Kapitel 10: Flutwellen
Die nächsten fünf Tage regnete es ununterbrochen, und sie kamen nur schlecht voran, da es manchmal schwierig war einen Weg zu finden, auf dem die Pferde gefahrlos laufen konnten, ohne befürchten zu müssen, dass sie ausrutschten und sich etwas brachen.
Auch die Stimmung untereinander litt unter dem ständigen Regen. Erestor und Haldir schwiegen die meiste Zeit, immer eng beieinander reitend. Glorfindels Kommentare waren noch beißender als sonst, und selbst Arwens glockenklares Lachen ertönte nur noch selten. Die Galadhrim Zwillinge ritten zumeist ein Stück voraus und die aus Imladris hinter ihnen, zur Sicherheit. Elrohir hatte sich halbwegs mit dem Fuchs angefreundet und er schien nicht so sehr unter ihm zu leiden wie Aníril, deren Temperament in dem Regen deutlich abgekühlt war. Selbst sie sprach nur noch selten.
Doch als sie am sechsten Tag morgens aufstanden, hatte die Sonne die Regenwolken vertrieben, und sie waren alle frohen Mutes, nun endlich etwas trocknen zu können.
Gegen Nachmittag dann, als ihre Kleindung nicht einmal mehr klamm war, und sie die Ausläufer des Nebelgebirges erreicht hatten, kamen sie an einer über und über blühenden Wiese vorbei. Alle waren sie sich einig, dass sie für heute genug geritten waren, und sie hier, am Grunde eines Tales, ein Lager aufschlagen wollten.
So schlugen sie ihre Zelte wenige Meter von einem kleinen Bach entfernt auf, und innerhalb kürzester Zeit prasselte ein kleines, von weitem gut verstecktes, Feuer vor sich hin.
Aníril hatte sich während der letzten Tage eingestehen müssen, dass es wirklich die beste Lösung gewesen war, das Pferd mit Elrohir zu tauschen. Zwar taten ihr ihre Knochen des Abends immer noch weh, doch es war nur halb so schlimm, als wenn sie auf dem temperamentvollen Fuchs gesessen hätte. Zudem war sie die letzten Tage sehr schweigsam gewesen, der Regen hatte nicht nur ihr Gemüt bedrückt.
Die wunderschöne Blumenwiese hingegen ließ ihr nun das Herz aufgehen und die anderen Elben beobachteten amüsiert, wie Aníril und Arwen nahezu übermütig ihre Schuhe ausgezogen hatten und nun barfuß über das lange Gras liefen. Es kitzelte die Fußsohlen und Aníril konnte kaum noch aufhören zu lachen, bis sie sich schließlich am Ufer des Baches zu Boden sinken ließ und die Füße in das wohltuende Nass gleiten ließ. Arwen nahm direkt neben ihr Platz.
Erestor beobachtete erfreut seine Tochter und Arwen, wie sie ausgelassen durch die Wiese rannten. Die Sonne erleichterte sein Gemüt, und er lachte über Elladan und Elrohir, die wieder einmal die anderen Zwillinge zu einem Duell herausgefordert hatten.
Haldir hingegen ließ es sich nicht nehmen, unter Beweis zu stellen, wie ausgezeichnet er kochen konnte, sehr zu Glorfindels Unmut, der die Pferde versorgte.
„Jetzt muss es nur noch fertig kochen. Was machen wir zwei in der Zeit?", fragte Haldir Erestor unschuldig und in seinen Augen funkelte es.
„Wie wäre es, wenn wir uns ein wenig in Ruhe unterhalten würden?", forderte der dunkelhaarige Noldo den anderen auf, und dieser erhob sich, und folgte ihm, den Arm um seine Taille geschlungen.
„Sag, wie lange willst du dieses Spiel noch spielen?" Haldirs Ton ließ Erestor aufschauen.
„Nun, wenigstens noch bis diese Reise zu ende ist. Danach sollten wir es auflösen. Auch wenn ich nicht so ganz verstehe, wieso wir ihn damit so sehr…" Den Satz ließ er bewusst unbeendet, da er selbst nicht so recht schlau wurde aus Glorfindels Reaktion. Er hatte ihm nur klarmachen wollen, dass er nicht in sein Bett kommen würde oder sonstiges. Dafür reagierte der Blonde jedoch ziemlich heftig.
„Ich denke, er ist ein wenig eifersüchtig", kicherte Haldir, und die beiden gingen wieder zurück zum Lager, wo Haldir ihm einen intensiven Kuss gab.
Als Glorfindel die beiden kommen sah, wandte er sich entnervt ab und begab sich zu den Zwillingspaaren, die miteinander fochten.
„Würdet ihr mir ebenfalls einen Kampf gewähren?", fragte er freundlich und registrierte den Kuss Haldirs und Erestors stirnrunzelnd.
Unterdessen saßen Arwen und Aníril immer noch an dem Bach. Die Sonne strahlte auf das Gewässer herab und ließ lauter bunte Lichter wie tausende Perlen auf der Oberfläche tanzen. Erestors Tochter hatte sich in das weiche Gras zurück sinken lassen und blinzelte hinauf in die Sonne, deren warmes Licht ihr Gesicht beschien.
Fast machte es sie schläfrig, als sie ein Schwall von Wassertropfen traf. Erschrocken setzte sie sich auf und erkannte ihre Freundin als Übeltäter.
„Meinst du nicht, ich wäre in den letzten Tagen nicht schon genug nass geworden?", fragte sie gespielt entsetzt, jedoch sprach das Grinsen, welches sich auf ihrem Gesicht ausbreitete, eindeutig eine andere Sprache.
Elladan und Elrohir gewährten Glorfindel freudig den Kampf, doch waren sie beide innerhalb kürzester Zeit entwaffnet. Erstaunt blickten sie auf den Balrogtöter, er schien ihnen anders als sonst. Irgendwie aufgewühlter.
Glorfindel merkte, wie er zitterte. Er hatte es einfach nicht sehen wollen, wie Erestor von einem anderen Mann geküsst wurde. Und nun war er auf die Zwillinge losgegangen.
„Glorfindel, hilfst du mir bitte kurz", ertönte Erestors Stimme und als er sich umdrehte sah er, dass dieser gerade versuchte die Leinen des letzen Zeltes neu zu spannen.
„Wäre dafür nicht Haldir zuständig?", fragte er gereizt zurück, woraufhin Erestor nur mit dem Kopf auf Haldir deutete, der gerade emsig damit beschäftigt war, das Essen nicht anbrennen zu lassen.
Ein leichter Geruch von verbranntem Fleisch verteilte sich bereits über der Lichtung und dem blonden Galadhrim stand der Schweiß auf der Stirn.
„Wenigstens ist dieses Fleisch durch", erklärte er dann laut und stand lachend auf.
Ein wenig weiter am Bach hatten auch Aníril und Arwen den Geruch des leicht angekohlten Essens vernommen.
„Wer da wohl gekocht hat?", fragte Aníril mit einem spitzbübischen Grinsen. In ihrer Hand hielt sie einige Blüten, die sie geschickt zu einem Kranz verflocht. Arwen tat dasselbe, doch war sie schon weiter und bevor ihre Freundin ein weiteres Wort sagen konnte, lag ein bunter Blumenkranz auf ihrem Haupt.
„Steht dir gut", bemerkte Arwen. „Und wer da kocht? Ich tippe auf Haldir. Ihm ist schon öfter etwas angebrannt."
Erestor und Glorfindel befestigten gerade die letzten Seile, als Haldir plötzlich aufblickte, Panik auf seinen Zügen.
„Etwas nähert sich!" Seine Stimme klang unsicher und er schien zu lauschen.
Es dauerte nicht lange, und auch die anderen hörten ein Rumpeln und fühlten, wie die Erde bebte. Ein paar Rehe rannten an ihnen vorbei.
Glorfindel sah die Tiere, und plötzlich verstand er, was passierte.
„Schnell!!!! Den Hang hinauf", gellte sein Befehl über die Lagerstätte, und er riss Erestor mit sich, während er selbst begann bergauf zu rennen.
Aus den Augenwinkeln sah er, wie die anderen seinem Befehl Folge leisteten.
Erestor schrie auf, als ersah, was Glorfindel befürchtet hatte. Eine riesige Flutwelle raste auf sie zu, ließ den Bach meterweit über die Ufer treten, riss alles mit sich, was nicht stark genug verankert war.
„Aníril, beeil dich", schrie er und seine Stimme überschlug sich fast vor Angst, als er erkannte dass es seine Tochter vielleicht nicht schaffen konnte. Er wollte sich losreißen, doch Glorfindels Griff blieb eisern.
Aníril war bei dem lauten Rufen ihres Vaters erschrocken aufgesprungen. Zu vertieft waren sie und Arwen in ihr Spiel und ihre Unterhaltung gewesen. Erschrocken drehte sich die Elbenmaid um und sah, wie das Wasser des Baches langsam anschwoll, nur um einer - für die Augen der jungen Elbenmaid - riesigen Welle zu weichen.
Entsetzt riss Aníril die Augen auf und ließ ein lautes Quietschen hören und noch bevor Arwen etwas sagen konnte, hatte sie diese schon an ihrem Oberteil gepackt und stolperte, die Freundin im Schlepptau, die Wiese hinauf, weg vom tosenden Bach.
Die Zwillinge reagierten auf den Schrei ihrer Schwester sofort. In einer Bewegung waren sie herumgewirbelt und rannten auf ihre Schwester und Aníril zu. Es war ein Wettlauf gegen die Zeit. Die Welle hatte die beiden schon fast erreicht, und immer noch schienen sie viel zu weit weg zu sein. Elrohir fühlte, wie die Panik ihn beflügelte, und beide Zwillinge, als eine Person reagierend, beschleunigten.
Noch einmal versuchte Erestor sich loszureißen, doch Glorfindel umgriff ihn an der Taille und ließ ihm keine Chance „Das ist Wahnsinn", hörte er den blonden Krieger zischen, doch seine Augen richteten sich auf die Zwillinge, die in halsbrecherischer Geschwindigkeit zu den Mädchen rannten.
Sein Herz raste aus Angst um seine Tochter, er wollte, nein er musste einfach zu ihr…
Elrohir streckte die Hand nach Aníril aus, als er spürte, wie sich ein Seil um seine Hüften schlang, doch darauf achtete er nicht, er musste das Mädchen erreichen, Hände streckten sich nach ihm aus, fast berührten sie einander.
Die Welle überrollte sie, riss sie hinfort. Er musste sie erreichen.
„ANÍRIL!!!!", seine Stimme hallte durch das Tal, als er sich mit einem einzigen Sprung in ihre Reichweite katapultierte. Hände griffen zu, hielten einander fest, versuchten der reißenden Wassermassen zu trotzen. Wasser gelang in Mund und Nase, doch ihr Griff war steinhart.
Erestors Herz setze einen Schlag aus, als er sah, wie die beiden Mädchen hinfort gerissen wurden, und die Zwillinge hinterher sprangen.
Er zitterte am ganzen Körper, seine Augen füllten sich mit Tränen und er trommelte wild auf Glorfindels Arme ein.
„Es ist gut, sieh her, sie ziehen sie raus." Erst verstand er die Worte nicht, doch dann klärte sich sein Blick, und er sah, wie die lórischen Zwillinge und Haldir die anderen an zwei Seilen aus den Fluten zogen.
Als die Wassermassen auf Aníril und Arwen zugeschossen waren, hatte die Elbenmaid gehandelt ohne zu überlegen. Ihr Instinkt ließ sie weg rennen, doch waren ihre Beine längst nicht so schnell wie das tosende Wasser. Sie hatte kaum gehört, wie ihr Vater und auch Elrohir nach ihr geschrieen hatten, sie hörte nur das nahende Wasser und als sie von den dahin rasenden Wassermassen eingeholt wurde, hatte sie es schlichtweg von den Beinen gerissen. Sie war herumgewirbelt worden, hatte Wasser geschluckt und das Rauschen hatte in ihren Ohren widergehallt. Dann erst hatte sie die Hände von jemandem zu fassen bekommen, sie wusste nicht wessen Hände es waren, aber sie hatte zugegriffen und nicht losgelassen.
Nun stand die Elbenmaid auf der trockenen Wiese, nur kurz unterhalb rauschte das Wasser noch immer dahin. Aníril und Arwen waren beide tropfnass, ihre Kleidung klebte an ihren Körpern und die Haare in ihren Gesichtern. Die beiden Freundinnen waren immer noch geschockt. Anírils Puls raste, als sie langsam versuchte ihre Atmung zu beruhigen. Die junge Elbenmaid bemerkte kaum, dass sie noch immer Elrohirs Hände hielt, um dessen Körper ein langes Seil gewunden war. Die Hände des dunkelhaarigen Bruchtalelben zitterten genauso wie ihre eigenen. Arwen stand nur unweit entfernt in den Armen ihres Bruders Elladan.
Glorfindel erschrak, als er spürte, wie Erestor in seinen Armen erschlaffte, doch war er nicht darauf gefasst, was gleich folgen sollte.
Für einen Augenblick war er so erleichtert, dass ihm die Beine einknickten, als er sah, wie seine Tochter und Arwen in Sicherheit waren. Doch dann forderte der Schock seinen Tribut.
Wut raste durch seine Adern, überschwemmte sein Gehirn, und ließ ihn sich von Glorfindel losreißen.
„Wie konntest du es wagen! Warum hast du mich festgehalten? Was denkst du dir überhaupt? Was gibt dir das Recht dazu, über mich zu entscheiden?"
Er funkelte Glorfindel an, der mehr als nur verwirrt wirkte.
„Hätte ich denn zulassen sollen, dass du dein Leben riskierst?", fragte der Blonde vorsichtig.
„Natürlich, es ging immerhin um MEINE Tochter!!! Was denkst du denn, wie ich damit hätte umgehen sollen, wenn ihr etwas passiert wäre. KANNST DU DENN AN NICHTS ANDERES ALS DICH SELBST DENKEN?" Er wusste, dass er nun irrational wurde, doch konnte Erestor nichts dagegen unternehmen, die Wut hatte seine Gedanken verwirrt.
„Was hat das denn mit mir zu tun? Außer dass es meine Pflicht ist, euch alle zu beschützen", versuchte der Krieger sich zu rechtfertigen, doch Erestor war nicht mehr zugängig für rationale Argumente.
„Was das mit dir zu tun hat? DU HÄLST MICHT FEST, WÄHREND MEINE TOCHTER VIELLEICHT ERTRINKT!!! UND WARUM HÄLST DU AUSGERECHNET MICH FEST?"
„Vielleicht, weil du versucht hättest ihr hinterher zu springen? Verdammt, meinst du, ich möchte, dass dir etwas passiert?"
In Erestors Augen loderte ein Feuer, das Glorfindel einen Schritt zurückweichen ließ.
„Ach, aber wenn meiner Tochter etwas passiert, dann ist das nicht so schlimm? Schon klar, warum du möchtest, dass mir nichts passiert." Seine Stimme war nun nicht mehr als ein raues Zischen und alle, selbst die vier, die gerade knapp dem Tod entkommen waren, hatten ihnen ihre Aufmerksamkeit geschenkt. Doch keiner der beiden hatte dies bemerkt, und Glorfindel wurde immer verwirrter.
„WAS IST KLAR?", schrie er den Dunkelhaarigen an, nun auch am Rande seiner Geduld.
„MEINST DU ICH HÄTTE DICH NICHT BEMERKT, WIE DU MICH BEOBACHTET HAST VOR EINER WOCHE, ALS ANÍRIL UND ICH SCHWOMMEN???" Erestors Stimme überschlug sich, und danach herrschte Totenstille in dem Tal, nur das laute Atmen der beiden Elben war zu hören, die einander völlig entsetzt anstarrten. Der Bach war wieder abgeschwollen.
Nicht nur Aníril hatte die Luft angehalten, als ihr Vater so explodiert war, und nun, als er die letzten Worte herausgebrüllt hatte, hatte sie vor Schreck einen Luftsprung gemacht. Sie vergaß für einen Moment alles was ihr widerfahren war, vergaß den Bach, die nasse Kleidung und riss sich von Elrohir los um auf Erestor und Glorfindel zuzustürmen. Sie konnte kaum glauben, dass ihr Vater herausgebrüllt hatte, dass der Elb sie beim Baden beobachtet hatte.
Haldir, der noch neben den beiden Elben gestanden hatte, war ebenfalls sprachlos. Er hatte noch nie erlebt, dass Erestor sich so benommen hatte, und nun war er unwillkürlich ein paar Schritte zurückgewichen. Das Gesicht des dunkelhaarigen Elben war fast dunkelrot angelaufen, seine Stirn war in Falten gezogen. Doch merkwürdigerweise musste Haldir nun auch daran denken, dass Erestors Täuschung so wohl nicht mehr funktionieren würde.
Glorfindel war zu diesem Zeitpunkt wohl der am meisten geschockteste Elb auf der Lichtung. Nun gut, er verstand Erestor ja schon zum Teil, auch wenn er für das Gruppenwohl zu Sorgen hatte, und so war es seine Pflicht gewesen den dunkelhaarigen Elben davon abzuhalten, auch in das Wasser zu springen. Jedoch blieb Glorfindel fast das Herz stehen bei Erestors letztem Satz. Er hatte ihn gesehen? Bei den Valar, was musste der Elb jetzt von ihm denken? Glorfindel griff sich verwirrt an den Kopf und sah auf den roten Erestor, der nach Luft schnappte.
Elrohir begann bei dieser Eröffnung zu zittern, hatte er auch ihn bemerkt? Er wünschte sich einfach zu verschwinden, bis sein Bruder zu ihm trat und ihm beruhigend die Hand auf die Schulter legte.
„Keine Angst, er ist nicht sauer auf dich, und wird dich auch nicht verraten. Er sagt, dies sei nicht seine Sache", kicherte der ältere Zwilling, während der jüngere ihn fragend ansah.
„Und warum ist er dann auf Glorfindel wütend?"
Auf diese Frage hin, klärte der ältere den jüngeren flüsternd über Glorfindels Bettgewohnheiten auf.
Erestor erstarrte, als er bemerkte, was er dem Blonden gerade an den Kopf geworfen hatte. Dies hatte er wirklich nicht sagen wollen. Aus großen Augen blickte er auf den Blonden, wusste einfach nicht, was er jetzt tun sollte.
Aníril, die vor den beiden Elben abrupt abgestoppt hatte, stand nun verwirrt neben ihrem Vater und Glorfindel. Ihr Blick glitt von dem blonden zu dem dunkelhaarigen Bruchtalelben und wieder zurück.
„Ada, was ist mit dir los?", fragte sie dann verwirrt. „Du... du bist doch sonst nicht so..."
Erestor ignorierte seine Tochter, seine ganze Wut konzentrierte sich auf Glorfindel. Er konnte seine Worte nicht mehr zurücknehmen, und so beschloss er Glorfindel deutlich zu machen, was er von dem Verhalten hielt.
„Willst du jetzt nichts mehr dazu sagen?", fragte er und seine Stimme troff vor Sarkasmus.
Glorfindel zuckte bei Erestors Worten zusammen, er wusste nicht, was er darauf erwidern sollte.
„Was hat das eine mit dem anderen zu tun? Wieso sollte mein Verhalten an jenem Morgen etwas damit zu tun haben, dass ich dich eben festhielt?", fragte er zurück, doch Erestor ließ sich nicht beirren.
„Mach dir einfach keine Hoffnungen. Ich werde sicherlich niemals dein Lager teilen", erklärte er, so leise, dass es nur Aníril und Haldir vernehmen konnten, die nahe heran getreten waren.
Glorfindels Augen wurden traurig, er spürte einen Stich in seinem Herzen, bei den kalten Worten des Noldo, doch was sollte er tun?
„Du verstehst etwas völlig falsch, Erestor. So habe ich das nie gemeint, oder doch, aber nicht deswegen… ach vergiss es einfach. Ich habe einen Fehler begangen. Es tut mir leid."
Aníril sah, wie Erestor ein weiteres Mal Luft holte um etwas zu erwidern, doch diesmal ging die junge Elbenmaid dazwischen. Sie hatte genug davon. Nicht nur, dass sie beinahe in einem tosenden Bach ertrunken war, nun musste ihr Vater auch noch einen Streit mit Glorfindel anfangen.
Dank Haldir sah Aníril zwar einige Verhältnisse etwas klarer, doch sie hatte das Gefühl, dass ihr eigener Vater blind dafür war. Allerdings fragte sich die Elbenmaid, warum dies so war, eine Antwort hatte sie jedoch nicht gefunden.
„Hört auf!", sagte Aníril mit fester Stimme. „Warum müsst ihr euch jetzt streiten? Ist nicht alles gut gegangen? Ada!"
Flehend sah die Elbenmaid ihren Vater an, dessen Augen immer noch auf Glorfindel geheftet waren und der sie gar nicht zu hören schien.
Anírils Blick wanderte zu Glorfindel, doch auch dieser schien ihren Einwand nicht gehört zu haben. Diese Nichtbeachtung ließ Aníril schließlich ebenfalls explodieren.
„Bei den Valar, ihr seit unmöglich", schrie die Elbenmaid so wütend heraus, dass selbst die bis zu diesem Zeitpunkt unbeteiligten, die beiden Zwillingspaare, sowie Arwen, erschrocken zusammenzuckten.
Etwas überrascht drehte Erestor sich zu seiner Tochter um. Er wollte etwas sagen, doch wieder blieben ihm die Worte im Halse stecken. Glorfindels Entschuldigung hatte ihn wieder einmal völlig aus dem Gleichgewicht geworfen. Er hatte einfach nicht damit gerechnet. Innerlich beschimpfte er sich, wenn es um Glorfindel ging wirklich ein sehr schlechter Diplomat zu sein. Aber wie sollte er jetzt agieren? Sollte er Glorfindels Entschuldigung einfach akzeptieren? Und was hatte der blonde Elb nur gemeint? Erestor beschloss dies herauszufinden, nur nicht jetzt. Seine Tochter hatte Recht. Es war wirklich nicht die beste Zeit und der beste Ort dies auszudiskutieren.
„Aníril, halte dich gefälligst da raus", fuhr er erst mal seine Tochter an und drehte sich dann zurück zu Glorfindel.
„Auch wenn sie sich nicht einmischen soll, kann ich nicht von der Hand weisen, dass jetzt nicht der beste Zeitpunkt ist dies auszudiskutieren. Aber wir sind ja bald in Imladris."
Mit diesen Worte drehte er sich abrupt um, schritt zurück zu ihrem Lagerplatz und verzog sich in das Zelt, dass er sich mit Haldir würde teilen.
Glorfindel sah ihm verdutzt nach und Haldir wischte sich mit dem Handrücken kurz über die Stirn.
„Zumindest hat er eingesehen, dass es nicht gut wäre auf unserer Reise eine Streitigkeit in der Gruppe anzufangen", brachte der blonde Galadhrim schließlich heraus und drehte sich um zu Aníril, die mit wütendem Gesicht und zusammengepressten Lippen hinter ihm stand. Sie konnte sich einfach nicht erklären, warum ihr Vater sie so angefahren hatte, und auch wenn sie es nicht zugeben wollte, hatte es sie sehr verletzt, da Erestor sonst nie auf diese Weise mit ihr umsprang, selbst wenn sie mal wieder ihren Sturkopf durchsetzen wollte. Die Elbenmaid begann zu zittern, da ihr erst in diesem Moment, in dem ihr Vater davon gerauscht war, wieder klar wurde, warum der Streit überhaupt ausgebrochen war. Wie in Trance sah Aníril an sich herunter und bemerkte die noch immer triefend nassen Kleider. Es war ihr, als würde sie der Schock über das Geschehen erst jetzt überrollen.
Elrohir beobachtete das Geschehen etwas erstaunt. Glorfindel schien in sich zusammen zu sinken, ging ans Feuer und setze sich daneben, das Gesicht in den Händen vergraben. Haldir setzte sich neben den Krieger, und sprach leise auf ihn ein, doch Elrohir war viel zu weit entfernt, um etwas zu verstehen. Sein Blick glitt zurück zu Aníril, und er bemerkte entsetzt, wie sie zu zittern begann.
Mit schnellen Schritten war er bei ihr, zog sie in eine Umarmung, und führte sie zu dem Zelt, das sie sich mit Arwen teilte.
„Zieh dich schnell um, trockene Kleidung wird deinen Nerven gut tun, ich schaue derweil nach, ob das von Haldir Gebratene noch genießbar ist", wies er sie an, und schob sie zärtlich in das Zelt, zu dem nun auch Arwen unterwegs war.
Haldir ließ sich neben Glorfindel sinken, und berührte ihn an der Schulter, woraufhin dieser zusammenzuckte.
„Ich weiß, du bist erschrocken, aber glaub mir, Erestor weiß selbst nicht, was er tut. Er ist in den letzten Tagen sehr unausgeglichen, aber jetzt, wo er angesprochen hat, was ihn bedrückte, wird er umgänglicher werden. So wie ich ihn kenne wird seine Wut bis Imladris verraucht sein", versuchte er Glorfindel zu beruhigen, doch dieser blickte ihn aus strahlendblauen Augen an. Eine gewisse Härte schimmerte in ihnen.
„Du weißt doch, was meine Gründe waren, oder? Du hast mich doch schon vor Jahrhunderten durchschaut. Wer war es denn, der damals, als Erestor sich in Melreth verliebte, und auch wieder, als sie in den Westen segelte, mir sagte, ich solle mich zurückhalten, schweigen", klagte er den Galadhrim an, der nun seinerseits die Schultern hängen ließ.
„Es war das Beste so, auch für dich. Das weißt du. Wusstest du, dass er nicht einmal wusste, wie sehr du dich für Frauen interessierst?", fragte er Glorfindel, der ihn ungläubig ansah. „Er wusste nicht einmal, dass ich…" Er verstummte und blickte in die Flammen.
Haldir spürte Glorfindels durchdringenden Blick, doch er würde diesen Satz nicht vollenden, er würde sich auch nicht weiter dazu äußern.
„Sag, wieso wusste er dies nicht?", fragte der Balrogtöter ihn daraufhin, um wenigstens diese Frage beantwortet zu bekommen, obwohl er sehr genau wusste, das Haldir ihm nicht mehr sagen würde. Dieser seufzte kurz und blickte den Elben grinsend an.
„Ob du es mir glauben wirst, er konnte sich das insgesamt nicht vorstellen, dass ein männlicher Elb auch außerhalb eines Armeelagers mit anderen Männern mehr als freundschaftliche Gesten austauscht."
Glorfindels Gesicht war deutlich abzulesen, dass er ihm nicht ganz glaubte.
„Und wieso ist er dann mit dir…?", kam die nächste Frage, woraufhin Haldir nur den Kopf schüttelte.
„Das solltest du ihn wenn selbst fragen", erwiderte er knapp, und sah dann auf Elrohir, der gerade sein Gekochtes untersuchte.
„Ist es noch essbar?", fragte er ein wenig besorgt und der dunkelhaarige Zwilling sah überrascht auf.
„Ein wenig angebrannt ist es, jedoch nur eine Seite. Wenn wir die verbrannten Stellen abschneiden, wird es noch genießbar sein", entgegnete Elrohir schmunzelnd und lächelte amüsiert, als er sah, wie der Galadhrim auf seine Worte gespielt das Gesicht verzog.
„Dann bin ich beruhigt, dass niemand hier einen Hungertod sterben wird", kam es in diesem Moment von Glorfindel, dessen Gesicht auch wieder ein schwaches Lächeln zeigte. Haldir richtete den Blick kurz gen Himmel bevor er ebenfalls in das Lachen mit einstimmte.
Im Zelt von Arwen und Aníril waren die Elbenfrauen mittlerweile dabei, sich umzukleiden. Auch Arwen schien das Geschehene noch nicht recht begriffen zu haben, doch im Gegensatz zu ihrer Freundin war sie nicht aufs heftigste am Zittern. Aníril fror nicht, aber selbst mit neuen und trockenen Kleidern am Leib hatten sie die Geschehnisse noch fest im Griff.
„Gehe du alleine hinaus, wenn sie zum Essen rufen", sagte die Elbenmaid leise zu Arwen. „Sag ihnen, ich werde mich schon zur Ruhe begeben."
Die Angesprochene warf nur einen kurzen Blick auf Aníril, die noch ein wenig blass um die Nasenspitze war, bevor sie fertig umgekleidet aus dem Zelt trat. Sie wusste, sie hätte Aníril nicht umstimmen können. Allerdings wurde es von den anderen Elben mit Erstaunen aufgenommen, als Arwen Anírils Botschaft ausrichtete.
In dem Moment war Erestor wieder aus dem Zelt getreten, da er seine Selbstkontrolle zurück gewonnen hatte. Er runzelte die Stirn, als er Arwens Worte hörte, und beschloss nach seiner Tochter zu sehen.
„Aníril, kann ich reinkommen?", fragte er leise an ihrem Zelt, während die anderen aßen, und ihm vorher noch eine Portion für sich und Aníril in die Hand gedrückt hatten.
Ein leises und überraschtes „Ja" drang aus dem Zelt und Erestor trat hinein, doch der Anblick, den Aníril bot, erschreckte den Elben doch ein wenig. Ihr Gesicht war blass und hatte einen verletzten Ausdruck angenommen, als sie ihn erblickte.
Langsam ließ er sich neben ihr nieder und blickte sie lange an, wusste nicht, wie er beginnen sollte. Das Schweigen wurde immer unangenehmer, und er drückte ihr, um überhaupt etwas zu tun, ihre Portion in die Hand.
„Kleines, es tut mir leid, dass ich so unangebracht dir gegenüber reagiert habe. Ich weiß selbst nicht, was mit mir los ist, ich bin nicht ich selbst. Und dann der Schreck, meinst du, ich könnte es ertragen, dich zu verlieren?", fragte er und seine Stimme brach, er wollte die Hände nach den ihren ausstrecken, doch etwas hielt ihn zurück, den Mut dazu zu finden. „Aber ich muss zugeben, es gibt Dinge, da möchte ich nicht, dass du dich einmischst. Mein Streit mit Glorfindel gehört dazu", setzte er noch mit fester Stimme hinzu, und blickte sie fest an. Dies musste er ihr einfach begreiflich machen, und er würde Widerworte nicht akzeptieren.
„Dies mag sein, Adar, nur würde ich gerne hinzufügen, dass es unvermeidlich ist, wenn sich andere dort einmischen, da ihr die ganze Gruppe beteiligt habt in der Art, wie ihr ihn ausgetragen habt", erwiderte Aníril und hob den Kopf. In ihren Augen schimmerte ein leichter Glanz des Trotzes und sie hatte ihre Portion, welche sie immer noch fest in den leicht zitternden Händen hielt, nicht angerührt.
Innerlich fühlte er etwas, das er seiner Tochter gegenüber noch nie empfunden hatte. Er wurde müde mit ihr zu diskutieren, wollte einfach nur seine Ruhe, aber da war auch ein schwelender Zorn, doch noch viel zu tief vergraben um nach oben zu brechen.
Lange blickte er sie an, überlegte ob sie es wert war, dass er sich die Mühe machte dies jetzt mit ihr auseinander zu setzen. Sollte er wirklich Energie darauf verwenden, wenn seine Nerven sowieso schon völlig blank lagen, sodass die kleinste Kleinigkeit ihn zum Durchdrehen bringen konnte?
„Du hättest dennoch den Mund halten können. Dies geht nur Glorfindel und mich etwas an, aber ich bin es sowieso Leid mit dir Dinge zu diskutieren, von denen ich nicht möchte, dass du daran teilhast. Wenn du möchtest, dann sei trotzig, mir ist dein kindisches Verhalten zuviel. Solltest du irgendwann erwachsen sein, melde dich bei mir", erklang seine Stimme, und die Verachtung, die er für ihren ständigen Trotz hegte, konnte er diesmal nicht mehr ganz aus seiner Stimme heraushalten. Innerlicht erschöpfter als er aussah stand er auf und blickte auf sie hinab, keine Regung auf seinen Zügen.
Aníril blickte fassungslos mit weit aufgerissenen Augen zurück. Selbst als ihr Vater das Zelt schon längst verlassen hatte, starrte sie immer noch an den Punkt, an dem er zuletzt gestanden hatte. Sie verstand es nicht, verstand einfach nicht, was mit ihrem Vater los war, verstand nicht, was sie falsch gemacht hatte. Dazu noch dermaßen, dass Erestor ihr einen solchen verachtenden Blick zuwarf. Anírils Muskeln verkrampften sich und achtlos ließ sie die Portion ihres Essens fallen. Dann vergrub sie ihr Gesicht in den Händen. Einsame Tränen liefen ihr über die Wangen. Was hatte sie bloß falsch gemacht?
Amrun, ShivaElv, Sarah, Sarah0683, L'etat c'est moi und Joshua: VIEEEEEEEEEELEEEEEEEEEEEEN DANK!!!!!! Wir haben uns wahnsinnig über die Reviews gefreut, sind vor Freude richtiggehend durch die Gegend gehoppelt, und haben glatt drei Kaps innerhalb von drei Tagen geschafft J
Narwain auch an dich VIELEN LIEBEN DANK!!!! Ich glaube jetzt brauchen wir keine Flyer mehr knuddels
