Kapitel 10
Wie die Ruhe vor dem Sturm kamen dem Purifier die nachfolgenden Wochen vor. In der Öffentlichkeit verlor er selten die Haltung. Die meisten Necromonger kannten ihn eigentlich nur als den immer gefassten, tief im Glauben verwurzelten Mann, der neben den obersten Commandern dem Lord Marshal am nächsten stand. Die Wut, die er der Novizin gegenüber an den Tag gelegt hatte, führte man schnell auf die Anspannung vor dem Großereignis zurück, das letztendlich aus der diesjährigen ‚Ernte' geworden war. Niemand ahnte, unter welcher Anspannung der Purifier nun stand – und er hütete sich, seine Emotionen noch einmal so offen zu zeigen. Der Klatsch um ihn, die Mutter Oberin und ihr Verhältnis zueinander legte sich gerade wieder, es wäre ein Fehler gewesen, ihn nun durch unüberlegte Aktionen wieder zu entfachen.
Auch brauchte die Mutter Oberin nicht mehr persönlich jede Woche bei ihm vorsprechen, ihm genügte es, wenn eine Schwester oder Novizin die Daten bei Alsie abgab. Er zog sich weitestgehend zurück und bereitete die Konvertierung derjenigen vor, die im Aquila-System auf ihre Eroberung ‚warteten'. Acht Millionen Siedler lebten dort, vielleicht schloss sich ihnen eine Million davon an. Realistischer war zwar nur eine halbe Million, aber man konnte nie wissen… Der Ruf der Necromonger eilte der Armada schon seit Monaten voraus und dem Lord Marshal war es egal, ob man sich ihm aus Überzeugung oder Angst anschloss, eine Einstellung, die nicht von allen Höflingen und Commandern geteilt wurde. Oder gar vom Purifier.
Er hatte sich zunächst auch nur aus Angst um sein Leben für die Konvertierung entschieden – zwar vorbereitet von einem Elemental, aber eben letztendlich doch hauptsächlich aufgrund der unendlichen Furcht, die er mit gerade einmal neunzehn Jahren empfunden hatte. Verwirrt, ängstlich und unsicher war er gewesen, als man ihn vor über zwei Jahrzehnten aufgegriffen hatte. Wie ein Segen war es ihm erschienen, als sie ihm die Schmerzen nahmen und er begann bald, so etwas wie Dankbarkeit zu verspüren, entschied sich für den Weg des Glaubens und kam so dem Lord Marshal immer näher. Irgendwo in seinem Hinterkopf spukte noch der Auftrag herum, den Schlächter seines Volkes zu beseitigen, aber erst durch die Mutter Oberin war ihm dieser wieder ins Bewusstsein zurückgebracht worden.
Das Leben, das er vor seiner Konvertierung geführt hatte, mag kurz und schmerzhaft gewesen sein, aber er hatte es geführt. Frei, bis zum Tod seiner Eltern auch beschützt, wild, ungestüm, beinahe vergessen. In den letzten Wochen hatte er sich immer öfter daran erinnert, wie er als Kind mit Freunden herumgetollt war, eine unglückliche Schwärmerei mit gebrochenem Herzen überstanden hatte und nun… nun existierte das alles nicht mehr. Wie seltsam leer und hohl doch alles geworden war… Wenn das Underverse wirklich besser war, würde er dann endlich wieder leben? Fühlen, was er aufgegeben hatte, um ein Leben, ausgerichtet auf den Tod, zu führen?
Die Furyaner waren ein Kriegervolk. Manche sprachen auch von einer eigenen Rasse, Ergebnis von Genmanipulationen viele Jahrhunderte zuvor, als die Menschheit erst wenige Systeme in diesem Universum bevölkerte. Ihr Leben war ausgerichtet auf den Kampf – und das Überleben. Seine Mutter hatte ihm einmal erzählt, nach dem Tod gäbe es ein weiteres Leben und in diesem würde er all jene wieder treffen, die ihm bereits vorausgegangen seien. Alte Feindschaften wären dort vergessen, man könne noch einmal von vorn beginnen. Er erinnerte sich, damals gefragt zu haben, warum sich dann alle so verzweifelt an ihr derzeitiges Leben klammerten. Eine Antwort hatte er nicht bekommen. Erst die Necromonger hatten ihm bewiesen, dass es wirklich ein Leben nach dem Tod geben konnte, für alle, die sich über die Schwelle wagten.
Fast jede Nacht, in denen es ihm überhaupt gelungen war, einzuschlafen wachte er schweißgebadet auf. Immer öfter versank er in seinen Grübeleien, fragte sich, welchen Weg er gehen solle und wer er eigentlich wirklich tief im Inneren war. Das Wort ‚Glaubenskrise' traf nicht einmal ansatzweise die Hölle seiner Gedankenwelt. Wie musste es da sein, jeden Tag von dem unreinen aber ungestümen Leben der Kinder und Jugendlichen umgeben zu sein, wie es die Schwestern waren? Kein Wunder, dass sich die Schwestern und ihre Mutter Oberin dafür entschieden hatten zu fliehen und den Kindern zu ersparen, was ihnen angetan worden war.
Je näher die Armada dem Aquila-System kam, desto länger blieb er abends in seinem Amtszimmer. Er zwang sich jeden Tag aufs Neue, zumindest für ein paar Stunden zurück in seine Gemächer zu kehren. Auch wenn er dort meist nur in einem Sessel saß und die Gedanken fortführte, die ihn schon am Tag quälten. Aber es war wichtig, die Haltung zu bewahren. Allein schon, um nicht wieder Mittelpunkt des Geschwätzes zu werden, mit dem sich die Höflinge die Zeit vertrieben. Oder den Lord Marshal misstrauisch zu stimmen.
Am Vorabend der Invasion von Aquila Major zwang sich der Purifier, noch vor Mitternacht sein Amtszimmer zu verlassen. Gerade jetzt brauchte er das Gefühl von Normalität dringender denn je. Als er die vermummte Gestalt wahrnahm, die sich im Schatten einer Säule vor seinem Quartier herumdrückte, seufzte er innerlich. So viel dann zu einem ruhigen Abend. Er blickte der Frau im Vorübergehen kurz ins Gesicht, dann öffnete er seine Tür und hielt sie offen, bis sie vor ihm hineingegangen war.
Sie war mitten im Raum stehen geblieben und blickte sich schweigend um, während er begann, die Insignien seines Amtes abzulegen. „Warum die Maskerade, Teuerste…", fragte er und spielte auf den Umhang an, mit dem die Mutter Oberin sich gekleidet hatte.
„Ich glaube, heute trage ich weniger Verkleidung als in den ganzen letzten Jahren." Sie öffnete ihren Umhang und hervor kam ein schlichtes aber tief ausgeschnittenes Kleid, wie es viele der Hofdamen trugen.
Er zog anerkennend die Augenbrauen hoch und schmunzelte. „Wie gewagt… vor allem, da du wissen solltest, dass wir uns gerade jetzt nicht zu nahe kommen sollten."
Sie lächelte. „Ich dachte mir, du solltest noch einmal die Gelegenheit bekommen, mein Mal zu sehen, bevor…" Sie brach den Satz ab und trat zu ihm, woraufhin ein hell leuchtender Handabdruck auf ihrem Dekolleté sichtbar wurde.
„Wie kommst du darauf, dass ich Wert darauf legen würde?", fragte er beiläufig und zog den letzten Ring von seinen Fingern.
„Nur eine Ahnung. Und wenn nicht, kann man mir wenigstens nicht vorwerfen, ich hätte es nicht zumindest versucht", antwortete sie und zuckte leicht mit den Schultern.
„Wer sollte dir so etwas denn vorwerfen?", fragte er und wendete sich ihr nun völlig zu.
„Das Universum?" Sie lachte auf und senkte den Blick, als er vorsichtig mit der Hand über ihre Brust strich, wo das Mal der Furyaner pulsierend leuchtete.
„Du weißt, wo das endet, wenn du jetzt nicht gehst, oder?", fragte er und lächelte entschuldigend.
„Hoffentlich bequemer als beim letzten Mal…", antwortete sie leise und drückte seine Hand sanft auf ihre Brust.
Viel mehr redeten sie in der folgenden Nacht nicht miteinander. Es gab nicht mehr allzu viel, was sie sich noch hätten sagen können. Als sie Stunden später seine Räume verließ, stellte er sich schlafend. Und sie war ihm dafür dankbar.
Vielleicht hätte er wirklich mit ihr geredet, wenn sie nur einmal nicht den Kopf weggedreht hätte, als er sie küssen wollte. Oder wenn sie ihn nicht für so dumm gehalten hätte, nicht herausfinden zu können, dass sie sich eine spezielle Nano-Injektion hatte geben lassen, um einen Eisprung zu provozieren um absichtlich schwanger zu werden. Um ein Versehen vorzutäuschen und ihn erpressen zu können – oder Mitleid zu erhaschen durch die angeblich so fehlgeschlagene Abtreibung. Hierbei war er sich bis jetzt nicht vollständig im Klaren, was ihr ursprüngliches Ziel gewesen war. Vielleicht war es auch die Frechheit, ihm eine Novizin als Bote zu schicken, was ihn davon abhielt, sie zu warnen, nun war es einerlei. Die Dinge hatten ihren Lauf genommen.
Fasziniert starrte er auf den runden Monitor und beobachtete, wie die Explosion das Schwesternschiff erst in einem grellen Feuerball auseinander riss, bevor infolge des Sauerstoffdefizits im All alle Flammen erstickten und nur noch dunkle Trümmerteile zu erkennen waren. Er reagierte nicht einmal, als der Lord Marshal neben ihn trat, bevor er von diesem angesprochen wurde: „Wie jammerschade. Dabei hatten sie so gute Arbeit bei der Erziehung geleistet…"
„Sie hatten die Wahl. Und sie haben sich entschieden", entgegnete der Purifier seinem Herrn ungerührt.
„Glaubst du, sie hätten sich entschlossen zu bleiben, wenn sie von der Bombe gewusst hätten?", fragte der Lord Marshal und beobachtete den Mann an seiner Seite auf jede Reaktion hin. Er wusste, dass der Purifier wenig von der Alternative Konvertierung oder Tod hielt.
„Nein, ich denke nicht", antwortete der Purifier immer noch äußerlich gelassen und wendete sich dem aktuelleren Geschehen auf Aquila Major zu, wo gerade die Bodenoffensive in die entscheidende Phase überging.
Der Lord Marshal runzelte die Stirn. Als der Purifier nach der ‚Ernte' ein zweites Mal zu ihm gekommen und vorgeschlagen hatte, den Auslöser für einen Ionentarnschild mit einer Explosivladung am Antrieb des Schwesternschiffes zu koppeln, hatte der Oberste der Necromonger seinen Berater zunächst für verrückt gehalten. Sicher, es gab Differenzen zwischen dem Schwesternorden und dem Rest der Gemeinschaft, dennoch hatte der Lord Marshal niemals vermutet, dass die Schwestern wirklich ernsthaft an Flucht dachten. Aber das Schiff hatte die Formation der zivilen Begleitschiffe der Armada verlassen und den Tarnschild aktiviert. Und damit auch gleichzeitig die Kettenreaktion in ihrem Reaktor ausgelöst.
Diese Tragödie würde natürlich öffentlich betrauert werden. Und der Lord Marshal würde erklären, dass er keine weiteren Kinder in die Gemeinschaft aufnehmen werde, da nun niemand mehr da sei, der ihnen so kompetent und aufopferungsbereit die Werte der Necromonger vermitteln könnte, wie es die Schwestern getan hätten. Man würde den Schwesternorden in ehrenvollem Andenken behalten, aber nicht wieder beleben, da es unmöglich erschiene, je an das heran zu reichen, was die Schwestern in den Jahren seit Baylock aufgebaut hatten.
Abgesehen davon nahm sich der Lord Marshal vor, den Purifier noch genauer im Auge zu behalten. Wer sich so derart emotionslos bei dem Tod seiner Mätresse zeigte, vermochte alles zu verbergen. Oder war wirklich völlig ohne Skrupel. Auf jeden Fall nicht zu unterschätzen, aber das hatte er spätestens jetzt auch nicht mehr vor, zu riskieren.
Für den Purifier stand fest, dass er sich nun sehr intensiv nach einem Alpha-Furyaner umschauen würde. Er wusste zwar nicht so recht, wie er einen solchen erkennen sollte, aber das würde sich früher oder später ergeben. Er hatte Zeit. Und für die wirklich wichtigen Dinge im Leben sollte man sich doch Zeit nehmen, oder etwa nicht?
ENDE
A/N: Ich weiß, dass die Prophezeiung explizit von einem männlichen Furyaner sprach, aber das müssen ja der Purifier und die Mutter Oberin nicht unbedingt gewusst haben. Außerdem, wer sagt denn, dass die Elementals nicht genau wussten, dass der Purifier erst eine kleine Aufrüttelung bräuchte, bevor er genau das tun würde, wofür er vorgesehen war?
Ich hoffe, diese Geschichte hat dem einen oder der anderen wenigstens etwas gefallen, auch ohne Riddick. Anmerkungen, Kritik, Hinweise auf Fehler: alles gern gesehen!
Ich verbeuge und verabschiede mich bis zur nächsten Geschichte,
Eure silverbullet27
