"Ich wünschte, Ginny könnte das sehen", sagte Danny zu Jo, als sie vor Mac´s Büro standen. Jo schniefte vernehmlich, "ja, ich auch." Mo war inzwischen eingeschlafen und Mac hatte sie auf seine Couch gelegt. Er deckte sie mit seiner Jacke zu und schob einen Stuhl vor, damit sie beim Schlafen nicht herunterfallen konnte. Er setzte sich wieder an seinen Schreibtisch und kümmerte sich um seinen Papierkram. Allerdings warf er nebenbei immer wieder ein wachsames Auge auf die Kleine.
Mit einem leisen "Hey," betrat Danny Mac´s Büro. "Wir haben was Neues in Bezug auf den Mord in der Bar, es taucht immer wieder ein Bill Norton in den Befragungen auf, er kannte alle drei Opfer. Flack ist auf der Suche nach ihm." "Flack? Und was ist mit Snider?" fragte Mac, "Nachdem Ihr wieder miteinander redet, haben wir ihn nach Hause geschickt, ich nehme an, das war in Deinem Sinn." Mac grinste ein bisschen, das war es tatsächlich. "Was ist eigentlich mit Moiras Mutter? Kümmert sie sich genug um die Kleine? Mo scheint sie sehr zu vermissen." stellte Mac fest. "Sie vermisst auch ihren Dad", sagte Danny leise und Mac meinte einen unterschwelligen Vorwurf zu hören. "Jennifer war bei einem Vorstellungsgespräch und das ist gut gelaufen, sie hat den Job. Ich kann Mo jetzt mit nach Hause nehmen, dann stört sie Dich nicht länger." "Moira stört mich nicht, Danny, ganz im Gegenteil. Du kannst mir den Kindersitz dalassen und ich bringe sie dann, wenn sie aufgewacht ist, wäre das in Ordnung?" bot Mac spontan an. "Du magst Sie", grinste Danny breit und Mac erwiderte, "wer könnte sie denn nicht mögen, sieh sie Dir doch an." Vielleicht solltest Du noch ein bisschen genauer hinsehen, dachte Danny so für sich. "Dann machen wir es so", nickte Danny und verlies das Büro.
Als er mit dem Sitz aus der Tiefgarage kam, stieg Ginny im Erdgeschoss zu. "Ja hallo, was machst Du denn hier?" fragte Danny überrascht. "Ich stelle mich meinen Dämonen. Pychiater nennen sowas 'Konfrontationstherapie'. Ich muss endlich mit Mac reden." Ginny atmete tief durch, Danny merkte, daß sie Angst hatte. "Hey, Mac hat mich gebeten, den Sitz dazulassen, Deine Kleine schläft selig in Mac´s Büro, er hat sich rührend um sie gekümmert. Kein Grund zur Panik, Gin. Es wird alles gut." Ginny lächelte, "Du bist ein netter Kerl, Danny, Lindsay hat Glück gehabt, mit Dir." "Da ist sie sich manchmal nicht so sicher", witzelte er. "Soll ich später zu Mac oder soll ich ihm den Sitz gleich bringen?" "Ich rede gleich mit ihm, irgendwann muss es ja sein", sagte Ginny entschlossen. "Ich drück Dir die Daumen", antwortete Danny als sich der Aufzug öffnete.
"Ich wollte meine Tochter abholen", sagte Ginny leise und betrat Mac´s Büro. Mac schaute auf, konnte das wahr sein? Ginny? Sie sah anders aus als früher, fast dürr, war sie, ihre Haare trug sie kürzer und das dunkle Braun hatte jetzt einen rötlichen Schimmer. Aber sie war unzweifelhaft seine Ginny. "Du bist "Jennifer"?" fragte er tonlos und plötzlich ergab alles einen Sinn. Er stand auf und ging zu ihr hin, "Mo ist meine Tochter?" "Ja", sagte Ginny einfach, "warum hast Du mir das nicht gesagt? Verdammt, Ginny, ich habe ein Recht auf sie." "Du tust mir weh, Mac" kam es ruhig von Ginny, Mac hatte angefangen sie zu schütteln. Sofort liess er sie los, "warum? Konntest Du mir nicht einfach vertrauen, Gin? Du wolltest mir doch gar keine Chance geben, zu erklären, daß da gar nichts war, zwischen Stella und mir. Warum hast Du gesagt, Du liebst mich, wenn es nicht so ist?" Mac´s Tonfall war scharf aber leise, auf keinen Fall wollte er Moira wecken. Ginny versuchte nicht zu weinen, so viele Vorwürfe hatte sie nicht erwartet. Sie erkannte, daß sie nicht die Einzige war, die Verletzungen davon getragen hatte, Mac´s Schmerz war noch um einiges tiefer als ihrer. "Mama", sagte Mo plötzlich und setzte sich auf. "Mein Schatz, gehts Dir gut?" Ginny nahm ihre Tochter hoch, "Mama da", lächelte die Kleine Mac an und er lächelte zurück. "Das hab ich Dir doch versprochen, Mo", er strich über ihre Locken, "kann ich sie regelmäßig sehen oder muss ich mir einen Anwalt nehmen, Gin?" "Hältst Du mich für so boshaft, Mac?" fragte Ginny entsetzt, das hier war der worst case, wie konnte das so aus dem Ruder laufen? "Ich weis nicht, was ich denken soll, Ginny, hättest Du mir denn jemals von Moira erzählt? Hättest Du?"
Danny stand unschlüssig vor der Tür, das da drin sah nicht gut aus, konnten sich die Beiden nicht einfach in die Arme nehmen? "Flack? Ich bin´s, Messer, Du kommst am Besten sofort her, Ginny ist bei Mac und irgendwie läuft da was quer", Danny fühlte sich besser, nachdem er Don angerufen hatte.
"Ich weis es nicht, Mac", sagte Ginny ehrlich, "dann weis ich jetzt, was ich wissen muss", antwortete Mac ernüchtert. Moira schaute die ganze Zeit zwischen Mac und ihrer Mutter hin und her, "Mac lieb, Mama", sagte sie laut und vorwurfsvoll und streckte ihre Arme nach Mac aus. "Ich kann sie Dir nachher vorbeibringen, ich nehme an Du wohnst bei Don?" Ginny nickte, "bis ich was Eigenes habe, ab dem nächsten Ersten habe ich einen Job als Kostümbildnerin." Sie reichte Mac seine Tochter, "Du darfst noch ein bisschen bei Mac bleiben, Süsse, in Ordnung?" "Ich werde gut auf sie aufpassen, Ginny. Und ich wollte Dich vorhin nicht so.., es tut mir leid." "Ja, das tut es mir auch", erwiderte Ginny traurig und ging.
"Ginny!" rief ihr Jo hinterher und zerrte sie vom Aufzug weg. "So schlimm?" Jo wusste von Danny, das Gin bei Mac war, die sollten sich aber doch versöhnen und keinen Streit vom Zaun brechen. "Kommen Sie mit, wir trinken erst einmal einen Tee, in Ordnung?" "Ich glaube er hasst mich, Jo", sagte Ginny kaum hörbar und Jo legte den Arm um sie. "Mac Taylor hasst niemanden, Ginny. Vielleicht ist er wütend, ganz sicher ist er verletzt, aber er hasst Sie nicht, Ginny, bestimmt nicht." "Sie haben ihn eben nicht gehört, er wollte wissen, ob er einen Anwalt braucht, wegen Mo, einen Anwalt!" Jo lies sie erst einmal hinsetzen. Mit zweimal Tee bewaffnet kam sie ein paar Minuten später wieder zurück in ihr Büro. Ginny sah immer noch furchtbar aus, aber wenigstens hatte sie nicht geweint. "Hier", sagte Jo und reichte ihr den Becher. "Wie lange würde ich kriegen, wenn ich Stella erschiessen würde?" fragte Ginny bitter. "Aber vielleicht hat Mac ja recht, sie hätte nie einen Keil zwischen uns treiben können, wenn wir uns wirklich geliebt und vertraut hätten." "Das ist kompletter Unsinn und Sie wissen das. Sie lieben Mac und er liebt Sie. Geben Sie doch jetzt nicht auf, Ginny. Natürlich können Sie beide nicht einfach vergessen, was war und zwei Jahre sind eine lange Zeit. Mac hat einiges zu verarbeiten, seien Sie geduldig Ginny. Ausserdem sind Sie eine attraktive Frau, das ist doch kein Nachteil, verstehen Sie was ich meine?"
Mac drückte seine Tochter an sich und küsste sie auf die Stirn. Wie hübsch sie ist, dachte er, genau wie Ginny. Er nahm auch eine Ähnlichkeit mit sich wahr, besonders wenn Mo ernst schaute, so wie jetzt, aber in erster Linie sah er Ginny in ihr, Ginny, die er gerade böse abgekanzelt hatte, dabei hatte sie ihm doch das größte Geschenk gemacht, das er sich vorstellen konnte. "Dein Daddy ist ein Idiot, Mo, ein ziemlich großer sogar", sagte er laut und Mo giggelte, "Idod", plapperte sie nach. Na toll, dachte Mac, das Erste, was mein Kind von mir lernt, ist ein Schimpfwort.
"Möchtest Du Kakao, Schätzchen?" fragte er und Mo nickte begeistert, "Kau", "dann sehen wir mal, ob in der Küche welcher ist, was meinst Du?" Tatsächlich wurde Mac fündig und machte die Milch warm. "Ich habe gehört, wir haben eine neue Mitarbeiterin?" fragte Sheldon, als er in die Küche kam. "Hallo Kleine", Moira schaute Hawkes forschend an, den hatte sie noch nicht gesehen. "Mo", sagte sie und hielt den Kopf ein bisschen schräg. Hawkes lachte, "ich bin Sheldon, Shel-don", "De-lon" wiederholte sie angestrengt und Hawkes strubbelte ihre Haare, "fast, Kleine. Sie ist niedlich, Mac. Herzlichen Glückwunsch." "Danke, auf den Flurfunk kann man sich immer verlassen, oder?" Mac rührte in der Tasse, bis sich der Kakao aufgelöst hatte. "Kannst Du das schon alleine?" fragte er, "Du solltest besser die hier nehmen, ist schonender für Dein Hemd. Hallo Sheldon," Ginny kam mit Mo´s Schnabeltasse in die Küche. "Ich muss noch was erledigen, bye Ginny, schön Sie zu sehen", Hawkes machte sich aus dem Staub, er wollte auf keinen Fall stören. "Du bist noch da?" Mac war überrascht, "Don holt mich in einer halben Stunde ab, ich hab mich mit Jo unterhalten." "Das mit vorhin, ich habe das mit dem Anwalt nicht ernst gemeint, Ginny, ich war nur..., könntest Du es einfach vergessen, bitte?" sagte Mac unsicher, er war noch nie gut in solchen Dingen. "Ihr könntet zu mir ziehen, Moira und Du. Bei mir ist Platz genug, das weist Du. Ihr wäret gut aufgehoben, im großen Gästezimmer. Ich hab so viel verpasst, Ginny. Denk wenigstens drüber nach, wegen Mo." "Ich muss darüber schlafen, Mac. Ich kann das nicht sofort entscheiden." Ginny war sich nicht ganz schlüssig darüber, ob sein Vorschlag eine gute Idee war, aber nach einem intensiven Gespräch mit Jo war sie sich sicher, sie wollte Mac wiederhaben. Und sie würde ihn wiederkriegen, ganz sicher.
