Kapitel 10
Wickham überlegte einen Moment und begann dann, den Rest seiner Geschichte zu erzählen. „Wie gesagt, mein Vater war Sean Darcys persönlicher Chauffeur. Er war praktisch immer auf Abruf – Tag und Nacht stand er zur Verfügung. Und er hat seinen Job stets korrekt erledigt, das wird auch niemand abstreiten, noch nicht einmal Sean Darcy selbst würde das wagen." Wickham lachte freudlos auf. „Bedingt durch die ständige Rufbereitschaft lag es nahe, dass wir auch in der Nähe der Darcys wohnten, und so bezogen wir das ehemalige Pförtnerhaus auf Pemberley. Meine Mutter hatte einen Halbtagsjob in Lambton, in einer Gastwirtschaft.
William Darcy ist ein Jahr jünger als ich, also jetzt 29, und wir sind zusammen aufgewachsen. Pemberley liegt abgelegen, und so waren Spielkameraden naturgemäß Mangelware und für mich ganz normal, dass der Chauffeurssohn mit dem reichen Erben spielte. Darcy hat noch eine kleine Schwester, Georgiana, die müsste jetzt um die zwanzig sein. Hübsches Ding, allerdings ist sie genau wie ihr Vater und ihr Bruder geworden, überaus stolz und arrogant. Die Darcys gehen über Leichen, wenn es sein muss." Seine Stimme klang bitter und eine Welle des Hasses machte sich in Wickham breit, doch er riss sich zusammen und fuhr fort. Mit einiger innerlicher Befriedigung sah er Elizabeths entsetzten Blick.
„In der Öffentlichkeit geben sie sich natürlich leutselig und bescheiden, so wurden sie von kleinauf trainiert, ja regelrecht abgerichtet, aber im Zweifelsfall sollte man nicht darauf bauen. Da zählt nur die eigene Familie, das Geld und die eigene Gesellschaftsschicht." Wickham winkte ab und grinste schief.
„Egal. Mir können sie nichts mehr. Meine Kindheit war jedenfalls alles in allem äußerst unbeschwert. Die Darcys waren mir fast zu einer zweite Familie geworden, ich verkehrte im Herrenhaus in Pemberley, als würde ich mit dazugehören. Später, als Teenager, bekam ich dann allerdings schon den Unterschied in unserer Herkunft richtig zu spüren. Während ich auf eine stinknormale Schule nach Chesterfield gehen musste, wurde William ganz standesgemäß nach Eton geschickt."
Wickham nahm noch einen Schluck Kaffee und Elizabeth drückte aufmunternd seine Hand. „Ist ja auch irgendwie nachzuvollziehen, ein Semester in Eton kostet über 8000 Pfund, wer hätte das für mich bezahlen sollen. Wie gesagt, übernahm Mr. Darcy großzügigerweise später die Kosten für Leicester. Ich habe es ihm gedankt, indem ich hart gearbeitet habe und schließlich ein Stipendium in Cambridge erhielt. Dort habe ich erfolgreich abgeschlossen und bin gleich danach zu DS&T gegangen." Wickhams Blick verfinsterte sich.
„Anfangs lief alles sehr gut. Ich schnupperte in die einzelnen Abteilungen hinein und lernte, lernte, lernte. Schließlich sollte ich nach einem Jahr eine leitende Position übernehmen. Dachte ich zumindest. Aber dann kam alles anders. Zwei Dinge, drei, um genau zu sein, brachen mir das Genick – und ich konnte noch nicht einmal was dazu. Zunächst machte ich den Fehler, mich in eine Kollegin zu verlieben, eine junge Frau, die für den Einkauf zuständig war. Ich wusste nicht, dass ich sozusagen in fremden Revieren wilderte – William Darcy hatte bereits die Fühler nach ihr ausgestreckt und war scharf auf sie."
Elizabeths angewiderter Blick war Wasser auf Wickhams Mühle.
„Natürlich hatte er nicht die Absicht, eine feste Beziehung mit ihr einzugehen, er liebt es, die Frauen ein-, zweimal zu benutzen und dann abzuservieren. Wer würde schon dem großen William Darcy widerstehen, nicht wahr? Also kam ich ihm dort unbewusst in die Quere und das war schlecht für mich. Dazu kam seine ständige Eifersucht, weil sein eigener Vater mich gerne mochte. Er wusste genau, ich hatte mir alles selbst mühsam erarbeitet und sein Vater schätzte das sehr und war ziemlich stolz auf mich. Er spielte sogar mit dem Gedanken, mich so aufzubauen, dass ich eines Tages in den Vorstand aufrücken könnte."
Wickham lachte unfroh.
„William war ganz und gar nicht angetan von dieser Idee, wie du dir sicher vorstellen kannst. Seine Defizite wären um so deutlicher zutage getreten, hätte er mich in seiner Nähe gehabt. Also dachte er sich etwas aus, um mich zu diffamieren und es ist ihm leider hervorragend gelungen." Ein weiterer Schluck Kaffee. Elizabeth hing gebannt an seinen Lippen.
„Ich war an meiner letzten Station innerhalb meines „Lehrjahres" angekommen, den großen Forschungslabors, meinem zukünftigen Arbeitsplatz. Die Arbeit machte mir viel Spaß und ich konnte es kaum erwarten, dort richtig loszulegen. Es ist alles sehr geheim dort, es gab sogar einige Regierungsaufträge und ähnliches, also wurde jeder Mitarbeiter auch peinlich genau durchleuchtet, wenn er die Labors betrat oder verließ. Tja, und eines Abends ging bei mir der Alarm los und man fand Drogen in meiner Tasche."
Elizabeth riss die Augen auf.
„Irgendjemand hat sie mir heimlich in die Tasche gesteckt, da bin ich sicher!" ereiferte sich Wickham, zufrieden mit ihrer Reaktion. „Ich bin sicher, es war William selbst, doch natürlich konnte ich ihm nichts nachweisen. Er hat einen Grund gesucht, mich loszuwerden, und einfacher konnte er es nicht haben. Weißt du, die Substanz wurde bei uns in den Labors für weniger gefährliche Zwecke verwendet, aber man kann nunmal auch ein synthetisches Rauschmittel daraus machen, wenn man sich ein wenig damit auskennt. Ich hatte sowohl Zugriff zu den ganzen Rohstoffen als auch die notwendige Ahnung – für die Darcys ganz klar, dass ich schuld hatte. Ich konnte meine Unschuld noch so sehr beteuern, man glaubte mir nicht. Und das tollste daran war, die Frau, die ich glaubte zu lieben, sagte gegen mich aus. Sie beschwor, dass sie mich dabei erwischt hätte, wie ich einen Beutel mit dem Mittel einsteckt habe. Natürlich war das alles abgekartet – wer weiß, wieviel Geld sie ihr bezahlt haben, um so etwas zu sagen, so schamlos zu lügen! Ich war auf einmal ein Drogendealer – schließlich war ich ja auch nur der Sohn eines Chauffeurs! Alles, was ich geleistet hatte, auch für die Firma, zählte auf einmal nichts mehr."
Wickham holte tief Luft und Elizabeth drückte erneut seine Hand. Sie war vollkommen entsetzt.
„Ich erhielt umgehend meine fristlose Kündigung, zwar zusammen mit einer Abfindung, aber dennoch. Ich denke, ich muss nicht großartig erwähnen, dass es mit einer Anstellung in der Branche vorbei war. Da half mir auch mein Abschluss in Cambridge nicht mehr. Ich bin dann nach London gegangen, aber Chemiker werden auch hier nicht unbedingt gesucht. Also halte ich mich mit kleineren Jobs über Wasser, wie zum Beispiel alten Damen die Einkäufe zu machen."
Er senkte bedrückt den Blick, lächelte unglücklich und Elizabeth brach es fast das Herz.
„Oh George, was für eine schlimme Geschichte! Ich kann es gar nicht glauben. Wie kann man jemandem so etwas mit Absicht antun? Aus lauter, purer Bosheit? Was für ein schlechter Mensch muss dieser William Darcy sein." Sie erinnerte sich plötzlich daran, dass ihr Onkel ja höchstwahrscheinlich zu DS&T wechseln wollte und schlug sich entsetzt auf den Mund. „Du liebe Güte, und mein Onkel will dorthin gehen..." brach es aus ihr heraus und Wickham horchte spürbar interessiert auf. Bevor Elizabeth es merkte, schaute er jedoch wieder traurig aus der Wäsche.
„Dein Onkel?" fragte er unbestimmt. In seinem Kopf arbeitete es fieberhaft.
„Ja..." sagte Elizabeth langsam. Sie hatte Wickham nicht erzählt, wer ihr Onkel war und bedauerte bereits ihren spontanen Ausruf. Auch wenn sie von seiner traurigen Geschichte sehr betroffen war, so musste sie ja nicht jedem auf die Nase binden, was eigentlich die Privatangelegenheit ihres Onkels war.
„Äh... ja, mein Onkel hat ein Angebot von DS&T bekommen", sagte sie zögerlich. Doch Wickham, eine gute Gelegenheit witternd, ließ sie natürlich nicht so schnell vom Haken.
„Interessant. Auf welche Position, wenn ich nicht zu neugierig bin?"
„Ach, genau weiß ich es nicht, irgendwas mit Forschung..." sie zuckte mit den Schultern und lachte nervös. „Was meinst du, trinken wir noch einen Kaffee?" versuchte sie, das Thema zu wechseln.
Wickham überlegte blitzschnell. Es war klar, dass sie ihm nicht zu viel verraten wollte und er musste vorsichtig sein. Vor allem sollte sie ihm selbst verraten, wer ihr Onkel war. Dass Professor Gardiner zu DS&T gehen wollte, passte ihm nicht besonders in den Kram. Es passte ihm ganz und gar nicht, um genau zu sein. Er hatte gehofft, er könne durch ihn in Oxford unterkommen oder zumindest von seinem Einfluss profitieren, wenn er es schaffte, sich ins Herz seiner naiven und leichtgläubigen Nichte zu stehlen. Sanft nahm er Elizabeths Hand in seine beiden Hände und schaute sie eindringlich an.
„Elizabeth, bitte sag ihm, er soll sich den Vertrag und die Firma genau anschauen. Am besten durch einen Rechtsanwalt bis auf den letzten Buchstaben prüfen lassen, wenn er wirklich in Erwägung zieht, dort hin zu wechseln. Und..." er machte eine Pause und drückte noch einmal ihre Hand und strich mit dem Daumen sanft über ihr Handgelenk, „vielleicht sollte er es sich überlegen, ob er nicht bei seinem jetzigen Arbeitgeber bleibt."
Elizabeth war ein wenig durcheinander. Ihre Gedanken liefen Amok – Georges schockierende Offenbarung, die möglichen Auswirkungen auf ihren Onkel, und jetzt auch noch der überraschend zärtliche Körperkontakt, der ihr – harmlos wie er war – trotzdem Schauer über den Rücken jagte. Sie zog die Hand nicht zurück, ja sie genoss die Berührung regelrecht. Oh ja, sie war ein wenig durcheinander.
Wickham spürte ihre innere Unruhe und lächelte innerlich selbstzufrieden. Miss Bennet zappelte bereits wunderbar am Haken. Er schenkte ihr sein verführerischstes Lächeln.
„Hey, lass uns nicht trübsinnig werden, Elizabeth! Was hältst du davon, wir nutzen das schöne Wetter und fahren zum Hyde Park?" Elizabeth schaute auf, überrascht über seinen plötzlichen Stimmungswechsel, und blickte in ein paar strahlende, blaue Augen. Sie erwiderte das Lächeln und nickte.
„Klar, warum nicht. Es ist ja noch früh am Tag!"
Ganz Kavalier übernahm Wickham die Kosten für den Kaffee – der eigentlich Elizabeths Wiedergutmachung hätte sein sollen – und die beiden spazierten gemütlich zur nächsten U-Bahn Station. Wickham bemühte sich, die Konversation amüsant und locker zu halten und keine Themen wie Forschung, Chemie oder die Darcys anzuschneiden. Die Saat war gesät, jetzt musste er sich nur noch ein wenig um Elizabeth bemühen.
Es fiel ihm nicht sonderlich schwer. Zwar war sie für seinen Geschmack ein wenig zu alt – er stand eher auf knackige Teenager – aber mit dem Rest konnte er sich durchaus anfreunden. Sollte es ihm gelingen – und davon ging er aus – mit ihr eine Beziehung einzugehen, hieß das ja noch lange nicht, dass er seinen anderen Neigungen nicht mehr frönen konnte. Er musste es nur geschickt genug anstellen.
Und er durfte es nicht zu stark forcieren. Natürlich hatte er sofort gemerkt, dass sie auf seine vorsichtigen Berührungen im Café angesprungen war – höchstwahrscheinlich war sie schon seit einiger Zeit „unbemannt" und hätte nichts gegen ein bißchen Zärtlichkeit gehabt. Aber er mahnte sich zur Vorsicht. Sie kannten sich noch nicht lange genug, also spielte er zunächst einmal den galanten Kavalier. Hin und wieder berührte er sie quasi „aus Versehen" oder suchte einen plausiblen Grund dafür – zum Beispiel ein imaginäres Blatt, das er auf ihren Haaren entdeckt haben wollte und vorsichtig entfernte. Oder er nahm ihre Hand und zog sie spielerisch zu einem Eisverkäufer – den er selbstverständlich zahlte, wischte später sanft einen kleinen Eisfleck aus ihrem Mundwinkel und so weiter und so weiter. Es gab Millionen von Möglichkeiten der sanften Verführung und Wickham beherrschte sie alle.
Als es langsam dunkel wurde, bestand er darauf, Elizabeth nach Hause zu bringen. Sie lehnte zunächst ab, doch er ließ sich nicht beirren.
„Was für eine Art Mann wäre ich wohl, wenn ich dich alleine um diese Zeit durch London fahren ließe?" fragte er mit gespielter Empörung und legte ihr leicht einen Arm um die Schulter, um sie in Richtung U-Bahn Station zu schieben. Elizabeth, die ein wenig enttäuscht war, als er den Arm gleich darauf wieder wegnahm, gab sich geschlagen.
„Na schön", meinte sie und hob resigniert die Hände. Wickham lachte. Sehr schön, dachte er befriedigt. Nun würde er auch erfahren, wo der Professor lebte.
Wickham brachte sie bis zur Haustür. Unauffällig sah er sich um, bevor er sich von Elizabeth verabschiedete.
„Das war ein wundervoller Tag, Elizabeth", sagte er leise und hielt ihre Hände in seinen. „Ich hätte mir nie vergeben, wenn es heute nicht geklappt hätte durch meine Verspätung. Vielen Dank, dass du auf mich gewartet hast." Elizabeth lachte.
„Ich mir auch nicht", sagte sie leichthin und schauderte erwartungsvoll, als Wickham ihre rechte Hand an seine Lippen hob und sanft die Fingerspitzen küsste. Er wusste, die Weiber standen auf solch einen altmodischen Kram.
„Ist es vermessen zu fragen, ob wir uns wiedersehen?" fragte er fast schüchtern. Elizabeth errötete.
„Nein, ist es nicht", flüsterte sie. „Ich würde dich gerne wiedersehen." Wickham schenkte ihr ein hoffnungsvolles Lächeln.
„Dann darf ich dich anrufen?" fragte er und Elizabeth nickte.
„Das wäre nett." Er nickte erfreut.
„Das wäre sehr, sehr nett", sagte er, ließ ihre Hand los und verbeugte sich leicht. „Bis bald, Elizabeth. Gute Nacht." Noch ein Lächeln, dann hatte die Dunkelheit George Wickham verschluckt.
Und während sich Elizabeth Bennet durch sein galantes Benehmen zweihundert Jahre in die Vergangenheit zurückversetzt fühlte und ihm noch lange fasziniert nachstarrte, eilte George Wickham zur U-Bahn zurück und holte sein Mobiltelefon aus der Jackentasche. Er grinste siegesgewiss, als sich eine rauchige Stimme am anderen Ende meldete.
„Hallo, Henrietta-Schatz – noch Lust auf einen kleinen Ritt heute abend?"
