Kapitel 10
„Quengligster aller Krieger,
wie war der Sommer in Sikar? Hier in Yedor wurde es zeitweise wirklich recht heiß und einige der kleineren Bäche trockneten aus. Ich bin ehrlich froh, dass es nun wieder kühler ist und die Vorlesungen beginnen. Noch mehr freie Zeit hätte ich nicht ertragen – meine Kommilitonen sind nämlich zu der Überzeugung gekommen, mich auch gegen meinen ausdrücklichen Wunsch zu diversen Veranstaltungen mitzunehmen. So schön die Poesie von Shaal Hidronn auch sein mag, meine Welt ist es nicht.
Was die Centauri angeht, so teile ich Deine Einschätzung. Sie sind wirklich ein zutiefst unzufriedenes Volk. Die Narn hingegen scheinen eher in sich zu ruhen, auch wenn sie angeblich sehr barbarisch sind. Die Patienten, denen ich bisher begegnet bin, waren alle sehr religiös, auch ihre Krieger. Vielleicht solltest Du auch beginnen, Tempel aufzusuchen und um ‚Sitzfleisch' zu beten… Wenn ich jemals vor Gericht stehen sollte, weiß ich ja jetzt, wen ich mir als Beistand holen kann! Vorausgesetzt, Du bestehst Deine Prüfungen…
Warum sollte ich nicht auf einem Schiff dienen? Nur, weil ich bisher nicht aus der Hauptstadt heraus gekommen bin, heißt das ja nicht, dass ich auf ewig hier bleiben muss. Auch wenn mein Mentor genau das für mich zu planen scheint. Um ehrlich zu sein: seit einiger Zeit ist ER der Grund, warum ich später so weit wie möglich von Yedor weg möchte. Bisher haben immer andere meine Entscheidungen getroffen, nach dem Studium will ICH es sein, die für mich entscheidet.
Zum ersten Mal in meinem Leben werden mir die Tempelmauern zu eng, die liebevolle Fürsorge meines Mentors unerträglich und die Nähe meiner Kommilitonen zu einer Belastung. Ich komme mir schon vor wie eine Centauri… und ich weiß gar nicht, warum ich Dir das alles schreibe. Vielleicht, weil Du weit genug weg bist und nicht wie Valur sofort zu meinem Mentor rennen kannst, wenn ich mürrisch bin. Ich mag sie, aber alle scheinen zu glauben, besser als ich zu wissen, was gut für mich ist. Und das macht mich unendlich wütend!
Ich hoffe, ich habe Dich jetzt nicht verschreckt. Aber wenn ich das alles nie formuliert hätte, ich würde irgendwann explodieren. Es tut mir Leid, Dich mit meinen Problemen belastet zu haben. Wahrscheinlich kannst Du nicht einmal nachfühlen, wie es mir im Moment ergeht. Irgendwie habe ich das Gefühl, ihr Krieger seid freier in Euren Entscheidungen, als ich es jemals sein werde. Vielleicht sollte ich die Kaste wechseln…
Deine ziemlich verwirrte
Zareen"
Neroon kannte den Brief auswendig. Er hatte ihn so oft gelesen, dass er schon davon träumte, wie die angehende Heilerin ihn heimlich in der Nacht schrieb, damit niemand etwas davon mitbekam, Tränen in den Augen… So ein Blödsinn. Selbst wenn Zareen wütend war, so würde sie wahrscheinlich niemals deswegen weinen. Dafür waren sie sich zu ähnlich. Zumindest fühlte sich Neroon ihr jetzt wesentlich näher als jemals zuvor.
Und was die immer enger werdenden Mauern anging, konnte er ihr das zur Zeit wirklich sehr gut nachfühlen: nach drei Tagen in einer kleinen Arrestzelle fiel ihm langsam die Decke auf den Kopf. Warum hatte er sich auch erwischen lassen? Er hätte sich ja nun schon vorher denken können, dass die Zugangskonsolen in der Akademie schärfer überwacht wurden, als die in einem Tempel, wo er das letzte Mal Zugriff auf die Datenbanken seiner Kaste genommen hatte.
Wahrscheinlich hätte man ihn nur verwarnt, wenn er nicht den Autorisierungscode von Shai Alit Kazier verwendet hätte. Oder wenigstens gestanden hätte, wie er an diesen gekommen war. Aber Neroon hatte geschwiegen. Es war schon schlimm genug, dass sein Dozent dem Begriff „Zerstreutheit" eine neue Definition gab, auch noch jedem mitteilen, dass dieser empfindliche Daten für jeden offen zugänglich herumliegen ließ, konnte er nicht. Sollten die anderen doch glauben, er wäre in das Quartier von Kazier eingebrochen. Neroon würde ihn nicht dadurch entehren, dass er zugab, den Datenkristall schlicht und ergreifend von dessen Schreibtisch im Hörsaal genommen zu haben.
Noch zwei weitere Tage und seine Strafe wäre überstanden. Wenn man ihm doch nur einen Stift und etwas Papier geben würde! Dann könnte er gleich auf den Brief antworten! Zareen wirkte wirklich verzweifelt. Und sie sollte sich wenigstens keine Sorgen mehr darum machen, ihn belästigt zu haben. Ganz im Gegenteil, er fühlte sich geehrt durch ihr Vertrauen. Er wollte ihr antworten, dass er ihrem Mentor nicht einmal dann etwas von ihren Gedanken mitteilen würde, wenn er direkt neben ihm säße und nicht einen halben Planeten entfernt.
Er atmete tief durch und streckte die Beine auf der Pritsche aus, auf der er die meiste Zeit saß oder lag. Der Mangel an Bewegung machte ihm am Meisten zu schaffen. Und dass er nachts nicht in die Sterne schauen konnte. In den vergangenen Tagen hatte er sich weit mehr mit sich selbst beschäftigen müssen, als er es jemals tun wollte. Die wirrsten Gedanken waren ihm gekommen: wie seine Zukunft aussehen könnte, wie er in zehn oder zwanzig Zyklen auf einem Schiff dienen würde, ob er je eine Familie hätte… Dieser Arrest zerrte an seinen Nerven. Mehr noch als das, was er erfahren hatte, bevor man ihn gewaltsam von der Datenkonsole entfernt hatte.
Langsam fand er ein Muster in den einzelnen Puzzlestücken an Informationen, die er bisher zusammengetragen hatte. Auch wenn Arestenn ihn immer wieder fragte, was seine Nachforschungen machten, er würde ihr nie etwas sagen. Wenn das, was er befürchtete, wirklich der Wahrheit entspräche, brächte er jeden in Gefahr, dem er davon berichten würde. Er vertraute seiner Clanschwester, aber dieses Wissen war zu brisant, zu heikel.
Noch zwei weitere Tage voll Langeweile. Zur Abwechslung schlug er mal wieder seinen Kopf gegen die Wand hinter ihm. Nur noch zwei weitere Tage…
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„Sei nicht so neugierig, ja?"
„Warum neugierig? Darf ich nicht wissen, von wem der Brief ist?"
„Du dürftest schon."
„Und?"
„Ich will es nicht."
„Ach?"
Zareen schwieg und versteckte den Brief in ihrem Umhang, bevor sie sich aufmachte, den Schlafsaal zu verlassen, in dem sie jetzt sowieso keine Ruhe mehr finden würde.
„Dann habe ich also Recht und es ist ein Liebesbrief, ja?", rief Valur kichernd hinter ihr her.
Zareen dreht auf dem Absatz um, starrte ihre Kommilitonin, mit der sie mittlerweile eine lose Freundschaft verband, böse an und knurrte: „Nein, hast du nicht. Es ist einfach nur ein Brief. Ein ganz normaler."
Valur grinste breit: „Ich ahne etwas…"
„Ahne etwas anderes. Ich werde jetzt gehen, einen langen Spaziergang machen und…"
„… und einen Liebesbrief von einem ganz bestimmten Krieger lesen!"
Zareen schnaubte. „Glaub doch, was du willst!"
In Situationen wie diesen vermisste sie die Zeiten, als nur Wenige überhaupt mit ihr sprachen. Mittlerweile schien sie jeder im Tempel zu kennen und in ein Gespräch verwickeln zu wollen. Früher sprach man mit ihr nur über medizinische Dinge, jetzt waren es Belanglosigkeiten, Diskussionen über Konzerte, Dichterlesungen und selbst das Wetter musste als Thema herhalten.
Seufzend ließ sie sich auf der Bank am Brunnen nieder, auf der sie schon mit Neroon gesessen hatte. Wie passend, hier auch seinen letzten Brief zu lesen…
„Liebe Zareen,
um Deine Frage nach dem Sommer in Sikar zu beantworten reicht ein Wort: kurz. Subjektiver: zu kurz. Meine persönliche Meinung: viel zu kurz. Gerade waren meine Füße aufgetaut, da saß schon wieder ein Eiszapfen an meiner Nase. Diese Stadt kennt nur zwei Jahreszeiten: Eiszeit und leichtes Tauwetter. Ich bin froh, wenn ich hier wegkomme.
Ich weiß nicht, wieso Du annimmst, ich oder irgendein anderer aus der Kriegerkaste wäre frei in seinen Entscheidungen. Ich dachte immer, Ihr Frommen haltet uns für simple Befehlsempfänger, während Ihr tut, wonach Euch ist. Mal hier einen Monat meditieren, mal dort einen Zyklus studieren… Nicht böse sein, ich bin heute fürchterlich genervt und sollte Dir eigentlich nicht schreiben. Meine Alternativen wären allerdings nur, irgendetwas zu zerschlagen oder laut zu schreien.
Manchmal tut mir die Dummheit anderer einfach schon körperlich weh. Weil ich schon länger hier bin, hat man mir drei neue Rekruten zugeteilt, auf die ich aufpassen soll. Um es kurz zu machen: es gibt so gut wie kein Fettnäpfchen, in dass diese ‚Kinder' noch nicht getreten wären. Gestern durfte ich sie aus einer Schlägerei heraus zerren, die sie – wie könnte es anders sein – selbst verursacht hatten. Ich hätte sie auch in Arrest gehen lassen können, es gibt hier einige sehr komfortable Einzelzellen, wie ich weiß, aber nein, ich musste sie natürlich vor den Wachen in Sicherheit bringen. Zum Dank ließen sie sich dann heute Morgen erwischen, als sie in der Küche das Essen der Moon Shields, mit denen sie sich tags zuvor geprügelt hatten, ‚nachwürzten'.
Nicht einmal Arestenn kann ich diese Plagen für ein paar Stunden aufdrängen, denn sie ist wieder zurück in Durell, um die Fire Wings weiter mit ihrer Vorstellung von Liebe und Freude zu entzücken. Kindell wurde nach Kaza'Ra beordert, aber so wie ich ihn einschätze, hätte er meine drei Quälgeister einfach nur übers Knie gelegt und anschließend irgendwo für ein paar Tage angebunden. Ist es nicht viel gnädiger von mir, sie unter meiner Aufsicht die Campusküche reinigen zu lassen? Zahnreinigungslaser sind äußerst vielseitig einsetzbar, nur schaffen sie nicht viel an Fläche. Ich hoffe, sie sind morgen früh fertig, damit sie nicht auch noch ihre Vorlesungen verpassen. Das würde ich mir nie verzeihen…
Wie Du siehst, bist Du nicht die Einzige, die manchmal wütend wird und alles ändern möchte. Wenn ich nicht gerade Flöhe hüte, stecke ich bis über beide Ohren in Büchern und verstehe kein Wort. Anscheinend gibt es für jeden nur denkbaren Vorfall mindestens drei verschiedene Urteile, nicht eingerechnet die Zeit VOR Valen. Ich habe noch keine Ahnung, wie ich in ein paar Wochen die Prüfungen bestehen soll. Wenn Du jemals einen Anwalt suchen solltest, empfehle ich Dir dringend, NICHT MICH zu wählen. Es würde Dir nicht allzu viel bringen, außer, Du bevorzugst Einzelhaft.
Meine Plagen fordern wieder meine Aufmerksamkeit,
Neroon
PS: Du wirst Dir als Centauri doch nicht etwa einen Zopf wachsen lassen? Und wenn ja, warne mich bitte, bevor wir uns wieder treffen!"
Zum ersten Mal seit Wochen musste Zareen Lachen.
TBC
