Beckett saß auf der Couch und telefonierte mit Esposito. Die Finger ihrer linken Hand spielten mit dem Notizzettel, den sie nach ihrer Rückkehr von der Therapie auf dem Couchtisch vorgefunden hatte: Bin schwimmen – R.
„…existiert erst seit drei Jahren. Vorher gibt es weder Kreditkarten noch einen Führerschein auf den Namen Enrique Reyes", informierte Esposito sie.
„Also können wir davon ausgehen, dass das nicht sein richtiger Name ist und ohne Grund wird er ihn nicht geändert haben", brachte Beckett es auf den Punkt.
„So sehen wir das auch. Sie könnten natürlich versuchen, an einen Fingerabdruck von ihm zu kommen. Den könnten wir dann in der Datenbank abgleichen."
„Ich sehe mal, was ich tun kann. Ich melde mich wieder."
Sie hatte das Handy noch in der Hand, als sie draußen auf dem Gang eilige Schritte vernahm, die direkt vor der Tür verstummten, dann klickte das Türschloss.
Rick stürmte ins Zimmer, blieb knapp vor ihr stehen und verkündete triumphierend: „Ich weiß, wer der Täter ist! - Oder vielleicht ist er auch nur sein Informant", schränkte er dann schnell ein.
„Und zwar?"
„Dieser Lackaffe von Masseur. Ich glaube, er heißt Rico."
„Enrique Reyes", korrigierte Beckett. „Und das ist eine falsche Identität, soweit wir wissen. Ryan und Esposito haben ihn überprüft." Sie konnte ein Lächeln nicht unterdrücken, als sie ihn da vor sich stehen sah: die Haare noch feucht vom Schwimmen, mit einen völlig enttäuschten Gesichtsausdruck, weil sie vor ihm auf den Masseur gekommen war. „Was hat dich auf ihn gebracht?", fragte sie eilig nach. Mit Interesse lauschte sie Castles Bericht. Enriques Verhalten bestätigte ihre Vermutung, dass er den Kontakt zu seinen Kundinnen dazu benutzte auszuloten, welche von ihnen eventuell gerne ihren Gatten aus dem Weg hätte – gegen Zahlung einer entsprechenden Geldsumme selbstverständlich. Castle war derselben Meinung. Nur mit Mühe konnte Kate ihn davon abhalten, gleich wieder nach unten zu gehen und zu versuchen, auf wahrscheinlich sehr abenteuerliche Weise an seine Fingerabdrücke zu gelangen.
„Ich mach das schon", erklärte sie. Vorsichtshalber rief sie sofort im Wellnessbereich an und vereinbarte noch für denselben Nachmittag einen Massagetermin bei Enrique.
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Nach dem Mittagessen stand eine weitere Therapiestunde auf dem Erfahrungsplatz an.
Castles Versuch sich für sein Verhalten am vorherigen Tag zu entschuldigen, wies Carmen zurück. „Ich hab hier schon ganz andere Sachen gesehen. Wenn es in Ihrer Beziehung keine Probleme gäbe, wären Sie schließlich nicht hier. Aber schön, dass Sie es heute noch einmal versuchen. Wer fängt an?"
Sie hatten abgesprochen, dass Kate heute zuerst führen würde.
Carmen händigte ihr den Plan mit der zurückzulegenden Route aus, während Castle sich die Brille aufsetzte. Diesmal war die Strecke schwieriger, trotzdem gelang es Beckett, ihren Partner ohne größere Probleme um und teilweise auch über die verschiedenen Hindernisse zu führen, selbst das Hinaufklettern einer Hängeleiter klappte erstaunlich gut. Natürlich klappte nicht alles einwandfrei, erneut übersah Beckett die hängenden Bambusrohre, die daraufhin wieder gegen Castles Kopf schlugen. Nichtsdestotrotz war Carmen sehr zufrieden mit dem Ergebnis.
Auch Castle war froh, dass sie zumindest den ersten Teil dieser Übung ohne Streitereien bewältigt hatten. Beckett hatte diesmal ihre Hände auf seine Schultern gelegt und ihn auf diese Weise gut gelenkt. Entsprechend versuchte er es auch so. Es war ein merkwürdiges Gefühl, sie so vertraut zu berühren, den Duft ihres Parfums direkt einatmen zu können. Er musste sich ernsthaft darauf konzentrieren auf den Weg zu achten und sich nicht durch Becketts Nähe ablenken zu lassen. Trotzdem übersah er ein Seil, das auf Bauchhöhe zwischen zwei Bäumen gespannt war, und ließ Beckett hineinlaufen. Die nahm das aber im Gegensatz zum Vortag gelassen und überließ sich weiterhin bereitwillig seiner Führung. Die Anspannung, die er anfänglich in ihren Schultern gespürt hatte, löste sich und sie wurden lockerer. Nach und nach wurde auch Castle sicherer und dirigierte sie langsam aber ungefährdet durch den Parcours.
„Sehr schön!", begrüßte Carmen sie lächelnd am Ziel.
Mit Bedauern nahm Castle seine Hände von Kates Schultern. Beckett gab die Brille zurück und schüttelte ihr langes Haar, auch sie wirkte erfreut, dass sie ihre heutige Übung gemeistert hatten.
Seite an Seite gingen sie langsam zurück zum Haus. Seit seinem Gespräch mit Dr. Rosenberg am Vormittag dachte Castle darüber nach, mit Beckett über alles zu reden. Dass er von ihrer Lüge wusste und dass er deswegen nicht mehr wie bisher zusammen arbeiten konnte. Und irgendwie hoffte er immer noch, dass alles nur ein großes Missverständnis gewesen war, dass Beckett sich tatsächlich nicht an seine Liebeserklärung erinnerte und vielleicht doch seine Gefühle erwiderte. Denn mal ehrlich: woher wollte sie eigentlich wissen, dass sie sich an jede Sekunde erinnerte? Aber wie fing man ein solches Gespräch an?
„Was hältst du von einer Ruderpartie?" Dort auf dem See wären sie ungestört, und niemand würde ihre Unterhaltung mitanhören können.
„Jetzt?" Beckett warf einen Blick auf ihre Armbanduhr. „Ich habe in einer dreiviertel Stunde meinen Termin bei Enrique und muss vorher noch duschen. Ein anderes Mal, okay?"
Mist, den Massagetermin hatte er beinahe vergessen. Dann eben nicht, auf diese Weise hatte er wenigstens Zeit darüber nachzudenken, was er Kate eigentlich sagen wollte.
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Als sie über die Terrasse ins Haus zurückkehrten, kam Celia Dupont auf sie zu. „Mr und Mrs Simmons, ich würde mich gerne bei Ihnen erkundigen, ob alles nach Ihren Wünschen läuft. Darf ich Sie auf ein ganz kurzes Gespräch in mein Büro bitten?" Mit dem Hinweis, dass sie wirklich nur ein paar Minuten Zeit hätten, folgten Beckett und Castle ihr.
„Möchten Sie etwas trinken? Meine Sekretärin kann Kaffee oder auch etwas anderes holen. Stacy?", rief Mrs Dupont. Eine brünette unauffällige Frau tauchte auf und erkundigte sich nach Celias Wünschen.
„Danke, aber wir sind wirklich in Eile", erklärte Castle und lächelte Stacy an. „Was möchten Sie wissen, Mrs Dupont?"
Wie sich herausstellte, wollte Celia lediglich wissen, wie es ihnen ging und ob sie zufrieden waren. Nach der Bestätigung, dass alles wunschgemäß sei und einigen Höflichkeitsfloskeln konnten sie das Büro wieder verlassen.
„Jetzt sollte ich mich wirklich beeilen", meinte Beckett und sah auf die Uhr. Sie gingen beide nach oben, auch Rick wollte sich umziehen, obwohl seine Kleidung heute nicht so sehr unter der Übung auf dem Erfahrungsplatz gelitten hatte wie beim letzten Mal. Beckett verschwand im Bad, duschte in Windeseile und machte sich auf den Weg zum Wellnessbereich.
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Castle erinnerte sich daran, dass er Rose versprochen hatte, sich für sie umzuhören und rief Lennart Baxter, einen alten Bekannten, der beruflich mit der Musikbranche zu tun hatte, an.
Lennart hörte sich Castles Bitte an und bat um Roses Telefonnummer, damit er sie an Kollegen weitergeben konnte, von denen er wusste, dass sie derzeit auf der Suche nach jungen Talenten waren.
„Ich habe ihre Nummer nicht, aber ich frage sie danach und schick sie dir dann, okay?"
„Wieso hast du ihre Telefonnummer nicht? Ist sie nicht dein Typ?"
„Ich hab momentan einfach Wichtigeres zu tun. Danke für deine Zeit, Lenny. Wir hören uns."
Castle überlegte, ob er noch bei seiner Mutter anrufen sollte, beschloss aber doch erst einen Kaffee auf der Terrasse zu trinken und Rose um ihre Telefonnummer für Lennart zu bitten. Das würde ihn wenigstens von dem Gedanken ablenken, dass die völlig nackte Kate gerade von diesem Enrique angefasst wurde.
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Beckett hatte sich bereits auf die Massageliege gelegt und beobachtete im Spiegel, wie Enrique das Massageöl auf seinen Händen verteilte. Heute hatte sie lediglich eine Nackenmassage gebucht, schließlich kam es nur darauf an, an Enriques Fingerabdrücke zu gelangen. Als er seine Hände auf ihre Schultern legte, schloss Beckett die Augen und versuchte bewusst sich zu entspannen.
Ihre Gedanken sprangen mal hier, mal dort hin und landeten letztendlich bei der heutigen Einzelsitzung bei Dr. Rosenberg.
Natürlich hatte sie nicht über ihre tatsächlichen Probleme mit Castle sprechen können, schließlich musste sie ihre Rolle weiterspielen. Trotzdem hatte sie erzählt, dass sie Angst davor hatte, dass Rick sich zurückziehen würde, es teilweise jetzt schon tat. Auch ihre Gefühle, als er damals mit seiner Ex-Frau Gina in die Hamptons gefahren war, obwohl Beckett seinetwegen mit Tom Demming Schluss gemacht hatte, beschrieb sie. Als Dr. Rosenberg nachhakte, musste sie zugeben, dass Rick nichts vom Ende ihres Verhältnisses, wie sie es formuliert hatte, gewusst hatte und ihm deswegen nichts vorzuwerfen war. Die Therapeutin hatte ihr eindringlich geraten, offen und ehrlich mit Rick über ihre Gefühle und Probleme zu sprechen, womöglich wären all ihre Schwierigkeiten nur auf fehlende Kommunikation zurückzuführen.
»Die hat leicht reden. Schließlich weicht er mir immer aus.« Sie seufzte unbewusst.
„Haben Sie Sorgen, Kate?"
Verflixt, jetzt hatte sie beinahe Enriques Anwesenheit vergessen und auch, weshalb sie überhaupt hier war. „Mir ist etwas schwindelig", log sie dreist und fasste sich mit der linken Hand an die Schläfe. „Könnten Sie mir vielleicht ein Glas Wasser geben?" „Selbstverständlich."
Zufrieden beobachtete Beckett, wie sich der Masseur die Hände flüchtig an einem Tuch abwischte und von einem schmalen Regal ein sauberes Trinkglas holte, das er mit Wasser füllte, bevor er ihr es reichte.
„Möchten Sie sich lieber etwas raus an die frische Luft setzen?"
Beckett setzte sich auf und griff nach dem Glas, wobei sie sehr sorgfältig darauf achtete, auf keinen Fall die deutlich sichtbaren Fingerabdrücke, die Enriques öligen Finger darauf hinterlassen hatten, zu verwischen. „Ja, frische Luft klingt gut." Sie wickelte sich in ihr großes weißes Badetuch und ließ sich gespielt mühsam von der Liege gleiten, unterstützt von Enrique, der besorgt den Arm um sie gelegt hatte und sie aus dem Wellnessbereich hinaus auf die kleine Terrasse führte, die jetzt im Schatten lag.
„Soll ich einen Arzt rufen?", bot der Masseur an und half ihr auf einen der Liegestühle. „Oder sonst jemanden?"
„Danke, ich brauche keinen Arzt. Aber können Sie mir meine Tasche holen? Dann kann ich meinen Mann verständigen. Er kann mir meine Tabletten bringen."
„Ist schon unterwegs."
Innerhalb einer Minute kam Enrique mit ihrer Tasche zurück. Kate hatte Mühe ihn loszuwerden, denn er bestand darauf, bei ihr zu bleiben, bis ihr Mann auftauchen würde. Doch schließlich überzeugte sie ihn, dass es ihr schon besser ginge und er sie durchaus allein lassen könne. Nur zögernd ging Enrique zurück in den Wellnessbereich.
Endlich allein rief Beckett Castle auf seinem Smartphone an. „Hi, ich bin es. Es hat geklappt. Kannst du aus unserer Suite eines der Trinkgläser mitbringen? Sonst fällt ihm auf, dass ich das hier mitgenommen habe."
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Castle nahm den Anruf in dem kleinen Café auf der großen Terrasse entgegen, wo er sich mit Rose unterhalten hatte. Sie war wesentlich distanzierter als am Vortag, doch ihre Augen hatten aufgeleuchtet, als er ihr von seinem Gespräch mit Lennart Baxter berichtet hatte.
Sie notierte ihre Handynummer auf einem Zettel und reichte ihn Castle, als sein Smartphone klingelte.
„Hi Kate, was gibt es? Schon fertig mit der Massage?" Er hörte zu und verzog bestürzt das Gesicht. „Bleib ganz ruhig sitzen, ich bin gleich bei dir."
„Alles in Ordnung, Mr Simmons?", erkundigte sich Rose, die immer noch in der Nähe stand. „Meine Frau hatte während der Massage eine Schwindelattacke, vermutlich der Kreislauf. Ich werde sie abholen und auf unsere Suite bringen. Ihr Masseur Enrique hat schon angeboten einen Arzt zu rufen."
„Machen Sie sich keine Sorgen. Ich kenne Enrique nicht gut, aber so viel ich gehört habe, kümmert er sich sehr aufmerksam um seine Kundinnen. Er wird auf Ihre Frau achtgeben, bis Sie da sind."
Auch wenn Castle wusste, dass er sich nicht um Kates Gesundheit sorgen musste, gefiel ihm überhaupt nicht, dass sich der gutaussehende Masseur um sie kümmerte. Sein einziger Trost war, dass Beckett ihn zumindest für einen Komplizen des Mörders hielt und deshalb nicht auf seine Schmeicheleien reinfallen würde. „Ich muss trotzdem zu ihr. Ich gebe Ihre Telefonnummer an meinen Bekannten weiter, er wird sich dann bei Ihnen melden, Rose." Er stopfte den Zettel in seine Sakkotasche und eilte ins Haus.
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„Hey, wie geht's dir?" Zu Becketts Erstaunen beugte sich Castle zu ihr herunter, drückte ihr einen sanften Kuss auf den Haaransatz und strich ihr mit seiner rechten Hand zärtlich über die Wange. „Das ist wegen Enrique, der steht hinter der Glasscheibe und beobachtet uns", wisperte er ihr zu, als er ihren irritierten Blick bemerkte. Er zog sich einen Liegestuhl neben den ihren und setzte sich. Dabei sah er unauffällig hinter sich. „Okay, jetzt geht er."
Diskret zog er das mitgebrachte Trinkglas aus seiner Badetasche. Beckett füllte das Wasser von dem Glas mit Enriques Fingerabdrücken in das leere um und verstaute das Beweismittel in einer Papiertüte, die Castle außerdem auf ihre Anweisung hin mitgebracht hatte, damit die Abdrücke beim Transport nicht verwischten. Castle stellte die Papiertüte vorsichtig in die Tasche und zog den Reißverschluss zu.
Dann musterte er Beckett. „Vielleicht solltest du dir was anziehen, bevor wir gehen."
Erst jetzt realisierte Kate, dass sie außer ihrem Slip nur ein weißes Badetuch um den Körper trug, das sie gerade mal von der Brust bis knapp über den Hintern bedeckte. „Meine Sachen sind noch im Massageraum."
„Ich hole sie und leg sie dir in den Umkleideraum, damit du dich in Ruhe umziehen kannst", sagte Castle. Beckett wollte energisch protestieren, als Enrique auf die Terrasse trat und zu ihnen kam.
„Geht es wieder, Kate?", erkundigte er sich und stellte sich Castle vor. Dieser bedankte sich, dass sich der Masseur um Kate gekümmert hatte.
„Soll ich Ihnen Ihre Kleidung bringen? Ich habe nämlich gleich die nächste Kundin."
„Mein Mann macht das schon." Wenn schon jemand ihre Sachen zusammensuchen musste, dann doch lieber Castle.
Der ging mit dem Masseur mit und kam in kürzester Zeit wieder zurück.
„Liegt alles im Umkleideraum", sagte er und bot ihr galant den Arm. Da Enrique sie womöglich immer noch beobachtete, ließ sich Beckett ohne Diskussionen zum Umkleideraum führen. Castles Angebot sie auch hineinzubegleiten, wies sie allerdings entschieden zurück. Drinnen schlüpfte sie rasch in ihre Kleidung. Was Rick beim Anblick ihres schwarzen Spitzen-BHs gedacht hatte, wollte sie sich lieber gar nicht vorstellen. Immerhin hatte er ihn diskret unter ihrer Bluse verborgen.
Nachdem Enrique nicht mehr zu sehen war, war es nicht unbedingt nötig, weiterhin so zu tun, als ginge es Beckett nicht gut. Trotzdem protestierte sie nicht, als Castle ihr fürsorglich die Tasche abnahm, sondern hängte sich sogar bei ihm ein.
