Kapitel 8 - Teil 3
Es schien zu funktionieren, denn plötzlich verstummten die Geräusche um ihn herum und Tony verlor das Gleichgewicht und kippte nach hinten weg, als der Schreibtisch hinter ihm ebenfalls verschwand. Er rappelte sich wieder hoch und sah sich um. Dies war Peppers früheres Apartment, bevor sie bei ihm eingezogen war. Er war nicht oft hier gewesen, da Peppers zweites Zuhause schon immer entweder die Firma oder seine Villa gewesen war. Aber er hatte ihr beim Transport ihrer Sachen geholfen, daher erkannte er die Wohnung sofort. Interessanterweise war es draußen bereits dunkel, obwohl eben noch helllichter Tag geherrscht hatte. Das bedeutete, dass Pepper auch bald hier sein müsste, wenn sie nicht Überstunden machte. Er sollte sich daher vorher umsehen, sonst wäre er nur wieder abgelenkt. Okay, hier musste es doch irgendwo Fotos geben, von ihr und einem Typen. Eine zweite Zahnbürste im Bad, vielleicht ein paar männliche Kleidungsstücke im Schrank. Aber er fand nichts. Auf einmal hörte er hinter sich ein plumpsendes Geräusch und etwas Wuscheliges rieb sich an seinem Bein. Er schaute hinunter und sah… eine Katze! Und die Katze sah ihn an und… miaute.
‚Moment, warum schaut das Fellmonster mich an? ' dachte Tony irritiert. Er beugte sich hinunter und näherte sich mit beiden Händen dem kleinen Kerl. Und tatsächlich konnte er ihn hochheben. Das wurde ja immer verrückter… Er hielt das Fellbündel mit ausgetreckten Armen vor sich, und die langhaarige Maine Coon starrte aus grünbraunen Augen neugierig zurück Das Tier trug ein Halsband mit einem kleinen herzförmigen Anhänger, auf dem ein Name eingraviert war: Jarvis!
Tony schüttelte lachend den Kopf, während er Jarvis 2 auf seinem Arm platzierte und begann, ihm das weiche dunkelbraune Fell zu kraulen. Ein lautes Schnurren war die Antwort.
„Jarvis? Wieso kann mich dein Namensvetter sehen und ich ihn sogar anfassen?"
„Nun, Sir", meldete sich die unsichtbare Stimme seines künstlichen Assistenten zurück, „es existiert die Theorie, dass Kinder und Tiere in ihrer Wahrnehmung offener für übersinnliche Dinge wie Geister sind. Vermutlich haben Sie dies irgendwann einmal gelesen, deshalb hat ihr Unterbewusstsein dies berücksichtigt."
„Natürlich, was auch sonst. Langsam nervt mich mein Unterbewusstsein aber, denn es zeigt mir die Dinge nur, wie ich sie gerne hätte und nicht wie sie tatsächlich sein könnten."
Ehe Jarvis etwas erwidern konnte, war das Geräusch der sich öffnenden Wohnungstür zu hören. Jarvis, die Katze, sprang von Tonys Arm, landete auf seinen weißen Pfoten, die wie kurze Söckchen aussahen, und lief miauend zur Eingangstür.
„Hey, J", hörte Tony Pepper sagen. Er ging langsam vom Schlafzimmer zum Flur hinüber und blieb im Türrahmen stehen. Er kam sich immer noch wie ein Einbrecher vor, wie er hier stand und Pepper heimlich betrachtete, wie sie ihren Kater streichelte. Dann sah er zu, wie sie ihre Jacke an die Garderobe hing, ihre Pumps von den Füßen streifte und barfuß mit einer Plastiktüte in der Hand ins Wohnzimmer ging. Anscheinend hatte sie sich Essen von ihrem Lieblingschinesen mitgebracht. Tony folgt ihr ins Wohnzimmer. Dort zog sie den Rock aus und zog stattdessen eine Jogginghose an, die über dem Sessel hing. Dann nahm sie auf dem Sofa Platz und packte ihr Abendessen aus. Jarvis war ihr ebenfalls gefolgt und sprang neben Pepper aufs Sofa, wo er mit lautstarken Protest begann.
„Entschuldige, Jarvis", nahm Pepper lächelnd das laute Miauen ihres Katers zur Kenntnis, „du hast natürlich auch Hunger." Also erhob sie sich wieder und ging in die Küche, wo sie ihrem Kater eine Dose Katzenfutter servierte. Sie tätschelte ihm noch einmal den Kopf und begab sich wieder zu ihrem eigenen Essen aufs Sofa.
‚Na toll, Stark. Du bist anscheinend echt der Meinung, dass Pepper ohne dich als einsamer Single mit Katze enden würde. ' Tony wurde langsam wütend auf sich selbst und wollte diese Farce hier am liebsten sofort beenden. Aber wie wachte man absichtlich aus einem Traum auf? Vor allem wenn der so real war, dass einem Angst und bange werden konnte. Während ihm dies durch den Kopf ging, klingelte Peppers Festnetztelefon.
Pepper ließ sich jedoch beim Essen nicht stören und ließ stattdessen den Anrufbeantworter rangehen: „Hi, hier ist Virginia, nach dem Piep kannst du eine Nachricht hinterlassen."
„Hey, Ginny, hier ist Kathy. Ich weiß, dass du da bist, also geh gefälligst ran."
Pepper rollte mit den Augen, angelte dann aber doch mit einer freien Hand nach dem schnurlosen Telefon.
„Ja, ich bin da. Was gibt's?" Tony ging um den Couchtisch herum und nahm am anderen Ende des Sofas, etwa einen Meter von Pepper entfernt, Platz, um das Gespräch besser verstehen zu können. Wenn er schon mal da war…
„Ja, ich freue mich auch dich zu hören, Virginia. Begrüßt man so seine beste Freundin?"
„Entschuldige, es war ein anstrengender Tag, ich bin eben erst nach Hause gekommen."
„Na gut, ich verzeihe dir." Tony hört ein fröhliches Lachen am anderen Ende der Telefonleitung. „Lass mich raten, Schreckschraube Taylor hat dich wieder mit Arbeit überschüttet, stimmt's?"
„Du hast es erfasst, Kat. Manchmal glaube ich, dass ich die Arbeit der halben Firma erledige…"
„Ich verstehe sowieso nicht, warum du dir das weiter antust und immer noch für Stark Industries arbeitest. Ich meine, seit dein Boss verschwunden ist und der Alte die Leitung übernommen hat, geht es für dich beruflich doch immer weiter bergab?"
„Ich arbeite halt gern dort…", druckste Pepper herum.
„Na, wenn du meinst… ich habe übrigens Ben neulich getroffen", erzählte Kathy beiläufig.
„Tatsächlich? Wie geht es ihm denn so?"
„Ach, dafür dass du vor ein paar Wochen einfach so die Verlobung gelöst hast, erstaunlich gut." Tony wurde hellhörig. „Er lässt dich übrig schön grüßen, und meinte, falls du wieder zur Besinnung kommen solltest, dann wäre er vielleicht bereit, dich zurückzunehmen."
„Das hat er nicht wirklich gesagt, oder?"
„Nein, hat er nicht…. Hätte aber sein können. Außer irgendeinem Grund scheint er nämlich doch noch zu hoffen, du könntest deine Meinung ändern. Ich verstehe bis heute nicht, wie du ihn einfach von heute auf morgen verlassen konntest!"
„Das hab ich dir doch erklärt…"
„Dann erklär es mir noch mal, vielleicht begreife ich es dann."
Pepper seufzte, und Tony lauschte fasziniert ihrem Telefonat. Sie war also verlobt gewesen, aber was war passiert?
„Ben war… nett… und lieb… ein toller Kerl, keine Frage. Aber… es hat sich nicht richtig angefühlt. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, den Rest meines Lebens mit ihm zu verbringen. Da hat einfach etwas gefehlt…"
„Zum Beispiel?"
„Das Gefühl von Schmetterlingen im Bauch, wenn er mich berührt hat. Oder weiche Knie, wenn er mich ansieht." Peppers Augen begannen zu leuchten, als sie dies erzählte.
„Wenn man dich so reden hört, könnte man meinen, dein Herz gehört bereits so jeman…" Kathy brach mitten im Satz ab. „Oh nein… sag nicht, du hängst… immer noch an deinem verschollenen Boss? Ginny, bitte sag mir, dass ich mich irre!"
„Ich weiß nicht, wovon du redest, Kat."
„Oh bitte, verkauf mich nicht für blöd. Du hast früher schon von Tony geschwärmt. Dann verschwindet er, und du heulst dir die Augen aus dem Kopf. Und statt dir eine neue Arbeit zu suchen, wo deine Fähigkeiten geschätzt werden, versauerst du in seiner Firma! Und jetzt die Sache mit Ben. Wach auf, Virginia! Tony ist tot! Du kannst ihm doch nicht den Rest deines Lebens nachtrauern!"
„Solange man seine Leiche nicht gefunden hat, ist er auch nicht tot", fauchte Pepper ins Telefon.
„Ach wirklich? Okay, angenommen er lebt noch und taucht plötzlich wieder auf. Was dann, hm? Meinst du, du wirst wieder seine Assistentin als ob nichts passiert wäre? Oder besser: er merkt endlich, dass er dich eigentlich auch schon immer geliebt hat, heiratet dich und ihr lebt glücklich bis an euer Ende! Glaubst du das wirklich?"
„Das ist gemein, Kat…" sagte Pepper leise. Ihr standen Tränen der Wut in den Augen. Tony hätte sie am liebsten sofort in den Arm genommen, um sie zu trösten, aber das ging ja nicht. Hatte diese Kathy Recht? Quatsch, das ist nur dein Unterbewusstsein…
„Tut mit leid, Süße, aber ich mache mir echt Sorgen um dich… verschwende nicht dein Leben mit Warten auf einen Typen, den du niemals haben wirst. Das ist es nicht wert…"
„Naja, vielleicht rufe ich Ben mal an…", antwortete Pepper sichtlich niedergeschlagen.
„Ja, mach das. Er freut sich bestimmt."
„Hör mal, ich hab hier noch ein bisschen zu tun, aufräumen und so. Lass uns in ein paar Tagen wieder telefonieren, ja?" Tony musste schmunzeln. Pepper konnte ja lügen, ohne rot zu werden!
„Na sicher. Machs gut!"
„Bye." Pepper legte auf und ließ das Telefon vor sich auf den Tisch fallen. Sie lehnte sich zurück und schloss die Augen.
Tony stand vom Sofa auf und ging auf und ab.
„Jarvis?"
„Zur Stelle, Sir."
„Okay, Kumpel. Das wars. Wie komme ich hier wieder raus?"
„Sind Ihre Fragen denn beantwortet worden?"
„Das fragst du nicht im Ernst, oder? Natürlich nicht. Mein tolles Unterbewusstsein hat mir doch nur gezeigt, was ich sehen wollte! Das war der wohl überflüssigste Traum aller Zeiten."
„Da muss ich Sie korrigieren, Sir. Genau genommen hat ihr Unterbewusstsein nur Dinge verarbeitet, die Sie bereits wussten, aber entweder vergessen oder schlicht ignoriert haben. Somit scheint es mir sehr wahrscheinlich, dass Miss Potts schon länger romantische Gefühle für Sie gehegt hat, als Ihnen bisher bewusst war."
„Das würde bedeuten… wenn Pepper mich schon immer geliebt hat… dann würde ich ihr nur das Herz brechen statt ihre Situation zu verbessern. Denn ohne mich… wäre sie trotzdem unglücklich. Wie konnte ich nur so blind sein, ich Trottel!"
Tony ging zurück zum Sofa, auf dem Pepper jetzt lustlos in ihrem kalt gewordenen Essen stocherte und es schließlich wegschob. Er kniete sich vor sie hin und legte seine Hand auf ihre, wohl wissend, dass er sie nicht berühren konnte.
„Ich kann vielleicht nicht versprechen, dass wir glücklich bis an unser Ende leben werden. Aber ich werde alles dafür tun, um dich so glücklich wie möglich machen. Das verspreche ich dir…"
Tony spürte plötzlich, wie ihm die Augen vor Müdigkeit zufielen. Und er hörte eine Stimme… Tony… Tony, wach auf… Schlagartig riss er die Augen auf und hob den Kopf. Er saß wieder in seiner Werkstatt im Stark Tower. Und sein Nacken schmerzte, da er so verrenkt auf dem Tisch eingeschlafen war. Verwirrt sah er sich um.
„Tony, ist alles in Ordnung mit dir?" Pepper stand neben ihm, ihre Hand auf seiner Schulter. Er sprang vom Stuhl auf und riss die überraschte Pepper in seine Arme. Er drückte sie so fest an sich, dass sie kaum Luft bekam, aber sie ließ es geschehen und erwiderte seine Umarmung. „Hattest du wieder einen Albtraum?" fragte sie dann vorsichtig.
„So was ähnliches", murmelte er, während er sein Gesicht an ihren warmen Hals drückte. „Ich bin einfach nur froh, dass du da bist." Und in diesem Moment formte sich in Tonys Bewusstsein ein Gedanke. Er wusste jetzt, was zu tun war.
