Alle Charaktere und sämtliche Rechte an ‚Arrow' gehören CW Network, Berlanti Productions, DC Entertainment und Warner Bros. Television. Die folgende Geschichte dient keinerlei kommerziellen Zwecken, sondern wurde nur zum Vergnügen geschrieben. Eine Verletzung des Copyrights ist nicht beabsichtigt. Alle weiteren Personen gehören der Autorin.
Ich wünsche Euch viel Spaß beim Lesen. Über Rückmeldungen von Euch freue ich mich.
Kapitel 10
Julia sah sich mit gerunzelter Stirn um. Erneut warf sie einen Blick in die Zeitung, aber sie konnte die Adresse nicht finden, die dort angegeben war. Julia griff zum Handy, um die in der Anzeige angegebene Nummer anzurufen, als sie von einem rennenden jungen Mann angerempelt und fast umgestoßen wurde.
„Er hat meine Handtasche! Haltet ihn auf! Hallo! Haltet den Dieb auf!"
Eine etwas korpulente Frau Ende Fünfzig versuchte, den Mann zu verfolgen, während sie wild mit den Armen wedelte und ununterbrochen wutentbrannt kreischte. Julia ließ die Zeitung fallen, steckte das Handy weg und spurtete los. Der Gehweg war voller Menschen, die Geschäftsinhaber hatten vor ihren Läden Tische und Stände aufgebaut, Autos parkten aufgeschultert am Straßenrand. Das alles machte den Gehweg zu einem Hindernisparcour. Der junge Mann versuchte, sich mit seiner Beute zwischen allem durchzuschlängeln und wechselte dabei auch noch die Straßenseite. Julia dachte nicht groß darüber nach und sprang über Zeitungsständer und einen Kinderwagen, rutsche bei einem Auto über die Motorhaube, übersprang den Karren eines fliegenden Händlers und über die vom Flüchtenden umgestoßenen Passanten. Schließlich machte Julia der Flucht ein Ende, indem sie einen parkenden Pickup, der gerade von zwei Handwerkern entladen wurde, als Sprungschanze nutze. Sie riss bei ihrer Landung den Dieb um. Mit einer geschmeidigen Bewegung drückte Julia ihr Knie in den Rücken des Mannes und drehte ihm die Arme nach hinten. Suchend blickte Julia sich um. Einer von den Männern am Pickup ging grinsend auf sie zu.
„Ich glaube, die könnten nützlich sein."
Er reichte Julia ein Bündel Kabelbinder, dass sie lachend entgegen nahm.
„Die sind perfekt! Danke!"
Geschickt fesselte Julia dem Dieb die Hände auf den Rücken, bevor sie ihn hochzerrte. Nach einem kurzen Blick in die Runde, drängte sie den Mann zu einer Bank am Straßenrand. Dort band Julia ihm noch die Füße zusammen, bevor sie ihn mit weiteren Kabelbindern an der Bank festmachte. Einige Passanten waren stehen geblieben und hatten Julia beobachtet. Jetzt lachten sie und klatschten Beifall.
Keuchend kam die bestohlene Frau schließlich an der Bank an. Sie stürzte sich sofort schimpfend auf den Dieb. Der zweite Handwerker kam auf die Gruppe, die sich inzwischen um die Bank gebildet hatte zu.
„Ich glaube, die gehört Ihnen."
Er hatte die Handtasche der Frau, die dem Dieb bei seiner unsanften Landung aus der Hand gefallen war, aufgehoben. Leider beruhigte das die Frau ganz und gar nicht. Stattdessen unterstrich sie ihre Schimpftiraden, indem sie dem jungen Mann die Handtasche rechts und links um die Ohren schlug. Julia schüttelte grinsend den Kopf.
„Das war gute Arbeit."
Julia drehte sich nach der Stimme um.
„Bloß eine sportliche Übung."
Der Mann lachte.
„Bescheiden sind Sie auch noch. Das gefällt mir. Was für Talente haben Sie sonst noch?"
„Ich glaube nicht, dass meine Talente Sie etwas angehen."
„Ich denke schon. Als Ihr möglicher neuer Arbeitgeber sollte ich darüber Bescheid wissen."
„Wie bitte?"
„Sie haben sich bei mir beworben. Wir hatten vor fünf Minuten einen Termin, Miss Schmidt."
Julia zog nur die Augenbraue hoch. Der Mann lachte wieder.
„Neben der Kautionsvermittlung verdiene ich meinen Lebensunterhalt mit Ermittlungen. Ihr Name kam mir bekannt vor. Ein paar Klicks im Internet hat mir gezeigt, warum. Es gibt da das ein oder andere nette Foto von Ihnen."
„Tja, unter anderen Umständen würde ich Sie als Stalker verdächtigen. Aber als mein potentieller Arbeitgeber, Mr. Miller, will ich mal darüber hinwegsehen. Was mich mehr interessiert, ist diese merkwürdige Adresse in Ihrer Anzeige."
Allen Miller schmunzelte.
„Ich habe mir gedacht, wenn eine Interessentin mein Büro trotzdem findet, ist dies eine gute Voraussetzung für die Arbeit in einem Ermittlungsbüro. Leider konnte ich nicht feststellen, ob Sie diesen Test bestanden hätten. Allerdings bin ich bereit, die Festnahme eines Handtaschendiebs als alternative Qualifikation zu betrachten. Gehe wir doch in mein Büro und stellen wir fest, welche Fähigkeiten Sie sonst noch haben."
Julia musterte die Häuserzeile und lächelte dann.
„Wie arbeitet es sich denn über dem Obst- und Gemüsemarkt? Leben Sie dadurch gesünder?"
Diesmal lachte Miller aus vollem Herzen.
„Ich fürchte, ich bevorzuge Arterien verschließende Nahrung. Aber wir sollten wirklich in mein Büro gehen."
…
„Und so bin ich ab Morgen das ‚Mädchen für Alles' bei ‚Miller Investigations and Bail Bonds'."
„Und was machst du da genau?"
„Alles, was im Büro anfällt: Ablage, Korrespondenz, Telefondienst, Überwachungsberichte tippen, Papierkram fürs Gericht erstellen, die Terminkalender führen, Nachforschungen anstellen." Julia zuckte mit den Schultern. „Nichts Besonderes, bloß Büroarbeit."
„Du kriegst einen Bürojob, weil du einen Handtaschendieb gestellt hast?" Diggle schüttelte grinsend den Kopf. „Das ist doch eine verkehrte Welt. Er hätte dir einen Job als Ermittlerin oder Kautionsagentin geben sollen."
Julia lachte herzlich.
„Sicher, ich als Kautionsagentin. Was für eine Vorstellung! Du spinnst ein bisschen, John."
Kopfschüttelnd wandte sich Julia an Felicity und sah so nicht den beredeten Blick, den Diggle und Oliver austauschten.
„Felicity, ich bräuchte deine Hilfe. Kannst du mir einen Crashkurs in Computerrecherche geben? Meine Fähigkeiten beschränken sich darauf, Google zu fragen. Ich glaube nicht, dass dies auf Dauer ausreicht."
„Sicher, kein Problem."
Diggle und Oliver merkten schnell, dass sie abgeschrieben waren. Heute Abend würde Julia nicht mit ihnen trainieren sondern mit Felicity.
…
Die folgenden Wochen forderten Julia sehr, aber das brachte sie zum Strahlen. Endlich musste sie mal wieder ihren Kopf anstrengen. Erst jetzt wurde Julia bewusst, wie unzufrieden sie die Monate in Deutschland gewesen war.
Zufrieden betrachtete Oliver diese Veränderung. Julia wirkte wacher, fröhlicher und berichtete mit Begeisterung von ihrer Arbeit. Selbst ihr Training veränderte sich. Julias Reflexe wurden schneller und sie konterte oft mit unerwarteten Manövern. Dank der Ausbildung durch Slade, Shado und Oliver war sie nie eine leichte Gegnerin gewesen, selbst für Oliver nicht. Mit dieser neuen Begeisterung und dem zusätzlichen Selbstvertrauen in sich, gab sich Julia nicht mehr mit einem Unentschieden zufrieden. Jetzt wollte sie beim Training gewinnen.
So sehr in Julias Veränderung freute, so sehr beunruhigte Oliver ihr Arbeitsort. ‚Miller Investigations and Bail Bonds' lag mitten in den Glades. Zwischen Wohnort und Arbeitsplatz gab es keine direkte Busverbindung. Julia musste Umsteigen und noch ein Stück zu Fuß gehen. Noch schwieriger wurde es, wenn Julia nach Feierabend zum Verdant wollte. Dies lag zwar in den Glades, aber am anderen Ende. Wenn möglich, brachte einer von den dreien Julia nach ihrem Training nach Hause. Aber oft hatte ‚The Hood' einen Einsatz und es war nicht möglich. Schließlich fällte Oliver eine Entscheidung in dem Wissen, dass Julia ziemlich wütend auf ihn sein würde. Damit konnte er jedoch leben, da sie so in Zukunft sicherer unterwegs sein würde.
„Jules, kannst du kurz mitkommen? Ich wollte dir etwas zeigen."
„Sicher."
Neugierig folgte Julia Oliver in die kleine, ein wenig versteckt liegende Gasse hinter dem Club. Oliver ging zielstrebig auf das dort geparkte Motorrad zu.
„Willst du jetzt eine Spazierfahrt machen?"
„Nein, Jules. Auch auf die Gefahr hin, dass du mich jetzt erschlägst, aber das ist dein Motorrad. Helm und Schutzkleidung habe ich drinnen. Ich weiß, du liebst deinen Job und du willst auch nicht aus dem Motel ausziehen. Aber ich will mich nicht ständig fragen, ob du auf deinen Wegen zwischen Arbeitsplatz, Wohnung und Club überfallen wirst."
Julia ließ sich nicht anmerken, was sie dacht. Ihr Blick wanderte zwischen der Maschine und Oliver hin und her.
„Du weißt schon, dass ich gut auf mich aufpassen kann?"
„Sicher. Aber gegen eine verirrte Kugel kannst du nichts tun. Ebenso wenig gegen eine Überzahl von Gegnern. Jules, ich weiß, du willst dir alles selbst erarbeiten und keine finanzielle Unterstützung von mir annehmen. Aber das hier ist für meinen inneren Frieden. Gleichgültig, wie sauer du jetzt auf mich bist, bitte nimm das Motorrad an. Ich kann gut damit leben, dass du eine Weile nicht mit mir sprichst, wenn ich dafür das Risiko verringere, dich im Krankenhaus oder, schlimmer noch, im Leichenschauhaus sehen zu müssen."
„Es gibt Menschen, die würden sagen, dass du mit diesem Geschenk das Risiko dafür gerade gewaltig erhöht hast."
„Die wissen dann anscheinend nicht, dass ich dir das Motorradfahren beigebracht habe und genau weiß, dass du eine sichere Fahrerin bist, die keine unnötigen Risiken eingeht."
Da Julia ihn weder angeschrien noch auf dem Absatz kehrtgemacht hatte, wuchs in Oliver die Hoffnung, dass diese Aktion vielleicht doch ohne Streit ausgehen konnte.
Julia behielt immer noch ihre ausdrucklose Miene bei, aber es fiel ihr von Minute zu Minute schwerer. Die Ducati war umwerfend. Um sich so ein Motorrad leisten zu können, hätte Julia eine Ewigkeit sparen müssen. Sie traf eine Entscheidung.
„Ich bin wirklich sauer auf dich, weil du dich wieder in mein Leben einmischt. Ich war der Meinung, wir hätten das geklärt."
Julia schoss einen funkelnden Blick auf Oliver ab, der diesem aber standhielt. Dann ließ sie zu, dass das strahlende Lächeln, das sie in sich spürte, auf ihrem Gesicht erschien.
„Aber da dies eine wirkliche Schönheit ist, von der ich wahrscheinlich mein Leben lang nur träumen könnte, werde ich dir vergeben. Zudem war deine Argumentation brillant. Hast du dir dafür von Laurel helfen lassen?"
Liebevoll gab Julia Oliver einen Schlag in die Seite, bevor sie sich zum Club umdrehte.
„Na komm, ich will sie ausprobieren. Dazu brauche ich den Helm und vor allen Dingen den Schlüssel."
Oliver griff nach Julias Arm und hielt sie zurück. Sein Gesicht war ernst.
„Ist alles okay zwischen uns?"
„Oliver, dieses Geschenk ist total verrückt. Ein gut gepflegter Gebrauchtwagen hätte denselben Zweck erfüllt und wäre deutlich preiswerter gewesen. Aber ich liebe sie jetzt schon. Du kriegst diese Schönheit nicht wieder, auf gar keinen Fall! Und jetzt will ich sie fahren!"
…
Da der Abend ruhig war, gingen die vier zu Big Belly Burger. Julia schwärmte von ihrem Motorrad. Das strahlende Lächeln verschwand dabei nicht von ihrem Gesicht. Bei Diggle führte das zu einem Dauerschmunzeln, während Felicity eher verwirrt war. Sie verstand die Faszination für Motorräder nicht.
„Ich fahre jetzt nach Hause und versuche mal, etwas Schlaf nachzuholen. Wir sehen uns morgen."
„Ich bringe Sie zu Ihrem Wagen, Felicity."
„Danke, John."
Julia knabberte an ihren letzten Fritten. Oliver lächelte sie an.
„Danke, dass du nicht sauer auf mich bist, Jules."
„Warum sollte ich? Wir waren uns doch einig, dass wir uns um einander sorgen dürfen. Dein Geschenk entspringt dieser Sorge. Das ist in Ordnung für mich."
Zum ersten Mal an diesem Abend verschwand das Lächeln aus Julias Gesicht und sie wurde ernst.
„Ich hatte mir feste vorgenommen, niemals Vorteil daraus zu ziehen, dass mein bester Freund ein Millionär ist. Deswegen wollte ich auch nicht, dass du mir in Hong Kong all die Sachen kaufst und mir ein Konto bei der Starling National Bank einrichtest. Und vor allen Dingen es füllst. Ich fühle mich schuldig und habe Angst, dass du mir irgendwann vorwirfst, nur an deinem Geld interessiert zu sein. Was wahrscheinlich viele sind, die behaupten, dein Freund zu sein."
Oliver beugte sich vor, sah Julia direkt in die Augen.
„Das sind nicht meine Freunde, Jules. Ich bin vielleicht reich, aber nicht dumm. Und ich weiß genau, wie du zu meinem Geld stehst. Gerade deswegen fällt es mir nicht nur leicht, dich in den Genuss von Dingen kommen zu lassen, die du dir selbst nicht leisten kannst. Es macht mir Freude. Seitdem ich dir das Motorrad geschenkt habe, strahlst du ununterbrochen. Alleine das war jeden Cent wert."
Dann wurde sein Blick nachdenklich.
„Wie oft muss ich mit dir eigentlich noch darüber diskutieren, dass meine Freundschaft zu dir nichts mit meinem Geld zu tun hat?"
„Wahrscheinlich genauso oft wie ich mit dir darüber diskutiere, dass ich dir wegen meiner Zeit alleine auf Lian Yu keine Vorwürfe mache."
Ein schmerzlicher Ausdruck erschien für einen Augenblick auf Olivers Gesicht. Gleichgültig, wieviel Zeit verging, er fragte sich immer noch, ob es für ihn nicht doch eine Möglichkeit gegeben hätte, Julia ohne das Wissen von A.R.G.U.S. von Lian Yu zu holen. Er hätte ihr diese Zeit nur zu gerne erspart. Aber immer lautete die Antwort, dass es diese Möglichkeit nicht gegeben hatte. Damit musste er leben.
„Okay, vorbei mit den trüben Zeiten, Oliver. Du solltest dir lieber überlegen, wann du Zeit für eine gemeinsame Motorradtour erübrigen kannst."
Julias spitzbübisches Grinsen brachte Oliver wieder zum Lächeln.
…
Gebückt stand Julia vor dem Aktenschrank und suchte nach einer Mappe. Allen Miller mochte ein guter Privatdetektiv sein und sehr erfolgreich bei der Rückführung von Kautionsflüchtlingen, aber beim Papierkram versagte er völlig. In den vergangenen drei Wochen hatte sie begonnen, das Chaos zu ordnen, aber es lag immer noch viel Arbeit vor ihr. Das Tagesgeschäft wollte schließlich auch betreut werden. Allerdings stellte Julia sich immer öfter die Frage, wie Miller bei diesem Durcheinander noch existieren konnte.
Julia hörte, wie jemand hereinkam. Bevor sie jedoch aus dem Aktenschrank auftauchen konnte, bekam sie einen heftigen Klaps auf ihre Kehrseite.
„Hey, Schätzchen, bring mir mal schnell einen Kaffee. Schwarz, ohne Zucker. Ich bin schließlich schon süß genug."
Der Mann wollte Julia einen weiteren Klaps verpassen, als sie seinen Arm abfing und mit einer schnellen Bewegung auf seinen Rücken drehte. Dann griff sich Julia einen der Finger.
„Ich bin nicht Ihr ‚Schätzchen'. Wenn Sie einen Kaffee wollen, gehen Sie nach unten. An der Ecke gibt es einen Coffee Shop, wo man Ihnen bestimmt gerne behilflich ist. Und wenn Sie jemals wieder Hand an mich legen, werde ich Ihnen jeden Ihrer Finger einzeln brechen. Knochen für Knochen. Haben Sie mich verstanden?"
Um ihren Worten Nachdruck zu verleihen, verdrehte sie den Arm noch ein kleines Stückchen weiter und bog den Finger bis hart an seine Grenze.
„Autsch!" Der Mann sprang außer Reichweite, als Julia ihn los lies. „Bist du verrückt geworden? Du hättest mir fast meinen Arm gebrochen! Verstehst wohl keinen Spaß, was?" Dann wandte er sich der geschlossenen Tür zu Allen Millers Büro zu und brüllte ziemlich lautstark. „Hey, Miller, welchen Drachen hast du dir denn geangelt?"
Julias Chef riss die Tür auf und warf kurz einen Blick in den Raum.
„Was hast du gemacht, Anderson? Ach, ich weiß schon. Du hast Miss Schmidt deine übliche ‚Begrüßung' zukommen lassen, nicht? Ein Klaps auf ihren Allerwertesten, wette ich."
Julias Augen sprühten vor Wut Funken, woraufhin ihr Chef zufrieden nickte.
„Gut gemacht, Miss Schmidt. Wie ich Ihnen schon sagte, Sie brauchen sich hier nichts gefallen zu lassen. Die Männer vergessen berufsbedingt schon mal gerne ihre guten Manieren. Und du, Anderson, solltest gut aufpassen, was du tust. Ich habe kein Problem damit, wenn Miss Schmidt dir ein paar Knochen bricht. Alles klar?"
Vor sich hin brummelnd folgte Anderson Miller in sein Büro. Julias Funkeln verwandelte sich in ein Grinsen, nachdem die Tür geschlossen war. Dieser Anderson war nicht der erste, der etwas versuchte, allerdings waren die anderen weniger ‚handgreiflich' gewesen und hatten sie stattdessen mit dummen Sprüchen überschüttet. Mit beide Situationen konnte Julia locker umgehen. Sie würde sich die Männer schon erziehen.
Mit einem schräge Blick und einem Sicherheitsabstand zu ihrem Schreibtisch, kam Anderson nach kurzer Zeit wieder aus Millers Büro heraus. Abwartenden blieb er stehen.
„Was kann ich für Sie tun, Mr. Anderson?"
Julia war die Höflichkeit in Person und ließ ihren Worten ein freundlich-aufforderndes Lächeln folgen. Immer noch ein wenig misstrauisch trat Anderson an ihren Schreibtisch und reichte ihr Unterlagen.
„Salazar, ich habe ihn endlich erwischt. Das sind die Papiere dazu."
Nach eingehender Prüfung nickte Julia. Sie öffnete eine Schublade und stellte mit Amüsement fest, dass Anderson mit einem misstrauischen Blick wieder etwas zurückwich. Julia legte das Scheckbuch auf den Tisch und lächelte Anderson weiterhin freundlich an.
„Einen Moment bitte, ich hole mir nur noch Mr. Millers Unterschrift."
Als Julia ihm den Scheck reichte, sah Anderson einen Moment so intensiv auf seine Hand, als müsse er sich davon überzeugen, dass noch alle Finger anwesend und gesund waren. Julia kämpfte mit einem Lachen.
„Wenn Sie mir jetzt bitte noch den Empfang des Schecks bestätigen würden, Mr. Anderson." Julia schob den Quittungsblock über ihren Schreibtisch. „Und ich kann Ihnen versichern, ich habe keine Waffe in meinem Schreibtisch. Das ist mir viel zu unsicher. Alle Waffen sind vorschriftsmäßig im Waffenschrank eingeschlossen."
Julia sah Anderson ernst an, aber das Zucken um ihre Mundwinkel verriet sie.
„Nicht, dass Sie eine Waffe brauchen würden…" Hastig unterschrieb Anderson den Beleg. „War's das?"
„Von meiner Seite schon, Mr. Anderson. Sie können gehen."
Mit einer hoheitsvollen Kopfbewegung entließ Julia den Kautionsagenten. Einen Moment war Anderson ziemlich verwirrt, dann fiel der Groschen und er ging. An der Tür hielt er inne und drehte sich zu Julia um.
„Ja?"
Abwartend sah sie Anderson an. Doch der schüttelte nur den Kopf und ging.
…
„Dem haben Sie es wirklich gegeben, Miss Schmidt." Miller lachte herzhaft. „Wahrscheinlich ist Anderson so etwas noch nie passiert. Normalerweise fliegen die Frauen auf ihn. Deswegen lassen sie sich eine Menge schlechtes Benehmen gefallen."
Julia kräuselte ihre Nase.
„Sicher, Mr. Anderson ist nicht gerade hässlich. Aber nichts entschuldigt schlechtes Benehmen, gutes Aussehen am allerwenigsten. Im Übrigen war sein Verhalten sehr respektlos und sexistisch, etwas, worauf ich regelrecht allergisch reagiere."
Wieder lachte Miller. „Das habe ich gemerkt." Schnell wurde er jedoch wieder ernst. „Er ist ein guter Kautionsagent. Gleichgültig, wen Jeffrey Anderson sucht, er findest ihn immer. Da ist er wie ein Hund, der sich in einen Knochen verbissen hat. Und er sucht fast immer die wirklich gefährlichen Jungs. Ich bin überrascht, welchen Eindruck Sie bei ihm hinterlassen haben. Es schien mir fast, als hätte er Angst vor Ihnen."
Julia zuckte mit den Schultern.
„Er hat nur bekommen, was er verdient hat."
