimper zu zucken.
Dass sie unbewusst ihre Hände zu Fäusten ballte, bemerkte Ataria in diesem Moment nicht. Doch langsam begann ihr Verstand wieder zu arbeiten und die schwelende Wut zurückzudrängen. Um Beherrschung ringend sah sie Beros eindringlich an. Nur eine Frage brannte in ihren Augen.
‚Warum tust du mir das an?'
Für einen Moment schien es, als würde Beros steinerne Miene weicher werden, doch dann wandte er sich langsam aber betont von ihr ab und Gabron und Haldir zu. Ataria's gequälten Gesichtsausdruck sah er nicht mehr.
+++Rückblick Ende+++
Während Ataria mit den Tränen kämpfte, runzelte Haldir fragend die Stirn.
„Was hat es damit auf sich? Habt Ihr mir vorhin nicht selbst gesagt, Euer Großneffe hat diesen Vogel gemacht? Diese junge Frau habt Ihr dabei mit keinem Wort erwähnt."
Zustimmend neigte Gabron das Haupt. „Ihr habt völlig Recht. Verzeiht, ich war ein wenig nachlässig. Doch glaubt mir, Ataria hat einen großen Anteil an diesen Kunstwerken. Daher denke ich, es ist unerlässlich, dass sie mit uns…"
„Es spielt keine Rolle, Gabron. Ataria wird dich nicht begleiten", fiel Beros ihm gereizt ins Wort und nach einem letzten warnenden Blick in Gabron's Richtung verließ er ohne ein weiteres Wort den Raum.
Langsam ungehalten werdend, fuhr Haldir einen betreten aussehenden Gabron mit einem scharfen „Nun?" an.
Gabron zuckte zusammen, doch Haldir scherte das im Moment wenig. Seine Geduld neigte sich dem Ende. Diese ganze Situation entwickelte sich immer mehr zu einer Farce. Er war bereit, den Worten des alten Mannes Glauben zu schenken, somit also auch den beiden jungen Menschen den Zutritt nach Lothlorien zu gewähren. Zumal ihm sein Gefühl sagte, dass seine Herrin Galadriel um diese beiden wusste und die Erwartung, die Celeborn und sie an ihn stellten, wurde ihm in diesem Moment nur allzu bewusst. Im Interesse des Aufbaus dieser Handelsbeziehungen, an denen Galadriel und Celeborn so viel zu liegen schien, war die Anwesenheit von Belan und Ataria in Lothlorien nicht allein wünschenswert, sondern unabdingbar. Mehr als gewillt, seinerseits Zugeständnisse zu machen, versetzte ihn die ablehnende Haltung dieses einen Menschen in Wut, drohte dieser doch damit alles zunichte zu machen.
Aus früheren Begegnungen mit Menschen wusste Haldir recht genau, wie einschüchternd er auf diese wirkte, wenn er diesen Ton anschlug. Doch Gabron überraschte ihn erneut, als er sich straffte und Haldir gerade in die Augen sah.
„Ich nehme Eure Einladung im Namen des Dorfes in großer Dankbarkeit an. Wir werden der Bitte von Herrn Celeborn und Frau Galadriel selbstverständlich nachkommen", hoch aufgerichtet und mit kraftvoller Stimme sprach er und es erschien allen Anwesenden, als würden sie einen kurzen Blick in die Vergangenheit tun und einen Gabron in der Blüte seiner Jahre vor sich stehen sehen. Doch dann, ganz langsam, begann diese strahlende Erscheinung zu verblassen und einmal mehr stand ein alter Mann vor ihnen, dessen gebeugte Schultern von der Last der Jahre sprachen.
Plötzlich müde wirkend, setzte er leise hinzu: „Ich bedaure die Entwicklung, die dieses Gespräch genommen hat und kann mich nur noch einmal dafür bei Euch entschuldigen. Ich verbürge mich dafür, dass der Entsendung der Repräsentanten schnellstmöglich nachgekommen wird. Seid versichert, dass ich alles in meiner Macht stehende tun werde, dass auch Ataria uns begleiten wird."
Aufrichtigkeit sprach aus seinen Worten und Haldir nickte ihm wohlwollend zu.
„Wie lange, denkt ihr, werden die Vorbereitungen in Anspruch nehmen?"
Gabron lachte leise auf. „Für die Vorbereitungen selbst werden wir kaum Zeit benötigen. Doch Beros umzustimmen…" Hier zögerte er eine Weile, bevor er fortfuhr: „Ich will ehrlich zu Euch sein, Kommandant. Wie viel Zeit ich dafür benötigen werde, kann ich zu diesem Zeitpunkt nicht sagen. Beros kann sehr eigenwillig sein. Es tut mir leid, sagen zu müssen, dass ich ihn niemals zuvor so erlebt habe. Darum…"
Eine vage Handbewegung, ein Schulterzucken. Haldir verstand.
„Ich muss gestehen, mit Verzögerungen dieser Art hatte ich nicht gerechnet. Meine Absicht war es, Euch persönlich nach Lothlorien zu geleiten, doch auf unbestimmte Zeit abzuwarten und hier zu verweilen kann ich mir nicht erlauben. Ich bedaure."
„Ich verstehe. So werdet Ihr uns nun wieder verlassen?"
Haldir nickte. „Ich sehe keine Alternative, da sich, wie Ihr sagt, Eure Abreise auf unbestimmte Zeit verzögern wird und es mir nicht freisteht, meine Abwesenheit und die meiner Männer eigenmächtig über das gebührende Maß hinaus zu verlängern."
Mit diesen Worten drehte er sich zu den versammelten Elben und sprach: „Unsere Arbeit hier ist getan. Wir brechen auf."
Während Eanar gehorsam den Raum verließ, sahen Rúmil und Orophin ihren Bruder lediglich überrascht an.
„Du willst schon wieder gehen, kaum dass du angekommen bist?", fragte Orophin erstaunt. „Ich mag nicht so viel Erfahrung in solchen Dingen haben, doch ist so etwas nicht höchst unhöflich?"
Rúmil sagte nichts. Sein Blick wanderte zu der jungen Frau neben sich. Hoch geschreckt aus ihren düsteren Gedanken sah sie verwirrt von einem zum anderen. Ohne Zweifel fragte sie sich, was der plötzliche Stimmungswechsel wohl zu bedeuten hatte. Natürlich war er über Haldir's Entscheidung alles andere als glücklich, doch er wusste, dass er die Geduld seines Bruders heute bereits über die Maßen strapaziert hatte. Darum schluckte er den Protest, der ihm auf der Zunge lag, mühsam hinunter und befragte Haldir stattdessen nach dem Gespräch mit dem Dorfvorsteher.
Was Haldir daraufhin erzählte, brachte Rúmil's Herz vor Freude zum Hüpfen. Nicht nur, dass die Menschen der Einladung nach Lothlorien folgen würden, auch Ataria würde, aller Wahrscheinlichkeit nach, unter ihnen sein. Haldir's Zusammenfassung des Gesprächs war recht kurz und auf das Wesentlichste beschränkt, doch genügte Rúmil dies erst einmal. Er würde seinem Bruder schon noch ein paar Details auf dem Rückweg entlocken, der ihm nun gar nicht mehr so furchtbar und verfrüht erschien, wie vor einigen Augenblicken noch. Er würde Ataria bald wieder sehen. Nur das allein zählte.
Glücklich blickte Rúmil in das Gesicht der jungen Frau an seiner Seite und obwohl keiner den anderen mit Worten zu verstehen vermochte, so sprachen doch ihre Blicke zueinander.
Verträumt lächelte Ataria ihr Gegenüber an, bis Gabron sie wieder einmal auf den harten Boden der Realität zurückholte. Er war inzwischen zu ihr getreten und betrachtete Rúmil und sie einen Moment mit hochgezogenen Brauen, bevor er sie sanft an der Schulter berührte. Sein Blick war bedauernd, als er ihr mitteilte: „Ataria, für die Elben ist es nun an der Zeit, uns zu verlassen."
„Was?!", fuhr Ataria auf.
Bevor sie auch nur ein weiteres Wort des Protestes über die Lippen bringen konnte, hob Gabron beschwichtigend eine Hand. Ihr empörter Gesichtsausdruck brachte ihn zum Schmunzeln, doch fing er sich schnell wieder und erklärte mit geduldiger Stimme: „Beruhige dich, mein Kind, und sorge dich nicht. Ihr werdet euch ganz sicher wiedersehen. Und nun komm. Wir wollen die Elben gebührend verabschieden."
Widerwillig wollte Ataria die ihr dargebotene Hand ergreifen, als sich Manara unerwartet ihren Armen entwand und mit einem kleinen Aufschrei an Rúmil's Tunika klammerte.
„Neiiiiiin", schluchzte sie auf. „Nicht gehen, nicht gehen…"
Rúmil, im ersten Moment völlig überrascht von dieser Attacke, blickte nachsichtig lächelnd auf das kleine Kind hinunter, als Haldir ihm übersetzte.
Ataria indes war nicht zum Lächeln zumute. Mit hochrotem Kopf versuchte sie, Rúmil's Tunika und einige Strähnen seines langen Haares aus Manara's Fäusten zu befreien.
„Oh, Valar", ihre Stimme war ob ihrer Verlegenheit zu einem Flüstern herabgesunken. „Es tut mir so leid. Es tut mir wirklich leid."
Sie verstummte, als eine große Hand sanft, doch bestimmt, ihre zitternden Finger umschloss. Erstaunt sah Ataria auf und erblickte den Kommandanten. Sein Gesicht zeigte nicht die geringste Regung, als er auf sie hinunterstarrte. Ataria schluckte schwer. Dann endlich brach er das Schweigen.
„Macht Euch keine Sorgen, mein Bruder hat schon ganz andere Attacken überstanden. Er wird sich zu helfen wissen. Das hoffe ich zumindest für ihn, denn ansonsten werde ich darüber nachdenken müssen, ihn in die Küche zu versetzen."
Haldir's Mundwinkel zuckten verräterisch, als er dies sagte und Ataria blinzelte ungläubig. Hatte der kühl und unnahbar wirkende Kommandant gerade einen Scherz gemacht?
Langsam stahl sich ein Grinsen auf Ataria's Züge, dann lachte sie laut auf. Sie hatte sich nicht getäuscht, wie ihr das belustigte Funkeln in Haldir's Augen bestätigte.
Bereitwillig ließ sie sich von ihm auf die Füße ziehen und gemeinsam beobachteten sie höchst amüsiert Rúmil's Versuche, sich von Manara zu lösen.
Auch Orophin hatte seinen Spaß an diesem Anblick und ließ es seinen kleinen Bruder natürlich auch wissen.
„Sie scheint dich zu mögen, Rúmil", neckte er.
Rúmil schnaubte, dann grinste er breit und sagte: „Nun, wer kann ihr das auch verdenken?"
In einer fließenden Bewegung stand er auf, ergriff Manara, die sich erschrocken an seinen Hals geklammert hatte, unter den Armen und setzte sie sanft auf den Boden. Dann nahm er sie bei der Hand und sagte: „Komm, Kleine, lass uns gehen."
Natürlich verstand Manara kein Wort, doch schien sie äußerst zufrieden an seiner Hand zu sein und mit hoch erhobenem Haupt lief sie bereitwillig neben ihrem neuen Freund her.
Ataria schüttelte belustigt den Kopf, als sie den beiden zur Tür folgte. Sie schenkte Rúmil ein warmes Lächeln, als er ihr den Vortritt ließ.
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Die Szenerie auf dem Dorfplatz hatte sich kaum verändert, stellte Ataria mit einem kurzen Blick in die Runde fest. Jesa, die mittlerweile mit drei Elben am Dorfbrunnen stand und sich anscheinend sehr wohl fühlte, winkte ihr fröhlich zu, als sie Ataria aus dem Langhaus treten sah. Ataria erwiderte die Geste.
Ein Teil der Dorfbewohner, die Gabron hinausgeschickt hatte, hielt sich noch in der Nähe auf. Die Neugier stand ihnen ins Gesicht geschrieben. Wer sich neu dazu gesellt hatte, war Merith. Manara, die ihre Mutter sofort entdeckte, lief zu ihr, wobei sie Rúmil energisch hinter sich herzog. Dieser ließ es gutmütig mit sich geschehen, wie Ataria erleichtert feststellte. Das Ganze war ihr immer noch ein wenig unangenehm, doch Rúmil schien Manara's Anhänglichkeit in keinster Weise zu stören.
Manara, aufgeregt wie sie war, rief in ihrer Begeisterung über den ganzen Platz hinweg: „Mutter, Mutter, sieh mal. Das hier ist ein Elb und er ist mein Freund."
Vollkommen überrumpelt sah Merith beinahe ratlos vom strahlenden Gesicht ihrer Tochter zu dem Elben, der sie freundlich anlächelte, und wieder zurück. Sie stieß leise die Luft aus, fast als würde sie ein Stoßgebet zum Himmel schicken, dann erwiderte sie Rúmil's Lächeln zaghaft. Gleichzeitig streckte sie die Hand nach Manara aus. Diese zögerte einen Moment, dann ließ sie Rúmil's Hand widerstrebend los und ergriff die ihrer Mutter. Nervös kaute sie auf ihrer Unterlippe, unsicher, ob sie etwas falsch gemacht hatte und ihre Mutter sie nun schelten würde.
Merith schwieg lange Zeit. Nicht, weil sie sich in Gedanken ihre Standpauke zurecht legte, sondern weil ihr schlicht und einfach die Worte fehlten. Sie war eine einfache Frau, hatte ein einfaches Leben. Wie also sollte sie reagieren, wenn ihre fünfjährige Tochter plötzlich mit einem Elben an der Hand auf sie zukam und diesen zu ihrem Freund erklärte? Elben hatten niemals einen Platz in ihrem Leben gehabt, so wie in dem der anderen Dorfbewohner auch nicht. Sie wusste, dass sie existierten, sie alle wussten das. Aber von diesen außergewöhnlichen Wesen zu wissen und plötzlich vor einem zu stehen, so freundlich dieses sie auch ansah, war etwas völlig anderes.
Ehrfurcht, aber auch Scheu ließen sie zögern, doch dann blickte sie in Manara's ängstlich fragendes Gesicht und gab sich einen Ruck.
„Es… es freut mich, Euch kennenzulernen. Ich bin Merith, Manara's Mutter." Kurz zögerte Merith, dann fuhr sie ihrer Tochter sanft durch das Haar, bevor sie weiter sprach: „Ich hoffe, Manara hat Euch nicht belästigt. Sie kann manchmal ein wenig anstrengend sein."
Rúmil grinste. Er hatte Merith's Worte nicht verstanden, doch schon allein aufgrund Manara's empörten Gesichtsausdrucks konnte er sich ungefähr denken, was sie gesagt hatte. Lachend ging er vor dem kleinen Mädchen in die Knie. Zufrieden beobachtete er, wie sich Manara's Gesicht wieder aufhellte, als er sie leicht auf die Nase stupste.
„Namarie tithen pen", sprach er sanft. Dann richtete er sich wieder auf, neigte grüßend den Kopf vor Merith und schloss dann gemächlichen Schrittes zu den anderen auf.
Diese hatten das Geschehen natürlich beobachtet, doch zu Rúmil's Überraschung sagte Haldir nichts weiter dazu, sondern ergriff nur wortlos die Zügel seines Pferdes und schwang sich in den Sattel. Die anderen Elben folgten seinem Beispiel und auch Rúmil trat zu seinem Pferd. Er nahm es jedoch lediglich beim Zügel und wandte sich dann Ataria zu, die zusammen mit Gabron einige Schritte von ihnen entfernt stehen geblieben war. Rasch überwand er die Distanz und stand einmal mehr mit klopfendem Herzen vor ihr und blickte in Augen, die vor Emotionen überzuquellen schienen und für einen Moment fragte Rúmil sich, ob es ihre Gefühle waren, die er dort sah, oder vielleicht die seinen, die sich in ihren Augen lediglich widerspiegelten.
Mühsam wandte er seine Augen von den ihren ab. Sein bittender Blick suchte Haldir. Seine Stimme klang heiser, als er ihn fragte: „Haldir, würdest du für mich übersetzen?"
Haldir war kurz davor, entnervt mit den Augen zu rollen, als wollte er sagen: ‚Seit wann bin ich dein persönlicher Übersetzer? Zumal ich befürchten muss, dass du, Valar bewahre, Liebesschwüre oder dergleichen zum Besten geben willst.' Doch er sagte nichts von alledem, sondern nickte lediglich ergeben, wenn auch unwillig.
Im nächsten Moment rollte er dann tatsächlich mit den Augen, als er Rúmil's Worte an Ataria hörte. Um einen neutralen Gesichtsausdruck bemüht, wandte er sich daraufhin an die junge Frau und ließ sie wissen: „Mein Bruder wünscht Euch mitzuteilen, dass ihn Eure hoffentlich baldige Ankunft in Lothlorien mit Freude erfüllt und er an der Grenze auf Euch warten wird und, ich zitiere, ‚meinen Posten nicht verlassen werde, ehe Ihr nicht eingetroffen seid'."
Ataria's Augen wurden groß, als sie dies vernahm. Ungläubige Freude ob dieses Versprechens und Trauer über die bevorstehenden Trennung schnürten ihr die Kehle zu. Dann bahnte sich ein Schluchzer seinen Weg über ihre Lippen und sie schlug einmal mehr die Hand vor den Mund. Wieder stiegen ihr Tränen in die Augen, doch diesmal aus einem völlig anderen Grund, als Rúmil sanft eben diese Hand ergriff und an seinen Mund führte, um einen federleichten Kuss darauf zu hauchen.
Auch ihm fiel der Abschied sichtlich schwer, doch zwang er sich zu einem Lächeln. „Namarie gwend velwain", flüsterte er ihr leise zu, dann drehte er sich zu seinem Pferd und stieg entschlossen auf dessen Rücken.
‚Gwend velwain?'
Fragend blickte Ataria zu Haldir hinauf, doch dieses Mal blieb er ihr eine Antwort schuldig.
Automatisch trat Ataria einige Schritte zurück, als die Elben ihre Pferde in Bewegung setzen. Ohne Unterlass hing ihr Blick an Rúmil's Gestalt, als sie zusammen mit Gabron und einigen der Dorfbewohner die kleine Gruppe zum Tor begleitete, wo sie sich dann trennten.
Und immer wieder sah Rúmil zu ihr zurück, bis Pferde und Reiter am Horizont verschwunden waren.
Namarie - Auf Wiedersehen
Tithen pen - Kleine
Gwend velwain - holde/süße Maid
DANKE, liebe Leser!
Wenn ihr das hier jetzt lest, bedeutet das, ihr seid dieser Geschichte treu geblieben, obwohl ich euch so lange hab warten lassen. Ich will euch an dieser Stelle nicht mit lahmen Ausreden langweilen, warum dieses Update so lange gedauert hat . Die Wahrheit ist, dass ich für einige Zeit einfach keine Motivation hatte, weiter zu schreiben. Tut mir wirklich leid, aber was soll ich sagen? Ich bin halt auch nur ein Mensch... Als ich dann dieses Kapitel begonnen und einmal nachgesehen habe, wie lang das letzte Update her ist, war ich selber erschrocken. Die Zeit rast... Ich habe mich trotzdem dagegen entschieden, dieses Kapitel allein um des Updates willen einfach mal schnell hinzuschreiben. Es gibt in diesem Kapitel einige Schlüsselmomente dieser Geschichte und ich wollte das Ganze einfach so gut, sauber und durchdacht machen, wie irgendwie möglich. Das hat natürlich noch mehr Zeit gekostet, aber ich hoffe, das Kapitel ist die lange Zeit des Wartens wert.
Da dieses Kapitel am Ende sehr lang geworden ist, habe ich mich entschieden, es zu teilen und schon einmal den ersten Teil zu veröffentlichen, während ich an der Übersetzung des zweiten Teils arbeite. Ja, ihr habt richtig gelesen. Der zweite Teil ist bereits geschrieben und wird gerade übersetzt. Es ist diesmal also kein leeres Versprechen, wenn ich sage, dass das nächste Update in absehbarer Zeit erfolgen wird.
Zum Schluß möchte ich mich natürlich für eure Unterstützung bedanken.
DANKE
für alle Reviews, Favs, Follows. Und ich danke auch all denjenigen, die mich einfach nur dadurch unterstützen, dass sie diese Geschichte lesen und mir Kapitel für Kapitel die Treue halten.
Damit dürfte ich jeden bedacht haben, oder?
P.S.: Falls diese Geschichte inzwischen neue Leser gewonnen haben sollte, so sage ich
HERZLICH WILLKOMMEN UND HOFFENTLICH VIEL SPASS!
