Die ganze Sache erwies sich immer mehr als Horrortrip.

Die nächsten Tagen waren die beiden größtenteils damit beschäftigt, sich entweder zu streiten oder grimmig anzuschweigen. Ginny versuchte, sich an das zu erinnern, was Sandrine ihr ans Herz gelegt hatte, aber Draco dachte gar nicht daran, sich zurückzuhalten, und so gingen sie sich gegenseitig auf die Nerven.

Auch der Weg machte ihnen zu schaffen, obwohl keiner der beiden es vor dem anderen zugegeben hätte. Sie hatten bereits zweimal Schneefelder durchqueren müssen, und Ginny hatte sich eine Erkältung eingefangen, die sie zusätzlich fertig machte. Sie war sich sicher, dass sie Fieber hatte, aber vor Malfoy schlappmachen? Niemals!

Stattdessen hustete und schniefte sie vor sich hin, während sie sich wieder durch Berge kämpften.

Draco sah immer häufiger gereizt zu ihr hin, aber noch hielt er seinen Mund, obwohl es ihm sichtlich schwer fiel.

„Du hörst dich grauenhaft an", beschwerte er sich dann doch. „Geht das nicht leiser?"

„Meinst du, ich mach das absichtlich?" schniefte Ginny und riss wieder ein Stück von ihrem Umhang ab, um sich die Nase zu putzen. Viel war davon nicht mehr übrig. Dann rieb sie sich erschöpft den Schweiß von der Stirn.

„Langsam glaube ich, ja."

„Dann geh halt zwanzig Meter vor mir und halt dir die Ohren zu", antwortete sie heiser.

Na toll, bald kann ich überhaupt nicht mehr sprechen, wenn das so weitergeht. Und er tut so, als habe ich mir die Erkältung geholt, um ihn zu ärgern, diese egoistische Mistratte!

Ein paar Stunden später – es begann gerade dunkel zu werden – erreichten sie das erste Dorf auf ihrem Weg. Draco sah es als erster, aber er zögerte, darauf zuzugehen. Er warf einen Blick zurück, Ginny trottete mit hängendem Kopf hinter ihm her. Er hätte sich lieber die Zunge abgebissen als etwas zu sagen, aber ihr Zustand machte ihm durchaus Sorgen. Allerdings waren die natürlich mehr persönlicher Natur – so konnten sie unmöglich die zwanzig Meilen am Tag schaffen.

„Ein Dorf", sagte er dann laut, und Ginny hob den Kopf.

„Hoffentlich sind das Menschen", sagte sie und hustete wieder. „Ich hätte nichts gegen ein Bett einzuwenden."

„Ich sehe überhaupt niemanden, der sich bewegt", gab Draco zurück und runzelte die Stirn. „Sieht irgendwie tot aus."

Ginny strengte die Augen an, um etwas erkennen zu können.

„Sieh mal, da", sagte sie dann halblaut und wies auf das erste Haus, wenn man es so nennen konnte.

Es schien eine ehemalige Farm zu sein, aber die Hälfte von dem Gebäude war Flammen zum Opfer gefallen. Es war verrußt und stand ziemlich wackelig da.

„Ich seh's. Die anderen auch. Scheint ein Überfall gewesen zu sein", sagte Draco gleichgültig. „Sehen wir nach, ob wir irgendwo was finden, was noch nicht halb zusammengestürzt ist."

Ginny sah sich unbehaglich um. Der ganze Ort schien nur aus Schatten zu bestehen, die bedrohlich länger wurden, als die Sonne hinter dem Horizont verschwand.

„Was würde ich für einen funktionieren Zauberstab geben", knurrte Draco, als er eine Fackel entzündete.

„Ich wäre mehr für einen von Madam Pomfreys Tränken." Ginny nieste wieder.

„Da wären wir schon zwei." Draco trat gegen eine Tür, die knarrend aufschwang, und steckte seinen Kopf in das kleine Häuschen, dass etwas besser aussah als die anderen. „Hallo, jemand zu Hause, oder seid ihr mitverschwunden?"

„Malfoy!" sagte Ginny strafend.

Draco ignorierte sie einfach und ging weiter.

„Besser als nichts, würde ich meinen", sagte er kurz und warf seinen Rucksack auf den staubigen Boden. „Pfui Teufel, gefegt hat hier auch ewig keiner mehr."

„Wir haben Glück gehabt", sagte Ginny und sah nach draußen. „Es fängt an zu regnen."

„Hoffentlich ist die Decke dicht." Draco gähnte übertrieben. „Ob's hier so was wie ein Bett gibt?"

„Wenn, dann hoffentlich zwei", murmelte Ginny, die keine Lust hatte und sich auch zu erschöpft fühlte, wieder mit ihm zu streiten.

Die Sorge war unbegründet, es gab überhaupt keins. Der Raum, der wohl das ehemalige Schlafzimmer darstellte, war leer.

„Ist mir jetzt völlig schnuppe, ich leg mich hin." Ginny rollte den Mantel aus und stopfte sich ihre Ersatzklamotten unter den Kopf. „Gute Nacht."

„Ts." Draco schnaubte verächtlich und ging in den kleinen Wohnraum hinüber. Die Feuerstelle war noch erhalten, und mit etwas herumliegendem Holz flackerte das Kaminfeuer bald auf.

„Ist wie beim Überlebenstraining. Vater, wenn du mich jetzt sehen könntest, du würdest Schreiattacken bekommen." Allein bei dem Gedanken ging es ihm besser.

Draußen schienen sintflutartige Regenschauer auf die Erde zu fallen, jetzt konnte man sogar Donner hören.

Herrlich. Was kommt als nächstes? Erdbeben? Der Weltuntergang?


Mit einem Ruck wachte Draco auf. Das Feuer war erloschen bis auf ein wenig Glut, und es war frostig kalt geworden. Er war gegen den Tisch gelehnt eingeschlafen, und wusste nicht so recht, was ihn geweckt hatte.

Draußen konnte man ein Geräusch hören, und er horchte auf.

Es war leise und unterdrückt, als würde sich jemand heranschleichen. Der Matsch knirschte bedrohlich.

Draco zog das Chakra und schob vorsichtig die Tür auf. Im nächsten Moment kam ihm fauchend etwas Kleines entgegen gesprungen, und mit einem Schrei wich er zurück, verlor das Gleichgewicht und knallte mit dem Kopf rücklings auf den Boden.

Draco sah Sterne, und das Chakra war ihm aus der Hand gefallen.

Wieder fauchte es, dann spürte er, wie etwas über seine Stiefel kroch. Er versuchte, den Kopf zu heben, und wurde mit dem Blick in ein Paar violetter Augen belohnt. Das Vieh saß mittlerweile auf seiner Brust und starrte neugierig zurück.

„Gehst du wohl runter von mir!"

Draco drehte sich heftig nach links, und das Tier krallte sich in seinem Shirt fest und schlug ihm seinen ellenlangen Schwanz ins Gesicht. Der Slytherin spuckte und griff danach, und mit einem erschrockenen Quieken sprang es zurück und in eine Ecke des Raumes.

Draco richtete sich sofort auf und hielt sich stöhnend den Kopf.

„Mistvieh", murmelte er dann und betastete die Beule auf seinem Hinterkopf.

„Mistvieh", kam sofort eine Stimme zurück, und verblüfft ließ er die Hand sinken.

„Du kannst sprechen?"

„Sprechen?" Das Vieh amte genau seinen Tonfall nach. „Mistvieh!" kreischte es dann fröhlich und kam wieder auf Draco zugesprungen.

„Bleib mir vom Leib! Kusch!"

„Kusch!" wiederholte es und blieb stehen.

„Hast du eine neue Verehrerin?" kam Ginnys Stimme von der Tür. Sie hörte sich an, als könnte sie sich nur mit Mühe das Lachen verkneifen.

„Weasley, das ist nicht witzig! Schmeiß es raus!"

Ginny ignorierte ihn einfach, ging vorsichtig vorbei und entzündete die Fackel wieder. Dann musterte sie die kleine Kreatur neugierig. Die sah zu ihr auf.

„Sieht aus wie eine kleine Echse oder so was. Hast du ihren Schwanz gesehen? Der ist ja über einen halben Meter lang." Dann grinste sie tatsächlich. „Hey, tolle Farbe!"

"Farbe", sagte die Echse zustimmend.

„Wieso?"

„Sie hat grüne und rote Flecken."

„Von mir aus kann sie schwarzkariert sein, sie soll zusehen, dass sie Land gewinnt!"

Ginny streckte eine Hand zum Boden aus, und die kleine Echse hüpfte darauf zu und von da aus bis auf ihre Schulter.

„Du bist irre, Weasley, du weißt nicht mal, ob die beisst und vielleicht auch noch giftig ist!"

„Ist", piepste die Echse.

„Feigling. Hm, wie könnte man dich mal nennen?" Ginny warf einen Seitenblick auf den Slytherin. „Sieht doch aus wie ein kleiner Drache, oder? Wie wär's mit Draco?"

„Draco!" Die Echse klang begeistert.

„Untersteh dich!" fauchte Draco zurück, und die Echse wich zurück und versteckte sich eilig auf Ginnys Rücken.

Ginny grinste von einem Ohr zum anderen. Ihren Schnupfen hatte sie vorläufig vergessen.

„Nein, dafür ist er viel zu niedlich. Erinnert mich ein bisschen an eine Feuerblume. Hey, Blossom!" (AN: Blüte, Blume)

Die Echse sah vorsichtig hinter ihrem Rücken hervor.

„Blossom?!" Draco starrte zu Ginny hoch. „Okay, ich geb's auf. Du musst verrückt geworden sein!"

Ginny nieste wieder. Blossom ahmte das Geräusch sofort nach.

„Du übertreibst, Malfoy", sagte sie dann und schniefte. „Das Tierchen ist reingeflohen, weil's hier trocken ist, mehr nicht. Außerdem scheint es über Intelligenz zu verfügen, es redet schließlich."

„Das tun Crabbe und Goyle auch, würdest du die als intelligent bezeichnen?" Draco stand wütend auf und klopfte sich den Staub von der Hose.

„Was war das?" Ginny starrte ihn an, und Blossom tat es ihr nach.

„Was war was?" Draco sah einen Moment ratlos aus, dann verhärtete sich sein Gesicht sofort wieder. „Vergiss es. Zieh mit deinem neuen Haustier ab, aber sorg dafür, dass es mir nicht zu nahe kommt!"

Damit ging er nach draußen und schlug die Tür krachend hinter sich zu.


Die Regenwolken hatten sich verzogen, und der Sternenhimmel leuchtete über dem Land. Es war empfindlich kalt.

Draco beachtete weder den Himmel noch die Temperatur. Er hatte sich verplappert, und das brachte ihn innerlich zum sieden. Nun, jeder wusste, dass Crabbe und Goyle nur aus Muskeln und so gut wie keinem Hirn bestanden, aber eine ganz andere Sache war es, das aus seinem Mund zu hören.

Die Frage lag auf der Hand – warum gab er sich dann mit ihnen ab?

Eine Menge Leute hätten das mit einem Schulterzucken abgetan. Bodyguards, was sonst? Das Problem war, Ginny Weasley war nicht eine Menge Leute. Erstens gehörte sie zu Potters Gang, wenn auch nur als Nebenfigur. Zweitens konnte sie durchaus zwei und zwei zusammenzählen, und drittens, sie wusste, dass Lucius ihn für diese Sache buchstäblich geopfert hatte. Sie hatte die ersten Risse entdeckt, die seinen Schutzpanzer umgaben, und das machte sie gefährlich für ihn. Sie brauchte in Hogwarts nur den Mund aufzumachen – immer vorausgesetzt, sie kamen tatsächlich zurück – und das Pflaster würde ziemlich heiß werden, und die immer verdrängte Entscheidung rückte noch bedrohlicher in die Nähe.

Eines Tages müsst Ihr eure Entscheidung treffen. Stolz bringt uns am Ende um. Willst du dich seinem Willen beugen?

Er schüttelte heftig den Kopf, um Sandrines Worte zu vertreiben, und zuckte dann zusammen, weil sein Hinterkopf immer noch von dem Aufprall wehtat.

„Verdammtes Mistvieh", fluchte er leise. „Blossom! Spawn (AN: Ausgeburt, Brut) wäre besser für dich gewesen!"