20.
Teil
Der Schnee war durch die Abgase der Autos grau
geworden. Der kalte Wind blies mir ins Gesicht als ich den dunklen
Weg entlang ging. Ich spürte meine Glieder kaum mehr.
Der
Grabstein war dunkelgrau, das Grab ungepflegt. Ich zündete eine
kleine Kerze an und faltete meine Hände. Mein Blick glitt über
dem Baum neben ihrem Grab. Ich spürte wie meine Beine langsam
den Halt verloren. Die Kälte des Schnees umgab meinen Körper.
Meine Glieder schmerzten. Bei jeder Träne durchfuhr ein Schauer
meinen Körper. Ich blickte auf die Inschrift des Grabes. Ich
wollte sprechen, doch die Worte kamen nicht über meine
Lippen. Meine Glieder begannen taub zu werden. Meine Augen wanderten
über den verlassenen Friedhof. „Bitte verzeihe mir." Presste
ich mit letzter Kraft heraus, bevor die Welt um mich von der
Dunkelheit verschlungen wurde.
Mein Körper war schweißgebadet. Ich strich mir keuchend die feuchten Haare aus der Stirn. Der Himmel trug die verschiedensten Rotschattierungen. Lautes Rufen kleiner Kinder tönte von der Straße. Sie wollten noch im Schnee spielen, bevor sie zur Schule gehen mussten. Ich verspürte einen schmerzhaften Stich und fasste an meine Brust. Meine Augen wanderten suchend durch das Zimmer. Ich war es von Zuhause gewohnt eine Wasserflasche in meinem Schlafzimmer zu haben.
Zuhause – War Seattle mein Zuhause? Hatte ich überhaupt ein Zuhause? In den Jahren mit Jenny hatte ich daran geglaubt. Doch meine Jüngste war erwachsen geworden und nach Kalifornien gegangen um zu studieren. Sie alle waren gegangen.
Ich strich die salzigen Tränen von meinen Wangen. Ich war es, die zuerst gegangen war.
Aber ich war wiedergekommen. Als es bereits zu spät war.
Mein Körper zitterte. Ich glaubte das Zimmer würde sich um mich drehen. Die bekannte Übelkeit breitete sich in meinem Magen aus.
Ich legte eine Hand auf den Nachtisch und stand langsam auf. Vorsichtig verließ ich das Zimmer.
Der Boden des Flurs war kalt. Ich blieb vor der Treppe stehen. Es war zu früh. Doch ich wollte nichts sehnlicher als zu ihr zu gehen.
Der Druck auf meinem Herzen
verstärkte sich. Ich holte tief Luft.
Die Tabletten - Ich
musste nach ihnen suchen. Plötzlich fiel es mir wie Schuppen vor
die Augen.
Ich hatte Seattle in Eile verlassen und nur schnell
das Nötigste eingepackt.
Die Tabletten mussten noch auf
meinem kleinen Nachtisch in meiner Wohnung liegen.
Ein Gefühl der Beklemmung beschlich mich. Wie hatte das nur passieren können?
Ich beschloss mich auf mein ältestes und wirkungsvollstes Heilmittel zu verlassen – schwarzen Kaffee.
Zu meiner Überraschung nahm ich, nur wenige Meter von der Küche entfernt, das unverwechselbare Aroma heißen Kaffees auf.
Ich atmete tief durch. Zuerst wäre ich lieber alleine gewesen, doch mit jemandem zu reden schien vielleicht die bessere Möglichkeit mich ein wenig zu beruhigen und abzulenken.
Noch immer unschlüssig betrat ich den kleinen Raum und erkannte mit Überraschung, dass es keine meiner Töchter war, die bereits den Drang nach Kaffee verspürt hatte.
Ramon sah ebenso überrascht von einer Zeitung hoch.
„Guten Morgen." Sagte ich leise und nahm eine Tasse aus dem Schrank.
„Guten Morgen." Antwortete er mir, während ich mir heißen Kaffee in die Tasse goss.
Wir saßen uns schweigen ein paar Minuten gegenüber, bevor er mich schließlich fragte: „Konntest du auch nicht mehr schlafen?"
Diese Frage um diese Uhrzeit an eine Gilmore zu richten, sollte sich eigentlich erübrigen. Doch diese Frage war besser als die unangenehme Stille.
Ich nickte schließlich leicht. „Es ist nicht leicht."
Er schien zu wissen wovon ich sprach. „Das wird es auch nicht werden."
Ramon hatte mit achtzehn Jahren seinen Vater verloren. Ich wusste nicht viel über meinen Schwiegersohn, aber aus den wenigen mir bekannten Dingen, konnte ich schließen, dass sie sich sehr nahe gestanden haben mussten.
Ich ahnte auch, dass er in diesem Moment, als er schweigend seinen Kaffee umrührte und den Tassenrand mit dem Blick fixierte, an seinen Vater dachte.
„Carmen ist ein wundervolles Mädchen." Ich musste um unseren beider Wille das Thema wechseln. Meine Enkeltochter schien ein idealer Gesprächsstoff zu sein, denn seine Miene erhellte sich bei dem Namen seiner Tochter.
„Ja, sie ist wie ihre Mutter." Er lächelte leicht.
In diesem Moment erkannte ich es. Jahrelang hatte ich es nicht bemerkt oder nicht bemerken wollen. Doch jetzt konnte ich im Glanz seiner Augen erkennen, wie sehr er Carol liebte.
Ich erwiderte das Lächeln. „Carol ist bestimmt eine gute Mutter."
Ramon nickte. „Die Beste."
Es machte
mich befangen über meine Tochter zu sprechen. Ich wich seinem
Blick aus.
„Carmen hat mir von ihrem Freund erzählt." Ich
nippte an meiner Tasse.
Er blickte mich irritiert an. „Wovon sprichst du? Sie ist erst zwölf Jahre alt. Carmen hat noch keinen Freund. Das alles ist rein platonisch."
Ich verkniff mir ein Lächeln. „Entschuldige. Ich habe da wohl etwas missverstanden."
„Anscheinend." Sein Blick war noch immer ein wenig misstrauisch. „Carmen hat noch kein Interesse an Jungs. Sie interessiert sich nur für ihr Schreiben, tanzen, Bücher und Musik. Vor allem für Bücher." Erklärte er überzeugt.
Ich lächelte leicht. „Die Leidenschaft fürs Lesen liegt wohl in der Familie."
„Gott sei Dank. Sonst hätte ich Carol vielleicht nie kennen gelernt." Er trank den letzten Schluck aus seiner Tasse und schenkte uns beiden nach.
„Danke." Ich blickte ihn fragend an. Es war mir peinlich, dass ich Carol nie gefragt hatte, wie sie sich wirklich kennen gelernt hatten. Den Grund dafür konnte ich mir selbst nicht erklären.
Er nippte an seinem Kaffee und musterte mich nachdenklich. Schließlich begann er. „Es war ein sehr heißer Tag…"
--------- Flashback Carol --------
Carol strich sich die feuchte Haarsträhne aus der Stirn. Die Sonne brannte auf ihren Arm. Sie blickte aus dem leicht verschmutzten Fenster des Busses. Sie kannte die Straße zu dem kleinen Marktplatz. Carmen, Chantal und sie waren dort vorgestern entlang gegangen. Sie musste noch weit von der Bibliothek entfernt sein. Carol dachte an Carmens Worte, dass eine Busfahrt unnötig lang wäre. Carol hielt es dennoch für die beste Möglichkeit. Miguel hatte ihr zwar angeboten, sie zu fahren, Carol wollte jedoch noch ein wenig lesen und das wäre während einer Autofahrt mit ihm nicht nur unhöflich sondern auch unmöglich gewesen. Ein kurzer Blick auf ihre Uhr sagte ihr, dass sie noch mindestens eine halbe Stunde Zeit haben würde. Sie nahm ihren Rucksack, welcher zuvor bei ihren Füßen gestanden hatte, auf ihren Schoß und öffnete ihn. Ihr älterer Sitznachbar warf ihr einen kurzen Blick zu, widmete sich dann wieder der halbnackten Frau in seiner Zeitung.
Krieg und Frieden, Schuld und Sühne,
Stolz und Vorurteil. Carmen hatte sie ausgelacht. Wozu nimmt man
eigene Bücher mit, wenn man zu einer Bibliothek fährt?
Carol hatte schließlich drei andere Bücher wieder
ausgepackt. Schließlich musste noch Platz sein für die
ausgeborgten Bücher. Aber ihre drei Lieblinge mussten mitkommen.
Das war klar. Sie beschloss einen größeren Rucksack zu
kaufen, bevor sie zurück zum Wohnheim fahren würde.
Die Entscheidung während der Busfahrt Krieg und Frieden zu lesen, fiel ihr nicht schwer. Sie schlug das Buch auf und begab sich in die Welt der Familien Kuragin, Bolkonskij, Besuchow, Drubezkoj, Karagin und Rostow.
Die Vollbremsung des Busses brachte sie
schließlich zurück in das gegenwärtige Puerto Rico.
Ihr Sitznachbar musste bereits ausgestiegen sein. Sie blickte
irritiert aus dem Fenster. Der Bus hatte bei einer kleinen hölzernen
Bank gehalten. Dahinter konnte man einige Boote, Schiffe und zwei
Yachten erkennen. Carmen war während ihres bisher einmonatigen
Aufenthalts erst einmal am Hafen gewesen. Sie kannte sich in San Juan
nicht aus, wusste aber, dass die Bibliothek nicht am Hafen war. Ein
Blick auf ihre Uhr teilte ihr mit, dass sie bereits vor fünfzehn
Minuten an ihrem Ziel angekommen wäre. Sie sprang fluchend auf.
„Ich muss hier raus!" Rief sie dem Fahrer, welcher eigentlich
bereits weiterfahren wollte, zu. Er rollte seufzend mit den
Augen.
Carol lächelte dankbar und lief zur Tür. In ihrer
Eile stolperte sie jedoch und der gesamte Inhalt des nicht
geschlossenen Rucksacks leerte sich. Eine ältere Frau schüttelte
den Kopf. „Die Jugend von heute ist so unachtsam!"
„Entschuldigen Sie! Ich bin gleich fertig!" Rief Carol dem
Fahrer zu.
„Hast du dir wehgetan?" Ein junger Mann griff nach
einem ihrer Bücher und ihrem Handy und gab es in ihren Rucksack.
Carol blickte ihn verwundert an. Sie hatte ihn zuvor gar nicht
bemerkt. „Nein. Danke."
Er packte den letzten Rest ein und
nahm den Rucksack. „Komm."
Sie nickte schnell. „Vielen
Dank!" Rief sie dem Fahrer noch schnell zu, bevor sie ausstieg.
Kaum hatte sie den Bus verlassen, fuhr dieser auch mit Vollgas
weiter.
„Er wird mich nie wieder freiwillig mitnehmen." Carol
blickte dem Bus nach.
„Bestimmt nicht." Der Mann grinste.
Sie
betrachtete seine Gesichtszüge. Carol konnte sich nicht erinnern
jemals zuvor einen so gut aussehenden Mann gesehen zu haben. Ihr
Blick glitt über seinen Körper. Er schien zu trainieren.
Das würde Carmen gefallen. Am meisten faszinierten sie jedoch
seine dunklen Augen.
„Alles in Ordnung?" Er blickte sie
fragend an.
Carol errötete, worüber sie sich später
ärgerte. „Ja…ich bin nur etwas verwirrt. Es ging alles so
schnell…hast du denn auch zu spät gemerkt, dass wir schon da
sind?"
„Nein. Ich hätte erst an der nächsten
Haltestelle aussteigen müssen…"
„Oh. Das tut mir
leid."
Er zuckte mit den Schultern. „Das sind nicht einmal
zehn Minuten zu Fuß."
Ein kurzer Hoffnungsschimmer
leuchtete in Carols Augen auf. „Wie weit ist es denn zur
Bibliothek?"
Er musterte sie verwundert. „Zu welcher?"
Carol
überlegte. „Ich weiß den Namen nicht. Sie ist gleich bei
einem Park. In dem Park ist ein Springbrunnen."
Er zog die
Augenbraue in die Höhe. „Gibt es dort auch etwas
Einzigartigeres?"
Sie runzelte die Stirn. „Da ist so eine
Kirche…sie hat ein sehr untypisch kräftiges gelb…und…die
Nationalbank!"
Er blickte sie ungläubig an. „Wir waren
vor Ewigkeiten an dieser Haltestelle."
„Nun…" Sie blickte
auf ihre Zehenspitzen.
„Du brauchst mindestens vierzig Minuten,
wenn du zu Fuß gehst." Erzählte er.
Carol strich sich
den Schweiß von der Stirn. „Wann geht denn der nächste
Bus?"
„In einer halben Stunde…"
„Dann muss ich wohl
gehen." Sie seufzte. Warum musste sie auch beim Lesen immer die
Zeit vergessen?
„Wozu nimmt man eigentlich drei Bücher mit,
wenn man zur Bibliothek fährt?"
„Für die Fahrt."
Erklärte sie. „Ich weiß anfangs nicht, was ich lesen
möchte."
„Dann entscheidest du dich für Krieg und
Frieden? Schwere Kost für eine Busfahrt…"
Sie blickte ihn
irritiert an.
„Ich habe dich die ganze Fahrt beobachtet. Es
wundert mich, dass dich dieses Buch so fesseln kann. 250 Personen…mit
komplizierten Namen, die man sich sowieso nicht merken kann."
„Doch,
das ist möglich." Carol grinste. „Ich liebe dieses Buch. Man
befindet sich in einer anderen Welt, kaum hat man es
aufgeschlagen."
„Du redest wie meine Mutter."
„Ist das
gut oder schlecht?" Sie blickte ihn erwartungsvoll an.
„Es ist
Furcht erregend." Er grinste.
„Liest du denn nicht
gerne?"
„Nicht so etwas."
„Das ist ein
Klassiker!"
„Wenn du es sagst…"
„Das sagen die Leute
seit weit mehr als hundert Jahren."
„Und deshalb muss es
stimmen?"
„Lies es ein einziges Mal ganz durch und du wirst
der Menschheit Recht geben."
„Denkst du?"
„Ich weiß
es." Sie blickte ihn überzeugt an.
Er grinste. „Gut. Ich
werde es lesen. Mal sehen, wer Recht behält."
„Okay…"
Sie lächelte leicht. „Kannst du mir den Weg beschreiben?"
Er
blickte sie kurz irritiert an. „Warte…" Er zog eine Karte aus
seiner Hose. „Du kannst sie haben. Es ist ein sehr komplizierter
Weg…ich bin ihn bis jetzt nur gefahren." Er reichte ihr den
Stadtplan.
„Danke. Das ist sehr nett von dir." Carol lächelte
leicht. „Wie heißt du eigentlich?"
„Ramon
Hernandez."
„Mein Name ist Carol Huntzberger. Studierst du
auch?"
„Nein. Bist du nach Puerto Rico gezogen oder machst du
nur ein Auslandsjahr hier?"
Carol fragte sich, ob es ihn
wirklich interessierte oder er nur höflich sein wollte.
„Letzteres."
Er nickte. „Ich muss jetzt gehen. Wenn ich
noch einmal zur spät komme, brauche ich gar nicht mehr zu
kommen."
„Entschuldige. Ich habe dich aufgehalten."
„Ich
freue mich, dass ich dir weiterhelfen konnte. Ich wünsche dir
noch ein schönes Jahr im schönsten Land der Welt." Er
grinste.
Carol spürte ein leichtes Gefühl der
Enttäuschung, für welches sie sich gleich darauf innerlich
schalt. Was hatte sie erwartet? Er war lediglich hilfsbereit gewesen.
Das war alles. Sie musste endlich erwachsen werden.
Ihre letzten
Freunde, eigentlich alle Freunde außer ein einziger, hatten ihr
nur Kummer bereitet. Die Liebe war ihr Fluch. Es war ihr scheinbar
nicht vergönnt glücklich zu sein. Sie hatte alle verloren,
die sie jemals geliebt hatte. Carmen hatte gesagt, eine Frau brauche
keinen Mann um glücklich zu sein. Damit hatte sie Recht. Carol
musste erst einmal ihr eigenes Leben in Ordnung bringen und zu sich
selbst finden, bevor sie sich wieder verlieben durfte.
„Danke."
Carol lächelte leicht. Sie wollte sich umdrehen, schaffte es
jedoch nicht ihren Blick von seinen Augen zu wenden.
„Mach's
gut." Er lächelte ihr kurz zu, bevor er sich umdrehte und
ging.
„Du auch!" Rief sie ihm nach.
Carol schlug den
Stadtplan auf. Vielleicht musste sie in dieselbe Richtung. Es war
unlogisch, das wusste sie. Ihre Hoffnung wurde zerstört, als sie
die Bibliothek fand. Sie blickte Ramon seufzend nach. Warum konnte
sie nicht einmal so sein wie Carmen? Ihre beste Freundin hatte keine
Angst vor Zurückweisungen Sie hätte ihn einfach gefragt ob
er sie wieder sehen wolle. Carmen hatte es leichter, denn sie hatte
nicht Carols Vergangenheit.
Carol seufzte und machte sich auf den
Weg zur Bibliothek.
--------- Flashback Carol Ende ---------
„Wann
habt ihr euch wieder gesehen?"
„Tja, die Welt ist oft kleiner
als man denkt…"
„Ich wusste gar nicht, dass Carols
Lieblingsbuch Krieg und Frieden war."
„Ist." Verbesserte
Ramon mich seufzend. „Sie hat jetzt auch noch Carmen angesteckt.
Die Kleine hat letzte Woche begonnen es zu lesen…"
Ich lachte.
„Sie hat eben das Gilmore Blut."
Plötzlich vernahm ich zaghafte Schritte. Jenny rieb sich verschlafen die Augen. Sie gähnte. „Diese Uhrzeit ist für Studenten wirklich der Horror…"
„Haben wir dich aufgeweckt?" Ich stand auf und umarmte sie.
„Nein. Was macht ihr beide denn schon so früh auf?" Jenny blickte verwundert von Ramon zu mir.
„Wir haben uns unterhalten." Erklärte ich kurz und strich ihr eine Haarsträhne aus der Stirn.
„Unterhalten?" Sie warf mir einen misstrauischen Blick zu. „Dafür ist es aber sehr leise gewesen."
Plötzlich wurde mir bewusst, dass das wohl die erste richtige Unterhaltung ohne Streit gewesen war, die ich mit meinem Schwiegersohn geführt hatte.
„Ramon hat mir erzählt, wie er Carol kennen gelernt hat."
„Hat er dir auch von dieser einen ganz besonderen Strandparty erzählt?" Jenny grinste ihn frech an.
„Nein, und das wirst du auch nicht tun."
„Ich liebe diese Geschichte!"
„Ich hasse sie. Es ist nicht gerade witzig, wenn du kurz davor bist, der Frau, die du mehr als alles andere liebst, einen Heiratsantrag zu machen, und sie sich plötzlich übergeben muss."
Jenny lachte. Ihre Augen blitzten fröhlich. „Es ist auch nicht gerade intelligent, einer Frau an einem Abend, der zum Betrinken gedacht ist, einen Antrag machen zu wollen."
„Das ist ein Punkt für dich, Kleines."
Jenny schenkte sich grinsend Kaffee in eine Tasse. „Damit steht es dann seit meinem zehnten Geburtstag 47:21."
„Du zählst mit?"
„Natürlich. Das ist ja der Spaß daran. Und ich bleibe ungeschlagen."
„Das hole ich schon noch auf."
„Das ist unmöglich. Wenn wir fair wären, müssten wir nämlich meine zwanzig Punkte unserer langen Autofahrt vor ein paar Jahren dazuzählen. Ich habe sie dir zuliebe vergessen."
„Wie nett du doch bist." Meinte er sarkastisch.
„Welche lange Autofahrt meint ihr?" Vom Flughafen bis zu Carols Haus war es nicht so weit.
Jenny tauschte einen kurzen Blick mit Ramon. Ich glaubte, für einen Moment Schrecken in ihren Augen aufblitzen zu sehen, tat es aber als Einbildung ab.
„Wir haben einmal zu viert einen längeren Ausflug gemacht. Alejandro, Carol, Ramon und ich." Sagte Jenny schnell.
Einen Tagesausflug in Puerto Rico. Vielleicht zu einem schönen weißen Sandstrand, so wie es Carol und Jenny liebten. Ein Picknick am heißen Sand, danach Abkühlung im türkisblauen Meer. Ein schöner und einleuchtender Gedanke.
Und ich hätte es von Herzen
gerne geglaubt.
Aber meine Jüngste war eine schlechtere
Lügnerin als Mum, Carol und ich zusammen. Ihre leicht zitternden
Lippen und ihr ausweichender Blick verrieten sie.
Was könnte an einer Autofahrt oder dessen Ziel so schlimm sein, dass mich sogar Jenny belügen wurde?
Die einzige einleuchtende Antwort schien mir so unwirklich, dass ich sie sofort wieder verdrängte.
Carmens fröhliche Stimme unterbrach meine dunklen Gedankengänge. Luke und sie wünschten uns einen guten Morgen und aßen schnell eine Kleinigkeit, bevor sie nach Hartford aufbrachen.
„Rory?" Luke legte seine Hand auf meine Schulter. „Könntest du deiner Mutter heute die Tabletten geben? Ich habe dir alles notiert."
Ich nickte und versuchte zu lächeln. „Kein Problem." Mein Magen zog sich zusammen. Die Angst, sie könnte mich wieder nicht erkennen, quälte mich seitdem ich am Vortag ihr Zimmer verlassen hatte.
„Sie bekommt die ersten um acht Uhr?" erkundigte ich mich sicherheitshalber. Ich wollte alles richtig machen.
Er nickte und küsste mich sanft auf die Wange. „Bis später."
Carmen umarmte mich kurz. „Ich hab dich lieb, Grandma."
„Ich dich auch, mein Schätzchen. Pass gut auf deinen Urgroßvater auf, ja?"
Carmen nickte eifrig. „Geht klar." Sie lief Luke fröhlich nach.
„Sie ist so süß!"
Jenny strahlte. Ihre Augen hatten diesen besonderen Glanz, wenn sie
strahlte. Wie damals, als sie diese eine Puppe mit den bunten Zöpfen
bekommen hatte, oder wie sie das erste mal alleine mit dem Rad und
später mit dem Auto gefahren war.
Wie sie mir von Andrews
Liebesgeständnis erzählt hatte. Als sie mit dem silbernen
Ring von Alejandro zurückgekommen war. Und wie jedes Mal, wenn
sie von meiner Mutter, zu der ich keinen Kontakt mehr gehabt hatte,
zurückgekommen war. Ich musterte meine Tochter und erkannte die
Veränderung. Es war nicht derselbe Glanz. Denn da war auch noch
ein trauriger Schimmer.
--------- Flashback Jenny ---------
Jenny strich sich die Tränen von der Wange und trank von ihrem Kaffee. Sie konnte ihrer Großmutter nicht in die Augen sehen. Lorelai war die zweite gewesen, der sie ihr furchtbares Geheimnis anvertraut hatte. Ihre Schwester hatte ruhig reagiert und sie in die Arme genommen. Sie hatte ihr versprochen immer für sie da zu sein.
Lorelai griff nach Jennys Hand und strich ihr sanft über den Handrücken. „Warum hast du nicht mit deiner Mutter gesprochen?" Es lag keinerlei Vorwurf in ihrer Stimme.
Jenny lehnte den Kopf an ihre Schulter. „Das geht nicht. Mum darf nicht aufgeregt werden. Es zerfrisst mich. Ich habe mein kleines Mädchen getötet. Es wäre ein Mädchen geworden…ich weiß es." Sie schluchzte.
Lorelai strich sanft über ihren Kopf. „Meine Kleine…"
„Grandma, ich würde am liebsten sterben."
Sie hob sanft das Kinn ihrer
Enkeltochter. „Sieh mich an." Ihre Augen blickten streng.
„Sag
so etwas nie wieder, hörst du? Damit verletzt du nicht nur deine
Grandma und deinen Grandpa, sondern auch deine Mum und deine
Geschwister. Und deinen Dad…"
Jenny nickte. „Ich bin
eine Mörderin…" Sie schluchzte.
Lorelai umarmte
sie.
„Grandma?" Presste Jenny unter Tränen
hervor.
„Ja?"
„Darf ich ein paar Tage hier bleiben?"
„So
lange du möchtest."
„Danke."
„Soll ich mit deiner
Mutter sprechen?" Lorelai strich Jenny sanft durchs Haar.
„Nein.
Sie soll es nicht wissen…"
„Bist du dir sicher?"
Jenny
nickte leicht. „Ja. Es ist besser so."
„Wie geht es deiner
Mutter?"
„Etwas besser."
„Ich möchte sie jeden Tag
anrufen, aber ich schaffe es nicht." Lorelais Augen tränten.
Sie hatte das nicht ihrer Enkelin erzählen wollen. Aber ihr Mund
war schneller gewesen.
„Grandma?" Jenny blickte sie unsicher
an, ihre Augen geschwollen vom Meer der Tränen.
„Ja, mein
Schatz?"
„Ich denke, es geht ihr ganz genauso…"
Lorelai
biss sich auf die Unterlippe. „Denkst du?"
„Du bist ihre
Mutter. Sie liebt dich. Genauso wie Carol Mum liebt. Und Mum liebt
Carol."
„Es ist alles nicht so leicht. Es sind zu viele Jahre
vergangen…"
Jenny nickte leicht. Ihre Familie war schon lange
auseinander gebrochen. Sie hatte Angst vor Dingen, die noch geschehen
könnten. Denn die Hoffnung auf eine gute Wendung hatte sie
aufgegeben.
Da waren ihre Mum und Matt. Ihre Grandma und ihr
Grandpa. Carol und Ramon. Ihr Dad. Und irgendwo dazwischen – da war
sie selbst.
---------- Flashback Jenny Ende ----------
Langsam ging ich mit dem Tablett die schon leicht knarrende Treppe zu Mums Schlafzimmer hinauf. Es war kurz vor acht. Ich musste pünktlich sein.
Je näher ich der letzten Stufe kam, desto größer wurde der Druck auf meinem Herzen. Meine Hände begannen zu zittern.
Ich ahnte noch nichts von den Abgründen unserer Vergangenheit, welche sich noch offenbaren würden. Während ich Mums Schlafzimmer langsam betrat, hörte ich noch das Klingeln des Telefons und Jennys fröhliche Stimme, die sich mit Gilmore meldete.
So wie es immer hätte sein
sollen.
Hätte ich damals schon gewusst, mit wem sie so
fröhlich plauderte, hätte ich diesen Satz von ganzem Herzen
bestätigt.
