Disclaimer: Ich habe keinerlei Rechte an der Geschichte, was den Inhalt von Hasbro´s My Little Pony: Friendship is Magic anbelangt. Abgesehen von meinem OC ist alles deren Eigentum.

Kapitel 10: Chief Pinkie Pie

Die Brühe aus Speiseresten schwappte ekelerregend zäh gegen die Seiten des Eimers, den Rogue in seinem Mund trug. Der unangenehm süßliche Geruch, der daraus emporstieg, drang mit jedem Atemzug unweigerlich in seine Nüstern und ließ ihn so flach wie möglich atmen. So widerwärtig das Ganze auch war, die Schweine schien es nicht zu stören. Grunzend drängten sie sich bereits am Trog ihres Geheges und versuchten sich gegenseitig gierig mit den Schnauzen beiseite zu schieben. Angewidert streckte Rogue seinen Kopf und brachte den großen Blecheimer durch die Umzäunung des Geheges über den Trog. Dann stieß er unten gegen den Rand des Eimers und ließ die ekle Flüssigkeit in den Trog pladdern. Mit wilden Gegrunze und Quieken machte sich die Meute Schweine darüber her. Schnell trat er einen Schritt zurück, um nicht von den Spritzern des Saufutter getroffen zu werden, das in alle Richtungen davon flog.

Seufzend spülte Rogue den Eimer hinter der Scheune aus und trug ihn zurück in die Küche, wo er als Abfalleimer diente. Granny Smith hatte sich auf die kleine Holzbank neben dem Ofen gelegt und schnarchte sanft. Neben ihr stand ein Holzeimer mit Seifenlauge und einem Schwamm. Regenbogenfarbene Schlieren liefen über den emailierte, großen Kochofen und trockneten langsam in der Hitze des Tages. Rogue zuckte kurz mit den Schultern, dann machte er sich daran, Grannys Arbeit zu ende zu bringen und den Ofen zu schrubben. Er gab sich Mühe, dabei leise zu sein, aber nach einiger Zeit, als er die klappernden Ofentüren scheuerte, glaubte er, das es kaum etwas ausmachte. Die alte Mähre schlief fest wie ein Stein.

Er war fast fertig, als Applejack zur Küchentür hereinkam. Die junge Stute blieb überrascht im Eingang stehen, als sie Rogue den Herd säubern sah und blickte dann zur schlafenden Granny Smith. Sie lächelte warm und half dann wortlos ihrem Cousin dabei die Seifenreste wegzuwischen. Anschließend ging sie zum Eisschrank, reichte Rogue einen großen, kalten Krug mit Apfelsaft und schnappte sich selbst ein Holzbrett, auf dem dicke Sandwiches angerichtet waren. Zusammen gingen sie nach draußen, wo Big Macintosh gerade hinter der Scheune hervorkam. Er war klitschnass, so das ihm das Wasser nur so in Strömen von seinem gewaltigen, roten Körper lief. Er hatte sich nach der harten Arbeit des Vormittages unter der Pumpe frischgemacht.

Rogue begrüßte seinen Cousin mit einem Nicken und setze sich zu Applejack auf die einfache Holzbank an der Hauswand. Big Mac schenkte allen einen Becher des kalten Saftes ein, dann legte er sich vor ihnen ins Gras und nahm einen großen Schluck. Die Sandwiches standen immer noch unangerührt neben AJ. Apple Bloom würde jeden Augenblick aus der Schule zurückkommen und nachdem sie Granny geweckt hätten, würde sie hier draußen zusammen essen.

Es lag eine seltsame Ruhe in diesem Moment. Rogue nahm ein Schluck des erfrischend kühlen Apfelsaftes und sah müßig dabei zu, wie ein kleiner Schwarm Schmetterlinge über dem Misthaufen auf der anderen Seite des Hofes kreiste. Der fruchtbare Dünger hatte auf seiner Spitze ein buntes Bukett großer Blumen hervorgebracht. Fast sah es so aus, als wären einige der Blüten lebendig geworden und flatterten nun um ihre noch fest gewachsenen Brüder und Schwestern.

Keiner von den drei Ponys sprach ein Wort. Sie saßen im Schatten des Farmhauses, tranken Apfelsaft und genossen diesen Moment der Ruhe, erfüllt nur von den Geräuschen des Sommers: Das Zirpen der Zikaden, das leichte Rauschen des Grases im Wind und das entfernte Singen der Vögel.

Es war ein Moment, den Rogue lange nicht vergessen sollte.


„Noch ein Stück weiter!", Appeljack schob die große Wanne mit Äpfeln über den staubigen Boden. Rogue hielt mit seinen Hufen den großen Holztrichter in Position, bis der Boden der Wanne dagegenstieß. Dann richtete er sich auf und half ihr dabei, die Äpfel auf die schmale, hölzener Rutsche zu kippen, die in den Keller unter der Scheune führte. Apple Bloom war unten damit beschäftigt das verschiebbare Ende der Rutsche so zu positionieren, das die Äpfel sauber auf einem Haufen landeten. Big Mac lud derweil die letzte Wanne vom Fuhrwerk ab und half dann seiner Schwester dabei sie in den Schacht zu kippen. Es klang wie das schlagen von Trommeln, als die Äpfel die Holzbahn hinunter in den kühlen Keller kullerten.

Applejack wischte sich den Schweiß von der Stirn und rief dann durch den Schacht zu Apple Bloom, das sie heraufkommen konnte.

„So, die Fuhre is´ geschafft. S´ wird langsam. Danke für deine Hilfe, Rogue!"

Das Rettungspony winkte ab. „Dafür nicht. Es ist das wenigste, was ich tun kann."

AJ verpasste ihm kichernd einen kräftigen Flankenstoß und half dann Big Mac dabei die leeren Wannen wieder auf den Wagen zu schlichten. Rogue trotte hinter ihr her und schloss sich der Arbeit an. Schließlich spannte sich der rote Hengst wieder in das Geschirr an der Deichsel und sah seine Schwester fragend an. Sie nickte kurz und zusammen machten sie sich auf den Weg zurück in die Tiefen von Sweet Apple Acres.

Rogue folgte ihnen und schloss zu seiner Cousine auf. „Kann ich euch noch etwas helfen?" fragte er.

Applejack warf ihm einen kurzen Seitenblick zu. „Hast du schon mal Apfelbäume geerntet?", fragte sie mit einem leichten Lächeln auf den Lippen.

Rogue blickte verlegen zur Seite. „Nein. Nein, eigentlich nicht." Er sah wieder zu ihr und zog eine Augenbraue hoch. „Aber ich lerne schnell."

AJ lachte kurz. „Ja, das glaub´ ich." Sie überlegte kurz. „Ich bring´ es dir gern´ bei. Aber nich´ heute, Rogue. Wir ernt´n gerade im West´n, wo die jüngst´n Bäume steh´n. Da muss man aufpass´n, sonst verletzt man die Rinde. In n´ paar Tag´n...", sie verstummte abrupt und sah unsicher zu ihrem Cousin hinüber. „Vorausgesetzt, du möchtest so lange bleib´n."

Rogue antwortete nicht sofort. Applejack sprach damit einen Punkt an. Er hatte keinerlei Plan gemacht, wie lange er in Ponyville bleiben wollte. Er hatte drei Wochen Urlaub... aber wollte er diese wirklich in Ponyville verbringen? Er dachte zurück an seinen Lauf durch die schattenspendenden Haine von Sweet Apple Acres. An den Geruch von Granny´s Apfelkuchen. An dieses Stückchen Frieden, dort draußen vor dem Farmhaus. Es gab viele Gründe hier zu bleiben. Geh nach Ponyville und erhole dich dort. Es ist so ein so schöner Ort in meiner Erinnerung. Und dann... dann komm zurück, wenn alles verheilt ist. Versprich es mir!, sprach die drängende Stimme seiner Mutter in seinem Kopf. Er sah zur Applejack und bemerkte ihren besorgten Blick, gesüßt mit einem hoffnungsvollen Lächeln.

Er konnte jederzeit gehen. Es würde kaum einen Tag brauchen sich auf die Reise vorzubereiten. Ohne einen Karren an den Hacken währe er sogar noch schneller wieder in Manehattan.

Er sah den Weg entlang, die sich zwischen den grünen Apfelbäumen in die Tiefen der Apfelfarm schlängelte. „Ich möchte sehr gerne. Wenn ihr mich so lange aushaltet."

AJ kicherte und stieß ihn wieder mit ihrer Flanke an. „Da kannste dir sicher sein, Sugarcube."

„Also gut, wenn ich euch im Hain nicht helfen kann, wie sieht es mit der Farm aus? Kann ich dort irgendwo anpacken? Ich wollte mir von Pinkie Pie heute Abend das Spritzenhaus zeigen lassen und vorher noch etwas mit anpacken." Applejack überlegte kurz. „Oh! Ich hab´s! Du kannst Apple Bloom mit´n Hausaufgaben helfen! Ich bin die Tage gar nich´ dazu gekomm´ un´ ich will nich´das ihre Not´n unter der Arbeit leid´n." Sie blickte etwas betreten zur Seite. „Na, ja un´ ich bin auch kaum nen´ Biss´n Heu wert, wenn´s um´s Rechtschreib´n geht. Frag´ danach einfach Granny, die hat immer was zu tun."

Rouge nickte zustimmend. „Alles klar, wird gemacht. Dann bis später, ihr beiden!" Er winkte Applejack und Big Macintosh zum Abschied zu und machte sich auf den Weg zurück zum Farmhaus.


Rogue band den Heuballen an dem Seil fest, das von einer Rolle von der Decke der Scheune hing. Sein Feuerwehrtraining kam ihm hier endlich einmal zu gute, hatte er doch dort gelernt, wie man schwere Gegenstände sicher fest band und einen ordentlichen Knoten machte. Nachdem er das eine Ende des Seils über dem Schwerpunkt des Ballens befestigt hatte, nahm er das andere Ende zwischen seine Zähne und zog feste. Der Strohballen war fast ebenso groß wie er selbst und es kostete ihn einiges an Mühe ihn in die Höhe zu ziehen. Er stemmte sich angestrengt in den harten Lehmboden und zog das Heu Schritt um Schritt höher. Als es auf der Höhe des Heubodens angelangt war, beeilte sich Rogue das Seil an einem der Haken, die aus den Holzbalken ragten, zu sichern. Es hatte einige Versuche gebraucht, bis er die richtige Technik herausgefunden hatte, wie er diese ungewohnte Arbeit zu verrichten hatte. Anfangs hatte er versucht, nur mit dem Hals zu ziehen und das Seil mit dem Huf zu sichern, während er mit den Zähnen nachgriff. Er hatte mit Mühe und Not einen einzigen Ballen hochziehen können, dann war er schweißgebadet gewesen und seine Halsmuskeln hatten gebrannt wie Feuer. Schließlich war er darauf gekommen, seinen ganzen Körper zum Ziehen einzusetzen, was die Arbeit wesentlich leichter machte. Dennoch, nach einem guten Dutzend Strohballen, die er auf den Heuboden verfrachtet hatte, ran ihm der Schweiß in Strömen herab. Die Scheune, etwas abseits hinter den Geräteschuppen gelegen, hatte ein Dach aus Wellblech, unter dem sich die Hitze staute. Am schlimmsten war es auf dem Heuboden selbst, wo die Temperaturen Saunaniveu zu erreichen schienen. Rogue seufzte leise und trabte die schmale Stiege hinauf, um den hängenden Strohballen auf den Boden zu ziehen. Er band ein Seil von einem der Balken im hinteren Teil des Heubodens an die Seite der hängenden Last und zog daran, bis der Ballen über der Kante hing, dann ging er wieder nach unten und löste das Seil vom Haken. Mit einem dumpfen Laut prallte das Stroh auf die Holzbretter und schickte eine glitzernde Staubwolke in die schmalen Streifen Licht, die durch die Lücken in der Scheunenwand fielen. Jetzt musste er wieder nach oben gehen und den Ballen verstauen. Er seufzte leise und schüttelte die Schweißtropfen aus seiner kurze Mähne. Das war eindeutig eine Arbeit für zwei Ponys. Aber was half es sich zu beschweren, wenn er ohnehin schon fast fertig war? Er machte sich wieder an die Arbeit.

„Granny? Ich habe das Heu nach oben gebracht. Hast du sonst noch was zu tun? Granny?", Rogue sah sich in der leeren Küche um. Auf dem Tisch lagen noch ein paar Hefte und Stifte, wo er Apple Bloom bei ihren Hausaufgaben geholfen hatte. Er war überrascht gewesen, wie viel man in ein paar Jahren über Mathematik verlernen konnte. Eigentlich hatte er dem kleinen Fohlen gesagt, es könne mit seinen Freunden spielen gehen, wenn sie aufgeräumt hatte, aber es war wohl so wie man sagte: Aus dem Auge, aus dem Sinn. Geistesabwesend kratzte er sich den Bauch. Die Arbeit mit dem Stroh ließ sein ganzes Fell jucken. Zeit unter die Pumpe zu springen und sich den Staub und den Schweiß vom Körper zu waschen.

Er prustet, als der erste Schwall kalten Wassers über sein Fell lief. Er hatte den Kopf der Pumpe zur Seite gedreht und duschte direkt unter der Öffnung.

„Oha! Na, wenn ich n´ halbes Jahrhundert jünger wär´ un´ nich´ deine Großtante, müssteste jetzt aber auf deine Flank´n aufpass´n, junger Mann!"

Rogue wirbelte erschreckt herum, als er die Stimme hinter sich hörte. Seine Hufe rutschten auf den den nassen Steinfliesen weg und er landete Kopf voran im feuchten Gras.

Granny stand neben dem Trog und lachte laut. Verlegen kämpfte sich Rogue wieder auf die Hufe und sah mit verletztem Stolz zu der alten Mähre, die ihn so peinlich überrascht hatte. Dann schüttelte er sich kräftig, so das das Wasser nur so von seinem Fell spritzte. Für ihr Alter überraschend flink, ging Granny hinter dem Trog in Deckung und lachte noch lauter. Schließlich, als sein Fell und seine Mähne in alle Richtungen abstanden, stimmte der junge Hengst in das Lachen mit ein.

Noch immer kichernd schob Granny Rogue einen Holzeimer zu, der neben ihr stand. „Kennst du den klein´ Kerl?", fragte sie ihn. Neugierig beugte sich das Rettungspony über den Eimer, aus dem ein leises Schnarchen kam.

Bandit, dick und rund gefressen, lag am Boden des Holzeimers, neben ein paar kläglichen Resten von kleinen Samen und Körnern. „Bandit!", rief er verärgert aus. Das Eichhörnchen öffnete träge ein Auge und sah ihn kurz an, dann schloss es sich wieder „Ich habe dir doch auf dem Markt Futter gekauft! Warum hast du..." Er brach plötzlich ab und schlug sich mit dem Huf vor die Stirn. Etwas kleinlaut fuhr er fort: „Ich habe vergessen, dir die Sonnenblumenkerne zu geben, oder? Oww, verdammt!"

Granny kicherte wieder. „Ich hab´ ihn dabei erwischt, wie er sich mit´n Hühnern ums´ Futter gestritt´n hat, als ich se´ hab´ füttern woll´n. Der Name passt schon. Hier, nimm ihn un´ such´ ihm ein nettes Plätzchen zum Schlaf´n."

Rogue nickte, hob den Eimer mit dem Mund auf und trotte zurück zum Hauseingang. Auf halben Weg drehte er sich noch einmal um und nuschelte zwischen dem Henkel hindurch: „Kann isch noch wasch machen, Granny? Brauscht du misch nosch?"

Die Alte Mähre trank einen Schluck Wasser aus der Pumpe, dann wischte sie sich das Gesicht mit ihrem Halstuch ab. „Nein, danke, Rogue. Für heut´ isses genuch. Genies´ den Abend!" Sie winkte ihm noch kurz zu, bevor er ins Haus verschwand.

Er blieb auf der Diele im Erdgeschoß stehen und überlegte kurz. Er konnte für Bandit eine kleine Ecke im Stall finden und ihn dort hinlegen, damit sich der kleine Kerl von seinem Fressrausch erholen konnte. Er senkte den Kopf etwas und blickte über seine Nüstern hinweg auf das runde Fellbündel, das sich in dem Eimer zusammengerollt hatte und sanft schlummerte. Er musste dringend noch einmal mit Fluttershy sprechen, damit er sich richtig um das Eichhörnchen kümmern konnte. Vorausgesetzt, er konnte sie dazu bringen, sich überhaupt mit ihm zu unterhalten. Derweil sollte Bandit nicht im Stall mit den anderen Tieren schlafen müssen. Rogue hatte keine Ahnung, wie er auf die Farmtiere reagieren würde, aber ein Gefühl sagte ihm, dass das kleine Tier seine Ruhe brauchte. Er trug den Eimer mitsamt Bandit auf sein Zimmer und stellte ihn hinter einen der Balken, dort, wo es relativ dunkel war. Dann ging er hinunter in den Stall und holte etwas von dem weichen Futterheu, um den Eimer etwas auszupolstern. Zufrieden mit seiner Arbeit dachte er noch daran den Sack mit den Sonnenblumenkernen sicher in der Kommode zu verstauen und öffnete das Fenster ein Stück weit. Sie befanden sich zwar im ersten Stock, aber Rogue hatte keine Zweifel daran, dass das flinke Tierchen mühelos bis zum Boden klettern konnte.

Er bediente sich noch einmal aus den Sanitätstaschen und wechselte den Verband um seinen Hinterlauf. Der saubere Mullstoff der Klinik war von der Arbeit schmutzig geworden und verrutscht, außerdem war er bei der Dusche nass geworden. Wenige Minuten später stand er abmarschbereit in der Küche und sah auf die Uhr. Er hatte noch etwas Zeit sich in Ponyville umzusehen, bevor er Pinkie von Sugarcube Corner abholen würde. Sicherheitshalber lieh er sich eine kleine Satteltasche aus der Garderobe im Flur und machte sich auf den Weg ins Dorf.


Die Straßen waren noch immer voller Ponys, die die nachlassende Hitze des frühen Abends genossen. Rogue ließ sich durch die Idylle des kleinen Dorfes treiben, ohne ein festes Ziel vor Augen zu haben. Er entdeckte aus der Ferne Apple Bloom, die zusammen mit Sweety Belle und Scootaloo über den Markplatz streifte, verlor sie aber aus den Augen, bevor er sie begrüßen konnte.

Er kaufte sich einen Coffee-to-trot im Café in der Nähe des Marktplatzes und ließ sich auf eine Bank am Straßenrand nieder, um ihn zu genießen. Er ließ seine Blick müßig über die Ponys schweifen, die an ihm vorbei zogen. Während er vorsichtig den heißen Kaffee schlürfte, fiel ihm etwas auf, das er bei seinem Weg zur Klinik mit Applejack vollkommen übersehen hatte: Ponyville wimmelte nur so von Stuten! Wenn heute Abend auf den Straßen der normale Durchschnitt unterwegs war, mussten gut drei Viertel aller Bewohner weiblich sein! Wenn er zurück nach Manehattan kam, kannte er da ein paar Feuerwehrponys, denen er einen brandheißen Urlaubstip geben konnte...

Rogue seufzte leise. Stuten, Stuten, Stuten. Da hielt man eine Ewigkeit die Augen offen, holte sich seinen Teil an Körben ab und wenn es dann endlich so weit war, kamen gleich zwei um die Ecke. Und eine davon musste natürlich seine Cousine sein. Das sollte die Wahl eigentlich einfach machen... aber dem war nicht so. Darling wartete in Manehattan auf ihn, eine Stute, die nicht nur gut aussah, sondern auch noch in der selben Sparte arbeitete wie er. Andererseits kannte er sie kaum. In dem lang zurückliegendem Praktikum im Sacred Hooves und ihren jüngsten Begegnungen nach der Einlieferung von Applejack hatten sie kaum die Möglichkeit gehabt sich gegenseitig kennen zu lernen. Sie war offensichtlich interessiert - Rogue errötete leicht bei dem Gedanken daran – und das beruhte auf Gegenseitigkeit. Aber er wurde diesen nagenden Gedanken in seinem Hinterkopf nicht los, der immer wieder fragte was wenn...?

Was wenn er nicht interessant genug war?

Was wenn sie ihn nicht mochte, nachdem sie sich kennengelernt hatten?

Was wenn sie derweil in Manehattan einen anderen Hengst fand?

Was wenn alles glattlief, aber sie sich kaum sahen, weil sie beide in Schichten arbeiteten?

Was wenn... und so weiter.

Und dann war da Applejack. Jung, stark, sah mit feuchtem Fell fantastisch aus. Süße Sommersprossen, genauso dickköpfig wie er selbst (vielleicht sogar noch etwas mehr), kannte ihn noch aus Füllentagen. Hatte zweimal Equestria gerettet. Und, ach, ja, war seine Cousine.

Rogue´s Verstand hatte nach diesem ´ganz besonderen´ Morgen dieses Thema eigentlich abgehackt, aber das hielt seine Hormone nicht davon ab, eine flotte Polka zu tanzen, wann immer er sie sah. Und sie wohnte in dem wahrscheinlich einzigem Dorf Equestrias, das eine höhere Stutendichte aufwies als die Schönheitsmesse am Manehattan Seaport. Und sie hatte fünf kleine Freundinnen, die nicht nur die Träger der Elemente der Harmonie waren, sondern die er sich auch noch gut im aufklappbaren Mittelteil einschlägiger Zeitschriften vorstellen konnte.

Sich aber nicht vorstellen sollte.

„Ich bin soooo geliefert." Stöhnte das junge Rettungspony und versteckte sein Gesicht hinter seinem Vorderlauf. Es war nicht so, das er sich irgendwelche Chancen bei AJ´s Freundinnen ausrechnete. Weit gefehlt. Rogue sorgte sich eher darum, das er sich vor versammelter Mannschaft zum absoluten Deppen machte. Das war sozusagen ein besonderes Talent von ihm. Er konnte froh über das Rote Kreuz auf seiner Flanke sein, denn die Alternative dazu war... wahrscheinlich sein Gesicht mit rollenden Augen, dummen Grinsen und Propellerhut, von dem sich eine schöne Stute angewidert abwendete. Oder so ähnlich.

Rogue war kein unbeflecktes Blatt, was Stuten anbelangte. Er hatte bereits einmal geglaubt ´dieses spezielle Pony´ für sich gefunden zu haben. Als er endlich wusste, was das bedeutete. Damals, während seiner Ausbildung...

Rogue schob diesen Gedanken entschlossen beiseite und stürzte den Rest seines Kaffees hinunter. Der Abend war zu mild und zu schön, um ihn mit den Gedanken an vergangene Liebe zu belasten. Er knüllte den Pappbecher unter seinem Huf zusammen und warf ihn in einen Mülleimer neben der Bank. Kein Grund alte Wunden aufzureißen. Er hatte genug frische, die ihn beschäftigten.

Er sah zu der Uhr, die er durch das Fenster des Café gerade noch erspähen konnte. Er hatte noch immer etwas Zeit. Auf der Suche nach etwas, das seine Aufmerksamkeit erregen konnte, schaute er die Straße entlang. Dort, ein paar Häuser weiter, wo die Straße eine kleine Kurve machte, stand der große, beeindruckten Hausbaum der Bibliothek. Aus seinen Fenstern drang bereits warmes Licht, obwohl die Sonne noch nicht ganz untergegangen war. Kurz haderte das Rettungspony mit sich selbst, ob es dort hin gehen sollte. Es ging ihn wirklich nichts an, was mit Twilight war. Aber er konnte ja einmal ganz unverblümt vorbei schauen, sich ein Buch für die Gute-Nacht-Lektüre ausleihen und sich vielleicht – ganz beiläufig – nach Twilight erkundigen. Ja, das klang nach einem Plan.

Er sprang behende von der Bank und machte sich auf den Weg.


„Herein!" Rogue trat durch die rote Tür mit der brennenden Kerze, als er die Stimme von Twilights kleinen Freund hörte. Er sah sich in dem großen Hauptraum der Bibliothek um und entdeckte Spike, der gerade ein paar Bücher in die Regale einsortierte und ihm den Rücken zugedreht hatte. Das violette Reptil drehte sich nicht um, als Rogue´s Hufe über den Holzboden klapperten, sondern setzte konzentriert seine Arbeit fort. „Suchen sie sich ein Buch aus und tragen sie sich in die Liste ein. Wenn Sie Twilight suchen, sie ist gerade außer Haus."

Der junge Hengst blieb neben dem runden Tisch in der Mitte des Raumes stehen, auf dem ein großer, geschnitzter Ponykopf thronte. Die blinden Augen der Büste schienen auf ihn nieder zu starren. Er räusperte sich nervös.

Spike steckte das letzte Buch an seinen Platz und drehte sich dann um. Rogue sah kurz das Erkennen in den grünen Augen aufblitzen, aber die Miene des kleinen Kerls blieb ausdruckslos. „Oh, du bist es. Rogue, nicht wahr?"

Das Rettungspony nickte bestätigend. „Ja, genau. Ich, ähm... also, ich wollte mir ein Buch ausleihen." Er lächelte unsicher.

Spike zuckte mit den Schultern und ging zu einem Stapel Bücher neben dem Regal, an dem er gerade arbeitete. „Nimm dir, was dir gefällt. Wenn du was gefunden hast, trag deinen Namen und den Titel in die Liste neben der Tür ein. Wenn du Fragen hast, ich bin hier." Er schnappte sich einige der aufgestapelten Bücher und begann sie in das Regal zu räumen.

„Ok, danke." Rogue wurde das Gefühl nicht los, das Spike ihn irgendwie nicht leiden konnte. Bei ihrer ersten Begegnung war er genauso herzlich gewesen, wie jedes andere Pony in Ponyville, aber die fast spürbare Kälte seiner jetzigen Begrüßung schien Bände zu sprechen. Rogue schüttelte deprimiert den Kopf. Hätte er gestern Abend nur seine Klappe gehalten. Bestimmt dachte Spike, das er sich in Twilights Angelegenheiten einmischen wollte. Was so ziemlich der genaue Grund war, warum er wirklich hier war.

Es war ein Fehler gewesen, in die Bibliothek zu kommen. Ich bin ein böses Pony, dachte er und ließ den Kopf hängen. Dummerweise kam er aus der Sache nicht mehr so einfach raus, ohne noch mehr Verdacht zu erregen. Rogue war einen Moment lang versucht sich einfach das erstbeste Buch zu grabschen und schnell das Weite zu suchen, aber das wäre genauso auffällig gewesen, wie einfach wieder zu gehen. Er konnte sich wenigsten etwas umsehen, ob er vielleicht etwas interessantes für sich fand und gleichzeitig den Verdacht gegen ihn abmildern. Er trotte zu den Regalen, die sich unter der Last der vielen Bücher bogen und studierte die Titel auf den Buchrücken.

Kleine Fibel der Paarhufer; Equestria und seine Rassen; Lexikon der Ethnologie; Geschichte der Bevölkerungsentwicklung in Equestria (mit Kommentaren von Professor Trottenheimer); Besonderheiten der Eselsgemeinschaft: ein Überblick.

Mmh, wahrscheinlich durchaus faszinierend, aber nicht das, was Rogue unter entspannter Bettlektüre verstand. Er nahm sich das nächst Regal vor.

Journal der Tierfreunde: Gesammelte Ausgaben; Chimäre, Cockatrice&Chupacabra: Kreaturen des Everfree Forest, Band III; Faunaführer für Wanderbegeisterte; Das große Buch der Drachen (kolorierte Ausgabe).

Das erinnerte ihn an etwas. „Uhm, Spike?"

„Ja?"

„Was... Ich meine... was bist du eigentlich?"

Spike seufzte leise. „Ich bin ein Drache, Rogue. Ein Bab... Ein sehr, sehr junger Drache."

„Oh." Rogue sah auf den Roten Rücken des großen Buches, dessen Titel mit Goldlettern eingestanzt worden worden war. Darunter befand sich das stilisierte Kopf eines Drachen. Eines erwachsenen Drachens. Einer, der gerade Feuer spie und dabei ziemlich furchterregend aussah. „Oh. Okay. Danke." Er ging schnell zum nächsten Regal über.

Literarischer Ratgeber; Almanach der Bücher: Autoren der Zebranationen; Geschichte des Equestrianischen Buchdrucks; Marecel Reich-Racecki: Mein Leben.

Ok, jetzt wurde es langsam gruselig. Sachbücher waren schön und gut, aber Bücher über Bücher... nahm das irgendwann ein Ende?

„Äh, Spike?"

„Was?"

„Habt ihr auch Romane oder so?"

„Belletristik ist im Nebenraum. Bleib im Erdgeschoss, der obere Stock ist Privat."

„Ok, verstanden."

Rogue sah noch einmal zu dem kleinen Drachen (wenigstens diesen Geheimnis hatte er gelüftet), der immer noch seiner Arbeit nachging und sein Möglichstes tat, ihn nicht zu beachten. Der junge Hengst ließ die Ohren hängen und setzte sich langsam in Bewegung.

Der angrenzende Raum war um einiges kleiner als der Hauptraum der Bibliothek und strahlte eine wesentlich privatere Atmosphäre aus. Auch hier quollen die Wände vor Büchern über, aber die Decke war niedriger und die Regale zogen sich nicht bis ganz nach oben hin. In vielen der hinteren Nischen lagen Schriftrollen, Schreibutensilien und kompliziert aussehende wissenschaftliche Geräte. Ein Globus stand auf einem unaufgeräumten Schreibtisch, neben einem Haufen aufgeschlagener Bücher, die sich übereinander stapelten. Direkt daneben führte eine Treppe zu einem über dem Raum gelegenen Absatz, auf dem Rogue ein ungemachtes Bett und eine zierliche Kommode mit Schminkspiegel ausmachen konnte. Das war sicherlich der private Bereich, von dem Spike gesprochen hatte.

Er fand die Romanabteilung im vorderen Bereich des Raumes, in der Nähe der Tür. Ein schmaler Streifen am Türstock war der Lyrik vorbehalten, etwas, dem Rogue noch nie etwas abgewinnen hatte können. Daneben jedoch begann die Unterhaltungsliteraturen und viele der Buchrücken begrüßten sein Auge wie alte Bekannte. Da war der lindgrüne Block der fünf ´Nornenkrieg´-Romane, die in schreienden Farben gehaltene Softcovers der Daring-Do Reihe und die reflektierenden Rücken von Steeple Crown´s Meisterwerk: Die dunkle Zinne (Band I-VII). Vorsichtig zog Rogue den ersten Band der Saga mit den Zähnen aus dem Regal und legte das Buch auf den Boden. Er leckte sich flüchtig über die Hufspitze und blätterte bis zur ersten Seite der Geschichte.

Das schwarze Pony floh durch die Wüste und der Schütze folgte ihm.

Oh, ihm lief noch immer eine Schauer über den Rücken, wenn er diesen ersten Satz lass. Steeple Crown hatte eine unnachahmliche Art zu schreiben, nicht nur was seinen Stil anbelangte, sondern auch was er schrieb. Die grausame Dystopie, die er in diesen Romanen entwarf – eine Welt, die sich weiterbewegt hatte – hatten Rogue als Heranwachsenden so manche schlaflose Nacht bereitet. Dennoch ging eine gewisse Faszination von dem Grauen zwischen diesen harmlosen Seiten aus. Es war nicht das distanzierte, etwas abstrakte Entsetzen, das die Lovecraft´schen Kurzgeschichten bei ihm hervorgerufen hatten – Rogue konnte die schmalen, dunkelblauen Bände dieser unnachahmlichen Horrorgeschichten in der unteren Ecke des Regals lauern sehen – sondern es war sehr viel direkter, unmittelbarer, mitreißender. Den Protagonisten stießen allenthalben die furchtbarsten Dinge zu, aber man kam doch als Leser nicht umhin, sich manchmal in ihr Fell zu wünschen, um an ihrer Stelle dieses fantastische Abenteuer zu erleben.

Rogue klappte das Buch zu und schob es wieder an seinen Platz zurück. Er strich mit dem Huf langsam über die Rücken der Bücher und ging deren Titel durch , auf der Suche nach etwas, das seine Aufmerksamkeit genug erregte, um den Klappentext zu lesen.

Er erstarrte, als er aus dem Hauptraum das Zuschlagen der Eingangstür vernahm. Seine Ohren drehten sich aufmerksam und er schob das Buch, das er sich gerade ansehen hatte wollen wieder zurück ins Regal.

„Twilight!", hörte er Spike überrascht ausrufen. „Ich dachte, du währst mit Fluttershy im Spa!"

Die Stute murmelte etwas, das Rogue nicht verstehen konnte.

„Was soll das heißen, du warst nicht in der Stimmung? Es hat dir doch sonst immer so gefallen, dich mal ein bisschen verwöhnen zu lassen."

„Ja, aber nicht Heute."

Es war kurz still. Der junge Hengst schob sich etwas näher zu der leicht geöffneten Tür des Hauptraumes. Lass es, Rogue, erklang die mahnende Stimme seines Gewissens. Das geht dich nichts an. Beende das ganze, bevor die Sache schlecht ausgeht. Er blieb einen Moment stehen, gefangen im Widerstreit zwischen seinem guten Gewissen und seiner Neugier. Dann schob er sich noch ein Stück weiter zur Tür.

„Aber Twilight, du kannst dich nicht die ganze Zeit im Bett und unter deinen Büchern verkriechen! Du weißt ebenso gut wie ich, das du den anderen irgendwann die ganze Geschichte erzählen musst! Mag ja sein, das sie auf der Hofparty von Applejack deine Halbwahrheit über den Zwangsurlaub von Canterlot geschluckt haben, aber früher oder später finden sie es ohnehin heraus. Es ist besser, wenn sie es von dir erfahren, als von einem anderen Pony."

Twilight gab einen missmutigen Laut von sich. „Ich kann immer noch nicht glauben, das Prinzessin Celestia dir geschrieben hat, dass Du auf Mich aufpassen sollst." Ihr Stimme hatte etwas Bitteres in sich.

„Sie macht sich Sorgen um dich! Begreife doch endlich, das sie dir keine Schuld daran gibt! Die Einhörner wussten genau, worauf sie sich eingelassen haben! Du selbst hast mir erzählt, wie du vor Starry Wisdom deine Bedenken geäußert hast. Er ist der Professor für Thaumaturgische Studien in Canterlot! Er hätte es besser wissen müssen!"

„Aber ich habe mich breitschlagen lassen!", schnappte Twilight wütend. „Ich habe es besser gewusst und ich habe mich trotzdem darauf eingelassen! Selbst als ich die Prinzessinnen um Rat fragen wollte, habe ich es mir ausreden lassen! Und... und ich war der Fokus." Ihre Stimme begann beim letzten Teil zu zittern.

Es wurde still in der Bibliothek. Dann, ganz leise, hörte Rogue die lavendelfarbene Stute schluchzen. Gedämpfte Kratzgeräusche, wahrscheinlich von Spike´s Krallen auf dem Holzfußboden, drangen an sein Ohr.

„Sch, sch. Bitte hör´ auf zu weinen, Twilight. Du weißt, das ich dich nicht weinen sehen kann, ohne selbst..." Denn Rest verschluckte ein Schluchzen des kleinen Drachens.

Du solltest nicht hier sein, zuckte es Rogue durch den Kopf. Es falsch. Es ist falsch, das heimlich zu belauschen, diesen intimen Moment...

„Es macht mir Angst, Spike. Ich habe einfach Angst. Ich sollte mich fragen, ob es meine Schuld war, ob meine Konzentration für einen Moment gefehlt hat, oder die Vorbereitung ungenügend war. Oder wie es den Ponys geht, die vom magischen Fallout erwischt worden sind. Aber statt dessen ertappe ich mich selbst dabei, wie ich mich immer wieder frage, ob wir es nicht wiederholen sollten. Trotz allem, was passiert ist." Ihre Stimme brach, als sie fortfuhr. „Das ist es was mir Angst macht. Ich habe Angst vor mir selbst. Es steht so viel auf dem Spiel. Was sollte ich denn meinen Freundinnen sagen? Wie soll ich ihnen Hoffnung machen? Seit fast drei Monaten arbeiten wir an dem Problem und... und wir sind fast genauso weit wie am Anfang! Was soll ich ihnen sagen? Das in der Canterlot-Universität die Ponys vor Schlafmangel wie die Geister durch die Flure trotten? Das wir mittlerweile bereit sind, nach jedem Strohhalm zu greifen? Das wir auf gefährliche Magie zurückgreifen, um wenigstens zu irgendwelchen Ergebnissen zu kommen?", ihre Stimme wurde wieder lauter, während sich zunehmend Verzweiflung darin mengte.

„Ich kann einfach nicht mehr, Spike! Ich habe alles versucht, alles getan, bis ich zu weit gegangen bin! Weil ich nicht schlau genug bin, nicht stark genug, sind Ponys zu Schaden gekommen und noch viel mehr werden leiden, weil ich die Antwort nicht finden kann!" Sie schrie den letzten Teil heraus, voll Schmerz, voll Wut, voll Verzweiflung. Twilight schluchze hemmungslos, ein Laut, der wie ein Dolch in Rogue´s Brust drang.

„Ich... ich weiß einfach nicht mehr weiter. Ich fühle mich so alleine, so verzweifelt. Ich... Ich...", Ich kann die Sonne nicht mehr sehen. „Ich will einfach nur noch schlafen. Ich will mich zusammenrollen und schlafen... schlafen..."

Er hörte das Geräusch von Hufen auf dem Holzboden, die sich der Tür näherten. Sein Herz setzte einen Schlag aus.

Buch. Buch! BUCH!

Panisch zog er den erstbesten Band aus dem Regal. Die Tür zum Hauptraum öffnete sich und er fand sich von Angesicht zu Angesicht mit der aufgelösten Twilight Sparkle wieder. Ihre feuchten, violetten Augen wurden vor Überraschung groß, als sie ihn bemerkte und auf dem Türabsatz stehen blieb. Rogue hielt den schmalen Band zwischen seinen Zähnen und war vor Schreck wie erstarrt. Stille breitete sich im Hausbaum aus.

„Buch." stieß Rogue zwischen seinen Zähnen und dem Buch hervor. Mit vor Schreck geweiteten Augen wartete er auf eine Reaktion von der lavendelfarbenen Stute. Schließlich, als die peinliche Stille anhielt, drehte er vorsichtig den Hals und ließ den Band in seine Satteltasche gleiten, ohne Twilight auch nur einen Moment aus den Augen zu lassen.

Langsam, unendlich behutsam, drückte er sich an ihr vorbei durch die Tür. Sie trat einen Schritt zurück, fixierte ihn aber immer noch mit ihrem Blick.

Spike stand neben dem runden Tisch und starrte ihn nicht weniger eindringlich aus seinen geschlitzten Pupillen an. Bei seinem Anblick verharrte Rogue für einen Moment in seinem Schritt. Dann fing er sich wieder und ging zur Eingangstür. Er nahm den Stift, der dort neben einem Pergament an der Wand hing, in den Mund und kritzelte kurz über das Papier. Er drückte die Tür sanft mit dem Huf auf und trat aus der Bibliothek in die milde Luft des frühen Abends. Als er sich umdrehte, um die Türe zu schließen, sah er Spike und Twilight, die noch immer unbewegt dort standen und ihn mit ihren Augen verfolgten. Dann fiel die Tür ins Schloss und verbarg ihn vor ihren stechenden Blicken. Er stieß seinen Atem aus, von dem er bis jetzt nicht wusste, das er ihn angehalten hatte.

Rogue wirbelte herum und floh in Richtung Sugarcube Corner. Aus den Augenwinkeln sah er die Bank, auf der er vor einer scheinbaren Ewigkeit Platz genommen hatte. Er dachte an ein Gesicht, sein Gesicht, mit rollenden Augen und einer Propellermütze auf dem Kopf.


Dem kleinen Schild an der Tür nach hatte Sugarcube Corner bereits geschlossen, als Rogue endlich dort auftauchte. Da er aber noch Licht in den Fenstern des Ladens sah, hoffte er, das Pinkie Pie noch auf ihn wartete. Er blieb noch einen Moment vor der Tür stehen und versuchte sich zu sammeln. Seine Verlegenheit über die peinliche Situation in der Bibliothek kreiste endlos durch seinen Verstand und ließ ihn kaum einen klaren Gedanken fassen. Er fühlte, das er von Kopf bis Fuß aus Scham rot angelaufen war. Er schüttelte sich kräftig, um seinen Geist davon abzuhalten, die Szene ständig wieder abzuspielen.

Schließlich, als er glaubte sich genug beruhigt zu haben, hob er seinen Huf, um zu klopfen.

Die Tür wurde aufgerissen, bevor seine Hufspitze das Holz berühren konnte. Pinkie Pie stand im Türrahmen und strahlte über das ganze Gesicht. „Rogue! Ich habe schon geglaubt, du willst gar nicht mehr reinkommen! Warum bist du so rot im Gesicht? Hast du was scharfes gegessen? Hast du noch etwas übrig? Ich liebe scharfe Sachen!" Die pinke Stute blickte ihn erwartungsvoll an.

Rogue scharrte verlegen mit dem Huf über die Hufmatte. „Du hast mich draußen stehen sehen?"

„Ja, ich habe schauen wollen, wo du bleibst und das standest du auch schon und hast so ausgesehen, als würdest du dich nicht hereintrauen." Sie stieß ihn mit einem Huf gegen die Schulter. „Silly Filly! Ich beiße doch nicht! Na, zumindest keine Ponys. Ich habe mal einen Elch gebissen, aber der war aus Schokolade und es sah nicht so aus, als hätte er es mir übel genommen. Aber dich würde ich nicht beißen." Pinkie dachte kurz nach und strich sich mit dem Huf über ihr Kinn. „ Es sei denn, du bittest mich darum, oder verwandelst dich plötzlich in Schokolade. Oder Toffee. Aber dann würde ich auch nicht fest beißen, sondern nur ein bisschen knabbern."

Rogue brauchte einen Moment, um den Satz zu entwirren. Dann kicherte er, vor allem wegen des ernsten Gesichtsausdrucks, den Pinkie gerade machte. So wie es aussah, war die Gesellschaft des pinken Ponys genau das, was er gerade brauchte. Sein Verstand war zu sehr damit beschäftigt, der sprunghaften Stute zu folgen, als sich endlos über die Sache mit Twilight und Spike auszulassen.

„Gut zu hören. Wollen wir gleich los zum Spritzenhaus, so lange wir noch ein wenig Licht haben?"

Pinkie hüpfte aufgeregt auf und ab. „Au, ja! Los geht's!" Sie trat neben Rogue und schloss die Ladentür hinter sich ab. Zusammen machten sie sich auf den Weg durch Ponyville, während die letzten Strahlen der Sonne die hellen Strohdächer in flammendes Rot tauchten.

Das Spritzenhaus der Freiwilligen Feuerwehr Ponyville erinnerte Rogue stark an die Scheune der Sweet Apple Acres Farm. Der große Holzbau war in dem selben leuchtenden rot mit weißem Fachwerk gehalten, wie das Farmhaus. Selbst das Tor unterschied sich nicht von dem einer Scheune, bis hin zu dem Umstand, das man jeden der beiden Flügel oben und unten separat öffnen konnte. Der offensichtlichste Unterschied war der gut drei Stockwerke hohe Turm, der sich seitlich an das Gebäude schmiegte. Ein Seil hing an der Außenwand von der Spitze hinunter und war neben der Seitentür an einem Haken eingehängt. Daneben war ein kleines Schild angebracht, auf dem zu lesen war:

Nur böse Ponys läuten die Glocke als Streich,

Tust´ du´s ohne Not, landest du im Teich!

Darunter hing in einem Kasten mit Glasscheibe ein Schlüssel.

Pinkie Pie schloss die Seitentür mit ihrem Schlüsselbund auf und führte ihren Begleiter ins Innere. Es war zappenduster im Erdgeschoß des Turmes, aber sofort drangen Rogue die vertrauten Aromen einer Feuerwache in die Nüstern: Der Gummigeruch der Schläuche, die im Turm zum Trocknen aufgehängt wurden, der kräftige Duft der imprägnierten Schutzjacken, das chemische Aroma von Lackfarbe. Dennoch fehlten einige kleine Details, die das Spritzenhaus von seiner Heimatwache unterschieden: Hier gab es keinen Essensduft, der aus dem ersten Stock herunterdrang und der leichte Schweißgeruch von Dutzenden täglich benutzten Spinden war ebenso abwesend. Er hörte die Erdstute in der Dunkelheit herumkruschen, dann entzündeten sich plötzlich überall an den Wänden kleine Lampen.

Rogue war beeindruckt. „Hier habt hier Gaslaternen?", fragte er überrascht.

Pinkie nickte eifrig. „Chief Silver Mane, meine Vorgängerin, hatte Verwandschaft in Canterlot. Sie hat ihren Vater dazu gebracht, eine ganzen Batzen Bits zu spenden und damit das alte Spritzenhaus komplett zu renovieren. Du hättest es sehen sollen, wie es vorher ausgesehen hat! Da war es praktisch noch die alte Scheune, die es ursprünglich war! Als ich in die Jugendfeuerwehr eingetreten bin, haben wir noch nicht einmal Jacken gehabt! Wir haben noch mit Eimerketten gearbeitet und unser Wagen war ein alter Apfelkarren, mit dem wir die ganzen Eimer durch die Gegend gefahren haben! Chief Silver Mane hat die Feuerwehr Ponyville um ein ganzes Jahrhundert in die Gegenwart katapultiert! Hier, ich zeige dir alles!"

Im hellen Licht der Gaslaternen sah sich Rogue jetzt zum ersten Mal genauer im Spritzenhaus um. Sie standen im Erdgeschoß des Turmes, der offensichtlich als Lagerraum für die Ausrüstung diente. Die großen Regale an den Wänden waren vollgepackt mit zusammengerollten Schläuchen, Eimern und Wasserverteiler, deren Messingarmaturen im Licht funkelten. Feueräxte und -haken hingen sauber aufgereiht in ihren Halterungen neben Taschen mit Sanitätsmaterial und zusammengeklappten Tragen. Zusammengestellte Stühle stapelten sich in der Ecke, neben einer großen Tafel und ein paar Klapptischen. Hufbetriebene Feuerlöscher stapelten sich in einem eigenen Schrank, neben zusammengefalteten Sprung- und Bergetüchern. Über seinem Kopf war der Turm innen hohl und die leicht schwingenden Enden trocknender Schläuche verloren sich in der Dunkelheit. Ein breiter Türrahmen an der Seite führte in die Fahrzeughalle. Pinkie führte ihn ins Herz des Spritzenhauses.

Rogue pfiff anerkennend zwischen den Zähnen hindurch. „Das ist ein Ironhoove LF-16, nicht wahr?"

Pinkie nickte aufgeregt. „Ja, genau! Kennst du es?"

Rogue ging neugierig um den riesigen Feuerwehrkarren herum. Die Firma Ironhoove stellte schon seit Jahrzehnten keine Feuerwehrfahrzeuge mehr her und so war auch diese Modell langsam in die Jahre gekommen. Die modernen Wagen waren wesentlich kompakter und boten mehr Platz für die breitere Palette an Ausrüstung, aber er wusste von Trotter, das diese Dinosaurier bis vor wenigen Jahren noch Dienst in Manehattan geleistet hatten. Dieser Wagen war trotz seiner altmodischen Ausstattung jedoch Top in Schuss und zeigte weder Rost noch abgeplatzten Lack. Die breite Deichsel konnte von bis zu vier Ponys gezogen werden und die offene Vorderkabine bot Platz für weitere acht. Dahinter erhob sich der glänzende Kasten des Ausrüstungsabteils, an dessen Seiten die zahlreichen Schlauchrollen befestigt waren, um einen schnellen Zugriff zu erlauben. Über die gesamte Länge des Wagens hingen die Steckleitern in ihren Halterungen. An die Anhängerkupplung war ein weiterer, kleinerer Karren gehängt, der die Hufpumpe und eine große Schlauchhaspe mit sich führte.

Rogue beendete seine Betrachtung und räusperte sich. „Ich habe nur meine Kollegen davon reden gehört. Es ist vielleicht ein bisschen in die Jahre gekommen, aber sie schwärmen immer noch davon. Es gibt auf unserer Wache eine Menge Fotos von diesen alten Schlachtrössern im Einsatz."

„Oh, die ´Princess´ hat auch schon so einiges erlebt. Stell´ dir vor, sie kommt aus Manehattan, genau wie du!"

Als Rogue den Namen des Wagens hörte, zuckte sein Kopf zu den pinken Stute, die ihn aufgeregt ansah. Das... das kann doch nicht wahr sein... schoss es ihm durch den Kopf. „Der Wagen heißt ´Princess´?", fragte er und deutete mit einem Huf auf das Feuerwehrfahrzeug.

Pinkie nickte grinsend. „Ja! Das ist ein schöner Name, oder? Ich wollte eigentlich das neue Fahrzeug ´Feuerblitz´, oder ´Wasserdrache´ taufen, aber als ich gehört habe, das es ´Princess´ heißt, habe ich mich umstimmen lassen. Es bringt Unglück, einen Feuerwehrwagen umzutaufen!"

Rogue nickte geistesabwesend und sah noch einmal auf das Fahrzeug. Das Wappen an der Seite der Mannschaftstür war natürlich mit dem Wappen der Freiwilligen Feuerwehr Ponyville übermalt worden (ein Apfel, der keck einen Feuerwehrhelm trug, vor einer gekreuzter Axt und Löschdüse.) Er lief um den Wagen herum und öffnete die Klappe des Ausrüstungsabteils. Da er wusste, wonach er suchen musste, fand er schnell die kleine Stanzung im Blech der Karosserie.

Ironhoove A157-LF16, Leiter 12, Wache 55 ´Canterlot´

Langsam schloss Rogue die Klappe wieder. Wie klein die Welt doch ist...

„Hey, Rogue, hast du was gefunden? Was ist?"

Er wendet sich Pinkie Pie zu und lächelte etwas unsicher. „Ich kenne den Nachfolger des Wagens. Die neue ´Princess´."

Pinkie Pie sah ihn freundlich, aber verständnislos an.

„Also, die Wache in der ich arbeite, liegt an der Ecke ´Kronenweg´ und ´Celestia-Chaussee´. Deshalb heißt unsere Wache ´Canterlot´. Und deshalb nennen die Feuerwehrponys unseren Wagen schon seit Generationen ´Princess´. Es ist eigentlich nur ein dummes Wortspiel. Aber es ist Tradition.", erklärte er.

Rogue wendete sich dem alten Feuerwehrfahrzeug zu. Jetzt, nach dieser Entdeckung, betrachtete er es mit völlig neuen Augen. E war kein antiquiertes Stück Ausrüstung mehr, sondern ein verdienter Veteran, der seinen Respekt verdiente. Es freute ihn ungemein, dass das alte Schlachtross hier in Ponyville eine zweite Chance erhalten hatte, anstatt auf den Schrottplatz zu landen. Und offensichtlich war es in guten Hufen.

„Ui! Das ist ja Toll! Das habe ich gar nicht gewusst! Das nenne ich mal einen Super-Duper Zufall!" Die pinke Stute betrachtete ihren Einsatzwagen mit glänzenden Augen. Sie blieben einige Minuten so stehen, während jeder seinen eigenen Gedanken nachhing. Schließlich wandte sich Pinkie Pie wieder an Rogue. „Soll ich dir den Rest zeigen?"

Das Rettungspony lösten seinen Blick von dem Spritzenwagen und nickte. „Auf geht's!"

„Supie!"


Die Sonne war bereits untergegangen und die Nacht hereingebrochen, als sie sich auf den Rückweg machten. Pinkie Pie hatte ihm durch den Rest der Fahrzeughalle geführt und ihm zuletzt noch den Schuppen gezeigt, wo sie die alte, museumsreife Ausrüstung aufbewahrten. Als sie um das Spritzenhaus herumgegangen waren, hatte Rogue gesehen, dass das Symbol der Freiwilligen Feuerwehr große an sie Seite der Wache gepinselt war: Ein viergeteiltes Schild, in jedem der Ecken ein stilisiertes Pony, das die Arbeiten der Feuerwehr ausführte: Retten, Löschen, Bergen, Schützen.

Sie unterhielten sich angeregt über die Arbeit der Freiwilligen Feuerwehr.

„Ich bin einfach nur überrascht, das die Notfallversorgung komplett über die Feuerwehr abgewickelt wird. Ich meine, ich will dir wirklich nicht zu nahe treten, aber eine nicht-professionelle Rettung... Ich will mich nicht einmischen, aber es erscheint mir einfach ein bisschen... überholt."

Pinkie nickte langsam. „Nun, es ist nicht so, das wir bisher nicht irgendwie zurecht gekommen währen, aber ´irgendwie zurechtgekommen´ ist nicht das, was ich für meine Feuerwehr will."

Rogue ertappte sich dabei, wie sich seine Meinung über Pinkie Pie in der letzten Stunde vollkommen gewandelt hatte. Von seinem ersten Eindruck geleitet hatte ernste Zweifel an ihrer Kompetenz gehabt. Nach dem Gespräch mit ihr als Chief der Freiwilligen Feuerwehr, hatte sich dieses jedoch grundlegend geändert. Pinkie nahm ihren Posten offensichtlich sehr ernst, auch wenn sie in ihrer üblichen Art den Spaß daran nicht vergaß. Er hatte Respekt vor der pinken Stute bekommen, die vielleicht anfangs etwas seltsam wirken mochte, sich ihre Aufgaben aber durchaus zu Herzen nahm. Wenn man bedachte, das sie das ganze auch noch freiwillig neben ihrem Job machte...

„Hey, ich habe eine Super-Idee!" Die Erdstute klopfte aufgeregt mit den Hufen auf den Boden. „Wenn du morgen zu unserer Übung kommst, kannst du uns doch ein bisschen was über Erste-Hilfe beibringen. Wir haben zwar alle einen Kurs im Krankenhaus gemacht, aber ein so Extra-tolles Rettungspony aus der großen Stadt kann uns bestimmt ein paar Kniffe und Tricks beibringen. Uh, und du kannst mir sicher sagen, ob wir noch Ausrüstung brauchen!"

Sie erreichten die Tür zum Sugarcube Corner und Rogue wandte sich der pinken Stute zu. „Klar, ich kann euch Morgen Nachmittag ein bisschen was zeigen." Er sah zu dem Haus hoch, das selbst wie eine opulente Süßspeise aussah. „Da währen wir.", sagte er.

Pinkie Pie sah ihn überrascht an. „ Du willst doch nicht schon gehen, oder? Der Abend ist noch jung! Ich hab´ uns extra Cubcakes gemacht! Und du musst mir unbedingt noch von der Manehattan Feuerwehr erzählen!" Sie schloss die Tür des Ladens auf und blieb in der Türschwelle stehen. „Jetzt sei bloß kein Frosch!"

Rogue blieb unsicher vor dem Eingang stehen. Es stimmte, der Abend war tatsächlich noch jung. Auch wenn er morgen früh raus musste - vorausgesetzt, die Apples konnten sich diesmal überwinden ihn rechtzeitig zu wecken – würde eine Stunde hin oder her nicht viel ausmachen. Außerdem... er warf einen verstohlenen Blick auf Pinkie Pie... gab es schlimmeres, als den Abend mit einer schönen, jungen Stute zu verbringen, die einen mit hausgemachten Cupcakes bewirtete. Er seufzte lautlos. Er wusste, das er es bereuen würde, aber... buck drauf!

„Also gut, zeig´ mir den Weg!"

Pinkie klopfte fröhlich ihre Hufe aneinander und ließ ihn eintreten. Das Innere des Sugarcube Corner war der Traum eines Zuckersüchtigen in Bonbonfarben. Die Wände des Ladens waren mit quietschbunten Schnitzereien verschiedenster Süßigkeiten verziert. Die runden Ziersäulen waren wie Zuckerstangen angemalt und selbst die Knäufe der Geländer waren wie Sahnehäubchen geformt. Die Leckereien waren für die Nacht zwar weggeräumt worden, aber dennoch hing immer noch der Geruch nach Zuckerwerk und Kuchen in der Luft.

Die pinke Stute führte ihn eine schmale Treppe nach oben in das erste Geschoß. Sie stieß die Tür am Ende der Treppe auf und... schob Rogue in den Tartarus eines Diabetikers. Pinkies Zimmer war wie ein Schrein, der allem Süßem und Zuckrigem in Equestria gewidmet war. In der Mitte des runden Raumes erhob sich ein großes Bett, dessen Tagesdecke mit den Abbildern von bunten Lollis und kandierten Äpfeln bestickt war. Eine kleine Couch bog sich unter der Last von Kisten, aus denen Tröten, lustige Masken, Teile von Verkleidungen und die Schachteln von Spielen ragten. An fast jeder Ecke waren bunte Ballons aufgehängt und überall standen kleine Schüsseln, Körbe und Schalen mit Bonbons, Lutschern und anderen Süßigkeiten herum. Eine runde Treppe zog sich die Wand entlang und führte zu einem Balkon, der zur Hinterseite des Hauses hinausging. Pinkie führte ihn die Stufen hinauf, auf die kleine Terrasse, die sich über die unter ihnen gelegene Straße erhob. Er nahm auf einem der weichen Kissen an einem niedrigen Tisch Platz, während Pinkie Pie verschwand, um die Cupcakes zu holen. Rogue machte es sich gemütlich, während er müßig seinen Blick über die Dächer von Ponyville schweifen ließ. Die Straßenlaternen waren entzündet worden und tauchten die Häuser in ihr warmes Licht, in dem trotz der späten Stunde noch immer eine ansehnliche Zahl von Ponys unterwegs war. Es war Freitag Abend und die Einwohner genossen die laue Nacht in vollen Zügen. Der junge Hengst sah den Schein der Laternen in einem der nahen Parks, woher noch immer leise Musik an seine Ohren drang. Aus der Entfernung sah er Ponys im Schein der Lampen zwischen den aufgehängten Girlanden tanzen und sich unterhalten.

Pinkie ploppte neben ihm auf und stellte eine Platte mit regenbogenfarbenen Cupcakes und eine roten Flasche auf den Tisch. „Lass es dir schmecken!", lächelnd reichte sie ihm eine der farbenfrohen Köstlichkeiten und schenkte ihm eine kleines Glas der roten Flüssigkeit ein. Rogue betrachtete den kleine Kuchen zunächst etwas skeptisch, dann nahm er einen kleinen Bissen.

Dann nahm er einen größeren. Und dann verschlang er denn Rest des Teilchen mit einem einzigen, großen Bissen.

Woraus auch immer der Überzug der Cupcakes gemacht war, es verursachte eine wahre Geschmacksexplosion in seinem Mund. Es schmeckte nach Erdbeere, Kirsche, Apfel, Johannissbeere, Orange und Waldmeister, aber die Aromen vermischten sich nicht zu einem unentwirrbaren Geschmacksbrei, sondern hüpften gerade dann auf seine Zunge, wenn er eine Sorte zur Genüge ausgekostet hatte. Dazu war der Kuchenteig leicht und fluffig und brachte das leichte Aroma von Vanille mit sich. Wenn er an einem Regenbogen aus dem Himmel lecken würde... es konnte nicht besser munden.

„Schmecken sie dir? Ich habe den Belag aus der Zapapple Marmelade von Granny Smith gemacht!"

Rogue konnte nicht antworten, da er gerade damit beschäftigt war, sich den zweiten kleinen Kuchen einzuverleiben. Pinkie kicherte laut und schob ihm ein kleines Glas zu, das sie eingeschenkt hatte. „Hier, zum runterspülen."

Das Rettungspony schluckte das herrliche Gebäck herunter und hob das kleine Glas vorsichtig mit seinen Hufen vor seinen Mund. Die dicke, rote Flüssigkeit verströmte ein intensives Aroma nach Erdbeere vor seinen Nüstern. Im letzten Moment erinnerte er sich seiner Manieren und hob das Glas zum Salut. „Auf die Freiwillige Feuerwehr Ponyville!", sprach er ernst seinen Toast aus.

Pinkie nickte lächelnd und prostete ihm zu. Dann stürzten sie die Gläser hinunter.

Er war auf etwas alkoholisches gefasst gewesen. Deshalb konnte er ein Husten unterdrücken und verschluckte sich auch nicht, als der vergeistigte Erdbeertrunk seine Kehle hinabran. Dennoch klang seine Stimme etwas belegt, als er hervorpresste: „Oh, süße Celestia, Erbeerlimes!"

Pinkie Pie lachte laut, als sie seine seltsame Stimme hörte und schenkte ihnen beiden nach.


Es war eigentlich immer das selbe: früher oder später ertappte sie Rogue dabei, wie er alte Rettungsdienstgeschichten erzählte. Er brauchte eigentlich nur zu erwähnen, das er ein Rettungspony war und schon bald würde sich jemand finden, der fragte: „Was hast du schon so alles erlebt?" Auch wenn er ein schüchternes Pony war, genoss er diese Augenblicke im Rampenlicht dennoch sehr. Wenn er über seine Arbeit sprach, kam er sich vor wie ein Fisch im Wasser vor – all die kleinen was wenn´s und warum denn´s traten zurück und machten Platz für den souveränen, selbstsicheren Rogue, an dessen Lippen seine Zuhörer hingen. Der sich absolut sicher über das war, wovon er redete. Er beneidete Ponys unendlich, die sich die ganze Zeit so fühlten.

Er war gerade bei einer der kleinen, lustigen Begebenheiten, die zu seinen Favoriten zählte.

„Ich stelle also die Ambulanz in zweiter Reihe in die Straße. Die Lipizzaner-Allee ist ziemlich breit und der Verkehr sollte keine Schwierigkeiten haben außen herum zu fahren. Ich und Trotter stürmen hoch in den dritten Stock und finden diese nette alte Mähre in ihrem Wohnzimmer. Trotter wirkt seinen Diagnosezauber und Peng!, sie hat einen dicken Hinterwandinfarkt. Wir packen also alles aus, volle Fünf-Sterne-Versorgung mit allem drum und dran. Ich will gerade alles zum Transport fertig machen, das steht plötzlich diese Stute in der Wohnung. Hat eine komische Mütze auf, die ich schon mal irgendwo gesehen hatte und fragt uns höflich, aber bestimmt, ob wir unsere Ambulanz beiseite fahren können. Ich gucke sie nur an und frage sie ganz doof: ´Fahren sie doch einfach außen herum.´ Die Stute bekommt einen hochroten Kopf und schreit mich an: ´Das... ist... nicht... WITZIG!´ Ich stehe immer noch voll auf dem Schlauch, während Trotter vor Lachen fast umfällt. Und da trifft es mich wie ein Blitz, wo ich diese Mütze schon mal gesehen habe: Die Stute war die Fahrerin der Straßenbahn!"

Pinkie brach in schallendes Gelächter aus und Rogue konnte nicht anders, als darin einzustimmen. Er nahm noch einen vorsichtigen Schluck aus seinem Glas und bemerkte nur am Rande, das sie schon die zweite Flasche angebrochen hatten. Die Cupcakes waren schon lange aufgegessen und das nächtliche Ponyville um sie herum war in den silbernen Glanz von Luna´s Mond gehüllt.

Das Rettungspony war angeschwippst, fühlte sich aber dennoch wohl. Wenn man sich selbst überwand und sich auf ihre besondere Art einließ, war Pinkie Pie eine äußerst angenehme und vor allem lustige Gesellschaft.

Er streckte sie auf dem weichen Kissen unter ihm aus und rutschte etwas hin und her, um eine bequeme Kuhle zu formen. Er genoss den Abend wirklich sehr. Auch wenn er es war, der am meisten erzählt hatte, wusste Pinkie doch immer wieder mit scherzhaften Kommentaren und lustigen Geschichten aufzuwarten, so das ihr Gespräch nicht zu einseitig verlief. Es war vielleicht sein bisher schönster Tag in Ponyville gewesen. Er dachte zurück an das friedliche Mittagessen mit der Apple... mit seiner Familie. Seine Tage hier waren so anders als sein Alltag in Manehattan. In Ponyville schlugen die Uhren anders. Er fühlte sich hier anders. Er dachte, er hatte sich ein klein wenig verliebt... hier, in dieses kleine Dorf am Rande des Everfree Forest. Seine Mutter hatte Recht gehabt: Dies war ein Platz, um seine Wunden zu lecken und sie heilen zu lassen.

Es hätte ein perfekter Tag sein können... aber ein Wehmutstropfen blieb. Seine eigene, dumme Neugier hatte eine unangenehmen Stachel in das warme Gefühl diese Ortes getrieben. Er hatte auf unmögliche Weise eine von Applejacks Freundinnen vor den Kopf gestoßen und sich in seiner üblichen Manier das größte Fettnäpfchen zum reinhüpfen ausgesucht. Er seufzte leise, als er ein weiteres Mal an die Peinlichkeit in Twilights Bibliothek dachte.

Pinkie, die immer noch von seiner Geschichte kicherte, setzte sich auf und warf ihm einen besorgten Blick zu. Dann lächelte sie aufmunternd. „Hey Rogue! Du bläst doch da drüben kein Trübsal, oder?"

Der junge Hengst lächelte etwas angestrengt. „Nein, keine Sorge, Pinkie. Ich habe nur... Ich..." Er seufzte noch einmal. „Kennst du es, wenn du etwas dummes angestellt hast, etwas, wofür du dich so richtig schämst und du bekommst es einfach nicht aus dem Kopf?"

Die pinke Stute überlegte angestrengt. Dann schüttelte sie fröhlich den Kopf. „Nein, eigentlich nicht!"

Rogue sah sie überrascht an. „War dir im Leben noch nie etwas peinlich? Hast du dich noch nie gefragt, ´das hätte ich besser nicht tun sollen?´"

Pinkie nickte grinsend. „Doch natürlich! Wer hat das nicht? Aber dann denke ich mir immer: Kannst du etwas dagegen unternehmen? Wenn ja – dann tu´ es einfach! Kein Grund sich Sorgen zu machen! Wenn du nichts dagegen unternehmen kannst – Dann hilft es auch nichts sich Sorgen zu machen! Voilá! Sorgen vorbei!" Sie riss die Vorderläufe in die Luft, um ihren Standpunkt zu verdeutlichen.

Rogue lächelte sanft. „Ich wünschte mir, ich könnte mehr wie du sein, Pinkie."

Das brachte die pinke Stute wieder zum Lachen. „Oh, ich wünschte mir auch oft, das mehr Ponys wie ich währen. Dann gebe es viel mehr Partys hier! Und viel mehr lachende Gesichter!"

Das brachte Rogue zum kichern, doch sein schweres Herz ließ ihn bald wieder verstummen. „Ich habe heute etwas recht dummes angestellt. Und ich weiß einfach nicht, wie ich es wieder gerade biegen soll. Oder ob ich es gerade biegen kann."

Pinkie Pie strich sich wieder nachdenklich mit dem Huf über ihr Kinn. „Na, dann heraus damit. Wie Granny Smith immer sagt:..." Sie ahmte die raue Stimme der alten Mähre und ihren starken Akzent perfekt nach und nach den ersten Worten fiel Rogue in das Sprichwort mit ein. „...S´wird nich besser, wenn ma um´ heißen Brei herumredet." Sie sahen sich für einen kurzen Moment gegenseitig an, dann brachen sie beide in lautes Gelächter aus.

Rogue wischte sich eine Lachträne aus dem Augenwinkel, dann wurde er wieder ernst.

„Ja, Granny Smith findet immer genau die richtigen Worte zur richtigen Zeit." Er wendete seinen Blick ab und starrte auf das halbvolle Glas vor ihm. Sollte er Pinkie wirklich davon erzählen? Sie war auch eine Freundin von Twilight. Was, wenn sie ihm seine Neugier übel nahm? Er wollte alles andere als es sich mit dem liebenswerten Erdpony zu verscherzen. Aber andererseits...

Rogue arbeitete täglich mit Ponys. Er hatte alle Schichten und alle Arten kennengelernt, von den hochtrabenden Fancy-Pancy Ponys, über die verschlossenen Zebras und die stolzen Greifen, die rauen Arbeiterponys und die ernste Mittelschicht. Er traf sie in Situationen, in der sie auf so unangenehme Weise aus ihrem Alltag gerissen worden waren. In der das zuverlässige Uhrwerk ihres Körpers, das im Alltag so unbemerkt und selbstverständlich seinen Dienst verrichtete, in Unordnung geraten war. In der sie ängstlich, verzweifelt, wütend, betrunken, hilflos, verwirrt oder außer sich waren. Man eignete sich in seinem Beruf ein Gespür für andere Ponys an. Eine Art sechsten Sinn, eine Ponykenntniss. Sie funktionierte nicht immer und es war eine Lebensaufgabe, sie zu perfektionieren. Aber eben dieses Gefühl sagte Rogue, das man Pinkie vertrauen konnte.

Vielleicht war es auch der Alkohol, der seine Zunge löste.

Er räusperte sich nervös und rutschte unbequem auf dem Sitzkissen hin und her. „Ich habe Twilight zum ersten Mal auf Applejacks Hoffest gesehen. Ich... es geht mich eigentlich gar nichts an, aber es war sofort zu sehen, das sie Sorgen hatte. Und... „ Er sah auf seine Flanke, wo das leuchtend rote Kreuz sich von seinem blaugrauen Fell abzeichnete. Mitgefühl, dachte er. „...Ich bin einfach neugierig geworden." Er senkte den Kopf und ließ seine Ohren hängen. „E-Es geht mich wirklich nichts an, aber es ist mein Job sich um anders Ponys Sorgen zu machen. Und als ich sie sah... machte ich mir große Sorgen um sie. Ich habe mich an dem Abend nicht getraut zu fragen, aber die Neugier blieb. Also bin ich heute vor unserer Verabredung zur Bibliothek gegangen. Ich habe mir eingeredet, ich wolle nur ein Buch ausleihen, aber in Wahrheit... in Wahrheit wollte ich wissen, wie es ihr geht." Er dachte einen Moment lang nach, dann schüttelte er traurig den Kopf. „Nein, das ist nicht ganz richtig. Ich wollte wissen, warum sie sich Sorgen macht. Warum sie so niedergeschlagen ist. Ich habe ihr nachspioniert, so einfach ist das." Er atmete tief durch. So, jetzt war es heraus. „Ich habe sie unter einem Vorwand belauscht, als sie sich mit Spike unterhalten hat. Und sie haben mich erwischt. Und... und jetzt glaubt eine der besten Freundinnen von Applejack, das ich mich in ihre Privatangelegenheiten einmische. Und sie hat Recht damit." Er stupste verlegen einen der Troddeln an seinem Kissen an. Nur langsam fand er den Mut seinen Blick zu heben und Pinkie anzusehen.

Die junge Stute mit ihrer pinken Zuckerwattemähne sah ihn nachdenklich an. Schließlich, nach einer gefühlten Ewigkeit, fragte sie ihn ernst: „Warum hast du ihr nachspioniert?"

Rogue errötete leicht. „I-ich wollte einfach wissen... wollte wissen, warum... damit ich... vielleicht..." stotterte er und sah verlegen zur Seite. „Damit ich ihr vielleicht helfen kann.", flüsterte er, sowohl zu sich selbst, als auch zu Pinkie Pie. Nach einem Moment Stille riss er die Augen auf und schüttelte abwehrend die Hufe. „Es ist nicht so, das ich glaube, das ihr als ihre Freundinnen das nicht besser könntet! Ihr kennt sie ja, und sie ist eine völlig Fremde für mich! Aber... aber...", er blickte hilflos in die blauen Augen der Stute, die den seinen so sehr ähnelten. „Ich wollte auch helfen.", sagte er leise.

Pinkie Pie blitzte ihn mit erhobenen Kopf an, ihre Miene ernst und abschätzend. Dann zauberte sich ein breites Lächeln auf ihr Gesicht. „Okey-dokey-lokey! Dann ist ja alles klar!"

Rogue hob überrascht den Kopf. „Ist es das?"

Die Stute kicherte leise. „Natürlich! Du machst dir ernsthafte Sorgen um Twilight! Was soll daran verkehrt oder komisch sein? Sie ist anders, seit sie aus Canterlot zurückgekommen ist. Fluttershy hat mir heute erst erzählt, wie sie sich um ihre Verabredung im Spa gedrückt hat! Wir alle machen uns Sorgen um sie! Und du kennst sie nicht einmal richtig!"

Rogue schüttelt langsam den Kopf. „Aber sie wird mir doch bestimmt böse sein, weil ich ihr nachspioniert habe. Ich... wollte einfach nur mit euch allen klarkommen... und ich habe es vermasselt." Er hob traurig sein Glas an und kippte den Rest des Erdbeerlimes hinunter.

Pinkie Pie trat um den niedrigen Tisch herum und setzte sich zu ihm auf das breite Kissen. Rogue beobachtet sie wortlos und rückte etwas zur Seite, um ihr Platz zu machen. Das Erdpony blickte ihm tief in die Augen und zeigte ihr strahlendstes Lächeln. „Oh, vielleicht ist sie das sogar. Alles was sie jetzt weiß, ist, was du gemacht hast. Aber wenn sie herausfindet, warum du es gemacht hast, kann sie dir wohl kaum böse bleiben. Du hast dein Herz am rechten Fleck, Rogue und das ist es, worauf es bei einem Pony ankommt. Wenn du willst, lege ich ein gute Wort für dich bei ihr ein. Null Problemo!"

Rogue Wangen brannte, als er verlegen das leere Glas über den Tisch hin und her schob. „Danke, Pinkie."

Die Stute hob den Huf vor ihren Mund und kicherte. Dann stieß sie ihn mit ihrer Schulter an. „Dafür sind Freunde doch da!"