Sie bekam an diesem Morgen keinen Bissen hinunter. Immer wieder gingen ihr Szenen der letzten Nacht durch den Kopf – wie liebevoll er sie behandelt und wie begehrenswert sie sich gefühlt hatte. Rokko hatte ihr, seit sie ihn kannte, immer wieder ein gutes Gefühl gegeben. Aber wie er sie heute Morgen angesehen hatte – sein Blick ganz kalt – das hatte ihr den Boden unter den Füßen weggezogen und sie in ein Loch gestoßen.

Am Nachmittag stieg Lisa gemeinsam mit Hanna in ein Taxi. Rokko würde erst einen Flug später nachkommen, weil es noch etwas zu erledigen gab, hatte Hanna ihr ausrichten sollen. Lisa nickte und schaute stumm aus dem Autofenster. In Berlin angekommen nahm sie sich ein Taxi und fuhr zur Villa Seidel. David war noch nicht wieder aus London zurück. Die Tageszeitungen hatte sie am Flughafen kurz überflogen. Nichts von ihrer kleinen Szene mit David. Danke, Rokko. Mal wieder..., dachte Lisa noch, während sie ihre Sachen zusammenpackte. Als sie fertig war, setzte sie sich auf ihr Bett und holte ihr Handy hervor. Natürlich hatte sie ein ganz klein wenig auf eine Nachricht von Rokko gehofft. Aber das kannst du wohl vergessen, Lisa. Warum musstest du auch mit ihm schlafen, als ihr gerade beschlossen hattet, Freunde zu sein? Lisa seufzte und wählte Jürgens Nummer. Vielleicht könnte sie bei ihm unterkommen, für ein paar Tage.

Natürlich hatte Jürgen nichts dagegen, dass sie fürs erste in das Gästezimmer seiner neuen Wohnung zog. Er stellte nicht viele Fragen und erklärte sich auch sofort bereit Lisa bei den Seidels abzuholen. Lisa ging mit ihren Taschen hinunter und verabschiedete sich noch bei Gabriele, die einzige, die sie in den letzten Monaten, in diesem Haus noch als Mensch behandelt hatte. Am Abend unterhielten sich Jürgen und Lisa lange. Sie erzählte ihm von den Vorkommnissen in London, ließ aber große Teile des Tages mit Rokko und vor allem die Nacht ganz weg. Zu groß war die Angst, dass Jürgen sie für ihr Verhalten verurteilen würde. Damit muss ich selbst klar kommen. „Und jetzt?" fragte Jürgen, nachdem sie geendet hatte. „Ich such mir ne Wohnung und dann noch mal alles auf Anfang!" „Alles? Willst Du weg von Kerima?" Jürgen sah sie überrascht an. „Nein, den Triumph gönne ich David nicht. Ich werde noch verbissener weitermachen, als bisher." Lisa sah ihn entschlossen an. „Und von Männern hab ich erst mal die Schnauze voll." „Na, so wie Du jetzt aussiehst, stehen die bei Dir sicher bald Schlange!" Jürgen grinste. „Darauf kann ich gut verzichten!" sie versuchte weiterhin einen entschlossenen Eindruck zu machen, doch bei Jürgens Bemerkung war wieder Rokko vor ihrem inneren Auge erschienen. Du wirst wohl nie wieder bei mir Schlange stehen!

In den nächsten 6 Wochen stürzte sich Lisa vollkommen in ihre Arbeit. Sie war wieder morgens die erste und abends machte sie gewöhnlich als letzte das Licht aus. Aus Jürgens Gästezimmer war sie zwischenzeitlich in eine gemütliche 3 Zimmerwohnung umgezogen. Nach anfänglichem Ärger mit ihren Eltern, die nicht verstehen konnten, warum Lisa nicht wieder nach Hause zurück wollte, hatte ihr Vater tatkräftig bei der Renovierung geholfen. Zusammen mit Jürgen und Timo hatte er tagelang tapeziert, gestrichen, Böden verlegt und neue Möbel aufgebaut. Lisa war froh, dass sie sich abends allein in ihren 4 Wänden verkriechen konnte und mit niemandem mehr reden musste. Rokko sprach nur das nötigste mit ihr und Lisa bemühte sich ihrerseits sämtliche Kommunikation für B-Style über Melanie laufen zu lassen. Durch den Erfolg der Kollektion, in London, war B-Style in den Blickpunkt der Öffentlichkeit geraten und Rokko war zum Glück selten im Büro, da viele Pressetermine anstanden und er in den letzten Wochen auch schon einige Geschäftsreisen ins Ausland absolviert hatte. Lisa war froh, dass sie ihn nicht mehr so oft sehen musste und seit kurzem beherrschte die Nacht in London nicht mehr ständig ihre Gedanken, wenn sie mal nicht bis zu den Ohren in Geschäftsunterlagen steckte. Sie hätte sich gewünscht, dass sie mit jemandem hätte reden können, doch damit traute sie sich auch nicht zu Yvonne. Lisa hatte Angst, dass dieser doch mal etwas bei Max herausrutschen könnte und so David von ihrem Fehltritt erfahren würde. David hatte sich nach London noch einmal telefonisch bei ihr gemeldet, aber Lisa hatte nach zwei Sätzen von ihm aufgelegt. Sie konnte und wollte sich nicht auch noch mit ihm befassen und da er bei Kerima sowieso nicht mehr auftauchte, hoffte sie, dass sich wenigstens dieses Problem erledigt hatte. Emotional ging es Lisa zwar nun etwas besser, dafür kämpfte sie seit einiger Zeit mit einer Magen-Darm-Sache. Jeden morgen musste sie sich übergeben und an manchen Tagen wollte die Übelkeit gar nicht verschwinden. Melanie und auch Lisas Mutter sahen das mit Sorge. Nachdem beide wie wild auf sie eingeredet hatten, dass da etwas Ernsteres dahinter stecken könnte, machte Lisa schließlich einen Termin beim Arzt.

Dieser untersuchte sie gründlich und nahm auch Blut für eine umfangreichere Untersuchung.

Zwei Tage später kam sie wieder in die Praxis, um die Ergebnisse zu besprechen.

Lisa saß nervös im Sprechzimmer und hatte etwas Angst, da zu den täglichen Übelkeitsattacken seit kurzem auch noch eine bleierne Müdigkeit dazugekommen war. Der Arzt begrüßte Lisa und sah sie aufmunternd an. „Na, Frau Plenske? Ich kann ihnen sagen, dass die Übelkeit, die sie so sehr plagt, bald verschwinden wird." Lisa sah ihn erstaunt an. „Und woher wissen sie das so genau. Es ist seit meinem letzten Besuch sogar noch schlimmer geworden. Mir ist eigentlich nur noch schlecht." Der Arzt lachte. „Sie haben überhaupt keine Ahnung, was mit ihnen los ist?" Lisa schüttelte den Kopf. „Sie sind schwanger! Herzlichen Glückwunsch! Ich schreibe ihnen jetzt eine Überweisung zum Gyn…." Er brach ab, weil er plötzlich sah, dass Lisa weinte, aber es war kein freudiges weinen. Lisa sah aus, als wäre gerade ihre Welt zusammengebrochen. Oh, nein! Hat sich die ganze Welt gegen mich verschworen? Lisa war sofort klar, dass nur Rokko der Vater sein konnte, denn sie waren beide zu betrunken vom Alkohol und ihrer Leidenschaft gewesen, um auch nur einen Gedanken an Verhütung zu verschwenden. Und jetzt werde ich dafür auch noch bestraft!

Nachdem sich Lisa beruhigt hatte, ging sie sofort nach Hause. Sie rief kurz ihre Mutter an und erzählte ihr etwas von Magenschleimhautentzündung und dass die sich die nächsten Tage schonen sollte. Dann meldete sie sich bei Kerima für die nächste Woche krank. Danach verkroch sie sich in ihrem Bett und weinte sich, wie so oft in den letzten Wochen, in den Schlaf.

Während der nächsten Woche hatte Lisa viel Zeit zum nachdenken. Sie ging viel spazieren, wobei sie alle Plätze und Orte mied, die sie an Rokko erinnerten. Sie wusste, dass sie eine Entscheidung zu treffen hatte und diese Entscheidung wollte sie von niemandem abhängig machen, außer von sich selbst. Ich muss selbst herausfinden, ob ich dieses Kind haben will. Auch ohne Vater! Die Woche verging und Lisa fühlte sich immer mieser. Mittlerweile hatte auch ihr Gynäkologe die Schwangerschaft bestätigt. Sie war in der 7. Woche und alles war in Ordnung. Der Frauenarzt hatte ihr am Ultraschall bereits ihr Baby gezeigt und sie hatte auch ein Bild mitbekommen. Dieses Bild trug sie jetzt überall mit sich, auch wenn sie nur in der Wohnung war.

Am Abend, bevor sie wieder zur Arbeit musste, fand Lisa beim aufräumen das Shirt von Rokko aus London wieder. Sie hatte es beim Umzug mitgenommen und dann in die hinterste Ecke ihres Kleiderschrankes verbannt. Jetzt hielt sie es wieder in der Hand und alle Erinnerungen an die Nacht mit Rokko brachen wieder hervor. Sie begann zu weinen und schaffte es gerade noch, sich auf ihr Bett zu setzen. Sie vergrub ihr Gesicht in Rokkos Shirt. Es verströmte immer noch den Duft nach seinem Aftershave. Der Geruch war für Lisa tröstlich. Ihre Tränen versiegten. Sie drückte das Shirt an ihre Brust und die andere Hand lag auf ihrem Bauch, indem Rokkos Kind in ihr heranwuchs. „Wir schaffen das! Auch ohne Deinen Vater!" Oder gerade wegen ihm? Lisa wurde bewusst, dass sie das erste Mal mit dem Kind geredet hatte. In diesem Moment war ihre Entscheidung gefallen. Sie würde das Baby bekommen. Wie konnte ich jemals darüber nachdenken, Rokkos Baby nicht haben zu wollen. In dieser Nacht schlief sie das erste Mal seit langen ein, ohne eine Träne zu vergießen.