10. Kapitel

Der erste Abend in der großen Halle war furchtbar. Die Neuen starrten ihn an, als wäre er der Heilige Geist, die Mädchen aus den unteren Klassen tuschelten, wenn er an ihnen vorüberging und zum ersten Mal fiel Harry auf, dass auch ein paar sehnsüchtige Blicke von Jungs auf ihm ruhten. Harry wandte den Blick schnell ab und suchte nach bekannten Gesichtern am Gryffindor-Tisch, vor denen er sich nicht zu verstecken brauchte. Seamus und Dean winkten ihm zu und erleichtert machte Harry sich auf den Weg zu den beiden. Im Augenwinkel sah Harry ein weißes Blitzen aus Richtung des Slytherin Tischs. Dass Malfoys Haare so leuchteten musste Ursache eines schiefgegangenen Zaubers sein, warum sonst sollte ihm dieser grelle Farbton so in die Augen stechen.

Ob Malfoy seinen Freunden wohl schon von seiner Entdeckung erzählt hatte. Vermutlich hatte er ihnen in allen Details von Harrys peinlichem Auftritt in der Disco berichtet und sich mit ihnen ordentlich lächerlich über ihn gemacht. Naja, was solls, dachte Harry resigniert. Ein Jahr noch, dann muss ich diese ganze Meute nie wieder sehen. Er zwängte sich zu Dean und Seamus auf die Bank und ließ sich von seinen Freunden begrüßen. Kurz fiel ihm ein, dass er für Ron und Hermione einen Platz freihalten sollte, doch er sah nicht ein, warum er sich um die beiden scheren sollten, nachdem sie es nichtmal für wert empfunden hatten, ihm im Hogwarts Express einen kleinen Besuch abzustatten.

Zum Glück waren Dean und Seamus so damit beschäftigt sich gegenseitig von ihrem Sommer zu erzählen, dass sie nicht auf die Idee kamen, Harry nach dem seinen zu fragen und so tat er einfach, als würde er interessiert lauschen und betete, dass dieser Abend schnell vorüber ginge. Er wollte endlich alleine sein, versteckt vor all den vielen Gesichtern, hinter dem Vorhang seines einsamen Bettes, und Toby einen Brief schreiben. Es brannte ihm unter den Fingernägeln, endlich Ruhe zu haben und sich ganz seinen Träumen hinzugeben.

Die Zeremonie und das Essen wurden nahezu zu einer Tortur. Hermine und Ron hatten doch noch einen Platz gleich Harry gegenüber ergattert und Hermine bemutterte ihn, als wäre er wieder in der ersten Klasse. Es war ja süß von ihr, doch Harry konnte ihre Bevormundung im Moment wirklich gar nicht haben. Ron hingegen unterhielt sich hauptsächlich mit Dean und Seamus und schwärmte ihnen von seinem Sommer mit Hermine vor.

Kaum, dass Dumbledore seine alljährliche Ansprache beendet hatte - Harry hatte kaum zugehört - stürzte Harry auf und rannte fast schon aus der großen Halle. Doch er kam nicht sehr weit, denn draußen auf dem Gang kollidierte er mit niemand anderem als Snape. Fluchend rappelte Harry sich vom Boden auf und stammelte eine Entschuldigung, doch Snape ließ ihn nicht so einfach ziehen. Was hatte er auch erwartet?

"Mister Potter! Es freut mich, sie heil zurück aus dem Sommer zu wissen, dennoch bitte ich mir ein gewisses Maß an Respekt und Disziplin aus." Snapes Stimme brannte in Harrys Ohren, wie ätzende Säure. "Fünf Punkte…" Doch weiter kam Snape nicht, denn eine dunkelviolette Gestalt schob sich in sein Blickfeld.

"Harry." Der väterliche Ton in Dumbledores Stimme ließ Harry in seiner Verzweiflung beinahe die Tränen in die Augen schießen. Er wollte hier einfach nur weg. "Schön dich zu sehen." Er legte seinen Arm um Harrys Schulter und führte ihn ein paar Schritte von Snape weg. "Du entschuldigst uns, Severus? Ich habe etwas dringendes mit Harry zu besprechen."

Trotz seiner miesen Stimmung konnte Harry ein Grinsen nicht verkneifen, als er Snapes säuerliche Miene sah und ließ sich von Dumbledore weiter den Flur entlang führen.

"Nun Harry, ich hoffe, du hast den Rest des Sommers noch genossen?" Dumbledores Stimme hatte einen angenehmen Plauderton und Harry wusste genau, dass sie erst zu ernsteren Themen kommen würden, sobald Sie Dumbledores Büro erreicht hatten, doch er hoffte auch, dass Dumbledore nicht indiskret über Harrys Privatleben plaudern würde, solange sie von Schülern und Lehrern gehört werden konnten.

"Vielen Dank, für die Nachfrage. Es war sehr schön." Harry betete inständig, dass Dumbledore nicht nachhaken würde. "Und wie war Ihr Sommer? Waren Sie die ganze Zeit in Hogwarts?" Harry fiel erst jetzt auf, dass er eigentlich überhaupt keine Ahnung hatte, was Dumbledore so in seiner Freizeit trieb, doch er vermutete, dass ihn das auch ziemlich wenig anging.

"Ach, ich war so hier und da. Du weißt schon, als Direktor ist man nie in Ferien." Er zwinkerte Harry verschwörerisch zu und sprach dann "Apfelstrudel" um den Eingangsmechanismus zu seinem Büro in Gang zu setzen.

Harry folgte ihm still schweigend die Treppen empor und fragte sich, was genau Dumbledore heute thematisieren wollte. Vielleicht gab es Neuigkeiten zu Voldemort und Dumbledore würde endlich mit ihm den letzten Schlag vorbereiten.

"Setz dich," forderte Dumbledore Harry auf, als sie in dem vertrauten Raum angekommen waren und deutete auf einen smaragdgrünen Ohrensessel der neben einem zweiten purpurfarbenen an einem kleinen Tischchen stand. "Und fühl dich frei dir eine Zigarette zu genehmigen."

Erschrocken blickte Harry auf. Woher wusste Dumbledore…? "Nein, ist schon in Ordnung, Sir, so schlimm ist es noch nicht." Verlegen vergrub er seine Hände in seiner Umhangtasche und stieß natürlich prompt auf das Zigarettenpäckchen, das er im Zug hier hineingesteckt hatte.

"Nun, wie du möchtest. Wenn es dich nicht stört, werde ich selbst mir eine kleine Pfeife genehmigen. Ich hatte schon länger nicht mehr das Bedürfnis, doch im Moment erscheint es mir als eine gute Idee." Damit kramte er kurz in der Schublade des Tischchens und beförderte eine seltsam geschwungene orange und blau leuchtende Pfeife zu Tage. "Wusstest du, dass es einen Zauber gibt, der die Lunge vor Teerablagerungen schützt und die Nikotin-Abhängigkeit reguliert?" In Ruhe stopfte Dumbledore seine Pfeife und schob sie sich dann zwischen die Lippen. "Vermutlich rauchen deshalb so wenige Zauberer." Er zündete die Pfeife an, nahm einen tiefen Zug und stieß den Rauch nach einem kurzen Moment wieder aus. "Der Reiz der Gefahr fehlt." Die tiefen Augen Dumbledores musterten Harry nachdenklich und er zog an seiner Pfeife. "Wenn du möchtest, bringe ich ihn dir bei. Er ist nicht ganz einfach, aber für dich sollte er kein Problem sein." Wieder ein Zug und orange leuchtender Qualm stieg von der Pfeife empor. "Du kannst ihn auch auf Toby anwenden, aber vielleicht solltest du ihn vorher um Erlaubnis fragen." Ein prüfender Blick über die rauchende Pfeife hinweg.

Harry wusste nicht, was er sagen sollte. Hatte er Dumbledore gerade richtig verstanden? "Sie meinen…" Seine Finger nestselten nervös an der Zigarettenschachtel in seiner Tasche. Wie gerne würde er sich jetzt eine anrauchen, doch er wagte es nicht. "Sie meinen, ich sollte Toby fragen, ob ich einen Zauber auf ihn wirken darf?" Harry fragte sich gar nicht erst, woher Dumbledore den Namen seines Freundes wusste.

"Nun, ich würde ihm vorher die Beschaffenheit des Zaubers erklären, damit er nicht meint, du wolltest ihn verhexen. Aber ja… " Ein Zug und blauer Qualm. "Ja, das meinte ich."

"Aber Sir," Harry konnte kaum glauben, was er da hörte. "Es ist doch per Zauberergesetz verboten Muggeln von uns zu erzählen."

Dumbledore seufzte und zwirbelte seinen Bart, während er die Pfeife an einem Aschenbecher abklopfte. "Das ist richtig, Harry. Aber du weißt sicher, dass es Ausnahmen gibt, wenn ein Zauberer eine ernsthaft Liaison mit einem Muggel eingeht." Die Pfeife wurde erneut gestopft. Dann sah Dumbledore auf. "Es ist doch eine ernsthaft Liaison mit dir und Toby, nicht wahr?"

Harry schluckte. Um nichts in der Welt hätte er gedacht, dass er heute mit Dumbledore dieses Gespräch führen würde. Er hoffte nur, dass es nicht mit Ratschlägen zu Safer Sex weitergehen würde. Ohne, dass Harry es wirklich bemerkte, zog er eine Zigarette aus seiner Tasche, steckte sie sich an und zündete sie an. "Ja, Sir," stammelte er, als er den Rauch ausgeblasen hatte. "Ich denke schon. Aber das lässt sich vermutlich erst dann genau sagen, wenn Toby weiß, wer ich wirklich bin und wenn er mich dann immernoch will." Harry sprach damit eine Befürchtung aus, die er in den letzten Wochen nichtmal in seinen Gedanken zugelassen hatte. Was wenn Toby ihn für abartig halten würde?

"Nun Harry, ich denke damit hast du Recht. Aber du solltest dir keine Sorgen machen. Dein Toby scheint mir ein anständiger junger Mann zu sein." Ein ehrliches, warmes Lächeln zeichnete sich auf Dumbledores Gesicht. " Doch, wenn ich mir die Anmerkung erlauben darf, ich würde an deiner Stelle noch ein wenig warten, mit der großen Enthüllung. Du willst gewiss nicht, dass Toby noch einen weiteren Grund zur Sorge hat, solange du hier bist." Täuschte Harry sich oder blitzten Dumbledores Augen gerade unverschämt vergnügt.

"Einen weiteren..?" Die Frage rutsche ihm von den Lippen, ehe er darüber nachgedacht hatte, was Dumbledore meinen könnte und dann schoss ihm mit einem Mal Röte ins Gesicht. Er verschluckte sich an dem Rauch seiner Zigarette und begann lautstark zu husten.

"Keine Sorge, Harry, auch ich war einmal jung und ich weiß noch wie es ist, zwei Seelen - ach - in einer Brust zu haben." Harry hoffte, dass Dumbledore darauf verzichten würde, ihm seine persönlichen Liebesgeschichten zu erzählen und er hatte Glück, denn der Direktor fuhr nun mit etwas ernsterem Ton fort. "Ich bitte dich nur, keine Herzen zu brechen, die ohnedies verwundet sind."

Mit diesen Worten stand Dumbledore auf, legte seine Pfeife am Aschenbecher ab und schritt hinüber zu seinem Schreibtisch. Harry blieb schweigend zurück. Er wünschte sich, sehnlicher denn je an diesem Abend, endlich alleine zu sein, denn alles was Dumbledore ihm bisher hier offenbart hatte, hatte sovieles in Harry aufgewühlt, dass er glaubte eine ganze Woche Stoff zum Nachdenken zu haben. Verwirrt dämpfte er seine Zigarette aus und sah zu Dumbledore hinüber. Dieser hatte seine blaue Halbmondbrille aufgesetzt und blickte Harry über dessen Rand hinweg an.

"Wollen wir nun zu dem eigentlichen Grund dieses Treffens kommen?" fragte er in geschäftigem Ton und deutete Harry auf dem Stuhl ihm gegenüber Platz zu nehmen. Fawkes blickte durch sein erbärmlich gerupftes Federnkleid zu Harry und steckte dann den Kopf wieder unter den Rest, der von seinem Flügel übrig geblieben war. Harry erhob sich. Nun, zumindest würde es mit großer Wahrscheinlichkeit nicht um Safer Sex gehen, dachte er, als er sich Dumbledore gegenüber erneut niederließ.

Später, als Harry endlich in seinen Schlafsaal kam und sich müde aus seiner Kleidung schälte, um sich, wie schon den ganzen Abend geplant, hinter seinem Vorhang zu verstecken, war der erste Teil seines Gesprächs mit Dumbledore beinahe vergessen. Erschöpfung hatte sich in ihm ausgebreitet nachdem er von Dumbledore sein zusätzliches Voldemort-Trainingsprogramm erfahren hatte. Oklumentik bei Snape war davon nur ein kleiner, wenn auch bitterer Teil.

Müde griff Harry nach einem Stift und etwas Papier, das er mitgebracht hatte und fing nun endlich an, den lang ersehnten Brief an Toby zu schreiben.

Hey Toby,
Ich bin gut in der Schule angekommen. Erstaunlich wie schnell einen der Alltag wieder einfängt. Schon jetzt weiß ich nicht wo mir der Kopf steht, wenn ich mir so meinen Stundenplan ansehe. Neben all dem normalen Unterricht hat mir der Direktor noch einige Zusatzfächer eingeteilt. So eine Art "Begabtenförderung". Ich hasse es, immer irgendwelche Sonderregelungen zu bekommen. Warum kann ich nicht einfach wie alle anderen behandelt werden?
Das Schlimmste ist der Zusatzunterricht bei Snape, meinem Chemie-Professor. Er hasst mich. Und das beruht auf Gegenseitigkeit. In seiner Schulzeit waren mein Vater und mein Patenonkel seine ärgsten Rivalen. Ich schätze das ist der Grund, warum er mich nicht ausstehen kann. Als könnte ich etwas dafür, dass mein Vater ihn gemobbt hat.
Und gerade bei Snape habe ich diesen "Denksport"-Unterricht. Es geht darum sich in den anderen hineinzuversetzen und herauszufinden was er denkt und welche Handlungen er plant. Frag mich nicht, warum irgendjemand wissen wollen sollte, was dieser widerliche Schleimer denkt.
Aber naja, was solls. Dumbledore meint, dass ich den Unterricht brauche, also mache ich ihn eben.
Wie geht es dir? Ich hoffe dein Tag war besser als meiner. Schon jetzt kann ich es kaum erwarten bis endlich Weihnachten ist! Ich fühle mich so einsam hier. Zu Ron und Hermine hab ich irgendwie keinen richtigen Zugang. Ich glaube Ron hat ein Problem damit, dass ich schwul bin und Hermine ist zu beschäftigt mit ihren Aufgaben als Schulsprecherin und damit über Malfoy zu schimpfen, weil er sie nicht unterstützt. Aber ich kenne Hermine, sie würde sich gar nicht erst helfen lassen. Sie ist nicht besonders gut darin, Aufgaben zu teilen oder gar abzugeben.
Naja, ich schätze, ich werde mich bis Weihnachten zu einem ziemlichen Streber entwickeln, nachdem das Lernen hier die einzige Ablenkung für mich zu sein scheint. Ich hoffe, du stehst auf Streber!
Ich wünschte du wärst bei mir und ich könnte in deinen Armen liegen. Ich kann mir gar nicht mehr vorstellen alleine zu schlafen. Es wird sehr einsam werden ohne deine Wärme an meiner Seite. Aber ich werde dich zumindest in meinen Träumen sehen, das kann mir keiner nehmen!
Ich liebe dich und freue mich schon sehr, von dir zu hören!
Kuss
Dein Harry

Harry versiegelte den Brief und legte ihn auf seinen Nachttisch. Er würde ihn morgen früh Hedwig mitgebe, wenn sie ihm seine Zeitung brachte. Müde und vor Einsamkeit fröstelnd, kuschelte er sich so gut es ging in seine Decken und versucht sich vorzustellen, Toby wäre hier. Mit einem Handwink löschte er die Kerze auf seinem Nachttisch und schloss die Augen.

Am nächsten Morgen beim Frühstück wartete Harry schon auf Hedwigs Ankunft. Er hoffte sich hinter seiner Zeitung vergraben zu können und dem Lärm der um ihm herum schwatzenden und lachenden Mitschüler zu entrinnen. Wie sollte er nur die nächsten Monate überstehen?

Gerade als er nach einem Glas Honig griff, setzte Hedwig zur Landung auf seiner Schulter an und Harry erschrak so sehr, dass er seine Kaffeetasse umwarf. "Nichts passiert," murmelte er, um die besorgt dreinblickende Hermine zu beruhigen. Er tupfte den Kaffee rasch mit einer Serviette auf und wandte sich dann Hedwig zu.

"Entschuldige, meine Schöne," flüsterte er ihr zu und kraulte ihren Kopf, ehe er ihr seine Post vom Bein band und durch den Brief an Toby ersetzte. "Bringst du das für mich zu Toby?" Seine Stimme war zärtlich und leise und er hoffte, dass Hedwig verstand, wie wichtig dieser Brief für ihn war. Dann endlich wandte er sich seiner Post zu und sein Herz setzte beinahe einen Schlag aus, als er neben dem Tagespropheten einen Muggelbrief entdeckte.

"Danke!" hauchte er freudestrahlend, steckte Hedwig einen Eulenkeks zu und verließ dann eilends, den Brief in der Hand, die große Halle. Draußen in der Aula suchte er sich eine ungestörte Nische an einem Fenster und riss das Kuvert auf.

Lieber Harry,
Ich konnte deinen ersten Brief nicht abwarten. Es war so einsam bei mir in der Wohnung ohne dich. Du fehlst mir so!
Wie geht es dir? Hast du dich schon wieder eingelebt? Ich hoffe du hattest eine kurzweilige Reise und einen ruhigen ersten Tag.
Bei mir war es recht entspannt in der Arbeit, was furchtbar war, weil ich Unmengen an Zeit hatte um über die kommenden Monate nachzudenken. Ich weiß überhaupt nicht, wie ich das durchstehen soll. Du so weit weg, an einem Ort, den ich nicht kenne, mit tausenden jungen Typen, die gerade im besten und experimentierfreudigsten Alter sind. Ich darf gar nicht daran denken!
Es tut mir leid. Ich sollte soetwas nicht schreiben. Ich weiß ja, dass du mir nicht weh tun willst.
Ich hoffe nur, dieser Malfoy lässt dich in Ruhe!
Naja. Also Harry, machs gut. Wir sehen uns in ein paar Monaten wieder!
Vergiss nicht, ich liebe dich!
Dein Toby

Harry seufzte. Tobys Brief hörte sich nicht besonders optimistisch an. Er hatte gehofft, dass sie in ihren Briefen dieses Thema meiden würden, dass Toby ihm einfach vertraute. Es war ein leichter Stich in sein Herz, dass dies scheinbar doch nicht der Fall war.

Seufzend faltete er den Brief zusammen und steckte ihn in seine hintere Hosentasche, den Blick sehnsüchtig aus dem Fenster gerichtet.

"Na, Potter, Liebeskummer?"

Diese Stimme. Harry würde sie unter tausenden erkennen. Was heißt unter tausenden? Er glaubte nicht, dass es irgendeine andere Stimme auf dieser Welt gab, die ihm so sehr durch Mark und Bein ging, wie die des blonden Slytherin.

"Halt die Klappe, Malfoy!" Harry war selbst überrascht, wie kraftlos die Worte aus seinem Mund kamen und er verfluchte sich für den Moment der Schwäche Malfoy gegenüber. Geduldig wartete er auf dessen Konter, ohne sich dabei dem Blonden zuzuwenden. Er wollte das feixende Gesicht mit dem spöttischen Blick nicht sehen.

"Nur nicht aufgeben, heißt meine Devise," drängte sich der unerwartete Rat in seinen Rücken und noch ehe er begriff, was Malfoy da gesagt hatte, hörte er schon dessen Schritte, die sich den Gang entlang entfernten.

Nachdenklich runzelte Harry die Stirn und sah weiterhin aus dem Fenster hinaus ohne wirklich etwas wahrzunehmen. Was hatte Malfoy da genau gesagt? Nur nicht aufgeben, ging es Harry durch den Kopf. Was meinte er damit? Wollte er tatsächlich Harry Mut zusprechen? Nein, allein dieser Gedanke war derart absurd, dass Harry beinahe in lautes Gelächter ausgebrochen wäre.

Nur nicht aufgeben. Hatte er damit überhaupt Harry gemeint? Oder - nun kam Harry ein erschreckender Gedanke - hatte er sich selbst gemeint? Nur nicht aufgeben, heißt meine Devise. Das war der genaue Wortlaut gewesen. Sprach Malfoy nur von sich selbst? Es würde Harry nicht wundern, da der Slytherin eigentlich immer nur an sich selbst dachte. Aber was meinte er dann damit? Und was hatte das alles mit Harry und Toby zu tun? Was wollte Malfoy nicht aufgeben? Oder wen? Hatte er ein Auge auf Toby geworfen und wollte Harry seinen Freund ausspannen? Harry konnte sich kaum vorstellen, dass gerade Malfoy etwas mit einem Muggel anfangen würde. Andererseits, wenn er damit Harry verletzen konnte, dann würde er vielleicht sogar dieses Opfer auf sich nehmen. Aber nein, das konnte einfach nicht sein. Malfoy und Toby, das war absolut unvorstellbar. Aber was oder wen hätte Malfoy sonst meinen können? Ein Satz, den Dumbledore am Vorabend zu ihm gesagt hatte, durchzuckte seine Gedanken. Ich bitte dich nur, keine Herzen zu brechen, die ohnedies verwundet sind. Hatte Malfoy ein verwundetes Herz? Nein, das würde implizieren, dass er überhaupt ein Herz besaß und Harry war sich nach wir vor nicht sicher, ob dem tatsächlich so war. Und selbst wenn, warum sollte es gerade in Harrys Macht liegen es zu brechen?

Ein ohrenbetäubender Gong riss Harry aus seinen Gedanken. Na toll, nun würde er auch noch zu spät zu seiner ersten Stunde bei Snape kommen. Das Schuljahr konnte kaum schlimmer beginnen.