+#+#+#
On my own
Kapitel 10
+#+#+#
Vorsichtig schob er das Lacken über ihren schlafenden Körper und genoss den Moment, war dankbar, dass sein Schlaf so unruhig gewesen war, dass ihm dieser Augenblick nicht entgangen war. Er hätte sich dies niemals verzeihen können.
Abermals studierte er ihr Gesicht, die feinen Züge. Den leicht geöffneten Mund. Ihre regelmäßige Atmung. Doch als er in der Früh aufwachte, war der Platz neben ihm leer, als seine Hand über die Baumwolllaken glitt, konnte er die Wärme noch fühlen. Erst dann öffnete er vorsichtig seine Augen, richtete sich etwas auf und sah Kate auf der Fensterbank sitzen, in einen, in seinen, Bademantel gehüllt – er war ihr viel zu groß, dunkelblau. Ihre Füße waren aufgestellt und unter dem Stoff verborgen, ihr Kopf an das kühle Glas der Scheibe gelehnt.
Die Sonne begann gerade aufzugehen, erhellte allmählich das Zimmer. Vorsichtig, als wäre es ein zögerlicher Versuch sich nach all den Regentagen, nach all der Dunkelheit dieses Sommers wieder eine Rolle in der Welt zu erkämpfen – mit guter Chance zu gewinnen. Wirklich guter.
Nur in Boxershorts bekleidet ging er auf sie zu. Kates Augen waren geschlossen, sie war immer noch unglaublich blass, auch wenn sie in den letzten Stunden, seitdem er sie zum ersten Mal vom Strand entfernt hatte, einiges an Teint zurückgewonnen hatte.
„Kate?", fragte er vorsichtig, bevor er neben ihr Platz nahm, kein weiteres Wort sagend. Vollkommen still saß er, immer noch nur Boxers tragend, dort – schwarze Seite mit lauter kleinen Superman Logos.
„Wieso hast du all das für mich gemacht?", fragte Kate leise, würdigte Rick keines Blickes.
Dann herrschte eine kurze Stille, die allerdings ewig anzudauern schien. Castle überlegte, überlegte wirklich, wie er ihr all das, was ihn bewegte und sie betrag, sagen könnte, ohne sie für immer von seiner Seite zu verschrecken, sie nicht wieder die Flucht ergreifen zu lassen. War es zu viel verlangt, die richtigen Worte zu finden? Die perfekten Worte, die sie nicht in den Glauben versetzen würden, dass Angst eine wichtige Komponente in ihrer Partnerschaft, oder war es doch eher eine Freundschaft oder Beziehung, war?
Wenn es darum ging, für Nikki Heat oder Jameson Rook die richtigen Worte zu finden, war dies ein leichtes Spiel, diese Dialoge kannte er auswendig. Hatte tausende davon zu Papier gebracht, sie abgespeichert und sie warteten nur darauf, irgendwann verwendet zu werden – obwohl er jeden einzelnen auswendig konnte, ihn so in Erinnerung hatte, dass er ihn rezipieren konnte.
„Sollte ich dich nicht vielleicht fragen, wieso du all das gemacht hast? Obwohl du wusstest, dass es dir nicht …"
„Ich will darüber nicht sprechen, Rick. Ich kann nicht."
„Okay …Detective Beckett", und mit diesen Worten nahm er ihre Hand in die seine.
„Rick …"
„Katherine …"
„Kate, nicht Katherine."
„Wieso nicht?"
Bisher hatte sie ihre Hand aus der seinen nicht zurückgezogen, sie dort belassen. Doch Richard kannte sie, wusste, dass es lediglich eine Phase war, sie ihren Unsicherheiten irgendwann wieder nicht Herr werden und wie wieder weglaufen würde.
Kate blickte hoch, weg vom Meer. „;Mum hat mich oftmals Katherine genannt, selten Katie. Katie war und ist immer Dads Abkürzung gewesen für mich. Und nachdem Mum … du weißt schon … seitdem hat mich glaube ich niemand mehr Katherine genannt."
„Niemals Kathy?", fragte Rick und grinste über beide Ohren.
„Nein", antwortete Beckett und lachte, „Niemals Kathy, weil Kathy Dads Jugendliebe war."
„Und wieso hat man dich dann nach ihr benannt?"
„Oh … hätte Mum gewusst, dass Kathy Dads Jugendliebe war, wie sie mich bekommen hat, hätte sie mich wahrscheinlich anders benannt. Doch Dad war bei meiner Geburt nicht da, er war im Ausland und Mutter war immer ein großer Katherine Hepburn Fan."
„Also nicht nur Katherine sondern Katherine Houghton, nehme ich an?"
„Natürlich", murmelte sie. „Ein zweiter Name, der mir während meiner Schulzeit viele Freunde eingebracht hat."
„Houghton ist ein Männername."
„Aber weil Katherine Hepburn ebenso geheißen hat, bestand meine Mutter darauf, noch bevor mein Dad aus Europa zurück war, mich nach ihr zu benennen, weil sie ihr großes Vorbild war."
„Ich verstehe, dass es dich an sie erinnert, doch Katherine ist ein schöner Name. Wieso sollte niemand anderen ihn verwenden dürfen? Solange du dieser Person vertraust?"
„Rick … bis auf deine Mutter nennt dich auch niemand Richard, oder irre ich dabei?"
„Viele nennen mich Richard."
„Und wieso Richard Alexander?"
„Du weißt ja, wie Mutter sein kann. Richard bedeutet mächtiger, starker Herrscher und bevor ich auf die Welt gekommen bin, hat sie einen Sommer lang in „Richard III." mitgewirkt und Alexander ist der Verteidiger, der Beschützer. Irgendwann meinte sie, dass es die perfekte Kombination gewesen sei, doch weiß ich nicht, ob sie es immer noch ebenso sieht."
Als er Kate nachhause gebracht hat, war es ihm schon so vorgekommen, als sei r ihr Retter, Beschützer gewesen. Mächtig war er nie gewesen, erst seine Worte und Geschichten hatten ihm Gehör bei seinen Mitmenschen verliehen, davor war einer von vielen anderen gewesen, einer von vielen.
Rick kannte alle Katherine Hepburn Filme, jeden einzelnen hatte seine Mutter sich mit ihm in einem kleinen Kino in der Bronx angesehen. Immer wieder hatte Martha ihn wissen lassen, wie wichtig sie als Schauspielerin für die Frauen der damaligen Zeit gewesen ist – sie trug Hosen, sie rauchte und sie war nicht die perfekte Schönheit. Einmal hatte sie ihm erzählt, dass Hepburn Angst gehabt habe, im Farbfilm nicht mehr zu wirken, wegen ihrer rötlichen Haare. Doch war es immer ihre Stimme und Aussprache gewesen, die Rick begeistert hatten.
„Du wolltest wissen, Kate, wieso ich das gemacht habe? Wieso ich dich gesucht habe? Weil ich Angst um dich hatte, panische Angst. Als Lanie angerufen hatte, dass du hier in den Hamptons sein würdest, musste ich dich suchen. Ich musste. Wenn dir etwas passiert wäre, hätte ich es mir niemals verzeihen können. Ich … Kate … dafür mag ich dich einfach zu sehr."
Ohne ihn anzusehen, stand Kate auf, wendete sich von ihm ab und ging vorsichtig und langsam im Zimmer auf und ab.
„Du kennst mich kaum, Rick. Du weißt nicht, welche Probleme ich habe … Wieso ich …"
„Kate, beruhige dich. Ich glaube dich genügend gut zu kennen."
„Du weißt nur die Hälfte über mich."
„Dann werde ich mich darüber freuen, irgendwann die andere Hälfte kennenzulernen."
Obwohl sein Bademantel ihm viel zu groß war, er am Boden streifte, die Ärmel weit über ihre Hände reichten, ihr Haar ungekämmt war, sah sie reizend aus, musste er feststellen, entzückend.
Und dann ging sie, mit Rick im Schlepptau, in Richtung Küche, öffnete jede einzelne Türe, den Kühlschrank – alles. Suchte scheinbar vergeblich nach etwas, dass ihr zuvor immer Erleichterung gebracht hatte – Alkohol.
Irgendwann hielt Richard sie fest, an beiden Oberarmen. Schüttelte sie, um sie zurückzuholen.
„Du kannst suchen so viel du möchtest, Kate, es ist kein Tropfen im Haus." Dann drückte er vorsichtig ihr Kinn hoch, sah die Tränen gefüllten Augen. „Wir schaffen das, Kate. Du brauchst kein Glas Wein oder was auch immer es jetzt gewesen wäre, das du gerne gehabt hättest. Wir werden es gemeinsam durchstehen, dafür sind … sind Freunde da."
Kate sagte kein Wort. Ließ die Tränen lediglich über ihre Wangen gleiten, stoppte sie nicht, wischte sie nicht weg. Es fiel ihm auf, dass ihre Wände runtergefahren waren, sie angreifbar war, verletzlich. In einem Augenblick wie diesem konnte alles falsch sein, jede Aktion, jedes Wort, jede Geste. Trotzdem entschloss er sich, sie wissen zu lassen, dass sie bei ihm sicher war, schloss seine Arme um sie und machte einen Schritt auf Kate zu. Dann hielt er sie, aber nicht so fest, dass sie sich eingeengt fühlen hätte können, doch so fest, dass sie seine Arme spüren musste. Und ihr Kopf rastete an seiner Brust – ohne ihre hohen Schuhe war sie so viel kleiner als er, jetzt erst viel ihm das so richtig auf. Sie war klein, zerbrechlich und verletzbar – keine Eigenschaften, die man der Katherine Beckett zuschrieb, die in New York City auf Verbrecherjagd ging.
Und sie ließ sich halten. Zitterte am ganzen Körper, aber sie ließ es zu, jemand anderem nahe zu sein, so nahe wie selten zuvor.
+#+#+#
Das Frühstück, welches sie richteten war weder imposant noch monumental. Kate trank eine Tasse Kaffee, frischem Brot, Marmelade und Honig – nicht viel, aber ausreichend für Kate. Sie aß das erste Brot lediglich mit etwas Butter, beim zweiten war sie gedanklich scheinbar abgelenkt. Der Orangensaft blieb beinahe unangetastet, beim Kaffee schenkte sie zweimal nach. Jedes Mal studierte Rick ihre Hände, die zitterten – der Entzug war im vollen Gange.
Als sie fertig waren, erledigte Rick einige Telefonate. Lanie hatte sich darum gekümmert, dass Kates Harley Davidson abgeholt wurde und nun checkte er ihren Verbleib. Er wollte nicht, dass sie bei ihm in der Garage stand, um Kate nicht die Chance zu geben, einfach flüchten zu können. Den Schlüssel zu seinem Wagen verwahrte er gut.
Mit einigen Kleidungsstücken in der Hand – einer kurzen Sporthose von Alexis und einem Top seiner Tochter stand er nun im Hauptschlafzimmer, Kate schien zu duschen, und legte ihr die Kleidungsstücke auf das Bett. Er wollte sie an diesem Morgen aus dem Haus locken, mit ihr etwas einkaufen gehen, ein paar Kleidungsstücke, damit sie sich wohler fühlen würde.
Und unwissend, was sie erwarten würde, kam Kate schließlich in die Küche, trug Alexis Kleidung. Rick reichte ihr schließlich noch ein paar Flip-Flops und erklärte ihr, dass sie einige Einkäufe zu erledigen hätten. Gemeinsam.
Natürlich war ihm bewusst, dass er ein Auge auf sie werfen musste, damit sie keinerlei Alkohol kaufen würde, doch das er ihr auch nicht zu, so etwas zu machen.
„Wohin fahren wir?", fragte Kate, als sie sich im Wagen angurtete.
Ihre Antwort bekam sie erst, als sie schon einige Kilometer gefahren waren.
„Einkaufen. Kleidung, einige Lebensmittel ….", erklärte er.
Und tatsächlich waren sie beinahe den restlichen Tag unterwegs und hatten Spaß. Immer wenn Kate den Anschein erweckte, sich zurückziehen zu wollen, riss er sie wieder mit, überraschte sie mit einem Witz, machte ihr ein Geschenk oder ein Kompliment.
Im Endeffekt hatte er, unter heftigem Protest von Kates Seite, da sie immer wieder wiederholte, sich alles selbst leisten zu können, zwei sommerliche kürzere Hosen, einen Bikini, einige Tops, zwei Sommerkleider, Schuhe und Hygieneartikel.
Als Rick beschloss, sich die Haare schneiden zu lassen, konnte sie nicht aus als mitzugehen und erfuhr ebenfalls das komplette Beauty-Paket, ließ sich verwöhnen und Castle erlangte den Eindruck, als sie nachher die Promenade der kleinen Stadt entlang schlenderten, dass sie ein ausgewechselter Mensch war, mehr die Kate, die er in New York zurückgelassen hatte, weniger die, die er am Strand retten musste. Trotzdem war sie es nicht, der Scheint trog und das wusste er nur all zu gut.
Unter all den Liebhabern und Ehemännern, die seine Mutter in all den Jahren gehabt hatte, war auch der eine oder andere dabei, der ein Alkoholproblem gehabt hatte und er erinnerte sich daran, dass es Hoch- und Tiefpunkte gab, die Tiefpunkte aber oftmals überwogen. Daher war es auch an diesem Nachmittag, als sie schließlich wieder im Strandhaus angelangten, nur eine Frage der Zeit, bis der Wechsel sich vollziehen würde.
Und es ging schneller als erwartet.
Sie zog sich zurück, aß nicht mit ihm zu Abend und verließ ihr Zimmer nicht mehr, auch nicht, nachdem er sie gerufen hatte.
Erst als er zu späterer Stunde nachsehen ging, ihre Privatsphäre störte, erkannte er, dass sie im Badezimmer eingeschlafen war, nachdem sie sich, vermutete Richard, mehrmals übergeben hatte. Vorsichtig hob er sie hoch, trug den fragilen Körper in das große Bett, zog ihr Schuhe und Jacke aus und deckte sie zu.
Wie lange würde es dauern, bis sie wieder sie selbst war?
Wie lange?
+#+#+#
Ende Kapitel 10
+#+#+#+
A/N: Anfänglich waren viel weniger Kapitel geplant, doch nun sind wir bei 10 angelangt und es freut mich, dass es immer noch genügend Leser gibt – natürlich würden mich Statements ebenso erfreuen.
