Auf der Suche
Willkommen in einer anderen WeltSeit dem Kuss hatte sie Andrew nicht wieder gesehen.
Sie hatte ihn angerufen und erklärt, dies sei die beste Lösung. Wohl wusste sie, dass sie seine Gefühle verletzt hatte. Aber hatte sie eine andere Wahl? Innerlich musste Elizabeth sich eingestehen, vermisste sie ihn. Er war ihr wie ein Seelenverwandter gewesen.
Sie hatte John nicht von dem Kuss erzählt.
Er hatte sich, seit sie sich nicht mehr mit Andrew traf, wieder in den fürsorglichen, liebevollen Mann verwandelt, den sie geglaubt hatte zu lieben. Elizabeth war sehr froh über diese Veränderung.
Doch sie wusste nicht, was ihr lieber wäre, Andrew als Freund oder den normalen John haben.
Letzteres erschien ihr am logischsten.
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Einige Wochen später
Lord Harans Herrenhaus war riesig. Silivren hatte einige Mühe gehabt um sich darin zurechtzufinden.
Der Herr des Hauses hatte sie mit offenen Armen empfangen. Lord Haran, so erschien ihr, hatte eine väterliche Ausstrahlung, doch sie bezweifelte nicht, dass er bei allem, was er tat, niemals seinen eigenen Vorteil vergaß.
Silivren sah sich in ihrem Zimmer um. Sie konnte es immer noch kaum fassen. Hier war eine völlig andere Welt. Alles, das sich in diesem Hause befand, zeigte von Reichtum und Einfluss. Silivren bewohnte die ehemaligen Gemächer der Lady Thismée. Sie waren riesig. In den Gemächern befanden sich das Schlafzimmer mit Ankleideraum, das nebenan liegende Badezimmer, das Arbeitszimmer mit persönlicher Bibliothek, das Wohnzimmer mit Balkon und ein Empfangszimmer für Besucher.
Silivren fühlte sich wie in einem wunderschönen Traum. Sie wurde hier wie eine Prinzessin behandelt.
‚Obwohl', dachte sie sich, ‚ist das gar nicht so falsch.' Lord Haran bezeichnete seine Ziehtöchter als Prinzessinnen. Der Lord wusste sehr gut, ihr das Gefühl zu geben, wichtig zu sein.
Er stellte ihr eine persönliche Zofe, Ria, zur Verfügung und überhäufte sie mit schönen Kleider und Schmuck.
Zusätzlich hatte sie einen persönlichen Beschützer, Darvis, der sie immer begleiten sollte, wenn sie außer Haus wollte. So fühlte sie sich nicht hier eingesperrt.
Mit den anderen Prinzessinnen verstand sich Silivren recht gut. Sie hatten sie schnell als eine von ihnen aufgenommen und halfen ihr gerne bei Fragen. Besonders Lady Luciana und Lady Amelyn waren sehr freundlich und hilfsbereit zu ihr. Luciana war eine dunkelhaarige, temperamentvolle Gondorianerin. Sie war Meisterin in der Kunst der Verführung und konnte einem Mann gut den Verstand rauben.
Amelyn dagegen kam aus Rohan und hatte demnach blond gelocktes Haar und hellblaue Augen. Sie hatte eine unschuldige, gar zu naive Ausstrahlung. Die meisten Menschen hielten sie für ungefährlich und Amelyn ließ sie nur allzu gerne in diesem Glauben.
Mittlerweile konnte Silivren sie zu ihren Freundinnen zählen, auch wenn sie nicht Jacites Platz einnehmen konnten. Silivren bezweifelte, dass sie es jemals könnten.
Jacite hatte sich für sie gefreut, als Silivren ihr ihre Entscheidung mitgeteilt hatte. Nie hatte Jacite sich neidisch gezeigt und, als Silivren ihr ihre Zweifel darüber mitgeteilt hatte, sie zurückzulassen, hatte Jacite sie als unmöglich bezeichnet und gesagt, sie solle sich keine Sorgen um sie machen.
Silivren vermisste sie. Solche wahren Freundschaften waren äußerst selten und Silivren schwor sich, Jacite zu befreien, sobald sie das nötige Geld dazu zusammenhatte.
Wie, wusste sie noch nicht.
Es klopfte an der Tür.
„Herein", rief sie. Die Tür ging auf. Hinein trat Lord Equin.
„Mylady", begrüßte er sie mit einer Verbeugung, „ihr seht entzückend aus, wie immer. Dürfte ich die Ehre haben, euch in den Saal zu führen und eure Begleitung für den Abend zu sein?"
„Es wäre mir eine Freude, Mylord", antwortete sie höflich. Seine Frage war eigentlich rein rhetorisch, denn er begleitete sie jedes Mal zum Abendessen.
Lord Equin bot ihr lächelnd seinen Arm an und sie hakte sich bei ihm ein. Sie wanderten durch die Gänge.
„Lady Silivren", fing der junge Lord ein Gespräch an, „mein Vater, mit dem ich heute gesprochen habe, schlägt euch vor, da ihr euch hier nun einigermaßen eingelebt habt, mit dem Unterricht zu beginnen."
Er warf ihr einen fragenden Blick zu, unsicher, wie sie diese Idee aufnähme.
Der Prinzessinnenunterricht war eine vollständige Ausbildung in allem, was für ihre Aufträge wichtig war.
Schließlich musste Lord Haran seine Ziehtöchter präsentabel für den Hofstaat machen.
Dafür mussten sie lernen, sich wie eine Dame zu benehmen.
„Es ist eine wundervolle Idee", gab Silivren ihre Meinung kund. „Wann gedenkt euer Vater mit dem Unterricht zu beginnen?"
Lord Equin lächelte erleichtert. „Mein Vater hält morgen für einen guten Start in die Geschichte von Mittelerde. Er sprach den Wunsch aus, euch persönlich darin zu unterrichten. Am Nachmittag, so denke ich, werdet ihr Unterricht in Reiten, Schwertkampf, Bogenschießen oder Tanzen nehmen. Leider kann ich euch nicht darüber informieren, wer euer Lehrer sein wird da ich es nicht weiß."
„Ich danke euch für diese Information, Mylord."
Sie standen nun vor der großen Holztür zum Saal. Der junge Herr wand sich an Silivren.
„Nichts zu danken. Ich wunderte mich, ob wir, da wir nun Geschwister sind, uns mit Vornamen ansprechen könnten?", fragte er. „Gern, Equin", antwortete Silivren automatisch.
Beide traten lächelnd in den Saal. Lord Haran saß am Kopf des Tisches. Zur seiner Rechten war der Platz seines Sohnes, zur seiner Linken Amelyns Platz. Equin führte Silivren zu ihren Platz, der sich neben seinem befand. Als alle anwesend waren, eröffnete Lord Haran das Mahl.
Das Abendessen verlief unspektakulär. Silivren unterhielt sich mit Amelyn und Luciana, während Equin mit seinem Vater sprach. Am Ende bat Lord Haran Silivren um ein Gespräch in seinem Arbeitszimmer. Silivren stimmte zu.
Wahrscheinlich will er mit ihr den Stundenplan besprechen.
Im Arbeitszimmer angekommen trug der Lord sogleich sein Anliegen vor. „Mein Sohn benachrichtigte mir, ihr seiet einverstanden mit dem Unterricht zu beginnen."
Silivren stimmte dies zu. „Ja, Mylord."
„Gut, ihr werdet Basisunterricht in Geschichte von Mittelerde, Sprachen und Schriften, Kartenlesen, Politik, Wirtschaft, Rhetorik und Diplomatie erhalten. Ich werde euch in diesen Fächern unterrichten.
Zusätzlich werdet ihr am Nachmittag Unterricht in Reiten, Schwertkampf und Bogenschießen nehmen. Equin hat sich bereiterklärt euch darin zu trainieren.
Die Schwerpunkte eurer Ausbildung liegen allerdings in der Schauspielkunst und der Verführung. Auch Benimmunterricht wird auf dem Stundenplan stehen, doch meiner Meinung nach habt ihr es überhaupt nicht nötig. Hinzu werdet ihr im Tanz unterrichtet.
Zwei eurer Schwestern werden euch darin ausbilden. Luciana und Amelyn haben zugestimmt die Aufgabe zu übernehmen. Seid ihr mit der Planung einverstanden?"
„Es ist hervorragend, Mylord." Silivren war glücklich über diese Planung.
„Ich möchte euch nochmals meinen Dank aussprechen für alles, was ihr für mich getan habt. Ich stehe tief in euer Schuld."
„Nicht doch, meine Tochter. Ihr steht keinesfalls in meiner Schuld. Als Vater ist es meine Pflicht und Ehre, das Leben meiner Kinder so glücklich wie möglich zu gestalten. Ich bin mir sicher, ihr werdet eine wundervolle Prinzessin werden."
Danach wünschte er ihr noch eine angenehme Nachtruhe und entließ sie.
Silivren lief den Gängen entlang. Schon bald wird sie eine richtige Prinzessin sein.
