Erste Tür – Er studierte sie. Levy fühlte sich wie gefangen von seinem blutigen Blick, der keine einzige Emotion zeigte. Sie hatte gelernt, dass man auf den westlichen Archen glaubte, die Augen wären die Spiegel zur Seele der Menschen.

Hieß das also, dass die Drachen keine Seele hatten? Es überraschte sie nicht.

Er drehte sich vom Fenster weg und zog den Vorhang zu, nun lag der ganze Raum in kompletter Dunkelheit. Die junge Frau erschauderte schrecklich, doch hielt sich sofort zurück. Sie blickte direkt in den roten Augen, die immer gefährlich näher kamen. Sein Kinn war gehoben, selbstsicher. Ihr Mut würde sie doch nicht verlassen, nicht jetzt.

Der Drache hielt zwei Meter vor ihr an. Sie spürte seine Anwesenheit, erdrückend, massiv, sie roch sein metallischer Duft. Sie schloss die Augen, als ihr leicht übel wurde. Auf ihrer Zunge schmeckte sie den Geschmack von Blut.

„Du bist also die, die mein Großvater für mich ausgesucht hat? Schwach und lächerlich siehst du aus", höhnte er mit Spott und Verachtung.

Fast hätte sie genervt aufgestöhnt. Die Meinung war schon gefallen. Levy wollte es ihm mit gleicher Münze heimzahlen, als er sich ihr gefährlich näherte.

„Du siehst aus wie ein Shrimp. Und weißt du, was ich mit Shrimps tue?"

Nun hielt sie ihr Schaudern nicht zurück.

„Ich fresse sie", flüsterte er mit einer verrückten Stimme und einem zähnefletschenden Grinsen in ihr Ohr.

Auch wenn sie kurz vor einem Nervenzusammenbruch war, blieb sie ruhig. Sie entfernte sich, ohne auch nur einen Schritt zu tun. Jede Annahme von der Angst, die sie spürte, würde nur dazu bringen, dass ihr zukünftiger Gemahl sie für noch schwächer halten würde.

„Zu Eurem Pech bin ich nicht essbar. Viele Menschen haben sich schon die Zähne kaputtgemacht, ohne es geschafft zu haben, mich zu brechen."

Das Siezen war verächtlich, die Stimme kalt, das Kinn hochgehoben, die Warnung kaum verhüllt. In ihren Worten und ihrer Haltung zeigte sich eine ehrliche Abneigung.

Sie starrten sich einen Moment lang an, Zähne zusammengebissen und Fäuste geballt. Und keiner der beiden wollte das Kriegsbeil begraben.

Vor allem Levy wollte ihm zeigen, wenn ihre Anwesenheit ihm nicht passte, dass sie selber alles aufgeben musste, wegen einer Auslosung. Sie wollte sich keine Mühe geben und noch weniger, um ihm zu gefallen.

Xxx

Zweite Tür – Kinana starrte ihre Hände an. Durch das Schrubben der Böden und der Wäsche im Waisenhaus hatte sie im Laufe der Jahre schwielige Hände bekommen. Ihre Finger waren hart und voller Narben von Frostbeulen, die sie im Winter bekam. Mit der Temperatur am Pol machte sie sich Sorgen, dass ihre Wunden wieder aufgehen würden. Wenn ihre trockene Haut wieder anfing zu bluten und rissig zu werden, musste sie abermals Lisannas wundervolle Salbe darauf schmieren.

Lisa... die junge Lilahaarige hoffte inständig, dass die Weisshaarige einen lieben Verlobten hatte und dass sie sich gut verstanden.

Was ihr eigener anging... Sie hob den Kopf und lächelte, als sie Erik auf einem schwankenden Gebilde von drei Stühlen balancieren sah. Er gab sich Mühe den großen Atlas zu ergreifen, der ganz oben auf dem Regal war, um Kinana zu zeigen, welche Route sie hinterlegt hatte, um bis hierhin zu gelangen. Die junge Frau war nicht unbedingt an Kompasse, Weltkarten oder ähnliches interessiert, doch es schien ihrem Verlobten sehr wichtig zu sein...

Der Rothaarige kam unverletzt zu ihr zurück. Das große Buch hielt er in seinen Händen und er setzte sich ungeniert neben ihr. Das Waisenmädchen fragte sich rasch, ob dies angemessen war, dann öffnete Erik den Atlas und ihre Unsicherheit verschwand zugunsten von Erstaunen.

Der Drache passte auf, beim Blättern das alte Papier nicht zu zerreißen. Die Seiten zeigten unglaubliche Aquarelle aus Tinte, die Legenden der Karten waren kunstvoll verziert. Kinana beobachtete aus den Augenwinkeln ihr Gefährte, der ihr den Weg zeigte, die zwischen Fiore und dem Pol lag. Seine Finger glitten präzise über die Himmelsrouten, die durch feine rote Linien hervorgehoben wurden, und er wusste alle Namen der Archen auswendig, die sich auf der Route befanden. Die junge Frau lächelte glücklich. Es schien wirklich seine Leidenschaft zu sein. Ohne es zu kontrollieren lachte sie leicht auf, wobei der Drache überrascht den Kopf erhob.

Ihre Blicke kreuzten sich. Erik lächelte schüchtern und bekam rosige Wangen.

„Das möchte ich eines Tages werden... Kartenzeichner."

„Warum?"

„Ich finde dies spannend. All diese unerforschten Orte... ich träume von einem abenteuerlichen Leben!"

„Ihr würdet Euch gut mit Miss McGarden oder Miss Aguria verstehen", murmelte Kinana.

„Doch ich bin mit Euch."

Sie warf ihm einen Blick zu. Er blickte sie so ernst an, dass sie sich mit geröteten Wangen abwandte.

„Würdet Ihr mit mir kommen?", fragte er sanft.

„Ich bin eher stubenhockerig... Die Fremde macht mir Angst. Dieses abenteuerliche Leben, von dem Ihr träumt, ich bin nicht dafür geschaffen."

„Und wenn ich nochmals frage?"

Sie riskierte einen neuen Blick auf ihn zu werfen. Seine Mimik hatte sich nicht verändert.

„Warum würdet Ihr dies tun? Wenn Sie es befehlen, werde ich Ihnen folgen. Ihr müsst... Ihr müsst nicht... fragen."

„Ich erteile keine Befehle."

„Warum?"

„Anscheinend lieben Sie diese Frage... Weil Eure Meinung mir wichtig ist. Weil Ihr mir wichtig seid."

Xxx

Dritte Tür – Der blonde Prinz klappte sein Buch zu und verschränkte die Arme. Er blickte seine Verlobte wie ein Löwe an, der seine Beute begutachtete.

„Ihr liest also Arkalaan."

„Ich kann es auch sprechen, doch in letzter Zeit kam ich nicht sehr oft dazu. Die Wahl, die Reise zu einer fremden Arche, die Begegnung mit einem unangenehmen und arroganten Mann..."

„Hum."

Er fixierte Lucys Hände, die auf ihren Röcken lagen.

„Ich habe viel von Ihnen gehört, Miss Heartfillia."

„Zum Glück kann ich nicht dasselbe behaupten, Herr Drache. Wahrscheinlich hätte ich es sonst gar nicht ausgehalten."

Laxus hatte ein zähnefletschendes Grinsen aufgesetzt.

„Hier am Pol sind wir viel diskreter, als auf Eurer überschwänglichen Arche, Miss..."

„Diskret? Ich würde eher berechenbar und irreführend sagen."

Sie fixierten sich einen Augenblick lang. Der Blonde lächelte amüsiert und arrogant, während die junge Frau versuchte ihre Wut zurückzuhalten.

Es war ein Test. Eine Kraftprobe, damit der Drache entscheiden konnte, ob sie es wert war, seine Frau zu werden. Falls nicht, würde er ihr das Leben zur Hölle machen.

Sein Lächeln wurde breiter. Er wartete bis Blondie um seine Gunst betteln würde, sobald sie verstehen würde, welche Drohung auf ihr lag.

„Ich denke, Ihr habt etwas falsch verstanden."

Erstaunt blickte er sie prüfend an.

„Ich gehöre Ihnen nicht, und auch nicht Eurem König oder meinem Archengeist. Ich bestimme alleine über mein Schicksal. Und wenn ein unausstehlicher und arroganter kleiner Lord behauptet mein Leben zu regieren, nur weil er mein sogenannter Verlobter ist, irrt er sich bei weitem."

In Lucys braunen Augen loderten Flammen. Sie sprach hasserfüllt weiter: „Mein ganzes Leben habe ich als Puppe verbracht, für die Ehre meines Hauses. Ich musste meine Familie und meine Arche verlassen, um in einem fremden Reich eine Marionette zu spielen, was mir nicht passt. Ich habe es satt, dass man mich verachtet oder unterschätzt nur weil ich eine Frau bin, dazu noch blond und jung. Ich verdiene genau so Euren Respekt wie einer Eurer Männer, Dux Bellorum. Ich werde nicht zulassen, dass Sie von oben auf mich herabsehen."

Laxus betrachtete sie lange. Ihre Augen glänzten voller Wut und sie atmete keuchend. Innerlich lächelte er. Sie war wirklich viel stärker, als ihr Ruf es glauben ließ...

Plötzlich verstand er.

„Wie habt Ihr mich genannt?", knurrte er.

Überrascht vertiefte sie sich in ihrem Sessel.

„Euren Dux-Titel? Das ist doch Eure Funktion, oder?"

Er lächelte zynisch und fuhr mit der Hand auf seinem Gesicht.

„Wie habt Ihr erahnt, dass... Selbst die Untertanen wissen nicht, dass ich die Armeen des Pols führe."

„Ihr tragt das Symbol der Nordwölfe auf der Uhr, Mylord. Man sieht sie gut aus Ihrer Tasche kommen. Und da Ihr nicht wie ein Soldat aussieht, schlussfolgerte ich, dass Ihr der Anführer seid."

Jetzt betrachtete er sie noch ernsthafter als bisher. Nach einer angespannten Stille stand er abrupt auf.

„Ich werde Lavinia rufen lassen, sie wirs Euch zu Euren Gemächern führen. Das Treffen ist abgeschlossen."

Xxx

Vierte Tür – „Euer Leben stehlen? Wie... wie denn das?", stotterte Yukino, völlig überrumpelt. Die stahlblauen Augen des Drachens fixierten sie mit einem unverhüllten Hass. Er setzte sich auf, strich sich durch die blonden Strähnen und ließ endlich ihr Handgelenk los. Vorsichtig ging sie zurück, beängstigt von dieser wilden, magnetischen Feindseligkeit. Es hatte nichts mit der Brutalität ihres Vaters zu tun oder der Ruhe von Lord Cheney. Es war das gleiche Gefühl, dass sie vor dem Drachenkönig empfunden hatte. Dieses unangenehme, erniedrigende Gefühl, als ob man in der Höhle des Löwen gefallen wäre.

„Wer seid Ihr?"

„Habe ich schon gesagt, dumme Kuh. Ich heiße Sting, aber für dich ist es Lord Eucliffe."

Dieser arrogante Ton ließ die Weißhaarige erschaudern. Bei den Göttern... er ähnelte dem ihrer Mutter. Sie schloss die Augen und zitterte stark.

„Ich bin-"

„Mir egal."

Königlich kalt. Sie ließ sich auf das blassblaue Sofa fallen und presste ihre Knie zusammen. Er gähnte lauthals, ohne seinen Mund zu verdecken. Dann kratzte er sich am Nacken, strich sich durchs Haar und sein distanzierter, kritischer Blick kam wieder auf die junge Frau.

„Wenigstens siehst du nicht übel aus... aber wenn du glaubst, du kannst mich mit Hundeblicken erweichen, dann siehst du dies falsch."

Er lachte böse und sarkastisch.

Er erhob sich und ging im Salon auf und ab, sichtlich unzufrieden. Yukino wünschte sich nur noch eins: Verschwinden. Sie hatte sich so oft fehl am Platz und unerwünscht gefühlt. Doch dieses Mal war es mehr als nur peinlich.

Man wollte nichts von ihr. Er wollte nichts von ihr.

„Jetzt reiß dich zusammen, das ist nur eine Phase, es wird vorbeigehen", sagte sie sich innerlich. Sie wollte sich nicht erniedrigen lassen. Sie durfte es nicht.

„Ihr seid also... Ihr seid also der Sohn von Lord Weisslogia?"

„Mach nicht so, als ob mein Leben dich interessiert, deins ist mir völlig unwichtig!", fauchte Sting, ohne sie anzusehen. „Unser Treffen ist beendet, nun geh raus."

Mit offenem Mund fixierte Yukino ihn an.

„Wie bitte?"

Er schnappte ihren Ellenbogen und zerrte sie bis zur Tür. Sie schüttelte sich erfolglos, sie schaffte es nicht sich aus seinem Griff zu befreien.

„Hört auf! Sie tun mir weh!"

„Na los!", rief Sting, während er sie aus dem Zimmer warf. „Frag' eine Dienerin nach dem Weg, ich habe Dinge zu tun."

Noch bevor er die Tür vor ihrer Nase zuschlug, sagte er nachdenklich: „Wenn ich mich langweile... werde ich mir vielleicht mit dir amüsieren."

Dann krachte die Tür zu.

Völlig unter Schock blieb die junge Frau einen Moment lang wie erstarrt. Dann besann sie sich wieder und versuchte erfolglos die Tür aufzuschließen.

Sie war verschlossen.

Die Weißhaarige wusste nicht, was sie tun konnte. Ihr zukünftiger Gemahl hatte sie im Korridor verlassen, ohne Wegbeschreibung oder irgendwelcher Hilfe. Völlig ratlos nahm sie ihren Kopf in ihren Händen. Was sollte sie tun? Mavis, in was war sie gefallen?

Sie entfernte sich von der Tür. Sie wollte nicht länger in der Nähe dieses Salons bleiben. Zwar war es völlig sinnlos, sich in einem fremden Schloss vom einzigen bekannten Raum zu entfernen, doch sie wollte nur noch eins: Luft. Ihre Lungen schienen sich bei jedem Atemzug kleiner zu werden und die Wände schienen noch näher zu kommen. Sie musste raus, sofort!

Sie begann zu rennen, stolperte wegen den Beulen in den Teppichen, schlug sich an den Wänden an. Ein Fenster. Es musste doch irgendwo ein Fenster haben!

Noch besser! Sie fand ein Balkon. Sie rannte zur Balustrade, völlig atemlos. Sie nahm ein großer Schluck von Luft in sich, doch der Atemzug schmerzte in ihrem Hals. Tränen flossen über ihre Wangen und ihrem Hals. Yukino atmete ein und aus, ein und aus, ein und aus. Ihre Hüften schmerzten, genauso wie ihre Brust. Ihr Herz schlug schnell und auch das tat weh.

Sie entfernte sich von der Brüstung, aus Angst sie könnte Höhenangst bekommen. Ein Fall von viertausend Meter in die Tiefe konnte niemand überleben. Die junge Frau kam zurück in den Korridor und sah sich um. Verdammt, sie erkannte nichts. Während sie gerannt war, hatte sie natürlich weder auf die Wandteppiche noch auf dem roten Teppich geachtet. Was würde sie jetzt tun?

Nun war es beschlossen. Sie hasste ihn nun wirklich. Und sie hasste sich selber auch. Warum war sie nicht so selbstsicher wie Levy oder Lucy? Sie hätte dem grässlichen blonden Drachen ihre Meinung gesagt und er hätte sie respektiert!

Sie glitt verzweifelt die Wand runter. Als sie mit der Hand durch ihr kurzes Haar fuhr, riss sie die purpurne Haarschleife weg, die ihre vorderen Strähnen nach hinten band. Sie atmete tief durch und versuchte sich zu beruhigen. Mit Schwierigkeiten stand sie wieder auf.

Gut! Nun musste sie sich zusammenreißen, ihren Weg finden oder jemanden, der ihr helfen konnten. Yukino ging zitternd in den Gang hinein.

Xxx

Wortlos folgte Lucy Lavinia. Während sie den Knoten von der Schürze der Maid betrachtete, vertiefte sie sich in ihren Gedanken.

Sobald sie von der Armee gesprochen hatte, war sie von Lord Dreyar vor der Tür gesetzt worden.

Warum?

Die Armee des Pols war ein heikles Thema. Die Nordwölfen waren eine Truppe von ehemaligen Söldnern, die dem Pol Treue geschworen hatten, und von Kämpfern ohne wirkliches Heim. Diese Armee war als eine der mächtigsten der Welt angesehen. In den ersten Jahren des Kriegs der Spalten erschienen sie zum ersten Mal und waren seither nicht aufgelöst worden.

Jede Regierung mit einer solchen Armee hätte den Wunsch geäußert, die Herrschaft über alle Archen an sich zu reißen. Doch nicht der Pol. Die Arche selber war so groß, dass man es sich nicht leistete, die Nachbarnarchen zu erobern. Während den Aufständen, die nach dem Krieg der Spalten entstanden waren, hatte der Pol die Wölfe benutzt, um die rebellischen Clans verschwinden zu lassen.

Danach hatte das Königreich eine Allianz mit zwei Nachbararchen gegründet: Byron und Tanith. Diese beiden hatten sich mit der Zeit dem Pol angebunden und gehörte nun zum Reich. Doch trotzdem hatte der Pol keine besonderen Bindungen mit dem Rest der Neuen Welt und lebte beinahe selbstständig am Rande des inneren Kreises.

Der Ruf der Drachen und ihrer Arche brauchte nicht erneuert zu werden. Ohne ihre Macht zu zeigen waren sie schon mehr als genug gefürchtet und respektiert. Also warum behielten sie eine solche Armee? Es machte keinen Sinn.

Eigentlich hatte Lucy die Funktion von Lord Dreyar nur durch das Symbol rausbekommen, dass auf seiner Anhängeruhr eingraviert war. Vor ein paar Jahren – als sie noch davon träumte eine Auserwählte zu sein – hatte sie ein altes Buch über die Regeln des Pols gelesen. Da die Drachen länger lebten als die Menschen, galten diese Regeln immer noch.

Eine dieser Regeln besagte, dass jeder Drache im Jagdalter eine bestimmte Funktion erfüllen musste. Der Älteste der Erben der königlichen Familie zum Beispiel war verpflichtet die Armeen zu führen. So wurden die Stellungen des Clans aufgeteilt.

Vor der Geburt der dritten Erbengeneration war Metallicana, Acnologias erster Sohn und Ältester der zweiten Erbengeneration, der Führer der Wölfe gewesen.

Nun war es Laxus Dreyar, Sohn aus erster Ehe der Hellen Lilie, Weisslogia.

So detailliert war es natürlich nicht im Buch beschrieben, doch jeder Idiot konnte es rausfinden und Lucy war ein kluges Mädchen.

Darum verstand sie nicht, warum der Heerführer der Armeen nicht vom Volk gekannt wurde, wenn ein Buch genügte, um es rauszufinden.

Benutzte man am Pol die Zensur? Wenn ja, dann war Lucys Buch eine uralte Edition gewesen, das vor Ewigkeiten auf Fiore gelandet war.

Plötzlich hörte sie wie Lavinia einen Schrei ausstieß. Vor ihnen befand sich eine weißhaarige Frau, die sich den Bauch hielt und auf dem Boden kniete.

„Yukino!", schrie Lucy und rannte zu ihr.

Die junge Frau hob den Kopf und lächelte die Blonde schwach an. Sie schluckte auf und hielt sich wieder den Bauch.

„Bei Mavis, was passiert mit dir? Warum bis du alleine?"

„Mir geht... es gut. Nur eine momentane Übelkeit. Es wird schon gehen", sagte Yukino zu den beiden besorgten Frauen.

„Was machst du hier? Wo ist dein Verlobter?"

Yukinos grünliches Gesicht wurde rot vor Wut.

„Erwähne ihn nicht vor mir, verstanden? Er hat niemanden gerufen, um mich wo weiß ich schon zu begleiten. Er hat mich wie eine Bettlerin verjagt und ich habe mich verlaufen!"

„Wie, er hat dich verjagt? Und du siehst definitiv nicht gut aus. Gehen wir zu den Gemächern, die uns reserviert wurden. Ayria ist sicher dort und wird dir etwas gegen die Übelkeit geben."

„Ich habe doch gesagt, dass es mir gut geht", protestierte die Weisshaarige schwach, während Lavinia und Lucy sie aufhoben und hielten.

Xxx

Yukino lag auf einem Bett. Einem großem Bett. Noch dazu bequem, in einem großem, angenehmen Zimmer. Sie starrte die Decke verloren an.

Im Gegensatz zu den edlen Zimmern in Fiore war diese Decke schlicht. Einfach weiß, mit ein paar zerklüften Ecken. Die großen Fenstern der Dachgauben mit den gepolsterten Fensterbänken öffneten sich auf dem Hof und ließen viel Licht ins Zimmer rein. Die Sonnenstrahlen waren angenehm auf ihrer Haut und deren Wärme machte sie schläfrig.

Sie lachte leicht und zynisch, was ihre Hüften schmerzen ließ. Die Ohnmacht war einfach klassisch. Während Lucy und die Dienerin sie stützten, wurde es schwarz vor ihren Augen und sie war fünfzehn Minuten später aufgewacht, während Miss Vermillion Lisanna, Lucy und Terence, den einzigen anwesenden der Fiorischen Delegation, ihre Diagnose gaben.

Während sie so tat, als ob sie schlief, hatte sie einige Sachen erfahren. Dass Lisanna doch keinen Verlobten hatte, dass Levy und Kinana noch bei ihren Verlobten waren und dass Terence vorhatte, die Polararche und deren Satelliten Byron und Tanith zu besuchen, wenn möglich mit Igneel, dessen Aufgabe es war, sich um die Administration des Gebietes zu kümmern.

Doch einiges blieb noch unklar: Was sollte sie nach dem Treffen mit ihren Verlobten tun? Ein Familienessen? Acnologia, Sting und Terence, der sich viel Mühe gab höflich zu bleiben, am gleichen Tisch zu haben war nicht unbedingt eine gute Idee.

Lucy hatte den anderen von Sting erzählt. Lisanna und Ayria hatten vor Empörung nach Luft geschnappt, Terence hatte sein Gesicht in seinen Händen begraben. Die Weißhaarige hatte die Augen halb offen gehabt, um all dies zu sehen, dann hatte sie versucht einzuschlafen.

Die Vier hatten inzwischen ihr Zimmer verlassen und nun war sie allein mit tausend Fragen. Sie war zu schwach, um sich zu bewegen.

Nach Ayria hatte ihr Körper eine Schwäche wegen dem radikalen Temperaturwechsel. Wenn sie sich nicht warm anzog, würde sie eine Grippe bekommen.

Sie kuschelte sich unter der Decke und seufzte abermals auf. Ihre Augen fixierten die Decke und sie begann die kleinen Risse zu zählen, um müde zu werden. Eins, zwei...

Alexandria fehlte ihr sicher nicht. Doch andererseits wäre sie viel lieber dort zurückgegangen, trotz der brutalen Familie und den täglichen Demütigungen, statt in dieser Fremde zu bleiben.

Ihr Rücken schmerzte wieder und ihre Narben erinnerten sie an ihrem Sir Charles von einem Vater. So zog eine Grimasse und beschloss, dass sie weder zurück noch hier bleiben wollte.

Ein unmöglicher Wunsch.