Das dritte Heiligtum
Nie zuvor war Dorea im Gryffindor-Gemeinschaftsraum gewesen und sie hatte auch eigentlich nicht vorgehabt ihn mal zu betreten, doch wie das Schicksal es so wollte, traf das Unerwartete ein. Sie befand sich in einem Kreisrunden Raum mit rot-goldenen Wandteppichen, roten Sofas und Sesseln und einem warmen Kamin. Alles in allem wirkt der Raum sehr gemütlich. Es traf wirklich ganz ihren Geschmack und sie hätte sich hier sicher wohl gefühlt, wäre sie nicht so fehl am Platz gewesen. War es überhaupt gestattet die Gemeinschaftsräume anderer Häuser zu betreten? Dorea hatte keine Ahnung und wollte schnellstmöglich wieder hier heraus, doch es war unmöglich. Der Eingang war regelrecht versperrt, denn immer noch traten Schüler in einem Strom durch das Porträtloch.
„Sieh mal Dorea, was es dort alles gibt", sagte Hester plötzlich. Dorea hatte sie vollkommen vergessen, drehte sich nun jedoch herum. Sie deutete auf einen Tisch, auf dem jede Menge Süßigkeiten und leckeres Essen lagen. Dorea wollte ihr noch sagen, dass sie dafür keine Zeit hatten, da sie wieder hier heraus musste, doch Hester hatte sie dorthin geschleift und nun betrachtete diese gierig das Essen und war nicht ansprechbar. Besorgt sah Dorea sich um. Hoffentlich erkannte sie hier keiner, was wenn es die Runde machte und die Nachricht zu ihrer Schwester kam, dass sie den Sieg über Slytherin zusammen mit den Gryffindors feierte?
Langsam versuchte Dorea sich zu entspannen und sich einfach von der guten Stimmung mitreißen zu lassen, wenn sie schon einmal hier war, sollte sie wohl besser das beste daraus machen, oder? Immerhin glaubte sie immer noch nicht aus dem Gemeinschaftsraum wegzukommen, da die Schülermassen davor zu dicht waren.
Hester gab ihr etwas zu Trinken und Dorea schluckte es ohne Bedenken hinunter, schon fühlte sie sich etwas besser und das mit dem Entspannen fiel ihr zunehmend leichter.
„Euer Gemeinschaftsraum ist echt gemütlich", sagte sie zu Hester. Es war als Kompliment gemeint.
„Ihr habt auch nicht so eine blöde Statue, von der ihr euch die ganze Zeit überwacht fühlen müsst", fügte sie hinzu und dachte an Rowena Ravenclaw, doch Hester sah sie bloß Stirnrunzeld an.
Dorea winkte ab und zuckte die Schultern. Sie hatte vergessen, dass sie noch nie im Ravenclawturm gewesen war und die Statue nicht kennen konnte.
Der Abend zog sich dahin und Dorea hatte so viel Spaß, dass sie die Zeit ganz vergaß. Sie tanzte sogar zu der Musik, die aufgelegt worden war und amüsierte sich prächtig.
„Dorea, was machst du noch hier? Die Sperrstunde hat schon vor einer Stunde angefangen", ertönte Charlus Stimme hinter ihr.
Dorea wirbelte herum und sah in Charlus' haselnussbraune Augen. Wie versteinert starrte sie ihn an und sah dann hilfesuchend zu Hester.
„Was ist los?", fragte diese.
„Ich hab die Sperrstunde verpasst und wenn ich jetzt gehe, werden sie mir etliche Punkte abziehen", jammerte Dorea.
„Du könntest bei mir schlafen", schlug Hester spontan vor, doch Dorea wirkte etwas skeptisch.
„Ich hab eine viel bessere Idee", erklärte Charlus auf einmal, „wartet hier!" Schon war er in der Masse der Schüler verschwunden.
„Weist du, was er vor hat?", fragte Dorea, doch Hester schüttelte den Kopf.
Nach einiger Zeit, tauchte er jedoch wieder vor ihnen auf und er hatte Richard mitgebracht. In seiner Hand hielt Charlus jedoch noch etwas, das aussah wie ein Umhang. Dorea öffnete den Mund, doch Charlus zog sie und Hester schnell hinüber zum Porträtloch und sie kletterten hinaus.
„Wo hast du denn den her?", fragte Dorea ehrfürchtig und betrachtete den Umhang.
Charlus grinste jedoch nur und faltete ihn auseinander.
„Altes Familienerbstück", sagte er und breitete es über sich und seine drei Freunde drüber.
Richard blinzelte nur.
„Was ist jetzt so toll daran unter diesem Umhang zu sein?", fragte er und auch Hester sah ratlos aus.
„Das ist nicht irgendein Umhang", gab Dorea zu bedenken, „Das ist ein Tarnumhang! Hier drunter kann uns niemand sehen, egal was wir machen, oder wo wir uns befinden."
Richard blieb der Mund offen stehen.
„Lasst uns jetzt aufbrechen, wenn wir weiter hier stehen, werden wir vielleicht noch erwischt... und seit leise, hören können sie uns nämlich trotzdem noch."
Also machten sie sich unter dem Tarnumhang auf zum Ravenclawturm, doch das war leichter gesagt als getan, da es den vieren sehr schwer fiel das gleiche Tempo beizubehalten und sich den anderen anzupassen. Hier und da verrutschte der Umhang und kleine Zipfel waren von ihnen zu sehen, die durch die dunklen Gänge zu schweben schienen. Sie konnten von Glück reden, dass die Lehrer sich nicht einmal annähernd in der Nähe befanden und ihnen somit auch all ihre Hauspunkte ließen. Sie strichen durch die verschiedensten Gänge und in irgendeiner Weise machte es Dorea sogar Spaß etwas Verbotenes zu tun.
„Also ich finde wir sollten das öfters mal machen", sagte Richard abenteuerlustig und grinste die anderen unter dem Umhang an.
„Stimme ich voll und ganz zu", meinte Charlus, doch Hester sah etwas skeptisch aus.
„Wir könnten so viel in diesem Schloss entdecken", sagte Charlus begeistert und Dorea dachte an geheime Gänge, oder Sachen die Schüler vor langer Zeit hier versteckt hatten.
„Vielleicht einen Schatz", phantasierte Richard weiter.
„Glaubst du echt hier würde jemand einen Schatz verstecken?", fragte Dorea belustigt.
„Kann doch sein", meinte er, „Gäbe es einen besseren Ort? Ich meine hier ist es doch fast unmöglich etwas wieder zu finden, oder?"
„Da hast du Recht", gab sie zu.
Als sie den Turm nach kurzer Zeit erreichten legten sie den Umhang ab und verabschiedeten sich voneinander, indem sie sich eine gute Nacht wünschten. Während die anderen sich wieder auf den Rückweg machten, löste Dorea das Rätsel der Adlers und trat in den vollkommen leergefegten Gemeinschaftsraum ein. Sie gähnte einmal und stieg dann die Treppe zu ihrem Schlafsaal hinauf und ließ sich müde in ihr Bett fallen. Nicht einmal mehr den Umhang wechselte sie mit ihrem Nachthemd und so schlief sie ein.
Gleich am nächsten Morgen wurde Dorea von ihren Zimmergenossinnen ausgefragt, wo sie denn am Vorabend gewesen sei und Dorea entschied sich für die Wahrheit, also sagte sie ihnen einfach, dass sie zu lange mit den Gryffindors gefeiert hatte und ihre Freundinnen schienen zufrieden. Den Teil mit dem Umhang ließ sie natürlich aus und Rachel, Jane, Helena und Harriet gaben sich damit zufrieden, dass sie den Lehrern einfach so entkommen war.
Leider ergab sich in den nächsten Wochen für Dorea keine weitere Möglichkeit Charlus' Tarnumhang noch ein weiteres Mal zu benutzen. Inzwischen hatte er ihnen jedoch erzählt, dass sein Vater ihm den Tarnumhang in diesem Sommer vermacht hatte mit der Ermahnung ihn für nichts Unanständiges zu gebrauchen, deshalb war er sich nicht mehr sicher, ob sie ihre Pläne wirklich in die Tat umsetzen sollten. Ihr Vorhaben redeten sie jedoch mehr und mehr fest und eigentlich juckte es allen praktisch in den Fingern, es zu tun.
Besonders Dorea war wirklich aufgeregt. Sie hatte noch nie irgendeine Regel gebrochen, wenn man davon absah, dass sie eine Ravenclaw geworden war, doch sie war fester Überzeugung, dass sie das mal machen musste.
Die Zeit strich dahin, Ravenclaw besiegte Hufflepuff im Quidditch und draußen begann es langsam sehr kalt zu werden und bald schon fiel der erste Schnee. Unglaublich war, wie Dorea fand, dass Charlus bei diesem Wetter noch immer fürs Quidditch trainierte. Meist kam er komplett durch gefroren und voller Schnee in den Gemeinschaftsraum der Gryffindors und brauchte sehr lange um sie am Feuer aufzuwärmen.
Seit Doreas Abend auf der Feier war sie ziemlich mutig geworden. Sie traute sich nun sehr häufig hinauf zu den Gryffindors und saß oft bis spät abends mit ihren drei Freunden vor dem Kamin. Um so mehr Zeit sie miteinander verbrachten, um so offener wurde Dorea den dreien gegenüber, doch sie hatte ihnen noch nicht erzählt aus was für einer Familie sie stammte. Sie konnte froh sein, dass Charlus noch nicht weiter nachgeforscht hatte und er schien wirklich nicht viel über die Blacks zu wissen. Wohl interessierte er sich nicht sehr für die Reinblutgesellschaft und Dorea konnte es ihm auch nicht verübeln.
Bald hingen Listen zum Eintragen, wer in den Weihnachtsferien nach Hause fahren würde aus und Dorea schrieb fast als erste ihren Namen auf das Blatt, einfach so, weil sie wusste, dass es eh kein Entrinnen gab.
Charlus, Richard und Hester wollten in den Ferien alle in Hogwarts bleiben und das durften sie natürlich auch.
„Warum bleibst du nicht auch hier?", fragte Hester, als die vier Mitte Dezember zusammen in der Bibliothek saßen.
Dorea druckste herum.
„Meine Eltern wollen das nicht", gab sie als schlichte Antwort.
„Ach vielleicht können wir ja mal mit ihnen reden", sagte Richard und grinste breit. „Ich kann wirklich überzeugend sein."
Dorea versuchte den Gedanken zu verdrängen, was passieren würde, wenn ihre Eltern herausbekämen, dass sie sich mit Muggelgeborenen abgab und lehnte das Angebot vielleicht etwas zu schnell ab, denn Charlus warf ihr einen merkwürdigen Blick zu, sagte jedoch nichts.
Auch im Laufe der nächsten Zeit sagte er nichts, obwohl Dorea auffiel, dass er sie manchmal genauer musterte, wenn sie beisammen waren, aber ihm entrann kein Wort. Leider vermutete Dorea, dass es nicht für immer so bleiben konnte und schließlich wollte sie ihren Freunden ihre Familie ja auch nicht für immer vorenthalten, weshalb sie sich in ihrem Kopf manchmal selber schon Reden ausdachte, wie sie es ihnen am besten sagen konnte, zumindest ertappte sie sich dabei...
So kam es nun, dass sie am Tag vor Weihnachten hinunter zum Bahnhof Hogsmeade fuhr und schließlich den Zug nach London nahm, sehr missmutig eingestellt auf die kommenden Weihnachtsferien, doch das war schließlich nichts Neues.
