Ein neuer Morgen
Vor dem offenen, kleinen Fenster im dunklen Hinterhof steht ein etwas verkrüppelter Birnbaum, seid Jahren trägt er keine einzige Frucht mehr. Die Blätter, der Stamm, die Rinde alles wirkt alt und schäbig, selbst der Vogel auf dem Baum, der leise zwitschert und dessen Federn in alle Richtungen gekehrt wurden, ist schon etwas senil geworden.
Auf dem dunklen Hinterhof ist noch nichts von der kommenden Sonne zu sehen. Staubig, dreckig und verarmt wirkt er und trotzdem sieht er gar nicht verlassen aus; eine Teppichklopfstange steht in der linken Ecke, ein Kind hat sein Spielzeug – einen grünen Lastwagen – liegengelassen, Wäscheleinen sind von einer Seite zur nächsten gespannt ein einsamer, alter Birnbaum, in den ein Herz mit den Initialen L&J geritzt wurde, steht vor mehren kleinen Fenster, von denen eines offen steht.
Das Fenster wurde von jemandem geöffnet, der gerne auch des Nachts die Aussenwelt, das Leben spürt. Dieser Jemand liegt leise schnarchend auf einem schmalen Klappbett direkt unter dem Fenster. Die Überzüge sind von brauner Farbe und die Decke sieht so aus, als wäre ziemlich kratzig. Der Mann hat sich trotzdem in die Decke gewickelt, durch das offene Fenster kommt nämlich ab und zu ein kalter Windstoss.
Die Wohnung, in der dieser Mann lebt und in der auch das schmale Klappbett steht, ist ziemlich klein, man sieht nur drei Türen. Eine Türe führt in das Treppenhaus des riesigen Mietshauses, eine andere in ein winziges Bad, welches auch gleichzeitig die Toilette ist, die letzte führt in eine enge Küche, in der gerade mal ein Tisch, ein Stuhl, ein Gaskocher, ein Spülbecken, ein winziges Küchenschränkchen und ein kleiner Kühlschrank passen.
Das Wohnzimmer, welches ebenfalls als Schlafzimmer dient, bildet den grössten Raum, es ist jedoch spärlich eingerichtet. Ein Kleiderschrank aus massivem Holz (es fragt sich wie ein gewöhnlicher Mensch, einen Kleiderschrank, der ziemlich schwer ist, in den fünften Stock eines Mietshauses bringt) scheint das einzige etwas wertvolle zu sein. Er hat ihn von seiner Mutter geerbt. Ein Kalender und ein Foto zieren die Wände. Auf dem Kalender wurde mit einem roten Filzstift das Datum eingekreist, welches erst drei Tage zurückliegt. Vier junge Männer wurden auf dem Foto abgelichtet, doch irgendetwas stimmt nicht diesem Foto, wenn man genauer hinsieht, sieht man nämlich, dass der gutaussehendste des Quartetts dem etwas schlaksigen mit der Brille, die ohnehin schon durcheinander gebrachten Haare noch mehr verstrubelten, dann hört er plötzlich damit auf und macht das Peacezeichen hinter dem Rücken des etwas kleinen Mannes, mit wässerigen Augen, welcher gezwungen lächelt. Noch mehr merkwürdige Dinge sind in dem Raum zu sehen, ein Besen, das wäre nichts ungewöhnliches, wenn neben dem Besen nicht ein „Besenpflegeset" läge und auf dem Besen keine Unterschriften Internationaler Quiditschspieler stehen würden. Der Boden ist ein brauner, etwas schmuddeliger Teppich, welcher auch schon besser Tage hinter sich hat. Braun ist allgemein die Farbe, die das Zimmer ausmacht. Ausser dem Teppich, den Überzügen und der Decke sind auch die Garderobe, die Wände, ein Sofa, ein Stuhl, ein Bücherregal – die Bücher haben merkwürdige Titel –, ein Wecker und ein veraltetes Radio braun.
R.J. Lupin nuschelt undeutlich etwas im Schlaf, dann dreht er sich um und kuschelt sich noch mehr in sein Decke. Gerade als seine Atemzüge wieder gleichmässig werden, geht der Wecker los und zwar so laut, dass eigentlich die ganze Nachbarschaft mitgeweckt hätte werden sollen, aber wie von Zauberhand geht durch die dünnen Wände – sobald die Frau von nebenan wieder ihren Ehemann fertig macht, kann Lupin jedes Wort mithören - kein Laut. Schlagartig öffnet er seine Augen. Kurz setzt er sich auf, dann seufzt er und lässt sich wieder auf das Bett fallen, der Wecker gibt jedoch keine Ruhe, auch nicht nach dem Remus drauf gehauen hat.
„Ja, ja ist ja gut", er steht auf und der Wecker hört auf.
„Ha, ha", und er lässt sich wieder auf sein Bett fallen, doch kaum da er das alte Klappbett wieder berührt, fängt der Wecker an.
„Ich überlege mir ernsthaft, ob ich dich irgendwann mal irgendeinem Monster verfüttern sollte, wie wär's mit mir selbst?", witzelt Lupin.
Auf einmal hört sich der Ton des Weckers jedoch anders an, man könnte fast meinen, er würde lachen. Nun steht Remus endgültig auf. Das Klappbett klappt er zusammen bis es nur noch so gross ist, wie ein normales Buch, dann stellt er es ins Bücherregal, dafür nimmt er ein anderes vermeintliches Buch heraus, faltet es auf und hervor kommt ein ziemlich grosser Schreibtisch auf dem riesige Stapel Pergament, Federn, Tinte, von der kein Tropfen ausgeschüttet worden ist, als sie zusammengefaltet war und ein paar andere merkwürdigere Utensilien liegen. Remus seufzt erneut und dann schlurft er in die winzige Küche, um sich seine allmorgendliche Sockenbrühe zuzubereiten – seine Mutter ist eine Muggelgeborene, durch sie ist er auf den Geschmack gekommen.
In der ganzen Wohnung gibt es nur drei Fenster, zwei im Wohnzimmer und eines in der Küche, durch dieses Fenster in der Küche fliegt ein grösser Waldkauz um Remus seinen Tagespropheten zu bringen. Er bezahlt den Vogel und liest gleich die Titelseite durch. Natürlich berichten sie schon über den gestrigen Brand und das merkwürdig objektiv (das ist schon seit längerer Zeit so), sie beschreiben Voldemorts Seite und die ihrige, als seien sie nur zwei Parteien, als seien Dumbledore und Voldemort nur zwei Politiker die um das Amt des Ministerpräsidenten kämpfen. Remus findet diesen Vergleich, diese Art von den Vorfällen zu schreiben – es kann doch nicht sein, dass ein Massaker so dargestellt wird, als sei es nur eine Werbekampagne für Voldemorts Partei – absurd und traurig, aber warum sollte man sich was vor machen, eine mutige Zeitschrift in der Zaubererwelt, so etwas gibt es nicht (wenn man mal über den Klitterer hinwegsieht).
Manchmal erwischt er sich jedoch auch dabei, so zu denken, als seien Voldemort und Dumbledore zwei gewöhnlicher Politiker, die, mit zugegeben etwas krasseren Mitteln, um einen Posten kämpfen. Er denkt jedoch noch an eine dritte Partei, einen dritte Politiker: Barty Crouch. Ein sehr korrupter Politiker, wenn man so will, der mehr auf Kampf aus ist, als auf Taktik
Die ganze Titelseite und die ersten 8 Seiten füllt den Tagespropheten über den gestrigen Anschlag. Remus kann sich drei mal auf einem Foto entdecken. Nachdenklich liest er die verschiedenen Artikel und Interviews durch, wobei er nicht alles ganz so erlebt hat, wie die Autoren den Vorfall beschreiben. Ein paar mal schnaubt er laut auf. Richtig aufregen tut er sich jedoch nur über die Interviews, denn auch einem Todesser, wobei dieser nicht beim Namen genannt wird, werden Fragen gestellt. Eine Bodenlose Frechheit, da sterben mal ganz einfach etwa ein Duzend Muggel, einen der Täter kann man dann natürlich dazu fragen stellen, als wäre er nur irgendein Typ, der einen Skandal verursacht hat.
Bei der dritten Seite stockt er, Andromeda wird erwähnt. Der Autor schreibt, dass sie das erste Opfer gewesen sei und die Todesser danach den Zeitzauber ausgelöst haben, ausserdem wird darauf hingewesen, dass die Todesanzeigen auf der letzten Seite zu finden seien. Unweigerlich denkt er an Sirius. In letzter Zeit haben sie sich nicht mehr so oft gesehen, irgendetwas hat sich zwischen sie gedrängt. Wahrscheinlich ist er bei den Potters. Unter diesen Umständen wird er wohl kaum in seiner Wohnung übernachtet haben. Die eigene Cousine in seiner Wohnung ermordet aufgefunden zu haben, das muss ein Schock gewesen sein. Lily hat ihm gestern erzählt, dass er gleich nach dem er Andromeda aufgefunden hat zu ihnen gereist ist.
Seinen Kaffee hat er ausgetrunken, deshalb faltet er die Zeitung zusammen und legt sie ins Altpapier, dann geht er zurück in sein Wohnzimmer. Auf seinem Schreibtisch wartet einiges an Arbeit, trotzdem er kann jetzt nicht Arbeit, Sirius Black ist ein Freund von ihm und er muss ihm jetzt beistehen, genau wie er ihm jeder Zeit beigestanden ist.
Er wirft noch einen letzten wehleidigen Blick auf den Schreibtisch, dann zieht er sich an und geht ins Bad. Nach einer kurzen Katzenwäsche apperiert er Zaubereiministerium. Das tut er öfters, da man in dieses Gebäude (das heisst in den Eingangsbereich) mühelos apperieren darf und es von dort nicht mehr so weit bis zur Winkelgasse ist, von wo aus man anschliessend mit Flohpulver zu den Potters reisen kann.
Jemand in einem weissen Nachthemd und langem, dichtem, schwarzem Haar geht wie in Trance auf ihn zu. Von weit her hört eine Stimme, die in seinem Kopf wiederhallt: „Es tut mir so leid, es tut mir so leid, es tut mir so leid."
Schweissgebadet und mit Tränen in den Augenwinkeln wacht er aufrecht im Gästebett der Potters auf.
„Andromeda", flüstert Sirius.
Wie erstarrt bleibt er noch einige Sekunden aufrecht im Bett. Irgendwann legt er sich wieder auf die rechte Seite, aber er kann nicht mehr einschlafen. Die ganze Nacht konnte er nicht schlafen und die Paar Minuten (oder Stunden?) in denen er doch eingedöst ist, hat er von ihr geträumt. Was tut ihr leid? Tut es ihr leid, dass sie umgekommen ist, ohne es ihm erzählt zu haben?
Er muss irgendetwas machen, er muss sich ablenken, er kann nicht sein ganzes restliches Leben um die Toten trauern. Er geht ins Badezimmer, wo er eiskalt duscht, dann nimmt er einen weissen Morgenmantel für Besucher. Mit nassem Haar, welches er sich immer wieder aus dem Gesicht streicht (unbewusst sah er dabei verdammt gut aus) geht er langsam die breite Holztreppe hinunter ins Erdgeschoss.
In der Küche macht er sich eine schöne, warme Tasse Tee, dann setzt er sich nach draussen in den grossen und wunderschönen Garten, der Potters.
Es ist Fünf Uhr morgens. Rötlich dämmert der Morgen in der Ferne. Der, für April, sehr sommerliche Morgen entfaltet die Geräusche und Gerüche, des Gartens und des naheliegenden Dorfes. Nahe des Anwesens der Potters gibt es eine schmale Landstrasse. Dort am Strassenrand ruft ein aufgeregter Hahn, der mit samt seiner Hühnerschaft ausgebrochen ist, seine Hühner zu sich, er ist wohl auf ein paar Körner gestossen.
Sirius atmet tief ein, er kann den nicht mehr weiten Sommer hören, riechen und fühlen. Er hört Vögel zwitschern, Hunde, die gerade aufgewacht sind, bellen, Fensterläden im nahen Dorf, die geöffnet werden, ein Baby weinen. All dies hört er natürlich nur fern, ausser die Vögel, welche rund um ihn ihre Melodien spielen. Der wunderschöne Garten ist erfüllt mit Geräuschen des Windes, welcher die Bäume zum Rasseln bringt. Der Rasen ist mit Tau besprenkelt, den die Nacht, wie dünne Seide über den Garten gelegt hat. Warm fühlt sich die Luft an, obwohl es April ist und die Sonne noch nicht aufgegangen ist.
Alle Zeichen sprechen dafür, dass es ein wunderschöner Tag wird, was das Wetter anbelangt.
