„Depression ist lediglich Wut ohne Begeisterung."

– Steven Wright.


Einige Abende später schritt Hermine tief in Gedanken versunken auf Dilys Wunsch hin zum Krankenflügel. Sie machte es sich mit einer Tasse Tee in Madam Pomfreys Büro gemütlich, während die Heilerin einen Stapel mit Büchern und Akten auf den Tisch neben ihnen abstellte. „Nun, Hermine, ich denke, es jetzt für Sie an der Zeit, die ganze Wahrheit zu erfahren", begann sie sanfter Stimme. „Diese Informationen werden dieses Zimmer nicht verlassen, haben Sie mich verstanden?"

„Selbstverständlich."

„Also schön. Das hier sind die allgemeinen Einträge der Lehrerschaft, nur damit Sie erkennen können, was ich tue – sie sind weitaus weniger detailliert als die Schülerakten, wie Sie sehen können. Normalerweise vollführe ich einmal einen kompletten Gesundheitscheck, immer dann, wenn ein neues Mitglied hier beschäftigt wird und das mag manchmal auch dann das einzige Mal sein, wo ich sie beruflich antreffen werde. Die meisten Akten sind so gut wie leer, außer die gelegentlichen Einträge von etwas Aufpäppeltrank während der Erkältungszeit. Manche Fächer sind etwas komplizierter – der Lehrer für Pflege magischer Geschöpfe findet hin und wieder auch seinen Weg hierher, obwohl Hagrid meistens selbst ganz gut in der Lage ist, sich um sich selbst zu kümmern und Professor Snapes Vorgänger schaute gelegentlich mit ein paar Verbrennungen oder Ausschlägen von irgendwelchen Ausgangsstoffen vorbei. Dann wäre da noch der jährliche Lehrer für Verteidigung, den ich für gewöhnlich immer am Ende des Jahres nach einen dieser seltsamen Vorfälle noch einmal gesehen habe, wodurch ihre Laufbahn bei uns beendet worden war. Können Sie mir so weit folgen?"

Sie nickte. „Ich vermute, Professor Snape kommt nicht wegen irgendwelcher Unfälle mit Zaubertränken zu Ihnen, oder?", fragte sie in dem Versuch, den Sarkasmus aus ihrer Stimme zu halten und scheiterte kläglich.

„Einmal tat er das sogar", ertönte Dilys Stimme von der Wand. „Vor ein paar Jahren gab es einen Schüler, der sogar noch schlimmer als Mr. Longbottom war und hatte eine spektakuläre Explosion verursacht. Zugegeben Severus kam nur hierher, weil seine Hände dermaßen verletzt waren, dass er sich nicht selbst behandeln konnte, aber er tat es."

Madam Pomfrey nickte mit einem leichten Lächeln und nahm eine dünne Akte von dem Stapel. „Also, das hier ist Professor Snapes offizielle Krankenakte."

Hermine überflog sie kurz. Sein anfänglicher Gesundheitscheck war denen aus seinen Tagen als Schüler hier ziemlich ähnlich – kein Wunder, da er zu dem Zeitpunkt noch recht jung gewesen war. Er hatte Untergewicht, war gestresst und wirkte in sich gekehrt. „Gab es denn keine weiteren Anzeichen?", fragte sie.

„Ja, aber ich habe sie nicht bemerkt. Sie haben meine gewöhnlichen Untersuchungsmethoden gesehen, Hermine. Ich setze keine weiterführenden oder detaillierteren Untersuchungen an, wenn ich es nicht für nötig halte. Außerdem, so sehr es mir auch widerstrebt, es zuzugeben, ich wollte es damals einfach nicht wissen. Wir alle wussten oder hatten unsere Vermutungen, dass Professor Snape ein Todesser gewesen war. Der Schulleiter hatte nur ruhig darauf beharrt, dass man ihn in die Nähe der Kinder lassen konnte, aber wir haben es alle nicht wirklich geglaubt. Damals war ich von Professor Snape enttäuscht gewesen und wollte so wenig von ihm sehen, wie es mir nur möglich war, denn ich war von dem, zu was er geworden war, angeekelt war und zum Teil, weil ich mich schuldig fühlte, da wir ihn so weit getrieben hatten."

Mit einem langsamen Nicken schaute Hermine wieder hinunter auf die Akte. Es gab ein paar Anfragen nach dem traumlosen Schlaf, vermutlich, weil sein eigener Vorrat aufgebraucht gewesen war, da er mehr als fähig war, sich sein Eigenes zu brauen. Eine kurze Notiz, als er seinen Meister erhalten hatte und jetzt das Lager des Krankenflügels versorgen würde. Ein oder zwei Unfälle, an denen er mitgeholfen hatte – eingeschlossen ihr eigenes Missgeschick mit dem Vielsafttrank, bemerkte sie nervös, genau wie bei der Erstarrung durch den Basilisken. Den einen Vorfall, den Dilys erwähnt hatte und das war es dann.

Madam Pomfrey zog jetzt ein viel dickeres Buch aus dem Stapel und ließ es dumpf auf den Tisch fallen. „Und das hier ist die inoffizielle Akte", erklärte sie grimmig, „bis ein paar Monate nach dem ersten Krieg."

Hermine starrte darauf. „Verstehe…"

„Nein, tun Sie nicht", korrigierte die Krankenschwester sanft. „Noch nicht. Das ist der Grund, warum Sie heute hier sind. Das hier ist weniger eine Krankenakte als ein Tagebucheintrag meiner Beobachtungen. Sie werden hier weniger irgendwelche medizinischen Terminologien finden, als wenn ich vielleicht mal den Blutdruck gemessen habe oder so. Niemand sonst hat diese Akte je zu Gesicht bekommen. Und das ist nicht einmal die ganze Geschichte. Professor Snape hat mir nie mehr als das erzählt, was absolut notwendig war und ich bin mir sicher, das Schlimmste weiß ich noch nicht einmal und einiges, was ich nicht gewagt habe, niederzuschreiben. Ich rate Ihnen, es nur zu überfliegen, Hermine… Sie wollen nicht jedes kleine Detail lesen. Und vergessen Sie nicht, bevor Sie anfangen es zu lesen, das ist alles vor vielen Jahren geschehen, nicht lange, nachdem Sie geboren worden sind."

Schwer schluckend zog sie das Buch an sich heran und begann zu lesen.


Der Bericht war nie dafür bestimmt gewesen von jemand anderen gelesen zu werden und war wirklich hauptsächlich eine Art Tagebuch der Heilerin, gefüllt mit ihren Gedanken und Rückschlüssen. Es befasste sich genauso viel mit ihren Gefühlen, wie mit dem, was Snape zugestoßen war. Der erste Eintrag belief sich auf Snapes erstes Jahr kurz vor Weihnachten. Dumbledore hatte Madam Pomfrey geweckt und sie hinunter in die Gemächer des Zaubertränkemeisters gerufen. Es standen keine Einzelheiten geschrieben, was genau geschehen war, aber Snape war mit Blut bedeckt gewesen und die immensen Schmerzen verbaten ihm das Sprechen, obwohl ihn das nicht davon abhielt, sich von ihren Berührungen abzuwenden oder ihren und auch Dumbledores Blick zu meiden. Nach diesem Vorfall folgte ein langes Gespräch mit dem Schulleiter über Snapes Seitenwechsel.

Während der nächsten Monate hatte Madam Pomfrey über den Cruciatus-Fluch mehr gelernt als sie je gewollt hatte, genauso wie weitere boshafte Zauber, die relativ häufig eingesetzt wurden. Snape hatte sich wohl jeder Bestrafung, die man sich vorstellen konnte, unterziehen müssen, angefangen bis aufs Blut ausgepeitscht zu werden, bis hin zu Verbrennungen, über gebrochene Knochen oder die Auswirkungen simpler Schläge. Es hatten sich erschreckend schnell einige innerliche Blutungen angehäuft und die Langzeitauswirkungen von Stress ließen sein Gewicht dahin schmelzen, es führte zu Schlafstörungen und sein erstes Magengeschwür entwickelte sich. Seine Nerven, sein Kreislauf und seine Gelenke begannen unter dem ständigen Cruciatus zu leiden und sein Immunsystem wurde so schwach, dass er beinahe ständig krank war.

Sogar damals schon, kaum ein erwachsener Mann, hatte Snape es bereits gehasst, um Hilfe zu bitten. Da war nichts mehr von der leicht unbehaglichen, beinahe schon schüchternen Höflichkeit der Heilerin gegenüber, die er ihr noch als Schüler entgegengebracht hatte. Er ignorierte sie jetzt so häufig, wie es ihm möglich war, sprach nur noch einsilbig mit ihr, zuckte jedes Mal zusammen, wenn sie ihn berührte, und war bedacht darauf, nie wirklich Augenkontakt herzustellen. Jedes Mal, wenn sie ihn sah, entdeckte sie neue Verletzungen an ihm, die er selbst behandelte. Irgendwann mit der Zeit entdeckte sie die Anzeichen für sexuelle Übergriffe, es war offensichtlich bereits zu einer Art Routine geworden und Snape weigerte sich mit einer erschreckenden Gleichgültigkeit über das Thema zu reden.

„Hier steht nichts über sein Dunkles Mal", bemerkte Hermine leise irgendwann mit abwesender Stimme.

„Ich war nicht sonderlich erpicht darauf, es zu untersuchen. Er hielt es so gut wie möglich versteckt."

„Aber hat es nicht irgendwelche körperlichen Nebenwirkungen? Ich weiß nicht wirklich viel darüber, wie es funktioniert, aber ich weiß Sie-wissen-schon-wer sorgt dafür, dass es schmerzt, wenn er sie zu sich ruft. Das muss doch auf lange Sicht irgendwelche Nebenwirkungen haben, wenn immer wieder dieselbe Stelle vom Schmerz erfasst wird."

Die Heilerin sah etwas beschämt aus. „Ich habe ehrlich gesagt, nie darüber nachgedacht."

Mit einem abgelenkten Nicken las Hermine weiter. Es wurden meistens keine Zeitangaben gemacht und daher war es schwer, einen Zeitrahmen für diese schreckliche Geschichte zu finden. Das Ende des Krieges war eine Art Überraschung. Der einzige Grund, warum Hermine wusste, dass sie diesen Punkt erreicht hatten, war, weil Madam Pomfrey bemerkte, wie unglücklich Snape schien. Er schien unter Schock zu stehen, noch unnahbarer und mehr oder weniger roboterhafter. Bei dem nächsten Eintrag konnte sie nur auf die Seite starren.

„Er wurde verhaftet?", fragte sie ungläubig,

Madam Pomfrey nickte grimmig. „Beim Frühstück in der Großen Halle, vor jeder Mann sichtbar. Es war Ende November in den letzten Zügen des Krieges. Zurückblickend hätten wir es erwarten müssen, denn sie verhafteten jeden, der unter Verdacht stand ein Todesser zu sein, aber ich denke, wir dachten alle, Professor Snape wäre sicher. Einige Leute aus dem Ministerium befanden sich im Orden und wussten daher von seiner wahren Allianz." Ihre Lippen verzogen sich zu einer dünnen Linie. „Ich habe Alastor nie wirklich dafür vergeben. Er war es, der das Team, welches ihn mitnahm, anführte."

„Hatte der Schulleiter denn nicht versucht, ihn aufzuhalten?"

„Nein", antwortete Dilys rundheraus. „Er sagte, die Öffentlichkeit musste sehen, dass Gerechtigkeit walte, dass wir für Severus keine Ausnahme machen konnten. Er meinte, er würde niemals verurteilt werden und so sollte das Ministerium seinen Prozess bekommen."

„Er wurde vor Gericht gestellt?"

„Irgendwann dann", sagte das Porträt dunkel. „Nachdem die Standardregulierungen verfolgt wurden – was bedeutetet, nach allem, was Sie gerade gelesen haben, wurde er eine Woche in Askaban festgehalten, bevor man ihm Moodys Team übergeben hat, damit sie ihn dann ein paar Tage verhören konnten, bevor sie ihn vor das Tribunal geschleift haben."

„Gott", wisperte Hermine entsetzt.

Die Heilerin nickte ihr mit einem düsteren Blick zu. „Ich bin zu seiner Verhandlung gegangen. Er sah damals sehr jung und erschrocken aus und er hatte offensichtlich gedacht, sie würden ihn jetzt den Dementoren zum Fraß vorwerfen, nachdem sie ihn nicht mehr brauchten. Seine Begnadigung erfolgte in der letzten Sekunde und man gab ihm keine Zeit, sich davon zu erholen. Er ist direkt in die Schule zurückgekehrt und hat seine Arbeit fortgesetzt. Es war, im Nachhinein, das Beste, was er machen konnte – er muss beschäftigt sein, darf keine Zeit haben, sich über die Dinge Gedanken zu machen – aber damals erschien es mir sehr grausam." Sie tippte mit ihrem Finger auf das Buch und Hermine widmete sich pflichtbewusst – wenn auch widerspenstig – wieder dem Lesematerial vor ihr.

Für sie war es offensichtlich, Snape litt unter einer Kriegsneurose und posttraumatischer Belastungsstörung, aber sie vermutete, die Zauberwelt wusste über solche Dinge nicht Bescheid. Er klagte über ständige Kälte, auch wenn Madam Pomfrey keine psychologischen Ursachen finden konnte. Er schlief kaum, wenn überhaupt, und hätte sich beinahe selbst mit einer Überdosis an Schlaftränken vergiftet, bis er es irgendwann schaffte, den traumlosen Schlaf nicht mehr einnehmen zu müssen. Offenbar war er hochgradig süchtig machend, wenn er zu lange eingenommen wurde, was auch erklärte, warum er ihn heute nicht mehr einnahm. Die Heilerin hatte ihn einmal nach seiner Erfahrung mit den Dementoren gefragt und bei seinem antwortenden Blick war sie froh, keine direkte Antwort von ihm erhalten zu haben. Er war sehr nervös und sprunghaft gewesen und hatte nicht einmal versucht seine grausame Abneigung jedem gegenüber, im Wesentlichen deshalb, weil sie ihm alle im Stich gelassen hatten, zu verstecken und er signalisierte kein Interesse die Lücke, die schon immer zwischen ihm und seinen Kollegen geherrscht hatte, zu schließen. Außerdem waren die Auroren während ihrer ‚Befragung' nicht gerade zimperlich mit ihm umgesprungen und all das zusammen mit den ganzen Schäden aus seiner Vergangenheit ließen ihn unsicher und ständig erschöpft zurück. Er hatte auch viel zu viel getrunken und sich vor dem Unterricht mit Zaubertränken wieder ausgenüchtert.

Snape war ein absolutes körperliches wie auch psychologisches Wrack, als das Schuljahr dann endlich vorbei war. Den Sommer über war er prompt untergetaucht. Als er dann im September wieder zurückkehrte, war er ungefähr so wie jetzt, kalt, distanziert und gefühllos. Er hatte seine Arbeit gewissenhaft und grimmig ausgeführt, gleichgültig der wachsenden Abneigung seitens der Schüler und seiner Kollegen gegenüber, verzog sich in seine Isolation und hatte anscheinend versucht, alle so schnell wie möglich vergessen zu lassen, was er für sie getan hatte.

Hermine schloss äußerst langsam das Buch und lehnte sich zitternd zurück, als sie es anstarrte. „Besitzt die Zauberwelt so etwas wie Psychologen?", fragte sie flüsternd.

„Nein", bestätigte die Heilerin genauso leise. „Ich habe einiges über die Jahre durch Beobachtung aufgeschnappt, aber damals hatte ich nicht gewusst, was gerade passierte. Wenn ich jetzt drüber nachdenke, ging es niemanden von uns, der den Krieg überlebt hatte, wirklich gut, aber die Menschen haben damals nicht darüber nachgedacht – wir haben einfach weitergemacht und gelernt damit zu leben. Severus hatte weitaus mehr erlitten als jeder andere von uns, aber ich denke nicht, dass er sich von irgendwem hätte helfen lassen, wenn wir es gewusst hätten."

„Wie konnte er es ganz allein verarbeiten?", fragte Hermine hilflos und die ältere Frau zuckte nur mit den Schultern.

„Ich weiß es wirklich nicht, Hermine. Ich bin mir ziemlich sicher, Okklumentik hat eine sehr große Rolle gespielt, aber ich weiß nicht, wie es wirklich funktioniert. Und der Rest war sein purer Überlebenswille. Ich denke, er wollte nicht davon geschlagen werden. Sie haben selbst gesehen, wie stark er ist und wie viel er ertragen kann. Er ist schon immer so gewesen, selbst als er noch ein kleiner Junge war. Ich schätze irgendwie, das war wohl das Schlimmste von allem", fügte sie langsam hinzu.

„Das verstehe ich nicht…"

Madam Pomfrey beachte sie trostlos. „Selbst als Kind habe ich Severus nie weinen gesehen oder ein Geräusch von ihm gehört, wenn er Schmerzen hatte, egal, was ihm auch zugestoßen war. Er hatte sie hinuntergeschluckt, denn er hatte bestimmt schon sehr früh gelernt, dass Angst und Schmerz zu zeigen die Dinge nur verschlimmern würden. Ich habe nie irgendwelche Beweise gefunden, ob er in seinem Zuhause misshandelt worden ist, aber ich verwette Gringotts gesamtes Vermögen, das es der Fall war. Er besaß das, was ich ‚den Schatten' nenne, gewisse Anzeichen, die nur misshandelte Kinder aufweisen. Es ist nichts Körperliches, nur eine gewisse Dunkelheit in ihren Augen, eine besondere Resignation und Akzeptanz und eine vollkommene Unfähigkeit, jemand anderem zu vertrauen, genau wie eine gewisse emotionale Distanz und eine Abneigung körperlichen Kontakt gegenüber. Er hat alles, was ihm zugestoßen ist, toleriert, so als wenn es ein ganz normaler Teil seines Lebens sei. Er wehrt sich nicht dagegen. Und er wird niemals um Hilfe bitten. Die Meisten denken sicherlich, es ist sein Stolz, aber das ist es nicht. Er glaubt schlichtweg einfach nicht, dass ihm jemand helfen wird, wenn er es denn wagt, zu fragen und er fürchtet sich davor, Schwäche zu zeigen. Er vergräbt all seine Gefühle, sowohl die Guten, als auch die Schlechten und isoliert sich bewusst von anderen Menschen. Ich habe mehr solcher Fälle gesehen als mir lieb ist, aber einen solchen Schaden, wie bei Severus Snape habe ich noch nie gesehen und er ist der Einzige, der niemals irgendwelche Anzeichen einer Verbesserung oder sogar Heilung gezeigt hat."

Wieder biss sie sich auf ihre Lippe und Hermine fragte weiterhin mit leiser Stimme: „Hat Harry auch diesen ‚Schatten'?" Sie wunderte sich bereits seit Jahren über die Erziehung ihres besten Freundes. Er weigerte sich, darüber zu reden.

„Nicht auf dieselbe Art und Weise. Ich bin mir sicher, er hatte keine glückliche Kindheit und man hat sich schrecklich um ihn gekümmert, aber ich denke nicht, dass er misshandelt worden ist. Er ist emotional etwas unterentwickelt, aber nicht allzu schwer beschädigt. Er wurde nicht auf dieselbe Art verängstigt. Er hat die gleiche Akzeptanz und einige Probleme mit Vertrauen, aber die Narben reichen nicht tief genug, um ihn zu isolieren oder er hätte niemals irgendwelche Freundschaften schließen können und er fürchtet sich nicht vor körperlichen Kontakt und distanziert sich nicht emotional. Keiner der Schüler, die Sie kennen, wurden ernsthaft misshandelt."

Ihr Kopf schwirrte, aber sie nickte. Sie musste über so vieles nachdenken.

Die Heilerin deutete auf das letzte Buch in dem Stapel. „Das ist bisher der genauste inoffiziellste Bericht über den Krieg. Schaffen Sie es, es heute Abend noch zu lesen oder wollen Sie es ein anderes Mal fortsetzen?"

Sie schluckte schwer und schüttelte ihren Kopf. „Nein. Lassen Sie es uns hinter uns bringen."

„Um ehrlich zu sein, gibt es nicht sonderlich viel. Es ist nichts, was nicht auch schon vorher passiert ist."

Das stellte sich als wahr heraus, aber dadurch wurde es nicht weniger erschreckend und bedrückend. Madam Pomfrey hatte bemerkt, dass Snape härter denn je war und sich dadurch noch weiter distanzierte. Er war weniger beständig gegen die Behandlungen, stritt sich weniger, hauptsächlich war er einfach nur noch teilnahmsloser. Sein Körper verkraftete den zugefügten Schaden relativ gut, aber sie sorgte sich um die Langzeitauswirkungen auf sein Nervensystem und der Verfall seiner psychologischen Gesundheit.

Als sie mit dem Lesen fertig war und das Buch zurückgegeben hatte, lehnte sich Hermine auf ihrem Stuhl zurück und starrte eine Weile benommen an die Wand und versuchte all dies aufzunehmen. Einige Dinge fügten sich mit einem lauten Klick an ihre Stelle und ergaben jetzt viel mehr Sinn, aber sie konnte sich nie wirklich lange darauf konzentrieren, um den Rest auch zu verarbeiten. Ein kleiner Teil von ihr wollte weinen, aber was brachte das schon? Schließlich seufzte sie. „Es ist schon spät. Ich sollte langsam zurück zum Gryffindor-Turm gehen."

„Nehmen Sie das hier mit", sagte die Heilerin schließlich, als sie ihr eine kleine Phiole mit einer klaren, leicht bläulichen Lösung darin, überreichte. „Es reicht für eine Gabe von traumlosen Schlaf. Sie werden es morgen nicht mehr brauchen, aber heute Abend sollten Sie es nehmen."

„Ich brauche keinen Schlaftrank", protestierte sie.

Dilys bemerkte von ihrem Rahmen aus. „Das würden Sie nicht sagen, wenn Sie jetzt Ihr Gesicht sehen könnten, Hermine. Sie sind weiß wie die Wand und Ihre Augen sind weit aufgerissen. Was Sie heute Abend gelesen haben, ist schrecklich und schockierend und schmerzhaft und das müssen Sie erst verarbeiten, selbst wenn Sie das bisher noch nicht verstanden haben. Gehen Sie ins Bett und nehmen Sie den Trank. Ich werde morgen früh mit Severus reden und ihm sagen, dass Sie sich nicht wohlfühlen. Solange Sie nicht Ihre Gedanken geordnet haben, sollten Sie nicht mit ihm allein sein. Ansonsten wäre es einfach viel zu schmerzhaft."

Hermine dachte einen Moment darüber nach, biss auf ihre Unterlippe, bevor sie schließlich mit ihrem Kopf schüttelte. „Nein. Sagen Sie ihm nicht, dass ich krank sei. Erzählen Sie ihm die Wahrheit."

Das Porträt und die ältere Hexe tauschten erstaunte Blicke aus. „Sind Sie sich sicher?", fragte Dilys. „Er wird nicht sonderlich erfreut darüber sein."

„Er denkt vermutlich, ich hätte bereits alles gelesen", hob sie hervor, doch dann zuckte sie hilflos mit ihren Achseln, und versuchte zu lächeln. „Ich konnte ihn noch nie anlügen. Es gibt wirklich keinen Grund, es ihm zu verheimlichen. Früher oder später wird er es so oder so herausfinden. Wenn Sie es ihm jetzt sagen, dann wird auch er, bis ich ihn wieder sehe, sich mit dem Gedanken etwas arrangiert haben. Ich habe morgen kein Zaubertränke. Außerdem verdient er es zu wissen, dass ich es erfahren habe. Und Sie können auch betonen, dass man mir nicht alles erzählt hat." Nicht zuletzt würde Snape es in ihrem Okklumentik-Unterricht sehen, aber das behielt sie für sich, denn sie hatte keine Ahnung, wer davon wusste und wer nicht und am Ende war es einfacher, einfach nichts zu sagen.

„Guter Punkt", stimmte das Porträt nach einer kurzen Pause zu. „In Ordnung, ich werde es ihm sagen."

„Geht's Ihnen gut, Liebes?", fragte Madam Pomfrey vorsichtig.

„Ich weiß es nicht. Ich denke schon. Das war ziemlich viel… ich muss erst darüber nachdenken." Sie seufzte. „Gibt es denn gar nichts, damit es einfacher wird?"

„Ich weiß es nicht. Wir tun, was wir können, was er zulässt, was wir tun können. Es ist nicht ideal, aber das sind unsere einzigen Möglichkeiten."

Nickend sammelte Hermine ihre Sachen ein und verließ leise die Krankenstation. Als sie erst einmal hinter der Sicherheit ihrer Vorhänge versteckt war, zog sie Krummbein an sich, als die ersten Tränen über ihre Wangen liefen. Einen Augenblick lang erlaubte sie es ich in der Schrecklichkeit dieser Strategie zu schwelgen, bevor sie den Trank nahm und in einer herrlichen Bewusstlosigkeit versank. Ihr letzter klarer Gedanke galt Snape, wie er fuchsteufelswild sein würde, wenn er von ihrem Mitleid ihm gegenüber erfuhr.


Zu seiner eigenen Überraschung berührte Severus es nicht sonderlich von Dilys zu erfahren, dass Granger letztendlich seine jüngsten Einträge gelesen hatte. Er hatte angenommen, sie hätte sie bereits alle gelesen, aber auch so war er etwas über seine eigene Gleichgültigkeit überrascht. Es störte ihn ehrlich nicht, jetzt feste Beweise für seine Vermutungen erhalten zu haben. Diese untypische Teilnahmslosigkeit sorgte Poppy und die Gemälde etwas – und das hörte sich für ihn seltsamerweise nach einer schlechten Rockband aus den siebziger Jahren an, jetzt wo er darüber nachdachte – aber in letzter Zeit konnte er sich nur schwer über Dinge aufregen. Potter konnte natürlich noch alle richtigen Knöpfe drücken, besonders nach dem Vorfall mit dem Denkarium – er kämpfte noch immer damit, den Jungen nicht jedes Mal zu erwürgen, wenn er seinen Gryffindor-Slytherin-Unterricht betrat - und Umbridge konnte ihn auch weiterhin ziemlich ärgern, und manchmal auch die Todesser, aber ansonsten war ihm so ziemlich alles relativ egal. Es war vermutlich ein Symptom von schwereren Depressionen oder etwas Ähnlichem, aber das war ihm auch egal.

Und er hatte Granger nie so gehasst, wie er vorgegeben hatte. Nach so vielen Jahren des frustrierten Unterrichtens war es ein Geschenk, endlich mal eine Schülerin mit einem Gehirn zu haben, selbst wenn sie hin und wieder unerträglich nervig war. Sie befand sich wahrhaftig auf seiner Seite – was ihn anscheinend auf dieselbe Stufe mit einer unterdrückten Hauselfe setzte - und er glaubte zumindest, dass sie nichts weiter erzählen würde. Die Kraft, die er aufbringen müsste, wütend zu werden, war es einfach nicht wert, nicht, wenn es rein gar nichts ändern konnte und er noch andere Dinge hatte, um die er sich kümmern musste.


Einige Tage später begann der echte Okklumentik-Unterricht. Sie hatte die Theorie gelernt und jetzt war es an der Zeit, diese in die Tat umzusetzen. Als sie nach Ausgangsperre im Kerker ankam, hatte er ihr gezeigt, wie man ein Denkarium benutzte und jetzt fragte er sie, ob es irgendwas gab, was sie dort platzieren wollte, bevor er damit anfing, in ihre Gedanken einzudringen. Heute Abend benutzte er es nicht selbst. Seine Erinnerungen waren auf dem Meeresgrund in seinem Kopf sicherer und er würde sich nicht genauso unterschätzen, wie er es dummerweise bei Potter getan hatte. All seine Verteidigungen standen undurchdringbar an ihrem Platz.

Nachdenklich biss sie auf ihre Lippe und dachte einige Minuten darüber nach, bevor sie überraschenderweise mit dem Kopf schüttelte. „Nein, denke ich nicht, Sir. Da gibt es nichts, was wirklich schlimm ist und um ehrlich zu sein, denke ich, haben Sie bereits all meine peinlichen Momente und das, was ich die Jahre über falsch gemacht habe, gesehen."

Seine Lippen zuckten. Stimmt. Das meiste hatte er erst im Nachhinein herausgefunden, wenn es schon zu spät war, sie rechtmäßig zu bestrafen, aber wenn er ehrlich mit sich selbst war, dann war er sich nicht sicher, ob er es überhaupt getan hätte oder nur wenn er Potter zusammen mit ihr hätte kriegen können. Es hat nie irgendwelche böshaften Absichten dahintergesteckt. Ihr Herz hatte am rechten Fleck gesteckt.

„Wie Sie wünschen. Begreifen Sie, Miss Granger, wir fangen jetzt ernsthaft mit dem Training an. Ich werde nach Erinnerungen suchen, die Sie verletzen oder ängstigen werden, sie als emotionale Waffen einsetzen und ich werde nicht aufhören, wenn es Sie aufregen sollte. Ihre Aufgabe heute Abend ist es, mich aufzuhalten und mich davon abzuhalten diese Erinnerungen überhaupt erst zu finden, und wenn ich es tun sollte, dann versuchen Sie mich, zu harmloseren Erinnerungen zu leiten. Später werden Sie dann versuchen, mich aus Ihren Gedanken zu zwingen. Ich weiß nicht, ob Sie stark genug sein werden, aber Sie werden zumindest die Theorie lernen."

„Habe ich überhaupt irgendeine Chance auf Erfolg, Sir?", fragte sie. Ihre Augen waren dunkel und seine Lippen zuckten für einen kurzen Moment. Sie hatte es noch nie gemocht, bei etwas zu scheitern.

„Sicherlich nicht in einem so frühen Stadium Ihres Trainings. Und gegen mich vermutlich schon gar nicht. Ich bin kein sonderlich starker Legilimentor, aber ich besitze hier andere Vorteile, Miss Granger, weil ich sehr gut die Menschen einschätzen kann und ich kenne Sie bereits seit fünf Jahren. Ich weiß ziemlich genau, wie Sie denken, ich kenne Ihre Stärken und Ihre Schwächen. Ein anderer Todesser, der es an Ihnen versuchen würde, besäße nicht dieses Wissen und Sie hätten durchaus eine bessere Chance."

„Und gegen Sie-wissen-schon-wem, Sir?"

Er zögerte einen Moment. Die ehrliche Antwort war nein. Ihre Chancen waren genauso groß, wie der eines Schneeballs im Höllenfeuer, aber er vermutete, sie war bereits verängstigt genug. „Nein", gestand er schließlich gütig. „Er verschwendet seine Zeit nicht damit nach irgendwelchen Schwächen zu suchen und findet einen Weg durch Ihre Verteidigung. Er wendet schlichte, brutale Gewalt an und kämpft sich seinen Weg hinein. Gegen ihn sorgt die Okklumentik nur dafür, dass Sie den Angriff überleben werden. Es kann ihn aber nicht aufhalten."

„Sie schaffen es, ihn zu belügen, Sir."

„Aber nur, weil er es nicht weiß. Wenn er es subtiler angehen würde, dann hätte er schon vor geraumer Zeit entdeckt, dass ich noch tiefere Verteidigungsmechanismen besitze, die er bisher noch nicht gesehen hat. Wenn er einmal wüsste, dass sie da wären, dann würde er sie mit Leichtigkeit durchbrechen. Er denkt, er hat alles, zu was ich imstande bin, gesehen, also vertraut er darauf, sollte ich ihn jemals hintergehen, er es dann wissen würde. Mit Gefangenen, die nicht seine Anhänger sind, ist er noch brutaler, als mit seinen Todessern und er wird nichts zurücklassen. Jedoch ist das nicht unser Szenario. Sie sind hier, damit Sie Potter beibringen, können, seine Verbindung zum Schweigen zu bringen, von der der Dunkle Lord bisher noch nichts weiß. Der Gedanke dahinter ist immerhin, dass niemand von Ihnen gefangen genommen wird", fügte er noch sarkastisch hinzu und für einen Augenblick sah es so aus, als ob er ebenfalls lächeln würde.

„Ich habe noch keine Visualisierung gefunden, die für mich funktioniert, Sir. Wie soll ich mich ohne verteidigen? Soll ich eine der anderen Methoden ausprobieren von der Sie mir erzählt haben, wie Ablenkung?"

„Können Sie, aber im Moment würde ich nicht etwas so Kompliziertes vorschlagen. Bloße Willenskraft ist der erste Teil jemanden draußen zu halten und das ist etwas, was Sie schon immer hatten", bemerkte er relativ ironisch mit leichtem Spott in seiner Stimme, der ihn beinahe einen Blick hinter einer respektvollen Aufmerksamkeit erntete. Amüsiert fuhr er fort: „Wenn ich einmal in Ihren Kopf eingedrungen bin, ist Ihre beste Hoffnung, mich jedes Mal abzulenken, wenn ich eine passende, schädigende Erinnerung finden sollte. Es ist einfacher, wenn Sie eine ähnliche Erinnerung auswählen, eine, die mit dem Original verbunden ist. Beachten Sie, dass ein Scheitern nicht zwangsläufig ein wahres Scheitern darstellt und dass Sie durch das, was ich mache auch beeinträchtigt werden und Sie werden es mit Zeit als immer schwieriger empfinden."

„Was ist mit körperlichen Angriffen, Sir? Wenn wir hier einfach nur stehen und uns anstarren… könnte ich dann auch Magie gegen Sie einsetzen?"

„Was, schon wieder?", fragte er trocken und lächelte, als er ihr erröten sah. Das war ein weiterer Grund, warum er sie nicht bestrafen wollte. Es war unglaublich peinlich zu erkennen, dass er so oft von einem Kind besiegt worden war und er würde es einer anderen Seele gegenüber niemals zugeben. Es geschah ihm recht, dafür, dass er sie unterschätzt hatte und er würde bestimmt nicht denselben Fehler zweimal begehen, während sie älter und selbstbewusster wurde. Spott beiseite, es war eine gute Frage. „Das können Sie sicherlich, da Sie in diesem Szenario hier frei und bewaffnet sind, auch wenn es in einem richtigen Verhör niemals der Fall sein würde. Zuerst wird es so oder so recht zweifelhaft sein, ob Sie sich überhaupt konzentrieren können, da Sie kein mentales Bild vor Augen haben, aber gewiss, wenn Sie können, dann versuchen Sie es." Wenn sie es schaffte, seine Schilde zu durchbrechen, dann hatte er es verdient, selbst wenn sie nicht so stark wie Potter war.

„Sind Sie bereit?"

Sie biss auf ihre Unterlippe. Er hatte es bereits in ihrem ersten Jahr bemerkt, aber über die letzten fünf Jahre hatte er dieses Wissen verfeinert und dabei bisher einige verschiedene Lippenbeißer identifiziert. Die Spannbreite reichte von Schmerz zu Schuld über Angst bis hin zu Vorfreude und Erwartung. Dieses hier sah wie nervöse Entschlossenheit aus, das wohl Gefährlichste von allen. „Ich denke schon, Sir."

„Legilimens", antwortete er ohne weitere Warnung, seine schwarzen Augen verankerten sich in ihren braunen. Er hatte sie unverhofft getroffen, genau, wie er es erwartet hatte. Da war ein kurzer Angstschimmer, als sie gegen ihn stieß, aber sie war nicht vorbereitet gewesen und er glitt ohne jeglichen Widerstand in ihre Gedanken.

Nie zuvor war sie mental attackiert worden und er spürte ihre Angst; verfolgte sein Standardverfahren. Er benutzte diese Angst als eine Brücke und suchte darüber andere Erinnerungen, in der sie diese Angst und Hilflosigkeit verspürt hatte, verfolgte einfach die natürlichen Verbindungen in ihrem Kopf.

Bilderfetzen ergossen sich über ihn und für einen kurzen Moment ließ er sie einfach vorbeiziehen, ohne sich auf eine bestimmte zu konzentrieren, sondern beobachtete einfach nur, um einen Eindruck von dem zu bekommen, was er da gerade sah. Die Verteidigungen um den Stein der Weisen waren für ihn keine Überraschung; das war ihr erster wahrer Test gewesen, ihre ersten Eindrücke, was diese neue Welt wirklich bedeutete, und das verfolgte er zurück zu einem Bild vom Sprechenden Hut – sie war beinahe zu einer Hutklemmerin geworden, wie er sich noch schwach erinnern konnte, genau wie es bei ihm der Fall gewesen war – was direkt an ihre persönliche Unsicherheit gebunden war. Das war wiederum an ein Bild von einer enttäuschten und finster dreinschauenden Minerva gekoppelt, was ganz sicher ein Albtraum sein musste – er hegte arge Zweifel, ob seine Kollegin jemals eine Ihrer liebsten Schützlingen dermaßen betrachtet hatte oder jemals einen Grund hatte, es tun zu müssen.

Hmm. Genau, wie er bereits vermutet hatte, war ihr besessener Zwang, sich ständig beweisen zu müssen, in einer tiefen, schon fast tödlichen Angst zu versagen, verwurzelt. Neugierig begann er sich zu fragen, was diese Angst verursacht hatte und stieß leicht den Fluss der Bilder an, um noch weiter zurückzureisen.

Sie versuchte sich jetzt zu wehren, kämpfte blind gegen den Befehl an und die aufblitzenden Bilder waren jetzt schwerer zu sehen – vorübergehende Bilder von einem lächelnden Mann und einer lächelnden Frau, welche beide genug Ähnlichkeit mit ihr aufwiesen, um sie als ihre Eltern zu entlarven, und das bruchteilige Aufblitzen von Vorschülern in einem Klassenzimmer, die leicht verzerrten Geräusche, die er augenblicklich als Schulhof-Sticheleien und einige der spöttischen Gesänge entlarvte – diese Klänge vergaß man nie, das kannte er nur allzu gut - ein kurzes Bild von ihr als achtjähriges Mädchen, welchem die Tränen über die Wangen liefen…

Severus verstand es besser, als vermutlich jeder von ihnen gedacht hätte. Er beobachtete jetzt seit fast fünfzehn Jahren all seine Schüler und in Miss Granger hatte er beinahe augenblicklich ein Kind erkannt, welches einfach zu klug für ihr Umfeld war, ein Mädchen, welches nie zu ihren gleichaltrigen Klassenkameraden gepasst und daher nie gelernt hatte damit umzugehen. Er war auch so gewesen, aber seine Erziehung war härter und hatte ihm beigebracht, sich zu verstecken, sich zurückzuziehen. Granger hatte das nicht gelernt. Sie war von den Erwachsenen um sich herum ermutigt worden, Eltern und Lehrer gleichermaßen, sie hatten ihr beigebracht hell zu strahlen und der Preis dafür war, keine Freunde, keine Gleichgesinnte zu haben. Ihr akademischer Erfolg und ihre Intelligenz waren schon in ihren frühen Jahren ihr einziger Trost gewesen und das war für sie ein extremer Antrieb gewesen weiterzumachen, denn es war das Einzige, was sie hatte. Jetzt, wo die Welt immer dunkler wurde, wusste sie, dass sie auf die Situation nicht vorbereitet war und verzweifelt versuchte sie, es nicht zu zeigen, überspielte es mit Selbstbewusstsein und Wissen, während sie darunter die ganze Zeit zu Tode verängstigt war und sich davor fürchtete, etwas falsch zu machen. Und sie fürchtete sich davor, ihre beiden einzigen Freunde, die sie jemals hatte, zu verlieren. Potter und Weasley tauchten immer wieder auf, gebunden an ihre Gefühle. Die beiden trieben sie relativ häufig in den Wahnsinn, regelmäßig stritt sie sich mit ihnen und jedes Mal fühlte sie sich elend und verängstigt, bis die beiden ihr scheinheilig für welche belanglose Bagatelle auch immer verziehen, die sie noch meistens angefangen hatten, besorgt die beiden zu verlieren, egal wie wütend die beiden sie machte, denn sie war noch nie gut darin gewesen, Freundschaften zu schließen. Sie hatte niemand anderen.

Auch das verstand Severus nur allzu gut.

Sanft zog er sich aus ihrem Kopf zurück und unterbrach die Verbindung. Sie hatte sich nicht wirklich Mühe gegeben, ihn zu bekämpfen, aber er würde sie deswegen nicht tadeln. Sie musste diese Erinnerungen noch einmal komplett sehen und die daran gebundenen Gefühle noch einmal durchleben und er war nicht im Geringsten überrascht, sie weinen zu sehen, noch überraschte es ihn sonderlich, wie sehr sie versuchte, es zu unterdrücken. Schließlich drehte er sich gedankenverloren zur Wand um, damit sie sich wieder sammeln und er das abwägen konnte, was er gerade über sie erfahren hatte. Genügsam setzte er die neuen Puzzlestücke von ihr in sein mentales Bild von ihr ein. Er besaß jetzt die Schlüssel zu ihrem Verstand, wenn er sie denn wollte. Jetzt musste er nur noch einen Weg finden, wie er ihr beibringen konnte diese Verbindungen umzuorganisieren, damit es einem Eindringling schwerer fiel, diese Wege zu verfolgen. Wie jedoch, da war er sich noch nicht sicher. Er hatte nicht gelogen, als er Dumbledore sagte, er hätte keine Ahnung, wie er jemanden etwas beibringen sollte, was er instinktiv schaffte. Dennoch schienen sich die beiden in gewissen Dingen zu ähneln, also wenn er vielleicht ein paar Tage darüber nachdachte, dann könnte ihm etwas Passendes einfallen.

„Ich denke, das reicht für heute Abend", sagte er ohne sich zu ihr umzudrehen, als ihr Schluchzen verebbt war. „Sie verstehen jetzt, wie der Angriff eines Legilimentors aussieht, oder nicht?"

Granger schniefte schwer. „Ja, Sir." Dann drehte er sich zu ihr herum und sie erkannte, er erwartete etwas mehr, also atmete sie einmal zitternd durch. „Es funktioniert, indem man Parallelen zwischen den Erinnerungen sucht und diese dann wie Trittsteine benutzt, um tiefer vorzudringen."

„Ganz genau." Gott sei Dank war sie so klug. Selbst wenn er und Potter sich nicht so hassen würden, dann hätte der Junge dennoch niemals so schnell das Konzept erfasst.

„Haben Sie alles gesehen, Sir?", fragte sie mit kleiner Stimme.

Ich habe gefragt, ob Sie etwas verstecken wollen. Er hielt den Tadel zurück. Es war eine natürliche Frage und Potter hatte ihm dasselbe gefragt, wenn auch viel streitlustiger. „Nur kurze Eindrücke von jeder Erinnerung, aber nicht die Erinnerung als solche. Ich habe nur genug gesehen, um eine Ahnung davon zu haben, worum es in dieser Erinnerung ging und wenn es ein ernsthafter Angriff gewesen wäre, dann hätte ich mich individuell auf jede konzentrieren können, um sie ganz zu sehen. Also, wie würden Sie sich dagegen verteidigen?"

Dieses Lippenbeißen sollte allem Anschein nach weitere Tränen zurückhalten, obwohl sie auch angestrengt nachdachte. Trotz ihrer jüngsten Versuche erwachsen zu werden, war sie noch unglaublich durchschaubar, zumindest für ihn. „Ich schätze, es gibt zwei Wege, Sir."

„Fahren Sie fort."

„Ich könnte versuchen unterschiedliche Parallelen zu finden, um sie an andere Erinnerungen zu knüpfen, wodurch die… Trittsteine in eine andere Richtung führen würden?" Sie gestikulierte während des Sprechens mit ihrer Hand, eine Art Spirale, um ihre Bedeutung zu untermauern.

„Ja, aber das würde eine gewisse Vorbereitungszeit erfordern. Das wäre eine Möglichkeit, wenn Sie denn einmal wissen, wo Sie am Verwundbarsten sind, aber es ist beinahe unmöglich, es schnell und spontan zu machen, wenn Sie gerade angegriffen werden."

Sie nickte langsam. „Die einzig andere Möglichkeit, die mir dann noch einfällt, ist, darauf zu warten, auf was Sie oder sonst wer sich konzentrieren, um dann zu versuchen diese Konzentration zu stören, während sie abgelenkt sind, aber das ist offensichtlich ziemlich kompliziert."

Er nickte. „Das ist es, weshalb auch die beste Methode die ist, eine Verteidigung aufzubauen, die einen Angriff in aller erster Linie verhindert oder zumindest den Aufprall etwas mindert, damit Sie weiterhin funktionieren können. Selbsterkenntnis ist hier der Schlüssel. Wenn Sie sich selbst gut genug kennen, um zu wissen, was Ihre größten Schwachstellen sind, dann wissen Sie auch, was Sie zu erwarten haben. Sie müssen auch die Visualisierung für sich finden, die für Sie am besten funktioniert. Wie kommt Potter mit der Meditation voran?"

„Wenn wir zusammen üben, schafft er es meistens, Sir, aber ich bin mir sicher, wie gut es läuft, wenn er alleine ist. Er sagt, er wiederholt die Übungen jeden Abend und die Träume hätten nachgelassen und ich glaube ihm auch, aber Ron sagt, er murmelt noch immer im Schlaf und er scheint nicht ruhiger zu werden."

Finster nickte Severus. „Ich habe nichts anderes erwartet. Wir können es nur versuchen, Miss Granger, das ist auch schon alles. Also schön, Sie können dann jetzt gehen. Ich sehe Sie dann morgen früh wieder."

„Ja, Sir. Gute Nacht."

„Gute Nacht."


Hermine verbrachte viel Zeit damit, ihre Visualisierung zu finden. Snape hatte ihr viele verschiedene Beispiele mit auf den Weg gegeben und sie wurde von dem Gedanken, eine Bibliothek aufzubauen, um ihr Wissen zu organisieren, stark in Versuchung geführt. Dadurch könnte sie alles viel einfacher abrufen, sie ging sogar so weit und machte sich ein paar Notizen darüber, wie sie alles sortieren könnte. Es wäre perfekt, um ihren Verstand zu ordnen, aber als Verteidigung sah sie nur wenig Sinn darin – es erschien erschreckend einfach in solch einem organisierten System Informationen zu finden. Vielleicht hatte sie ja irgendwann mal die Zeit dazu sich genauere Gedanken darüber zu machen, aber jetzt brauchte sie etwas anderes, etwas Einfacheres, was ihren Verstand beschützen könnte.


Erst ein paar Wochen später verriet Harry ihnen den wahren Grund, warum sein Okklumentik-Unterricht beendet war, gestand seinen beiden Freunden in ihrer gewohnten Ecke im Gemeinschaftsraum, beschämt die Wahrheit.

Hermine hätte ihm dafür eine herunterhauen können. „Du hast was?", zischte sie fuchsteufelswild. „Harry, du kannst nicht einfach herumlaufen und deinen Kopf in das Denkarium anderer Leute stecken! Hast du denn gar nichts von Dumbledore gelernt? Wenn er dich vielleicht zurechtgewiesen hätte, dann hättest du vielleicht auf ihn gehört…"

„Hermine, Hermine, bitte, hör auf. Ich weiß, ich weiß, dass es falsch war, ich weiß, ich hätte es nicht tun dürfen, ich weiß auch, dass Snape jedes Recht der Welt hat, wütend auf mich zu sein, aber jetzt ist bereits zu spät etwas zu ändern… hört mir zu, ich… ich will euch erzählen, was ich gesehen habe. Es war… es war so grausam", beendete er mit kleiner Stimme den Satz und der Blick in seinen Augen ließ ihre Wut erst einmal verschwinden und sie hörte zu.

Während er sprach, konnte sie seinen Schmerz verstehen, er klang so fassungslos. Es hatte angefangen, einfach nur, weil sein Vater und Sirius gelangweilt waren. Snape hatte nichts getan, war nicht einmal in ihrer Nähe gewesen und sie hatten, ohne jeglichen Grund, angefangen ihn zu schikanieren. Sie konnte aus Harrys Stimme heraushören, dass ein Großteil seiner Illusion verschwunden war. Egal, was er vielleicht auch gehört hatte, er hatte sich immer an den Gedanken geklammert, dass diese Fehde Snapes Schuld gewesen war und jetzt sah es so aus, als ob er sich geirrt hatte.

Noch während Harry sich weiterhin mit seiner enttäuschten Verwirrung auseinandersetzte, erinnerte sich Hermine an eine Seite aus der Schülerakte. Laut Diagnose wurde er dazu gezwungen Seife zu schlucken… also das war an dem Tag geschehen. Sie konnte einfach nicht verstehen, wie jemand so etwas tun konnte. Auch sie hatte über die Jahre schon einige Schikanen einstecken müssen, aber was man Snape angetan hatte, war einfach nur noch krank gewesen.

Dann begann Harry von seiner Mutter zu erzählen und sie erstarrte, lauschte aufmerksam. Harry konzentrierte sich hauptsächlich darauf, wie Lily noch nicht einmal den Anblick von James ertragen konnte, aber er erzählte ihnen auch, wie Snape reagiert hatte und Hermine musste sich auf ihre Lippe beißen, um ein nach Luft schnappen zu unterdrücken. Er hatte seine Freundin ein Schlammblut genannt? Nun, kein Wunder, dass die beiden sich zerstritten hatten. Wenn Ron, und eigentlich auch Harry, so etwas zu ihr sagen würden, würde sie auch erst einmal nicht mehr mit ihnen reden.

Nur mit Mühe schob sie diesen Gedanke zur Seite, um sich später damit zu beschäftigen, ihr Freund brauchte jetzt ein Gespräch, um das Durcheinander in seinem Kopf wieder zu ordnen. Er hatte den Vater, den er nie gekannt hatte, immer verehrt und jetzt dieses schimmernde Bild zu verlieren, hatte ihn ziemlich hart getroffen.

„Ich fühle mich wirklich mies", beendete Harry schließlich zappelnd seine Geschichte. „Ich… ich wollte mich schon beinahe bei ihm entschuldigen."

„Gott, Harry, tu das bloß nicht", schoss es alarmiert aus ihr heraus. „Er wird dich umbringen."

„Ich dachte, du magst ihn inzwischen", bemerkte Ron verblüfft. Sie hatte den Jungen nicht viel erzählt, sie hatte ihnen sicherlich nichts von ihrer morgendlichen Joggingstunde oder seiner indirekten Inspiration zur DA und Harrys Interview erzählt oder hatte ihnen Einzelheiten von ihrem Unterricht mit Madam Pomfrey vermittelt, aber ihr war es unmöglich gewesen, alles vor ihnen geheim zu halten. Sie wussten, wenn er verletzt war, dann half sie ihm manchmal, und dass sie auch mal außerhalb des Unterrichts ein Wort mit ihm austauschte und sie gelegentlich auch mal eine zivilisierte Unterhaltung hinbekamen und, während sie darüber nachdachte, erkannte sie, hatte sie ihnen auch davon berichtet, wie sie vor Weihnachten zu ihm hinunter in die Kerker gegangen war, um ihn zu fragen, ob er etwas wusste und sie dann mit ihm arbeiten durfte, um sich abzulenken. Weder Harry noch Ron konnten es verstehen, aber solange sie dachten, es wären nur gelegentliche Zwischenfälle und er sich in der Öffentlichkeit ihnen gegenüber weiterhin, wie ein Mistkerl verhielt, würden sie schon nicht ausrasten. Es konnte nicht anhalten, früher oder später würden sie alles herausfinden und dann würden sie nie wieder ein Wort mit ihr wechseln, aber im Moment war alles ziemlich krisensicher.

„Soweit würde ich nicht gehen", antwortete sie etwas unwohl, bevor sie es mit einem Schulterzucken abtat und reuevoll lächelte. „Und ich weiß, wie er sein kann."

„Ich schätze, ich sollte trotzdem versuchen es irgendwie wieder gut zu machen", murmelte Harry.

„Dafür ist es jetzt wohl etwas zu spät", sagte sie verzweifelt. „Eine Schande, dass du nicht daran gedacht hast, bevor du herumschnüffeln musstest."

„Ja, ich weiß…"

„Gib schon auf, Mann", entschied Ron. „Das ist einfach sinnlos. Snape hat dich schon immer gehasst und er wird dich auch weiterhin hassen. Du kannst schließlich auch keinen Nebel schlagen."

Etwas machte in Hermines Kopf Klick und zur Überraschung ihrer beiden Freunde, warf sie sich Ron um den Hals und umarmte ihn. „Du bist ein Genie."

„Bin ich?"

„Also du hast deine Momente."

„Cool. Wirst du mir auch verraten, worum es geht?"

„Nein."


Am selben Abend sah sich wieder dem Zaubertränkemeister in einem leeren Raum in den Kerkern gegenüberstehen. „Ich verstehe noch immer nicht, warum wir das unbedingt so spät am Abend machen müssen", beschwerte sie sich halbherzig.

„Weil ich keine Freizeit habe und weil selbst die dümmsten Idioten an dieser Schule niemals glauben würden, dass Sie irgendeine Förderung in Zaubertränke brauchen", antwortete Snape ziemlich genervt – vermutlich, weil er gezwungen war, ihr ein indirektes Kompliment zu

machen, was er schon immer gehasst hatte. „Noch würde jemand glauben, dass Sie wirklich nachsitzen müssten, da immerhin all Ihre Regelbrüche außerhalb des Unterrichtes stattfinden und es somit nie Beweise gegeben hat. Haben Sie schon Fortschritte gemacht?"

„Harry scheint jetzt ruhiger, aber anscheinend redet er noch immer im Schlaf", berichtete sie und bemerkte die Anspannung um seine Augen herum, als sie Harrys Namen aussprach. Kein Wunder, ernsthaft. Sie konnte es ihm nicht verübeln, wütend auf Harry zu sein. Harry verdiente wirklich Schlimmeres als er von Snape gerade erfuhr, wenn auch sicherlich nicht alles. „Ich denke, ich habe jetzt meine Visualisierung gefunden", bot sie ihm zur Ablenkung an.

Er zog eine Augenbraue hoch. „Bereiten Sie sich dann vor und ich werde nachsehen."

Für einen kurzen Moment schloss sie ihre Augen, konzentrierte sich, atmete, wie er es ihr gezeigt hatte, nahm die ruhige Stille des Kerkers in sich auf und stellte sich das, was sie wollte bildlich vor, bevor sie wieder ihre Augen öffnete und seinen Blick traf. „Legiliemens", flüsterte er und sie kämpfte darum das Bild zu halten, während sie gegen den aufbauenden Druck ankämpfte und ihre Sicht in Dunkelheit verschwand.

Als die Verbindung zwischen ihnen brach, konnte sie sich wieder auf sein Gesicht konzentrieren und sah, wie er sie nachdenklich betrachtete. „Nebel. Gute Wahl, wenn auch nicht das, was ich von Ihnen erwartet hatte."

„Was hatten Sie denn erwartet, Sir?"

„Ich dachte, Sie wären der Typ für die Lügner-Palast-Methode." Plötzlich lächelte er. „Ich dachte, Sie würden die Gelegenheit beim Schopfe greifen, sich selbst eine Bibliothek zu erbauen."

Es war pure Zeitverschwendung ihn anzustarren, aber sie tat es dennoch und sein Lächeln wurde nur noch breiter. „Ich habe darüber nachgedacht", gestand sie widerwillig. „Ich denke, es könnte durchaus für mich geeignet sein, aber es würde zu lange dauern und es wäre zu kompliziert. Soweit ich weiß, könnte man mich schon morgen entführen. Daher muss ich etwas Einfacheres benutzen."

„Ihr Vertrauen in uns rührt mich", antwortete er sarkastisch.

„Mit allem nötigen Respekt, Sir, ich habe bereits den Überblick über all das verloren, was Hogwarts in den letzten fünf Jahren hätte verhindern sollen." Nicht einbezogen waren die Dinge, die Hogwarts erlaubt hatte. Die ganze Affäre um den Stein der Weisen war ihr noch immer verdächtig und vielleicht auch ein paar der anderen Vorfälle.

„Touché", räumte er mit einem leichten Schnauben ein. „Und Sie haben recht, ein komplexes Konstrukt wie die Lügner-Palast-Methode braucht Jahre im Aufbau."

„Haben Sie eine, Sir?"

„So in etwa, ja, als ein Teil meiner tiefer liegenden Ebenen meines Verstandes, aber ich benutze sie nicht als meine Verteidigung; es nützt mir vielmehr zur Ordnung und Organisation und Struktur."

Sie nickte. „Also ist Nebel eine gute Wahl?"

„Ja. Es wird für Sie genauso funktionieren wie für mich das Wasser tut, also wird es mir einfacher fallen, Ihnen dabei zu helfen, es zu verfeinern und selbstverständlich gibt es jede Menge Analogien und Metaphern für Ihren Verstand, um alles zu verarbeiten."

Hermine grinste. „Im Grunde war es etwas, was Ron gesagt hatte."

„Grundgütiger Gott. Weasley hat etwas Sinnvolles gesagt?"

„Sir!", protestierte sie und er bedachte sie mit einem gänzlich unverfrorenen Lächeln.

„Jetzt, wo Sie Ihre Visualisierung haben, müssen Sie damit arbeiten, unterschiedliche Methoden entwickeln, Dinge im Nebel zu verstecken. Ich habe Ihnen einige meiner Methoden gezeigt, aber der Nebel ermöglicht Ihnen noch mehr Möglichkeiten. Mit der Zeit könnten Sie einige ziemlich unangenehme Verteidigungen aufbauen. Überlegen Sie sich, was Sie vermutlich gebrauchen könnten und versuchen Sie dann Prioritäten zu setzen."

„Ja, Sir. Macht es überhaupt Sinn das Harry jetzt schon beizubringen?"

„Sagen Sie es mir."

Sie öffnete ihren Mund, um zu lügen, aber seine schwarzen Augen blieben beständig und stechend und sie konnte es nicht. „Er ist noch nicht bereit", gestand sie. „Er sagt, er klärt seinen Kopf und er scheint auch ruhiger zu sein, aber ich denke nicht, dass er für so etwas hier schon bereit ist."

Da nickte er. „Um die Wahrheit zu sagen, Miss Granger, wäre ich überrascht, wenn er es jemals wäre. Was auch immer die Antwort auf die Verbindung zwischen ihm und dem Dunklen Lord ist, Okklumentik ist es nicht. Meditation, den Kopf zu klären, diese Träume nicht weiter zu verfolgen – all dies wird ihm helfen, aber es ist sicherlich nicht die endgültige Lösung. Dennoch ist es das, was wir haben. Geben Sie Ihr Bestes. Niemand erwartet ein Wunder. Außer vermutlich Sie selbst."

„Danke, Sir", antwortete sie verbittert. „Ich habe jedoch noch eine Frage zur Okklumentik…"

„Was Sie nicht sagen", entgegnete er gedehnt, lächelte kurz, bevor er mit dem Kopf schüttelte. „Fahren Sie fort."

„Ich habe mir Gedanken über die Langzeitnebenwirkungen gemacht, wenn man es zu häufig anwendet."

Sie wusste, sie ging ein Risiko mit dieser Frage ein. Im Grunde hatte sie Snape gerade gefragt, ob er verrückt wurde, weil er ständig seine Gefühle unterdrückte und innerlich zuckte sie zusammen, als sich sein Blick verhärtete und seine Augen mit unmissverständlicher Wut anfingen zu funkeln. Nach einer sehr langen Pause, atmete er sehr langsam aus und fragte knapp: „Und warum sollten Sie sich wohl über so etwas Gedanken machen?"

„Ich frage mich, ob es jeden gleich beeinflusst. Wenn Harry lernt damit umzugehen und er es relativ häufig anwendet oder wenn ich damit jetzt häufiger arbeiten würde, würde es uns genauso beeinflussen, wie es bei Ihnen der Fall ist?", fragte sie vorsichtig. „Ich würde nur gerne wissen, worauf ich achten muss."

Seine Augen zogen sich zusammen und er sah noch immer ziemlich genervt aus, aber seine Züge hatten sich etwas entspannt. „In gewisser Weise", sagte er schließlich kurz angebunden, „aber es hängt mehr von der Persönlichkeit des Okklumentors ab und wofür es eingesetzt wird. Eine der Nebenwirkungen, die Sie vielleicht schon unbewusst erfahren haben, sind Ihre Träume…"

„Führen Sie deshalb ein Traumtagebuch?", fragte sie, bevor sie sich selbst stoppen konnte und erstarrte. Scheiße!

Snape sah jetzt wirklich wütend aus. „Die beiden haben Ihnen wirklich alles gezeigt, nicht wahr?", flüsterte er in einem sehr gefährlichen Ton. Sein gesamter Körper hatte sich kurz komplett angespannt, so als ob er sie jederzeit angreifen würde.

Panisch schüttelte Hermine wild ihren Kopf. „Nein, Sir, und ich habe es mir auch gar nicht angesehen oder irgendwas anderes. Phineas hat mir nur gesagt, was es war, ich schwöre es."

Er wandte seinen Blick von ihr ab, entfernte sich von seinem Platz, wo er gelassen gegen seinen Schreibtisch gelehnt hatte und ging langsam zu der anderen Seite hinüber. Als er dann Minuten später wieder das Wort ergriff, hatte seine Stimme wieder den ruhigen, distanzierten Ton angenommen, in dem er für gewöhnlich unterrichtete, obwohl sie vermutete, dass er noch nicht ganz so kontrolliert war, wie er tat.

„Wenn Sie die Okklumentik zu exessiv einsetzen, wird es Ihre Träume für eine kurze Zeit komplett unterdrücken, je nachdem, wie sich Ihre Verteidigung entwickelt und sich entsprechend anpasst, während sich Ihr Verstand tatsächlich selbst sortiert. Das wird Auswirkung auf Ihre Stimmung haben und Sie werden ein Defizit in Ihrer Schlafqualität bemerken, aber es wird nur ein paar Wochen anhalten. Danach fangen wieder die Träume an, aber es wird sein, als ob Sie lediglich die Träume eines anderen beobachten. Sie werden nicht mehr bewusst träumen, noch werden irgendwelche Gefühle an die meisten gebunden sein und Sie werden sich nur sehr selten klar und deutlich an sie erinnern können."

„Die meisten, Sir?"

„Nicht einmal Okklumentik kann die Albträume unterdrücken", flüsterte er. „Sie werden weitaus weniger und auch nur die Schlimmsten werden Ihre Verteidigung durchdringen, aber die Nebenwirkung ist die, dass diejenigen, die durchdringen werden, im Vergleich am schwersten zu ertragen sind."

„Verstehe, Sir."

„Und da Sie sich sicherlich endlos fragen werden, ja, das ist der Grund, warum ich ein Traumtagebuch führe", fügte er schwerfällig hinzu, während sein Blick starr auf die Wand gerichtet blieb. „Meine Träume aufzuzeichnen hilft mir dabei festzustellen, welche Bereiche meiner Psyche am anfälligsten zu einem bestimmten Zeitpunkt sind. Die anderen Bemerkungen hätten für Sie keinen Sinn ergeben, wenn Sie denn hineingesehen hätten; es ist mein privater Code. Sie sind größtenteils psychologisch. Und von heute an werde ich dieses Buch mit einem Schutzzauber belegen. Wenn jemand außer mir selbst es berühren sollte, wird es verbrennen. Ich werde auch jeden einzelnen Punkt von Gryffindor abziehen, sollten Sie jemals auf diese Art und Weise in meine Privatsphäre eindringen."

„Ja, Sir", antwortete sie kleinlaut, lief vor Scham rot an, bevor sie leicht das Thema wechselte. „Warum würden Sie so etwas aufschreiben?", wagte sie vorsichtig zu fragen.

Er zuckte mit den Schultern. „Selbstkenntnis ist wichtig, Miss Granger. Ich kenne die Dinge, vor denen ich mich fürchte und bei denen ich meine Kontrolle verliere und ich kenne die Teile in mir, die am meisten… geschädigt sind. Sie zu studieren hilft mir, mich vorzubereiten, damit diese Dinge nicht so einfach gegen mich eingesetzt werden können. Es ist sicherlich keine perfekte Lösung, aber das ist, was ich habe. Kenn dich selbst, wie man so schön sagt."

„Verstehe, Sir. Gibt es sonst noch etwas, was Sie mir heute Abend beibringen wollen?"

„Nein. Sie sollten jetzt schlafen gehen."

„Werde ich, wenn Sie es auch tun", erwiderte sie, bevor sie die Worte aufhalten konnte.

„Ich tue jetzt einfach mal so, als ob ich das nicht gehört habe, Miss Granger. Sie bewegen sich bereits auf sehr dünnem Eis. Und jetzt verschwinden Sie."

„Ja, Sir."


Severus erwachte mit dem Wissen, dass sich etwas auf einer fundamentalen Ebene verändert hatte, aus einem geplagten und unruhigen Schlaf. Für einen Moment, in dem er darauf wartete, dass sich sein Kopf klärte und er erkennen würde, dass all dies nur ein Traum war, erstarrte er. Nach einer kurzen Pause kehrte die Wirklichkeit wieder zurück. Nein, er träumte nicht, er hatte sich nicht geirrt. Er konnte sich nur allzu gut an dieses Gefühl erinnern.

„Oh verflucht noch mal", flüsterte er seufzend in die leere Dunkelheit seines Schlafzimmers. „Nicht das. Nicht schon wieder."