Entschlossen blickte Harry sie an: „Ich hole uns hier raus! Du wirst auf einer sonnigen Blumenwiese liegen und diese düsteren Tage vergessen! Ich verspreche es! Grimmig sah er auf seine geschundene Brust, wo unentdeckt, nur für ihn sichtbar, das Messer von Sirius baumelte.

Kapitel 10

Seit diesem Moment war Harry ständig in Gedanken versunken. In seinem Kopf reifte ein Plan heran. Ein guter Plan, wie Harry fand. Nur mit einem Harken, wie ihm vollkommen bewusst war. Wenn die Flucht gelingen sollte, würden Sie Professor Lupin zurücklassen müssen. #Er hätte mich damals auch zurückgelassen. Wenn wenigsten einer hier raus kommt weiß der Orden, wo der Andere versteckt ist und kann ihn befreien.# Damit tröstete sich der Junge immer, doch es wollte ihm einfach passen und so suchte er gedanklich nach anderen Lösungen. Auch wenn im tief im Herzen klar war, dass es keine gab.

In langen Gesprächen mit Lisa versuchte er immer wieder sie zum lachen zu bringen, doch das Mädchen rutschte immer tiefer in Dunkelheit und Depressionen. Manchmal allerdings schaffte er es, dass sie wieder anfing von ihrem Garten oder ihrer Schwester zu erzählen. Aber auch dies endete meist in Tränen der Verzweiflung. „Ich kann mich nicht mehr erinnern, Harry! Oh ich habe es vergessen!"

So schlichen die Tage vorwärts und stetig wartete er auf den passenden Moment.

Die Todesser kamen zwei bis drei Mal täglich, aber nie in irgendeinem Rhythmus. Foltern schien wirklich eine Art Hobby dieser Monster zu sein. Und selbst wenn irgendwann mal ein passender Augenblick zur Flucht kommen sollte, war Harry überhaupt noch in der Lage zu fliehen? Mal ganz abgesehen davon, dass sein eines Bein mal wieder gebrochen, er abgemagert, kraftlos, mit unzähligen Wunden überseht war, also nicht mal imstande war ein paar Schritte zu machen, hatte er keinen Zauberstab und keine Ahnung welcher Weg aus dem Gefängnis führte. Sie würden sich hoffnungslos verlaufen. Es war einfach unmöglich aus den Kerkern zu entfliehen. Harry war kurz davor seine Hoffnung aufzugeben.

In den nächsten Tagen wuselten immer mehr Todesser in den Kerkern herum. Selten gab es mal eine Pause zwischen gequälten Schreien von Gefangenen. An Schlaf war kaum noch zu denken, nur wenn die Müdigkeit ihn übermahnte und er für wenige Momente einnickte, wurde er gleich wieder von grässlichen Alpträumen in die kalte Realität geschleudert. Doch es waren nicht nur die herzerreißenden Rufe der Gefolterten, sondern auch die Tatsache, dass Lisa und Harry noch öfters ‚besucht' wurden, die dafür sorgte, dass sich der Zustand der beiden sich drastisch verschlechterte. Manchmal wünschte Harry sich einfach nur noch die Augen zu schließen und zu sterben. Wozu kämpfen? Lisa schwand dahin und er war auch so gut wie Tod. Es war vorbei. Er hatte verloren. Es wäre alles einfacher, wenn er einfach mit seinem Leben abschließen und sterben würde. So toll war sein Leben schließlich auch nicht, dass der ganze Ärger hier sich lohnte.

Doch das Seltsame war, auch unter den Dienern Voldemorts konnte man Unruhe spüren. Hin und wieder konnten die Kinder Wortfetzen aus Gesprächen auffangen. Nur auf zusammenhanglose Worte wie: „...große Ankündigungen...", „... neue Pläne..." oder „... ist sicher bald soweit..." konnten sie sich keinen Reim machen.

Wieder ein Mal lag Harry der Ohnmacht nah auf dem kalten Boden. Neben ihn hörte er Lisa wimmern. Es waren Snape und Goyle gewesen, die sich ihrer angenommen hatten. Scheinbar das Leiden ihrer Opfer genießend, blieben sie noch eine Weile stehen und unterhielten sich. Harry versuchte seinen Atem zu beruhigen, den Schmerz zu ignorieren und sich auf das Gespräch zu konzentrieren. „...alle, selbst die Neueingeführten!", antwortete Goyle auf eine Frage des anderen. „Hast du schon eine Ahnung um was es geht? Es muss unglaublich wichtig sein, wenn der Dunkle Lord das Risiko eingeht, so viele Todesser an einem Ort zu versammeln.", fragte nun der Professor. „Ach hör doch auf!", murrte Goyle. „Du weist doch garantiert mehr als ich! Als Oberspion! Ich fühle mich schon geehrt, dass ich morgen Abend überhaupt dabei-"

„Still! Ich glaube Potter hat sich grade bewegt! Er sollte nichts darüber wissen. Ich wüsste zwar nicht, was er mit diesen Informationen anstellen sollte, aber der Bengel hat kein größeres Ziel, als anderen Menschen das Leben zu vermiesen und das schafft er erstaunlich gut. Nicht wahr, Potter?" Harry wurde hochgeschleudert und krachte gegen die Wand. Sofort schlossen sich die Fesseln um Hand- und Fußgelenke. Auch Lisa wurde wieder in Ketten gelegt. Und der Junge schaute nachdenklich zwei schwarzen Gestalten, die den Raum verließen, hinterher.

Die Spitze hatte gesessen. # Ich schaffe es immer anderen Menschen das Leben zu vermiesen. Er hat recht! # Er dachte an seine Eltern, die ohne ihn sicher noch leben würden. An Sirius, der nie nach Askaban gemusst hätte. An Cedric, der noch leben würde und Remus, dessen Leben auch viel besser verlaufen wäre. Ein Schmerz, ganz anders als die Schmerzen die er verspürte, wenn er gefoltert wurde und diese fast noch übertrumpfte, breitete sich in seiner Brust aus.

„Bitte rede mit mir! Geht's dir gut? Sag doch was!", redete Harry auf seine Freundin ein, die abwesend und stur geradeaus starrte. „Mir geht es gut, es war heute nicht so schlimm und morgen Abend hauen wir hier ab!" Diese Worte brachten das Mädchen schlagartig zurück. Sie bewegte ihren Mund, doch es kam kein Ton heraus. Wie immer, nachdem man sie gefoltert hatte und die Stimme vom vielen Schreien überanstrengt war. Sie räusperte sich.„Wie?", brachte sie mit krächzender Stimme hervor. „Ich habe die beiden eben belauscht. Deswegen habe ich mich auch so lange nicht bewegt. Morgen Abend wird eine große, wichtige Versammlung statt finden. Alle werden dort sein. Und wenn doch eine Person als Wache hier postiert wird, ist das bestimmt eine Unwichtige, die dann auch nicht sonderlich talentiert ist."

„Aber wie wollen wir hier raus kommen?" Zweifelnd sah sie ihn an. „Diese Ketten", sie rüttelte zur Verdeutlichung mit den Händen, dann nickte sie Richtung Zelltür, „diese Zelle, die Dementoren, dann das ewig lange, dunkle Labyrinth, irgendwo jener Wächter, der einen Zauberstab hat und gesundheitsmäßig fit ist, die Tür aus den Kerkern heraus, aus den Schloss heraus kommen und das alles unbemerkt mit unseren Verletzungen! Reicht das?" Harry sah sie nachdenklich an. Dann meinte er: „Genau. Ich denke dass das möglich ist." Lisa schüttelte nur den Kopf. „Ach ja und wie, Merlin?"

„Die Türen und Fesseln sind alle kein Problem, das zeige ich dir dann, wenn es so weit ist Wegen den Dementoren: wir ziehen halt erst los, wenn sie an unserer Zelle vorbei sind. Du musst mich dann eben Ohrfeigen. Den Wächter können wir auch überlisten, wenn wir ihn überraschen. Ich denke nicht dass er hier ernsthaft mit Fluchtversuchen rechnen und aufpassen wird. Da habe ich mir auch schon was überlegt. Für das Labyrinth können wir hier ein paar Steine nehmen und damit Kreuze an die Wand malen oder Muster legen. Und den Rest bekommen wir auch schon irgendwie hin. Wieder schüttelte Lisa den Kopf, aber diesmal mit einem seltenen Lächeln im Gesicht.

Schreie, Tod, Dunkelheit...WATSCH! Ein Schlag ins Gesicht ließ die Leiche verschwinden und Harry öffnete die Augen. Er blickte in Lisas Gesicht. Sie war aufgeregt und ganz bleich, aber in ihren Augen glitzerte ein verräterisches Funkeln. Der Gryffindor konnte noch die Anwesenheit der Dementoren spüren, also konnte es nicht lang her sein, dass sie vor ihrer Zelle vorbeigeschwebt waren. Ein Grinsen breitete sich auf seinem Gesicht aus und seine Ketten fielen schlaff zu Boden. Selbstzufrieden befreite er seine Freundin und steckte Sirius´ glühende Messer in das Zellenschloss.

Das Grinsen war schon lange wieder von seinem Gesicht gewischt wurden. Fast in jeder Zelle an der sie vorbei gekommen waren, lag oder hing ein Gefangener. Alte, Männer, Frauen, kleine Kinder. Meistens Muggel, die nicht verstanden warum sie hier waren, warum ihr Leben so eine schreckliche Wendung genommen hatte..

Die Gefangenen flehten, schrien und weinten. Alle bettelten, dass die beiden Kinder sie doch auch aus ihrem Gefängnis befreien sollten. Lisa wäre schon oft weich geworden und hätte die Zellen der Insassen geöffnet, doch Harry zerrte sie weiter. „Wenn wir sie mitnehmen, sind wir zum Scheitern verurteilt. So können wir mit dem Orden wieder kommen und sie alle rausholen. Mein Freund Remus ist auch hier." Und so gingen sie, eng aneinandergeklammert immer weiter.

Doch auch der Weg sollte sich als verwirrender als gedacht herausstellen. Immer wieder landeten sie in einer Sackgasse oder übersahen die zu dünn gezeichneten Kreuze, weil die Steine, die hier zu finden waren, nicht zum malen geeignet waren. Und dass es so gut wie keine Fackeln in den Gängen gab, machte die Sache auch nicht leichter. Unter jeder Fackel an der sie vorbei kamen, setzten sie ein Kreuz, doch es waren beängstigend wenige.

Mal wieder standen sie vor einer Sackgasse und mussten den Weg zurück laufen. „Mir ist kalt", jammerte Lisa. „Mir auch", war die Antwort. Ihr Atem bildete kleine Wolken vor ihren Mündern und ihre Laune sank noch tiefer, als der Kerker war. „Das war eine dumme Idee, Harry. War ja klar dass es nichts wird! Bald ist die Versammlung vorbei und wir werden entdeckt und schlimmer bestraft, als je zuvor!"

„Schön! Ich habe dich doch nicht gezwungen mitzukommen! Ohne dich wäre ich wahrscheinlich schon lange raus, wenn du nicht dauernd stehen bleiben würdest, um andere Gefangene zu bemitleiden, obwohl du genau weißt dass wir sie nicht mitnehmen können!" Lisa starte ihn sprachlos vor Zorn an: „Oh! Nur weil du zu grausam bist! Ich kann das Leid, der Menschen hier einfach nicht mit ansehen. Aber das DU damit kein Problem hast wissen wir ja!" Das saß Harry blieb stehen und starrte sie an. # Sie hat ja recht! # Wie so oft dachte er an die Tode und das Leid, welches er schon verursacht hatte. Er hörte seine Mutter leise schreien und da Begriff er endlich.

„DEMENTOREN!" Schnell packte er den Arm seiner Freundin und zerrte sie mit sich. Gehetzt rannten sie durch das Labyrinth. Immer weiter stolperten sie blind. Immer weiter und weg von der Kälte. Nach einer Weile blieb Harry keuchend stehen und auch Lisa sank neben ihm zusammen. Es war ein Wunder das sie mit all den Wunden überhaupt so weit gekommen waren.

Harry spürte wie einige Wunden an Rücken, Brust und Beinen wieder aufgeplatzt waren und jeden seiner Knochen, von denen so viele gebrochen oder gestaucht waren, nach Erlösung schreien. „Ich kann nicht mehr", keuchte der Junge. Nach einer Weile meinte Lisa: „Ich kann sie nicht mehr spüren. Vielleicht haben wir endlich mal Glück gehabt und sie abgehangen."

Langsam gingen die Beiden weiter. „Harry?" „Ja?" „Es tut mir leid. Was ich gesagt habe, war-" „Schsch, sei still! Ich glaube ich habe Schritte gehört!" In Wahrheit wollte er nur nicht darüber reden. Auch wenn er wusste, dass alles was sie gesagt hatte unter dem Einfluss der Dementoren gewesen war, hatte es ihn doch sehr getroffen. Denn, auch Dementoren konnten keine Gedanken in die Köpfe der Menschen pflanzen, sondern nur verborgene Ängste hervorkramen und verstärken.

„Ja, ich kann es auch hören", flüsterte Lisa. Verwundert sah Harry sie an. „Was?" „Na die Schritte!" Misstrauisch musterte sie ihn. Doch dann waren wieder Schritte zu hören. Leise schlichen sie weiter. Vor ihnen lag eine Kurve, in der Treppenstufen nach oben führten. Man konnte schon sehen, dass hinter der Kurve wieder eine Lichtquelle sein musste.

Harrys Atem ging schneller. Adrenalin schoss durch seinen geschundenen Körper, als er einen großen Stein aus der bröckligen Wand nahm und weiter schlich. Mit einem Schrei rannte er um sie Ecke. Vor ihm stand ein kleiner Mann in Todesserrobe, doch Harry hatte keine Zeit ihn genauer zu betrachten. Innerhalb weniger Zehntelsekunden hatte er ausgeholt und dem Todesser den Stein über den Kopf gezogen. Dieser starrte ihn noch einen Moment verblüfft an, taumelte ein wenig und krachte dann zu Boden.

Ein leiser Jubelschrei brach aus Lisas Kehle hervor: „Du hast es geschafft! Ich kann es nicht glauben, du hast es geschafft!" Doch Harry sagte nichts. Wie gebannt starrte er auf den leblosen Körper vor ihm. Blut floss seinem Opfer aus einer übel aussehenden Wunde am Kopf, die gut zu sehen war, da die Kapuze seiner Robe heruntergerutscht war. Aber das war es nicht, was Harrys Aufmerksamkeit auf sich zog.

Es war ein kleiner Mann, kaum größer als Harry selbst. Um einen großen kahlen Kreis auf seinem Kopf, befand sich noch ein wenig dünnes, farbloses Haar. Seine Haut wirkte schmuddelig, seine kleinen, wässrigen Augen blickten starr nach vorne und seine kleine spitze Nase erinnerte stark an die einer Ratte. „Wurmschwanz!"

„Was?" „Nichts. Nur ein alter Bekannter." Lisa sah ihn zweifelnd an, doch sagte nichts weiter. „Lass uns weiter gehen. Wer weiß wie lange die Versammlung noch dauert. Ich habe keinen Plan, wie viel Zeit wir in diesem verdammten Labyrinth vergeudet haben!" Nur mühsam wandte Harry sich von dem alten Freund seines Vaters ab und folgte Lisa aus dem Kerker heraus. Ein Grinsen schlich sich auf sein Gesicht. Die „unwichtige und nicht sonderlich talentierte" Person, welche es nicht wert war, der Versammlung bei zu wohnen, war also der kleine Verräter Peter Pettigrew. Fest in Harrys Hand, der Zauberstab des Verräters. # Du bist mir eh noch was schuldig! #

Die Luft hier draußen, war wesentlich angenehmer als in dem muffigen Kellergewölbe. Die Wände waren nicht mit Moos überwachsen oder bröcklig und auch ansonsten war hier alles sauber. Der Gang war, wenn auch nur schwach besser beleuchtet. Alles war still, woraus man schließen konnte, dass die Versammlung noch im nicht zuende war. Durch die Aussicht auf Freiheit beflügelt, eilten die Kinder immer weiter.

Der Korridor stieg rasch an und immer öfters wehte eine frische Brise um die Gesichter der beiden. An den Seiten der Gänge standen Skulpturen von Zauberern und Hexen, oftmals wie ihnen andere Menschen zu Füßen lagen oder sie von diesen bedient wurden. #Muggel!# Auch zahlreiche Gemälde waren zu sehen. Alles in diesem Schloss passte in das Klischee der muggelfeindlichen und blutvernahtischen Todesser. „Das ist einfach nur krank!" Angewidert wandte Lisa ihren Blick von der ´Dekoration´ ab.

„Harry?" „Ich weiß! Wir waren hier schon ein Mal!" Fluchend blieb er stehen. Die Euphorie, welche sie nach dem Verlassen der Kerker verspürt hatten, war schon lange abgeklungen. Ihr Weg wurde immer wieder von Schreien der Todesser begleitet, welche scheinbar nicht ganz zu Toms Zufriedenheit gearbeitet hatten. Sie versuchten immer möglichst weit von der Quelle des Lärms weg zu bleiben, doch langsam wurde klar, dass der Ausgang in der Nähe der Versammlungshalle liegen musste. „Diese Burg ist einfach riesig! Wie sollen wir hier bloß jemals rausfinden?" „Lass den Kopf nicht hängen!", tröstete Lisa ihn. Beim letzten Mal sind wir links abgebogen. Lass uns dieses Mal rechts lang gehen!"

Sie liefen eine Weile durch die Stillen Gänge, bis erneut, und dieses Mal viel näher, Schreie erklangen. Angst schnürte den Beiden die Kehlen zu, als Stimmen laut wurden. Hatten sie zu lange gebraucht? War die Versammlung vorbei? Verzweifelt klammerten sich ihre Blicke aneinander. Dann fingen sie an zu rennen. Rechts, links, links, rechts, Sackgasse. Den ganzen Weg zurück. Doch schon bald verabschiedeten sich ihre Kräfte.

Es war wirklich eine Wunderleistung, dass sie bis hier hergekommen waren, wo ihre Kräfte doch schon in dem Kellerlabyrinth am Ende gewesen waren. Doch der Blutverlust Harrys und die vielen Jahre, die Lisa sich schon nicht mehr richtig bewegt hatte, machten sich nun endgültig bemerkbar.

Ein lautes Krachen ertönte. Fußgetrappel. Ploppen von disapperieenden Todessern. Alles ganz in der Nähe. Panik fesselte Harrys Gliedmaßen und er lehnte sich an die steinerne Wand. Es war zu spät. Die Diener Toms würden sich jetzt sicher abreagieren wollen. Und zwar indem sie Gefangene folterten und ermordeten. Es würde also nicht mehr lange dauern bis ihr Fehlen bemerkt wurde.

„Ich geh da nicht wieder runter. Wir sind so weit gekommen, da schaffen wir das letzte Stück auch noch!" Entschlossen blickte Lisa ihren Freund an. In ihren Augen war wieder ein kämpferisches Funkeln erwacht. Sie schnappte sich eine der herumstehenden Skulpturen und ging zu einem Fenster. Kräftig ausholend schlug sie es ein. Mit einem lauten, splitternden Geräusch ging es zu Bruch. Sie atmete die frische Luft ein und blickte sich draußen um. Es finstere Nacht und sehr kalt. Ein voller Mond und Sterne schmückten den Himmel. „War ja klar, dass so eine Versammlung an Vollmond stattfindet", meinte sie spöttisch.

Harry sah sie entsetzt an. Er hörte die Rufe der Todesser und wie das Fußgetrappel immer näher kam. Ein zersplitterndes Fenster war auch weder leise, noch unauffällig. „Was immer du auch vor hast, beeile dich lieber. Deine Aktion ist nicht unbedingt unbemerkt geblieben!" Doch das Mädchen ließ sich nicht stören. Sie genoss den Moment in vollen Zügen. # Endlich frische Luft, Natur, Mond, Sterne...#

Dann blickte sie sich aufmerksam um. Sie waren irgendwo im Gebirge. Die Burg war von Bergen umgeben und schien teilweise in sie überzugehen. Wenn man aber in die andere Richtung guckte, konnte man eine Lücke zwischen den riesigen Felsen sehen. Diese war mit einem gewaltigen Fluss ausgefüllt, der scheinbar aus einer Höhle in einem Berg heraus floss, an der Burg entlang führte und dann seinen Weg wohl unterirdisch fortsetzen musste. # Wenn man diesen Fluss überquert, hätte man es geschafft. Alle Hindernisse wären überwunden und man wäre frei! Aber wie sollen wir das anstellen? #

Das Fenster lag an einer Stelle, an der die Burg in einen Berg überging. Unter ihr der reißende Strom. # Der Berg ist ungefähr drei Meter entfernt. Drei Meter... So weit bin ich schon mit acht Jahren gesprungen...# „Harry, wie fit fühlst du dich?" „Gar nicht fit, aber blendend im Vergleich, wie ich mich fühlen werde, wenn die Todesser uns in die Finger kriegen!" Sie grinste ihn an. „Gut. Dann springen wir."

Sie kletterte auf den Fenstersims und weg war sie. „LISA!" Harrys Herz setzte aus. Er stürzte zum Fenster und blickte hinaus. Unter ihm eine gewaltige Stromschnelle. „Nein! Bitte nicht!"

„Harry! Ich bin hier. Du musst springen!" Die Erleichterung, dass sie noch am Leben war hielt nur für wenige Sekunden an und machte dann Platz für pures Entsetzten. Er war noch nie gut in Sport gewesen. Zwar ganz gut im Laufen, aber ansonsten... Und vor allem in seiner jetzigen Verfassung. Ihm war ganz schwummrig vor den Augen. „Geh ohne mich! Ich schaffe das nicht. Aber bitte geh und bring dich in Sicherheit. Ich komme schon klar!"

„Spinnst du? Entweder beide oder keiner! Ohne dich wäre ich nie so weit gekommen. Aber ich geh da nicht wieder runter, also beweg gefälligst deinen Arsch hier rüber!" Ihre Augen funkelten zornig und ihre Wangen waren leicht gerötet. Er blickte den Korridor entlang. Die Burg war riesig, deswegen hatte man sie noch nicht gefunden. Aber das würde nicht lange so bleiben. „SOFORT!"

# Verdammt! Bin ich nun ein Gryffindor oder nicht? # Mühsam hievte er sich hoch und schaute zu Lisa. Sie war bereits ein Stück weiter geklettert, um für ihn Platz zu machen. Er nahm Schwung und stieß sich ab. Doch seine Beine gaben unter ihm nach und er rutschte ab. Mit einer Hand bekam er gerade so die Felswand zu fassen. Lisa schrie. Sein Herz raste. # Nicht nach unten blicken! #

„Gib mir deine Hand! Nimm meine Hand!" Verzweifelt versuchte der Junge mit seinen Füßen halt zu finden. „Lass mich nicht allein, Harry! Tu mir das nicht an!" Diese Worte berührten ihn. Alles andere war vergessen. Jemand brauchte ihn! Eine ungeahnte Kraft breitete sich in seinem Körper aus. Seine Füße fanden halt. „Ich lass dich nicht allein!"

Immer weiter kletterten sich nach seitlich nach oben. Weg vom Fenster. Der Fels war nicht sonderlich glatt und sie kamen erstaunlich schnell voran. Doch dann hörte Harry etwas, dass ihm, an den Rand der Verzweiflung brachte und Tränen in die Augen trieb. # Ich will noch nicht sterben! # Rufe drangen an seine Ohren und als er zurück blickte, sah er Gestalten in schwarzen Umhängen am Fenster stehen. Die Todesser hatten sie gefunden! „Mach schneller! Sie haben uns!" So leicht würden sie sich nicht geschlagen geben! Sie waren so weit gekommen! Bunte blitze schossen an ihnen vorbei, verfehlten sie aber zum Glück.

„Nicht schießen! Seit ihr verrückt? Dann stürzen sie ab und sind Tod!" „Aber sie können nicht mehr abhauen!" Die Kinder nutzten den Streit der Todesser aus und kletterten immer weiter. Als Harry an eine besonders stabile Stelle gelangte, zog er Wurmschwanz´ Zauberstab und richtete ihn auf die Menge am Fenster: „Stupor! Stupfey!..." Mehrere Zauber schickte er zu den Todessern. Und traf. Wahrscheinlich waren sie zu verwundert über die Tatsache, dass er einen Zauberstab hatte. Wie in Zeitlupe sah Harry drei oder vier von ihnen aus dem Fenster fielen. Noch bevor sie mit dem Wasser in Berührung kamen, schnellten Fangarme hervor und zogen sie in den Fluss.

„Lasst mich durch!" Die hohe, kalte Stimme war unverkennbar. Harry, der noch vor Schreck gelähmt auf die Stelle starrte, wo die Todesser verschwunden waren, schrie auf. Doch es war zu spät. Er sah nur noch wie Lisa von einem blauen Strahl getroffen wurde. Langsam sah er zum Fenster und blickte dem Dunklen Lord in Gesicht, als auch er von einem blauen Blitz getroffen wurde.