Es war die Ruhe, die Krispin langsam aus seinem unruhigen Dämmerschlaf auftauchen lies. Blinzelnd öffnete er seine verkrusteten Lider, rieb sich beinahe schon mechanisch den Schlaf aus den Augenwinkeln. Seine Hängematte schaukelte synchron zu den seichten Bewegungen des Schiffes. Die unterschiedlichsten Varianten von Schnaufen und Schnarchen aus gut zweihundert Kehlen mischten sich mit dem rhythmischen Knarren von über zweihundert Hängematten und dem leisen Ächzen der hölzernen Schiffsplanken zu einem atonal murmelnden Konzert, dessen Höhepunkte das gelegentlich einsetzende, rostige Quietschen der hin und her schwankenden Öllampen setzte. Der kühle, holzige Salzwassergeruch des am Boden schwappenden Wassers milderte den Gestank nach säuerlichen Erbrochenem und schwefeligen Pech, der den völlig überladenen Laderaum durchzog.
Noch vor gar nicht allzu langer Zeit war hier die Hölle los gewesen. Die Flotte war in einen schweren Eissturm geraten, es hatte Wassereinbrüche im hinteren Teil des schweren Handelsseglers gegeben. Die massiven, plumpen Schiffe waren darauf ausgelegt, viel Fracht entlang der Küstenlinien zu transportieren, nicht aber dafür, eine solche Fracht über das offene Eismeer zu bringen. Und sie waren hoffnungslos überladen.
Allein hier im vorderen, kleinen Laderaum hatte man über zweihundert Menschen eingepfercht und in den beiden hinteren, größeren Laderäumen sah es noch schlimmer aus, da stapelten sich zwischen den Hängematten noch Getreidesäcke und Krautfässer, von denen sie einige im Sturm verloren hatten. Die scharfkantigen Eisschollen, durch die Wucht der Wellen gegen das Schiff gedrückt, hatten im hinteren Bereich den Schiffsrumpf regelrecht aufgeschlitzt. Mit den Kornsäcken hatte man zunächst notdürftig versucht, den Wassereinbruch zu stoppen. Bis über den Rand der Erschöpfung hinaus hatten Krispin und die Anderen versucht, die Löcher wieder zu dichten, hatten unter chaotischsten Bedingungen Bretter und Balken zersägt und gestutzt. Hüfthoch hatten sie im Eiswasser gestanden, ihre Beine kaum mehr gespürt, aber sie hatten nicht nachgelassen während eine endlose Menschenkette Eimer für Eimer Wasser nach oben hievte. Ohne den Magier hätten sie es nicht geschafft, sie wären erfroren noch bevor das erste Loch abgedichtet gewesen wäre. Der untersetzte Mann mit den schütteren Haaren hatte in der Mitte des stark schwankenden Laderaums einfach nur dar gestanden, wie eine Statue mit geschlossenen Augen und nach außen gedrehten Handflächen, gänzlich unbeeindruckt von der um ihn herum tobenden Panik. Und langsam verlor das Eiswasser seinen Biss, wurde wärmer und wärmer bis es schließlich so warm war, dass sie sich wie in einem Badezuber vorkamen. Nacheinander war es ihnen nun gelungen, die Löcher zuzunageln und mit Werg und Pech abzudichten. Auch der Sturm hatte langsam nachgelassen und so waren sie nach und nach wieder in ihre Hängematten gekrochen, unendlich erleichtert, der Katastrophe gerade noch entgangen zu sein.
Dennoch, es war Wahnsinn. Es war ein unverantwortlicher Wahnsinn, so viele Menschen auf ein solches Schiff zu pferchen und damit ins Eismeer zu segeln. Aber sie alle hatten diesen Wahnsinn wissentlich in Kauf genommen, nur um dabei zu sein. Dabei zu sein in der finalen Schlacht. Dabei zu sein, wenn der Verräter auf den Frostthron endlich fallen würde!
Seid vor drei Monaten in Sturmwind das Gerücht aufgekommen war, der finale Kampf gegen Arthas würde unmittelbar bevorstehen, waren die Freiwilligen scharenweise zu den Rekrutierungsstellen geeilt, allen voran diejenigen, die ihre Heimat Lordaeron verloren und Unterschlupf in den Flüchtlingsunterkünften bei Sturmwind gefunden hatte. Fast täglich schwangen an irgendeiner Ecke der Flüchtlingsbaracken selbsternannte Rädelsführer frenetische Reden über die Pflicht eines jeden stolzen Lorden seine Heimat zurückzuerobern und den Verrat zu rächen. Und ihre Worte zeigten Wirkung. Jeder, der von sich glaubte, ein Schwert halten zu können hatte sich in die Listen eingeschrieben. Die Zahl der Freiwilligen überstieg bei Weiten die Kapazität der von der Krone Sturmwinds und den Zwergen aus Eisenschmiede bereitgestellten Kriegsschiffe. So war kurzerhand auf königlichen Befehl hin noch eine stattliche Anzahl von Handelsschiffen requiriert worden, die in kürzester Zeit zu provisorischen Truppentransportern umgebaut worden waren.
Einzig der alte Nethaniel mahnte immer wieder zur Achtsamkeit, erinnerte daran, das der Tod mit einem Schwert in der unerfahrenen Hand in einem fernen Land sicherlich ein Zeugnis der Vaterlandsliebe sei- aber nicht unbedingt zielführend. Auch von hier aus gäbe es Möglichkeiten, die Heimat von den Schatten zu befreien, denn das Licht kenne mehr Wege als den Griff zum Schwert. Aber die Stimmung war mittlerweile so aufgeputscht, das bald niemand mehr auf ihn hörte. Schließlich ignorierte auch Kripsin seine Worte.
Er war ein einfacher Tischler, er hatte in einem Schlachtzug nichts verloren. Als er oberhalb des Kais in Sturmwind den Vorbereitungen zum Auslaufen der gewaltigen Kriegsflotte zuschaute, begann es in ihm zu nagen. Unzählige Menschen hatten sich auf den Piers versammelt, drängten in die Schiffe, vorbei an unruhigen Pferden, die ebenfalls auf ihre Verladung warteten. Hölzerne Kräne hievten schweres Kriegsgerät und tonnenweise Proviant an Bord. An einigen Stellen war es zu Tumulten gekommen, gerüstete Soldaten drückten Menschenmassen zurück, die den gestapelten Pulverfässern gefährlich nahe kamen und es war offensichtlich, dass sie die gesamte Situation kaum mehr unter Kontrolle hatten. Ein großes Bataillon Lanzenträger in schimmernder Platte hatte sich wie ein silberner Keil durch die wimmelnde Menge geschoben und begonnen, ein Spalier in Richtung der zuvorderst liegenden ‚Morgensturm', dem königlichen Flaggschiff der Kriegsflotte von Sturmwind zu bahnen. Krispin hatte sein Herz schneller schlagen spüren. Die Gerüchte waren also wahr: König Varian selbst würde seine Truppen in Nordend anführen. Nachdem bekannt geworden war, das sein engster Freund und Stellvertreter Hochlord Bolvar Fordragon in Nordend gefallen war, waren die Gerüchte nicht mehr verstummt. Der König selbst trat an, um den Tod seines besten Freundes zu rächen und den Feind aller lebenden Völker und seine Ausgeburten der Schatten endlich zu vernichten. Und dann hatte er ihn gesehen, zum ersten Mal überhaupt hatte er einen König mit eigenen Augen gesehen. An der Spitze einer kleineren Gruppe hochgerüsteter Ritter mit wehenden, blauen Umhängen, die allesamt der goldene Löwe Sturmwinds zierte, war er auf seinem weißen Kriegshengst durch das Spalier auf die Morgensturm zugetrabt, die mächtigen, goldenen Adler auf den ausladenden Schulterstücken seiner Prunkrüstung funkelnd in der morgendlichen Sommersonne. Krispin hatte seine Erregung kaum mehr unterdrücken können, mit geballten Fäusten hatte er dar gestanden und wie hatte er die Menschen dort unten, die nun auf die Schiffe gingen, beneidet.
Als die Morgensturm mit geblähten Segeln unter dem Jubel hunderter Stimmen als erste auslief, stand sein Entschluss fest. Er hatte seine geballten Fäuste geöffnet und seine schwieligen, großen Hände betrachtet. Diese Hände, die einen großen Vorschlaghmmer schwingen konnten, konnten genauso gut einen Kriegshammer führen. Auch er würde nach Nordend gehen. Er war es seinem Land schuldig. Er war es seinem König schuldig. König Terenas, der stets versucht hatte, sein Volk gerecht zu regieren, auch wenn ihm immer wieder Steine in den Weg gelegt worden waren. Aber er hatte selbst die Geringsten seines Volkes nie vergessen und sogar die Größe gehabt, den schrecklichen Justizirrtum an Irmeli einzugestehen und sich persönlich dafür zu entschuldigen. Irmeli hielt das handschriftliche und gesiegelte Dokument des Königs wie ihren größten Schatz verschlossen in ihrer Schatulle verwahrt, es schien ihr mehr zu bedeuten als all das Gold, das sie als Entschädigung bekommen hatte. Von dem Gold hatten sie sich eine kleine Brauerei aufgebaut, mit einer kleinen, angrenzenden Tischlerwerkstatt und ihr Leben hätte schöner nicht sein können. Aber dann kam Arthas und hatte alles zerstört. Sie hatten vergleichsweise noch Glück gehabt. Brauerei und Tischlerei waren wie alles andere in Lordaeron Stadt verloren, aber etwas war von dem Gold noch übrig geblieben. Unter der Führung von Vater Nethaniel hatten sie unversehrt nach Sturmwind flüchten können. Hier hatte Krispin sich Werkzeuge gekauft und bald kamen auch die ersten Aufträge, während Irmeli wieder mit dem Seifensieden begonnen hatte. Aber die Flüchtlingsunterkünfte in Sturmwind waren schlimmer als die dunkelsten Ecken in Lordaerons Unterstadt je gewesen waren. Viele waren nur mit den Fetzen, die sie am Leibe trugen, hier angekommen und hatten nichts mehr. Die Not und die Kriminalität hatte in den rasch hochgezimmerten Baracken Formen angenommen, die er von Lordaeron Stadt her nicht kannte. So hatten sie sich eine neue Heimat nicht vorgestellt!
Aber es sollte noch drei weitere volle Monde dauern, bis er ein Schiff Richtung Nordend besteigen würde. Zwei ganze Monde vergingen, bis die Flotte wieder zurückkehrte, um dann für die letzte Fahrt vor den gefährlichen Winterstürmen gerüstet zu werden, was nochmals fast einen Mond in Anspruch nahm. Im südlichen Sturmwind bemerkte man den heranziehenden Herbst kaum, hier war es immer noch sommerlich mild. Immer öfter waren Krispins Gedanken sehnsüchtig zurück nach Lordaeron geschweift. Dort musste das Laub auf den Bäumen bereits in flammenden Farben glühen. Es war die Zeit in der erste Reifnächte den Schatten des Winters über das Land warfen.
Er hatte jetzt 32 Sommer gesehen, vielleicht waren es auch 33, so genau wusste er es nicht mehr, aber er war noch jung genug, um nochmals ganz neu anzufangen. Wenn er aus Nordend zurückgekehrt sein würde – und dass er zurückkehren würde stand für ihn außer Frage – würde sich ihm und Irmeli eine neue Zukunft in einem freien Lordaeron auftun. Und dafür würde er kämpfen.
Dann war der Tag der Abreise gekommen. Aber er hatte nichts von der mitreißenden Aufbruchsstimmung, die er im Sommer erlebt hatte. Ein Großteil der mit der Morgensturm ausgelaufenen Kriegsflotte Sturmwinds war in Nordend verblieben, nur die Frachtschiffe waren mit einem kleinen Begleitkonvoi zurückgekehrt um auch noch die letzten Freiwilligen zu holen. Wieder waren die Piers überfüllt, aber diesmal ging alles sehr schweigend und ruhig zu. Man hatte ihm einem der größeren Frachtschiffe zugewiesen, dessen am Heck wehendes Wappen er nicht kannte, aber er vermutete, dass es sich um das Wappen von Baron Varmont von Strahband handelte, dem die meisten der Handelsschiffe hier gehörten. Baron von Varmont war schon in Lordaeron kein Unbekannter gewesen. Das Handelskontor Varmont war eines der wenigen, die immer wieder großzügige Nahrungsmittelspenden in die Gassen geschickt hatten, wenn die Ernten mal wieder verregnet waren. Und man erzählte sich, das der Baron einen beträchtlichen Anteil seines Vermögens in den Krieg gegen den Lichkönig investiert hatte. Krispin war es egal, wer all dies hier finanzierte – ihm eröffnete es die einmalige Gelegenheit, endlich etwas für seine Heimat tun zu können.
Es hatte den ganzen, grauen Morgen Bindfäden geregnet und er war froh gewesen, endlich unter Deck zu sein. Die Passagiere hatten strikte Anweisung bekommen, während der vierwöchigen Überfahrt den Laderaum nicht zu verlassen, außer zum Entleeren der Notdurft. Freigänge auf dem Deck würden entsprechend eingeteilt werden- und fanden eigentlich so gut wie nie statt. Aber Krispin war schlau genug gewesen, beim Bootsmann direkt als Tischler vorstellig zu werden. Was ihm zwar die eine oder andere durchgearbeitete Nacht einbrachte- aber auch ungehinderten Freigang auf dem Schiff.
Nachdem er die wirbelnden Bilder und Gedanken in seinem Kopf wieder etwas geordnet hatte, richtete er sich langsam in seiner Hängematte auf. Das flackernde Dämmerlicht der beiden schwankenden Öllampen ließ unstete Schatten im Raum tanzen. Seine Mitreisenden schienen allesamt noch tief und fest zu schlafen. Kein Wunder, denn die meisten von ihnen hatten noch Stunden zuvor großartiges geleistet, ohne Unterlass hatten sie das Wasser aus dem Rumpf geschöpft und ohne Zweifel einen großen Anteil zu ihrer Rettung beigetragen. Sie hatten sich ihren Schlaf redlich verdient! Seine Sachen klebten immer noch klamm am Körper, die beinahe schon tropische Schwüle, die durch das erhitzte Wasser hier im Raum gehangen hatte, war mittlerweile wieder einer unangenehmen Kühle gewichen, die sich durch die klamme Kleidung fraß und einen Schauer seinen Rücken hinabschickte. Zitternd schlüpfte er aus Hemd und Jacke und zerrte Irmelis Pullover, der ihm als Kopfkissenersatz diente, aus seinem Rücken hervor und zog ihn an. Fast unwillkürlich musste er lächeln, als die Erinnerung an Irmeli vor seinem inneren Auge hochstieg, wie sie dar saß mit ihrer einen Hand und diesem skurrilen Konstrukt, dass sie sich für ihren verkrüppelten Arm gebaut hatte und es damit tatsächlich zu Wege brachte, einen Pullover zu stricken. Gut, schön war er nicht, weswegen er bisher auch nur als Kopfkissen gedient hatte. Aber er wärmte. Und das war jetzt genau das Richtige. Er hängte sich seinen Mantel um, glitt in seine Fellstiefel und ließ sich vorsichtig aus der Hängematte hinab, tunlichst darauf bedacht, die Schläfer unter ihm nicht zu wecken. Leise stieg er die Leitern zum Oberdeck hinauf und stieß die Luke auf.
Salziger Seewind wehte ihm entgegen. Er schloss für einen Moment die Augen und genoss den tiefen Atemzug frostiger Luft, der durch seine Lungen strömte und ihn die stickigen Ausdünstungen des Lagerraumes vergessen ließen. Dann fischte er seine Handschuhe und die grobe Filzmütze aus seinen Manteltaschen, stieg behände aufs Deck und schloss die Luke. Auf dem Oberdeck war Sand auf die vereisten Planken gestreut worden, der jetzt unter seinen Sohlen knirschte.
Ein gleißend heller Vollmond schien von einem sternenklaren Himmel und goss sein kaltes Licht über die frostüberzogenen Wanten und Stagen. Wie silberne Schnüre funkelte das Tauwerk zwischen den in der seichten Brise geblähten Segeln. Im Licht einer Öllampe standen zwei Deckwachen in unmittelbarer Nähe an der Rehling und wärmten ihre Hände über einem der geschlossenen Feuerkörbe. Sie unterhielten sich leise, unterbrachen kurz, als sie Krispin gewahrten, setzten dann aber beruhigt ihr Gespräch weiter fort. Krispin gesellte sich zu ihnen und wurde mit einem freundlichen Nicken empfangen. Eine der Wachen wies auf das Meer hinaus. Deutlich im hellen Mondschein zu erkennen zeichnete sich bugwärts am Horizont eine lang gezogene, dunkle Küstenlinie ab, gekrönt von den weißen Spitzen eines gewaltigen, schneebedeckten Gebirges. Jetzt drang auch das leise, stampfende Geräusch der schweren Turbinen des Zwergendampfkreuzers an seine Ohren, dass mit seiner Eisennase durch die wie ein weißes Mosaik aufgerissenen Eisschollen pflügte, die träge auf dem Schwarz des Meeres trieben. Sie waren das erste einer endlos scheinenden Reihe von Schiffen, die wie auf einer Perlenschnur aufgereiht in der dunklen Fahrrinne des Dampfkreuzers auf das Land zuhielten.
Freudig rieb sich Krispin die Hände und sah die beiden Deckwachen an. „Wir sind da!"
Der Wachmatrose, der aufs Meer hinausgewiesen hatte, ein hagerer, bärtiger Mann mit sonnengegerbten Gesicht, grinste schief. „Sieht näher aus, als es ist. Aber wir werden mit der Flut einlaufen. Mit Sonnenaufgang erreichen wir den Valdangenfjord. Und mit etwas Glück und gutem Wetter könnt ihr schon am Abend in der Argentumsfeste einen heißen Würzwein genießen. Falls die da überhaupt noch was haben, denn soweit ich weiß berauschen sich an der letzten Ladung jetzt die Meeresnixen." Er lachte und zeigte dabei eine schiefe Reihe brauner Zähne. Dann stieß er den anderen Wachmatrosen an. „Na komm, letzter Rundgang vor Schichtwechsel!" Etwas missmutig schlüpfte der Angesprochene in seine Handschuhe, zog seine Fellmütze tief ins Gesicht, nickte Krispin nochmals schweigend zu und folgte seinem Kollegen. Krispin wandte sich wieder der Küstenlinie Nordends zu. Endlich. Nach gut vier Wochen auf diesem überfüllten Schiff hatten sie es geschafft! Das Licht meinte es gut mit ihnen. Er fingerte nach seinem Medaillon, dass er ständig um den Hals trug, nahm das kupferne Schmuckstück ab und öffnete es im Schein der Öllampe. Es war kein besonders kostbares Schmuckstück, sein wahrer Wert lag verschlossen im Inneren. Lächelnd betrachtete er das winzige, aber äußerst akkurat gemalte Portrait vom Irmeli, zärtlich fuhr sein Finger den Schwung ihrer dunklen Locken nach.
„Eure Frau?"
Beim Klang der fremden Stimme zuckte Krispin zusammen und ließ abrupt das Medallion zuschnappen. Eigentlich hätte er das sandige Knirschen von Schritten hören müssen, aber dem war nicht so – wie aus dem Nichts stand der Mann in dem schweren, pelzgefütterten Wintermantel mit dem hochgeschlagenen Kragen plötzlich neben ihm.
Verunsichert sah Krispin ihn an. „Ich habe euch gar nicht kommen hören."
Die dunkle, leicht kehlige Stimme passte zu dem warmen, symphatisches Lächeln. „Nun, mein Freund, ihr wart sehr vertieft in den Anblick dieser reizenden Dame. Kaum verwunderlich, dass ihr mein Kommen nicht gehört habt."
Krispin betrachtete den Neuankömmling jetzt mit einem gewissen Argwohn. Er konnte sich nicht entsinnen, ihn schon mal hier auf dem Schiff gesehen zu haben. Auf keinen Fall gehörte er zu Besatzung, er schien ein Passagier wie er selbst zu sein. Aber seine Kleidung zeigte deutlich, dass er sicherlich nicht in den Hängematten im Laderaum schlief.
Den Furchen in seinem Gesicht nach zu urteilen, was der Fremde bestimmt doppelt so alt wie er selbst, aber seine dunklen Augen strahlten etwas ungemein junges, lebenslustiges aus. Und abgesehen von einigen weißen Strähnen an den Schläfen hatte auch sein halblanges Haar noch das typische braunschwarz der Südländer. Krispins Argwohn löste sich langsam in Luft auf.
Mit leicht entrücktem Blick sah jetzt auch der Südländer über den Bug zur Küstenlinie.
„Nordend. So haben wir es also geschafft." Mit einem amüsierten Lächeln drehte er sich wieder zu Krispin um. „Gestern Abend hätte ich keine Wette darauf abgeschlossen. Ich seit einer der Schiffzimmerer hier, nicht wahr? Schätze mal, dass ihr gestern ganz schön rotiert seid." Sein Gesicht wurde wieder ernster. „Danke."
Krispins Brauen zuckten in die Höhe. „Danke wofür? Ich habe nur meine Arbeit gemacht."
Der Südländer nickte. „Eben dafür. Hättet ihr eure Arbeit nicht so gut gemacht, säßen wir jetzt aller Wahrscheinlichkeit nach auf dem Grund des Meeres. Dank ist das Mindeste, was man einer guten Arbeit zollen sollte." Sein Blick wanderte wieder zu den schneebedeckten Bergen am Horizont. „In diesen Zeiten ist Dankbarkeit ein rares Gut geworden."
Krispin zuckte mit den Schultern. „War es doch immer schon. Macht man eine Sache gut, ist es selbstverständlich, geht's mal daneben hallt einem der Unmut noch ewig nach."
Der Südländer nickte. „Ja, da habt ihr wohl recht." Dann entspannte sich seine Miene wieder.
Er griff in seinen Mantel, holte eine silberne Taschenflasche hervor, entkorkte sie und nahm einen tiefen Schluck. Dann reichte er die Flasche Krispin. Dieser sah ihn zunächst fragend an, nahm dann aber nach einem aufmunternden Nicken ebenfalls großzügigen Schluck. Was immer es war, es rann wie weiches Feuer die Kehle hinab und erfüllte seinen Körper von innen heraus mit einer wohligen Wärme. Krispin zog anerkennend die Brauen hoch, immer noch hing der harzig-süße Geschmack in seinem Mund. Der Südländer lachte.
„Torfbeerenlikör, fünfzehn Jahre in Rotholzfässern gelagert. Das geht runter, nicht wahr?"
Krispin verschlug es fast die Sprache. Torfbeerenlikör war eine ausgesprochene Rarität aus dem hohen Norden Lordaerons, schon seit jeher unerschwinglich für seinsgleichen. Nein, ein gewöhnlicher Passagier war dies nicht. Der Südländer nahm einen weiteren Schluck und reichte ihm erneut die Flasche.
„Auf die Gefahr hin, indiskret zu sein – dürfte ich nochmals einen Blick auf das Bild in eurem Medaillon werfen?"
Einen Moment zögerte Krispin, war sich nicht sicher, ob es den Fremden etwas anging. Auf der anderen Seite war er sehr stolz auf seine hübsche, tapfere Frau. Warum auch nicht, sollten andere ihn doch um seine Irmeli beneiden. Er ließ den Verschluss des Medaillons aufschnappen und hielt das aufgeklappte Schmuckstück in den Lichtkegel der Öllampe. Der Südländer nickte anerkennend. „Eine wundervolle Arbeit. Ihr habt eine wirklich bezaubernde Frau, mein Freund. Seid ihr verheiratet?"
Krispin war sich nicht ganz sicher, ob es Stolz oder der Torfbeerenlikör war, der seine Wangen jetzt zum Glühen brachte. „Ja, wir sind vor dem Angesicht des Lichts getraut worden."
„Wo findet man denn eine solche Schönheit?" Seine angenehme Stimme klang amüsiert.
Krispin setze ein trockenes Grinsen auf. „Im städtischen Kerker zu Lordearon."
Jetzt wirkte der Südländer doch überrascht. „Ein zugegebenermaßen ungewöhnlicher Ort. Aber nun habt ihr unbestritten mein Interesse. Erzählt mir davon!"
Wieder reichte er ihm die Taschenflasche und Krispin nahm sie dankend nickend an.
„War noch ein Weilchen vor dem Einfall der Geißel. Irmeli ist Seifensiederin, sie kann wunderbare Seifen zaubern, sogar aus der Oberstadt schickten einige der feinen Herrschaften ihre Dienerschaft in die Gassen, um ihre Seifen zu kaufen."
„Irmeli heißt sie also. Hübscher Name, passt zum Bild."
„Sie ist mit ihrem Korb alle drei, vier Tage durch die Gassen gezogen, um ihre Seifen zu verkaufen, so auch an diesem einen, schlimmen Tag." Krispin nahm noch einen Schluck Likör. „Es war schon spät und wie so oft waren Soldaten in den Gassen unterwegs, auf der Suche nach den schnellen Freuden, die an vielen Ecken billig angeboten wurden. Die vier Wachen waren schon ziemlich betrunken, als sie auf Irmeli trafen – und sie für eines der leichten Mädchen hielten. Trotz ihres Protestes – oder vielleicht sogar gerade wegen ihres Protestes wurden die Männer handgreiflich. Aber Irmeli wehrte sich. Sie hatte immer so ein kleines Messer dabei, mit dem sie die Seifen zerschnitt und drohte damit nun den Männern.
Aber diese haben nur gelacht und packten zu. Da hat Irmeli einfach blind zugestoßen – und einem der Männer dabei das Ohr abgetrennt."
Der Südländer runzelte seine Stirn. „Dann ist es wohl eskaliert."
Krispin nickte. „Das kann man wohl sagen. Die vier Soldaten wurden verdammt wütend und wer weiß, was Irmeli widerfahren wäre, hätte Bruder Ademar sich nicht eingemischt."
„Bruder Ademar? So ein schmerbäuchiger, kleiner Priester mit dunklen Locken?"
Krispin schüttelte amüsiert den Kopf. „Nein, Bruder Ademar war so ein typischer Nordländer, groß, blond- vielleicht etwas zu schlaksig. Hat immer ein wenig gehumpelt, deswegen nannten wir ihn bisweilen Bruder Hinkebein, wenn er's nicht gehört hat. War, soweit ich weiß, ein Neffe von Vater Nethaniel. Von dem habt ihr aber bestimmt schon gehört?"
Jetzt lächelte auch der Südländer. „Wer hat das nicht? Der streitsüchtige alte Kauz hat so einige Leute in Lordaeron ganz schön auf Trab gehalten. Wie ging's dann weiter?"
„Ademar hat versucht, zu vermitteln, aber die Männer waren bereit jenseits der Vernuftsgrenze, betrunken und wütend, wie sie waren, stießen sie ihn einfach zur Seite. Aber Ademar ließ sich nicht beirren und griff erneut ein. Da schlug einer der Soldaten einfach zu.
Hätte er vielleicht besser nicht tun sollen. Der lautstarke Disput hatte nämlich mittlerweile beträchtliche Zuschauer angesammelt, Zuschauer wie mich. Ihr müsst wissen, auch wenn wir ihn immer gehänselt haben, war Ademar doch sehr beliebt in den Gassen. Bislang war es nur ein Spektakel, aber nun wurde unser Priester angegriffen! Ich wusste überhaupt nicht, worum es ging, aber das machte mich nun richtig zornig und ohne weiter nachzudenken eilte ich hinzu, um Ademar beizustehen – und andere taten das auch. Dann ist es völlig aus der Kontrolle geraten. Vom Kampflärm alamiert kamen weitere Soldaten hinzu, die wiederum von weiteren Gassenbewohnern angegriffen wurden – das Ganze artete in einer riesigen Schlägerei aus. Schließlich rückten die Königsgarde und die Kavallerie an, um dem Ganzen ein Ende zu setzen. Mehrere dutzend Gassenbewohner wurden als Aufwiegler und Unruhestifter in den Kerker gesteckt und da ich einer der ersten war, der die Soldaten angegriffen hat, war ich natürlich auch dabei. Ademar haben sie ebenfalls mitgenommen.
Im Kerker sperrten sie mich und einige andere direkt neben die Zelle von Irmeli, von der sie behaupteten, sie hätte die Soldaten bestehlen wollen! Die Zellen waren wie Käfige nebeneinander und so konnten wir uns unterhalten und sie erzählte mir, was wirklich passiert war. Ich habe nicht einen Augenblick an ihrer Version gezweifelt! Und mich sofort in sie verliebt. Viel Zeit war uns nicht vergönnt, bald holten sie mich und brachten mich zum Verhör, da sie mich für einen der Anführer des vermeintlichen Aufstandes hielten."
Krispins Gesicht verfinsterte sich und der Südländer sah ihn annähernd mitleidig an.
„Sie haben euch gefoltert?"
„Ich bin kein sehr tapferer Mann. Ich habe ihnen alles gesagt, was sie hören wollten und so ließen sie auch bald wieder von mir ab und brachten mich in eine Einzelzelle. Nach vier Tagen bei Wasser und Brot ließen sie mich wie auch alle anderen wieder frei, ohne eine Erklärung, einfach so. Ich machte mich sofort auf die Suche nach Irmeli und musste hören, dass sie direkt am folgenden Tag des Diebstahls und des tätlichen Angriffs auf königliches Wachpersonal für schuldig befunden und verurteilt worden war! Sie haben ihr einfach die Hand abgehackt!" Die letzten Worte spie Krispin förmlich hinaus.
Der Südländer kräuselte seine Lippen. „Hässliche Sache, das. Es war wirklich an der Zeit, dass diese archaische Gesetzgebung in Lordaeron überarbeitet wurde!" Auch er nahm jetzt einen tiefen Schluck aus der Taschenflasche und beobachtete gedankenverloren die tanzenden Eisschollen auf dem Wasser. Für einen langen Moment war das auf- und abschwellende Rauschen der vom Bug durchpflügten Wellen und das leise Flattern der Segel das einzige, was in der kalten Nordnacht zu hören war.
„Vater Nethaniel hat sie wieder gesund gepflegt." Krispins Stimme war leise, als er weiter sprach. „Ich wich nicht mehr von ihrer Seite, versuchte jeden Wunsch von ihren Augen abzulesen, damit sie wieder lachte."
„Was ist aus dem Priester geworden?"
„Nach allem, was ich weiß, haben sie ihn ebenfalls verhört."
„Sie haben es gewagt, einen Priester zu verhören?" Der Südländer schien überrascht.
„Weil sie ihm nicht geglaubt haben, dass er ein Priester ist. Von Priestern ist man es wohl nicht gewöhnt, dass sie zurückschlagen. Zugegebenermaßen habe ich mich auch gewundert, wie schnell die Soldaten am Boden lagen. Na gut, die Soldaten waren ziemlich betrunken und Ademar war ganz schön wütend. So wütend habe ich ihn eigentlich noch nie erlebt. Kam wohl einiges zusammen. Aber in der Nacht noch sind hohe Würdenträger der Kirche gekommen und haben ihn aus dem Kerker geholt. Was danach aus ihm geworden ist, weiß ich nicht, wir haben ihn nie wieder gesehen. Vater Nethaniel erzählte, er wäre in ein Kloster im Süden abberufen worden, nach dieser unerfreulichen Geschichte. Hat sich wohl nicht so verhalten, wie es von einem Priester seines Ranges erwartet wurde. Aber wenn ihr mich fragt, er hat's genau richtig gemacht, Prügel war das Mindeste, was diese Halunken verdient hatten!"
Genugtuung schwang in dem leisen Grinsen mit, das jetzt über Krispins Gesicht huschte. „Aber sie haben sie ‚rangekriegt! Sind in Unehren aus dem Dienst entlassen worden, ebenso wie der Wachkommandant des Stadtgefängnisses! Und Irmeli hat eine von König Terenas selbst geschriebene Entschuldigung bekommen, nebst einem Beutel voller Gold als Entschädigung für das erlittene Unrecht!"
Der Südländer wirkte jetzt wieder amüsiert. „Na, da hat die Kirche sich wohl endlich mal bewegt."
„Glaubt ihr, dass die Kirche dahinter steckt?"
„Davon bin ich überzeugt- Wenn's einen der ihren trifft, kennen die keinen Spaß. Und wenn euer Ademar nur halb so streitlustig wie sein Onkel ist, dann wird's da ganz schön geraucht haben. Ich erinnere mich gut- zu der Zeit sind eine Menge neuer Gesetze erlassen worden. Es gab so einige, die waren darüber überhaupt nicht glücklich – und die saßen nicht in der Unterstadt."
Krispins Gesicht verfinsterte sich wieder. „Für Irmeli kam das alles zu spät. Eine neue Hand wird ihr dadurch nicht mehr wachsen."
„Das mag in euren Ohren jetzt zynisch klingen, junger Freund – aber es sieht so aus, als hätte das Ungemach, das ihr zugestoßen ist, all dies erst ins Rollen gebracht. Ich habe nie gewusst, wie es damals zu diesem Aufstand gekommen ist."
Krispin schwieg eine Weile. „So habe ich das noch nie betrachtet. Naja, es stimmt schon, danach wurde vieles besser. Es hätte gern so bleiben können, unsere Geschäfte liefen richtig gut." Seine Augen verengten sich wieder zu schlitzen, als er die mittlerweile deutlich näher gerückte Küstenlinie betrachtete. Im Osten begann der Horizont langsam in einem helleren Blau zu glühen, der nahende Sonnenaufgang kündigte sich an und nahm dem Mond immer mehr von seiner Leuchtkraft. Der Südländer beobachtete Krispin eine Weile.
„Aber dann kam alles ganz anders."
Krispin nickte missmutig. „Das kann man wohl sagen. Wenn er nicht gewesen wäre.."
Der Südländer lachte leise auf. „Arthas? Oh, man sollte den Lichkönig nicht unterschätzen. Aber angefangen hat das alles schon viel früher." Er zwinkerte Krispin fast schon verschwörerisch zu. „Und irgendwo müssen wir ja mal mit dem Aufräumen anfangen."
Krispin sah ihn irritiert an. „Ihr scheint aber eine Menge darüber zu wissen."
Der Südländer nickte. „Das tue ich, mein Freund. Mehr, als mir manchmal lieb ist."
„Wir..wir haben uns einander noch gar nicht vorgestellt," Verunsichert, wie er mittlerweile war, merkte Krispin erst jetzt, dass er immer noch die silberne Flasche in der Hand hielt. Etwas schuldbewusst reicht er sie dem Südländer zurück. „Ich bin Krispin, Krispin Lomsteg."
Der Südländer schüttelte gutmütig den Kopf. „Behaltet sie, mein Freund. Davon habe ich noch mehr. Und es war mir ein Vergnügen, Eure Bekanntschaft zu machen, Krispin Lomsteg. Gehört habt ihr sicherlich schon von mir. Adelphis Varmont ist mein Name. Adelphis Varmont, Baron von Strahband."
