Jeder Mensch erfindet sich früher oder später eine Geschichte, die er für sein Leben hält."

(Max Frisch)

Der Raum der Wünsche hatte sich den Anforderungen der Benutzer angepaßt. In der Mitte lag Harry, verletzlich und aufgebahrt, mit starken Schmerz- und Beruhigungsmitteln fast außer Gefecht gesetzt. Er konnte seine Körpertemperatur nicht allein kontrollieren, fror ständig und daher flackerte nun ein Feuer im Kamin vor sich hin. Wer sich die komischen Ohrensessel gewünscht hatte, konnte Hermine sich denken. Nick hatte noch nie Geschmack gehabt. Am anderen Ende des Raumes war ein langer Tisch, ein Kessel und eine große Anzahl von Utensilien für das Tränkebrauen.

Mit finsterem Gesicht und abgehackten Bewegungen bereitete Severus Snape den Trank zu, in den er offensichtlich seine letzten Hoffnungen gesteckt hatte. Unermüdlich, mit klinischer Präzision und unglaublicher Geschwindigkeit schälte, hackte, quetschte, maß, würfelte, mahlte, wog er Zutaten und legte sie in bestimmter Reihenfolge auf den Tisch.

Harry befand sich in einem seltsam halbwachen Zustand. Seine grünen Augen waren weit aufgerissen und schienen die Farbe zu rot wechseln zu wollen. Man konnte sehen, wie es in ihm tobte. Plötzlich wurde sein Blick starr und die Augen rollten nach oben. Dann fing er an, rhythmisch zu krampfen. Er sprach überhaupt nicht auf sie an also rief sie Nikolai herbei.

Hermine wollte ihn festhalten, aber Nikolai hielt sie davon ab. Stattdessen verabreichte er ihm ein krampflösendes Mittel über den Zugang, beobachtete, wartete.

Snape schien gefroren zu sein. Kalkweiß und mit Schweißperlen auf der Stirn stand er vor seinem Kessel. Harry kam langsam zu sich. Nick redete mit seiner tiefen, immer etwas zu rauchigen Baßstimme auf ihn ein, während er seinen Puls fühlte und ihm Schleim aus dem Hals saugte. Ein Anapneo wäre zwar schneller und effektiver gewesen, aber Harrys Körper vertrug kaum noch Magie, was bei Zauberern ein sicheres Zeichen des bevorstehenden Todes war. Harry war benommen und seine Stimme klang schwach und etwas belegt. 'Bitte nicht,' bettelte er und klang nun um einige Jahre jünger. 'Bitte nicht, Onkel Vernon, ich habe alles geschrubbt. Ohne Handschuhe, sieh…' und Harry hob seine Hände. 'Aber… AU!' Er hielt seine Hand und keuchte.

Dann öffnete er wieder die Augen und sah direkt in Snapes Richtung. 'Sir… Professor. Ich habe sie alle geschrubbt, ohne Handschuhe. Darf ich jetzt bitte… Ich habe seit einer Woche nichts gegessen?' Snape war immer noch erstarrt, während Hermine versuchte, Harry etwas Trost zu spenden.

'Hermine,' sagte Harry und sein Gesicht war ein einziges Fragezeichen; 'Professor Snape hat meine Mutter geliebt, stell dir das vor. Ich frage mich warum… warum er nicht mal nach mir gesehen hat, während ich bei den Dursleys halb verhungert bin in diesem verdammten Besenschrank. Er war sicher zu beschäftigt. Sie sind immer sehr beschäftigt, diese Erwachsenen…' Hermine trocknete Harry die Stirn. Sie war kalt und trotzdem schweißnass, gab ihm einen Schluck Wasser. Sie wußte auch nicht, was sie sagen sollte und konzentrierte sich darauf, jetzt nicht zu heulen.

Nikolai erhöhte die Morphiumdosis und befahl Harry zu schlafen, es sei alles in Ordnung.

'Aber Voldemort, ich muß doch kämpfen…'

'Er ist tot, Harry. Geh schlafen, du mußt dich jetzt ausruhen.' Harry drehte seinen Kopf zur Seite und schlief wieder ein.

Nikolai räusperte sich. 'Dies ist der Zeitpunkt and dem ich die Angehörigen frage, ob sie Absch-'

'Hier stirbt niemand,' sagte Snape eisern. Sein Gesicht war starr und grau. Man konnte keine Gefühlsregung sehen und doch hatte sie das Gefühl, daß sie den Raum mit einer Zeitbombe teilte. Und sie wußte nicht, ob sie das rote oder das gelbe Kabel zerschneiden sollte.

Sie entschied sich, Snape bei der Zubereitung zu helfen.

Er bellte Anweisungen und sie folgte ihnen so schnell sie konnte, während Nick alles tat um Harry am Leben zu halten.

'Die Drachenleber muß noch kleiner geschnitten werden.' Hermine verwendete eine bestimmte Art zu schneiden, die sie in einer Kochsendung gelernt hatte und Snape war zufrieden mit der Größe.

'Mehr Mondsteinpulver. Ich dachte, das liegt auf der Hand.' Hermine fügte zwei Messerspitzen hinzu und das Gebräu kochte fast über.

Hermine sah auf das Pergament neben dem Kessel und fügte Wermutkraut hinzu.

Jetzt kam es darauf an, präzise zu rühren und die Temperatur so niedrig wie möglich zu halten. Das Rührschema war eine einfache Fibonacci-Folge. Die jeweils folgende Zahl ergab sich durch Addition der vorherigen. Einmal im Uhrzeigersinn, einmal dagegen, zweimal im Uhrzeigersinn, dreimal dagegen, fünfmal im Uhrzeigersinn und so weiter.

Harry wachte wieder auf. 'Ich kann sie schreien hören, Professor. Hier sind Dementoren im Raum. Ich kann meine Mutter schreien hören. Waren Sie da… in der Nacht als…' und dann verstummte Harry wieder, mitten im Satz. Aber der Schaden war angerichtet. Hermine sah, daß Snape sich entweder verrechnet hatte, oder vergessen hatte zu rühren. Warum auch immer, aber der hellblaue Trank wurde mit rasender Geschwindigkeit dunkel und klumpig. Unbrauchbar.

Severus Snape zog seine Hände zurück. Er legte seinen Kopf schräg und sah auf das schlammähnliche Gebräu, welches zusehends dicker wurde. Schwarze Klümpchen, die Harry umgebracht hätten, hätte man versucht, das Zeug durch seine Venen zu jagen, schwammen im Kessel.

Die Zeit schien für einen Moment stillzustehen und Hermine hatte das Gefühl, daß es wohl das beste wäre, wenn sie sich in Sicherheit bringen würde.

Instinktiv ging sie einen Schritt zurück. Das war auch gut so, denn im nächsten Moment flog der Kessel mit dem mißratenen Gebräu an ihr vorbei und sickerte langsam an der Wand herunter. Als sie seine Wut sah, trat sie einen Schritt zurück, hob instinktiv die Arme um ihr Gesicht zu schützen und kam sich sofort so sehr lächerlich vor. Die Geste schien Snape nur noch mehr in Rage zu versetzen. Ratlos ließ sie die Arme wieder hängen, wandte sich ab und versuchte das Geräusch zu ignorieren, welches aus seiner Richtung kam, denn es war ihr zu... ja was eigentlich. Wahrscheinlich zu menschlich.

Mit hastigen Schritten ging er an ihr vorbei und sie roch Schweiß und Angst. Schwer ließ er sich in einen Sessel fallen, und beugte sich leicht vor, als sei ihm übel. Das schwarze Haar bedeckte sein Gesicht, was wohl eine wichtigere Botschaft übermittelte als das Gesicht selbst es je getan hatte. Hermine war unwohl.

Sie spürte Nikolais Blick auf sich, analysierend, vielleicht sogar wertend?

Vielleicht konnte sie ja diesen Trank brauen, den Harry brauchte, auf jeden Fall konnte sie sich ablenken.

Also raspelte sie Weidenrinde, zur Blutverdünnung.

Da Harry seine Körpertemperatur nicht mehr selbst regulieren konnte, heizte ein Feuer den Raum auf, der unter diesen Umständen auch nicht besonders groß war.

Hermine sah, daß Nick von Harry abließ und sich Snape zuwandte. Er hatte diesen typischen Grangerschen Gesichtsausdruck, den sie selbst trug, wenn sie sich einer neuen Herausforderung stellte.

Eigentlich wunderte es Hermine, daß Nikolai davon überzeugt war, nichts mehr für Harry tun zu können, denn dies war überhaupt nicht seine Art. Sein Leben war den hoffnungslosen Fällen gewidmet, das war schon immer so gewesen. Als er noch Chirurg war, operierte er die inoperablen Tumoren aus Kinderköpfen und erst mehreren Jahren und unzähligen Toten hatte er aufgegeben. Nur um seine ganze Energie in eine ganz bestimmte Art Mensch zu stecken. Nämlich schwerst klinisch depressive oder mordende, oder seit dem Sandkastenalter schizophrene junge Erwachsene.

In beiden Jobs hatte er es nur sehr selten geschafft, trotz all seines Genies mal jemandem wirklich zu helfen. Und jede Niederlage nahm er mit dem arroganten, distanzierten Sphinxlächeln auf, das sein Markenzeichen war. Er biß sich an jedem hoffnungslosen Fall in immer der gleichen selbstzerstörerischen Manier fest und ließ erst los, wenn wirklich nichts mehr zu machen war. Und immer etwas zu spät. Und niemals ließ er sich anmerken, daß ihm die ständigen Niederlagen irgend etwas ausmachten. Er war das genaue Gegenteil ihres Vaters gewesen, der zwar einen genauso brillanten Kopf hatte, aber sich irgendwann auch mal mit seiner Karriere zufrieden gegeben hatte. Hermine zweifelte, daß Nick überhaupt über eine Wohnung verfügte, immer schlief er seiner Couch im Krankenhaus.

Und nun schien er sich am Rätsel Severus Snape festbeißen zu wollen. Er ging zum Whiskyregal, nahm eine Flasche heraus, zwei Gläser und setzte sich ihm gegenüber und bot ihm ein recht anständig gefülltes Glas an.

Snapes Augen verwandelten sich in zwei schwarze Schlitze. Er starrte Nick ungläubig an und Hermine wußte, daß er in seinen Geist eindrang. Sie wollte protestieren, doch Snape zog sich im selben Augenblick wieder zurück. Er wirkte seltsam bestürzt.

Nick sagte etwas und sah zu Harry, Hermine konnte es nicht hören, da der Kessel laute, zischende Geräusche von sich gab. Snape zögerte, nickte. Dann etwas über Hermine. Er zögerte wieder, nickte, atmete schwer. Nick saß da, seltsam wissend und Hermine raspelte sich mit der magisch verschärften Raspel die Fingerkuppe ab.

Sie schrie auf, steckte den Finger in den Mund und schmeckte Blut. Ziemlich viel Blut und ihr wurde übel so übel, daß sie sich setzen mußte.

Ihr Onkel stand sofort an ihrer Seite, begutachtete den Finger und redete von Fäden und verlorener Sensibilität. Hermines Blick flackerte zu Snape, der die Wunde innerhalb weniger Sekunden und ohne Narben und Fäden und Fingerkuppensensibilitätsbeeinträchtigung hätte behandeln können.

Nikolai entging dieser Blick natürlich nicht. Vielleicht hatte er es sogar genauso orchestriert, wahrscheinlich war er auch hier einen Takt voraus, man wußte es nie bei ihm.

Jedenfalls war es Severus Snape, der den Finger wieder in Ordnung brachte. Sie hielt ihren Blick die ganze Seit gesenkt, damit sie ihn nicht sehen mußte, atmete durch den Mund, damit sie ihn nicht riechen mußte.

Danach bereiteten die beiden zusammen wortlos Harrys Zaubertrank zu, dieses Mal ohne jegliche Zwischenfälle. Als der Trank fertig war und nur noch nachgaren mußte, standen Hermine und Snape unbeholfen herum.

Harry schlief und war momentan stabil. Es gab nichts zu tun außer zu warten.

'Wie lange dauert es ungefähr, bis der, äh, Zaubertrank verabreicht werden kann?' fragte Nick und warf einen Blick auf die angefangene Whiskeyflasche.

'Neun Stunden, sechzehn Minuten,' antwortete Snape unwirsch und verschränkte die Arme.

'Aber wer zählt schon mit.' Ihr Onkel Nick schien plötzlich vergnügt. Das bedeutete selten etwas Gutes. Er leerte ein weiteres Glas des Whiskeys, goß zwei Gläser für Hermine und Snape ein und setzte sich. Er blinzelte übertrieben erstaunt, als er sah, daß die beiden nicht vorhatten, es sich bequem zu machen und wohl verzweifelt nach einer Beschäftigung suchten. Das war natürlich fruchtlos, denn der Raum der Wünsche räumte sich von allein auf.

Nikolai deutete auf die beiden Sessel und die Gläser und lächelte.

'Magischer Whiskey ist extrem… Ich gehe mal davon aus, daß ihr ohne nicht zusammen in einem Raum existieren könnt?' Hermines Knie wollten ihr nicht so sehr gehorchen, plötzlich merkte sie, wie anstrengend der Tag gewesen war, also setzte sie sich. Gern hätte sie jetzt ein Buch gehabt, groß genug, um sich dahinter verstecken zu können.

Peinlicherweise wurde genau dieser Wunsch erfüllt und sie legte es nervös zur Seite und schaute zu Harry hinüber.

'Es bedarf schon sehr viel Gewalt, aus Hermine Granger ein dermaßen nervöses, depressives und selbstverachtendes Etwas zu machen.' Dann drehte Nick sich zu Snape.

'Ich gehe davon aus, daß du – entschuldige die Respektlosigkeit – ich pflege diejenigen, mit denen ich in magischen Räumen eingesperrt bin und dann herausfinde, daß sie Vater meines Neffen sind, zu duzen. Ich gehe davon aus, daß du… Teil dieser Gewalt warst?'

Nikolai war betrunken. Hermine hätte jetzt gern gewollt, daß der Sessel sie aufaß, aber diesem Wunsch wurde nicht entsprochen. Schweigen. In Hermines Hals schienen Insekten herumzukriechen, so fühlte es sich jedenfalls an.

'Mit einem Gesellschaftsspiel zur allgemeinen Erheiterung kann ich euch nicht locken? Und ich gehe davon aus, daß meine magischen Kartentricks unter den Umständen nicht wirklich beeindruckend wären?'

'Onkel Nick…'

'Entspannungsübungen vielleicht? Autogenes Training? Das Finden der inneren Mitte?'

'Hör auf!'

'Dann trinkt das verdammte Zeug!' wetterte er plötzlich. 'Es ist UNERTRÄGLICH hier!'

Hermine lehnte sich vor, hob ihr Glas und nahm einen Schluck. Tatsächlich, das Brennen in ihrem Hals und die sofortige Benommenheit die sie fühlte, halfen.

Snape leerte sein Glas auch und Nikolai lehnte sich zufrieden zurück.

'Wißt ihr, ich bin mir gar nicht sicher, ob dies hier real ist, oder ob mir ein Patient einen Medikamentencocktail in die Graupensuppe geschummelt hat. Sie hat schon komisch geschmeckt…' Sein Gesicht verzog sich plötzlich schmerzhaft, aber nur wenig später hatte er sich wieder in der Gewalt. 'Aber als ich das letzte Mal versucht habe, meinen Bruder zu erreichen, war das nicht möglich. Also gehe ich mal eher davon aus, daß dies hier die Realität ist und ich in einem Raum sitze, der mir wirklich gehorcht, mit zwei echten Zauberern. Und zwar welche, die sich auf einer Rutschbahn befinden, die in endlose Tiefen psychischen Kaputtseins führt.'

Nick machte eine entsprechende Handbewegung, leerte noch ein Glas und prostete Snape zu.

'Vertraut mir, ihr wollt auf keinen Fall unten ankommen.'

Hermines Blick fing nur für eine Millisekunde den von Snape, aber doch war dieses Bruchstück eines Augenblicks ganz bemerkenswert. Was sie sah, ließ sie noch einen weiteren Schluck nehmen, was er sah, ließ ihn das mittlerweile vierte Glas ganz leeren.

Nick betrachtete die Eltern seines Neffen, Zufriedenheit flackerte für einen Augenblick in seinen braunen Augen, bevor sein Stuhl sich von allein zu einem Bett aufklappte und er einschlief.

In dem Blick war Einvernehmen gewesen. Nur über die kleine Tatsache, daß Nikolai Granger zu viel und zu gefährlich redete, es war nicht einmal eine Sekunde lang, aber es war da gewesen und das war unter den gegebenen Umständen ganz monumental.