Kapitel 9 - King's Cross

So müde wie Harry auch war, er beobachtete die beiden Männer aufmerksam. Einer schwatzte unaufhörlich über sein Heimatland, seine Essgewohnheiten und seine Begeisterung für Farben – als ob das nicht offensichtlich gewesen wäre. Er schien es nicht nötig zu haben zu atmen, aber hin und wieder warf er einen verstohlenen Blick um Hindernis unbewegter Dunkelheit herum und starrte Harry an. Der andere stellte einen Blick voll Häme und äußerster Verachtung zur Schau, von Zeit zu Zeit mit einem spottenden Grinsen, und versuchte ansonsten den Mann ebenso wie sein Gerede zu ignorieren. Es schien ein lautloser Krieg zu sein und Harry war sehr neugierig zu wissen, wer als Sieger daraus hervorkommen würde.

Was brachte sie so gegeneinander auf? Harry konnte Snapes Abscheu verstehen, das konnte er wirklich. Ein Blick auf den grinsenden Narren und jeder war vollständig von seiner Dummheit und Einfalt überzeugt oder würde nicht einem einzigen Wort trauen, das der Mann von sich gab. Er war eine Kuriosität wie Hagrids Lieblinge. Ein Wort zur falschen Zeit oder fragwürdigem Auftreten und die ganze gezähmte Magie würde sich mit Vehemenz einen Weg bahnen. Harry fand sich selbst auf Snape setzend. Wenigstens wußte er bei dem Bastard woran er war. Harry lauschte aufmerksam als Snape eine neue Runde eröffnete.

„Sollten Sie nicht woanders sein, den Bahnhof bewachen bis die Schüler eintreffen?" unterbrach Snape den endlosen Redefluß und betonte jedes einzelne Wort. Es war ziemlich interessant zu sehen, wie sie einander beäugten ohne die Gegenwart des anderen überhaupt anzuerkennen. Wäre Harry nicht von der magischen Aura des fremden Zauberers alarmiert gewesen, hätte es es wahrscheinlich einen Lacher wert gefunden; aber zu oft fand er sich nicht nur unter einem sondern zwei durchdringenden Blicken. Harry mußte zugeben, daß er sich unter dem, den der Tränkemeister in seine Richtung schickte bedeutend besser klar kam. Der neue DADA-Professor schien beides nichts auszumachen, denn er antwortete fröhlich.

„Oh, ja, aber dieser Auror von dir hat mich weggeschickt." Der schreiend bunt gekleidete Zauberer blickte Snape undankbar an. „Er sagte, ich sollte die Zeit für einen schnellen Blick in die Gegend nutzen. Moddy oder Muddy oder etwas in der Art hieß er, doch falls ich mich nicht irre, hat es ihm gar nicht gefallen, daß ich ihn so genannt habe." Anscheinend blind zu jeglichen Motiven, die der Auror gehabt haben könnte, schüttelte er bloß bedauernd seinen Kopf. „Er schien ziemlich sicher, die Situation auch ohne meine Hilfe handhaben zu können."

Was für ein Idiot! Im letzten Augenblick biß sich Harry in die Innenseiten seiner Wangen, um es nicht laut zu sagen, doch er konnte das Rollen seiner Augen nicht unterdrücken, während er das lächerliche Geplappere an sich vorbeiplätschern ließ. Indes, da er beide genau im Auge behielt, war es nicht an Harry vorbeigegangen, daß der Blick des Pfaus genauso kühl und gelassen waren wie zu Beginn.

Der Tränkemeister sah aus, als bezweifelte er seinen eigene Zurechnungsfähigkeit, den hirnlosen Idioten nicht mit einem Schnipsen seines Zauberstabs wegzujagen. Für Harry war es offensichtlich, daß sie sich nicht ausstehen konnten. Snapes Abscheu in der Gegenwart des Mannes wurde nur noch größer als die Zeit verging. Harry war so in Gedanken verloren, daß er noch weiter die Straße hinunterging, als beide Männer abrupt angehalten hatten. Blinzelnd fand sich Harry ungeduldig zurückgerufen.

„Potter, halt dich an meiner Robe fest," verlangte Snape murrend, als Harry ihn ansah, nicht sicher was er jetzt schon wieder falsch gemacht hatte.

„Warum sollte ich das tun?" Harry war entsetzt.

„Weil ich vorhabe, dich mit mir zu nehmen, wenn ich appariere." Snapes Erklärung war einfach, aber der Ton seiner Stimme ließ es klingen wie die größte Beleidigung. „Falls du jedoch vorziehst mit ... Professor Bradarowicz zu apparieren..." Es brauchte keine weiteren Worte. Noch ehe Snape zu Ende gesprochen hatte, griff Harry fest nach der Robe des Tränkemeisters. Sorgfältig darauf bedacht so weit wie möglich von ihm weg zu bleiben, während er gerade noch den starren Stoff berührte.

Mit finsterem Gesicht zog Snape den Jungen näher zu sich heran. Es wäre nicht gerade vorteilhaft, ihnungen unterwegs zu verlieren. Sicher, daß der brabbelnde Narr von ganz allein folgen würde, apparierte Snape kurzerhand und hoffte, daß der Idiot von einem Zauberer die Apparation vermasseln und sich in Dutzende kleiner Teile auflöste.

Als das Gefühl auseinandergerissen und gleichzeitig wieder zusammengefügt zu werden Harry mit einem schmerzhaften Zusammenziehen seines Magens zurückließ, stolperte er hastig weg von seinem Professor, zu ihm

aufblickend, um ihm zu sagen wohin er sich mal konnte. Dann bemerkte Harry, daß er durch dunkle Augen beobachtet wurde, in deren Winkeln ein höchst zufriedenes Glitzern stand und Harry schluckte, was immer ihm auf der Zunge lag hinunter. Der Kerl freute sich, als hätte er das schon immer tun wollen. Bastard.

Schwer seufzend blickte sich Harry um. Plötzlich war er froh, daß er nichts gegessen hatte. King's Cross, Harry registrierte, daß sie direkt vor den Zug appariert waren, war noch immer weitestgehend ruhig. Harry sah niemanden aus seinem Jahrgang, aber es waren noch immer gut zwei Stunden bis der Zug abfahren würde. Die meisten von ihnen würden nicht bis zehn Minuten vorher hier auftauchen, und wenn Treiben und Trubel begann, wollte Harry bereits sicher und gesund in seinem Abteil sitzen.

"Wo ist der Pfau?" fragte er nur halb interessiert und ignorierte Snapes maskenhaftes, finsteres Gesicht, bis er selbst rastlos wurde.

"Naja, ich kann mich nicht an seinen Namen erinnern," knirschte Harry, während er sich vorstellte, wie eine Gummiente träge auf einem Teich dahintrieb, um seine Emotionen ruhig zu halten. Er war nicht gerde die heldenhafteste Sache sich vorzustellen, aber es funktionierte ganz gut.

Der Tränkemeister grinste hämisch. „Ich glaube, er gab dir die Erlaubnis, ihn Nik zu nennen." Harry und Snape gleichermaßen verzogen das Gesicht in Abscheu vor solcher Vertraulichkeit. Wer hätte gedacht, daß eine Zeit kommen würde, in der sie tatsächlich etwas gemein hatten? Würden die Wunder niemals aufhören? Harry wollte schon vorschlagen, daß sie ohne ‚Nik' weitergingen, als er einen Ruf hörte, der genauso schrill war wie die Roben, die einen Moment später auftauchten.

„Mein Junge!" Der Zauberer schien außer Atem und schrecklich aufgeregt. „Ich dachte, ich hätte dich verloren, als ich auf der anderen Seite herauskam." Er machte eine Bewegung als ob er Harrys Kopf streicheln wollte, aber der Junge duckte sich weg und biß die Zähne zusammen bis sie weh taten. Harry dachte an Tom und gemahnte sich, die Gegenwart des Narren zu ertragen; und er dachte an Fehlschläge und deren Konsequenzen, beides Dinge, die er sich nicht mehr leisten konnte.

„Severus, geht es dir gut?" Harry wirbelte seinen Kopf herum, als die Aufmerksamkeit des Zauberer sich dem verdrießlich dreinblickenden Tränkemeiste zuwandte. Auf keinen Fall wollte Harry Snapes Reaktion zu der vor Gefühlen triefenden Frage verpassen.

„Nein," presste Snape hervor. „Mir geht es nicht gut, Bradarowicz." Er spuckte den Namen wie eine Krankheit. „Aber nenne mich nur noch ein einziges Mal Severus und ich werde glücklicher sein als ich jemals war. Und wissen Sie warum?" Er pirschte sich an den Mann heran, der wenigstens genug Verstand hatte leicht unervös auszusehen, als er abstreitend seinen Kopf schüttelte. „Wir werden eine neue Stelle im Personal frei zu besetzen haben, weil Sie tot sein werden."

Harry grinste. Snape schien regelrecht aufzublühen, als er ‚Nicky' deteilgetreu mitteilte, was er ihm antun würde, bevor er in den Staub beißen würde. Langsam aber sicher mußte selbst der dümmste Zauberer erkennen, daß er sich sein eigenes Grab geschaufelt hatte, denn das Grinsen des Narren verlor sich in einem ansonsten ganz passabel ausschauenden Gesicht und der harte Blick in den hellen Augen schärfte sich. Wann immer der neue DADA-Professor vorsichtig einen Schritt zurücktrat, trat Snape einen ausgreifenden Schritt nach vorne. Es war ein Spiel und Harry liebte es. Selbst wenn sie sich entschieden hätte, ihre festumklammerten Zauberstäbe zu ziehen oder auf Muggelart aufeinander loszugehen, würde er nicht unterbrochen haben solange es bedeutete, daß ihre Aufmerksamkeit nicht auf ihn gerichtet war. Das war selbst Blutvergießen wert, denn es war nicht sein, sondern von den zwei Personen, die er mit am meisten hasste.

Die Leute behielten soviel Raum wie möglich zwischen sich und den nahezu physisch aufeinander losgehenden Männer. Harry stand dazwischen, beobachtend und auf all die Beschimpfungen lauschend, die aus Snape herausströmten wie Wasser. Der Mann brauchte nicht einmal nachzudenken. Er warf einfach alles nach vorn, das ihm in den Kopf kam. Nun ja, Harry neigte seinen Kopf, irgendetwas mußte ja auch für Snape bei seinem Professorenjob an Hogwarts herausspringen. Harry prägte sich ein so viel er konnte, um bei der erstbesten Gelegenheit Malfoy mit einigen der kreativsten Beleidigungen zu beschenken.

Harry hätte nicht sagen können, wie lange es so weiterging, hin und her. Doch die Verteidigung des neuen Professors war oft nicht mehr als ein dümliches Öffnen seines Mundes. Er sah aus wie ein gestrandeter Goldfisch in den Fängen einer Katze. Es war großartig. Selbstverständlich würde Harry sich normalerweise nicht am Elend anderer Leute weiden, nicht wenn Snape dafür verantwortlich war, aber das hier war einfach klasse; außerdem hörte sich das ‚mein Junge' des Wasserkopfs für Harry an wie Fingernägel auf einer Tafel. Er konnte es nicht ausstehen ... oder diesen Mann.

Es war ein Junge mit sehr kurzem abstehendem Haar, das in orangen und pinkfarbenen Streifen schimmerte, der den verbalen Angriff zwischen den beiden Gegnern stoppte. Harry verzog das Gesicht. Der Anblick, den der Junge bot, schmerzte in jedermans Augen, es sei denn man war bereits blind. Außerdem trug er die lächerlichste Bekleidung, die Harry jemals das Unglück hatte sehen zu müssen, ausgenommen eine Person. Er wollte den Gedanken wirklich nicht weiterspinnen. Die Robe des Jungen war in einem häßlichen Braun und fliederfarben kariert mit großblättrigen Blüten in zitronengrün und gelb. Der Schnitt war auch seltsam. Harry hatte solche Roben nirgendwo sonst gesehen. Die babyblauen Stiefel, die unter der Robe hervorlugten hatten pinke und orange Sterne und Monde eingeprägt. Wenigstens, dachte Harry, passten sie zu seinem Haar.

Der Junge rannte stürmisch auf sie zu, positionierte sich zwischen der einzigen Person die kein Brennen in den Augen verursachte und ... Harry seufzte. Die Verwandtschaft war da. Er hoffte bloß, daß der Junge nicht so verrückt war wie der Pfau und seine Roben erkennen ließen. Der Junge sah aus, als ob jemand einige Eimer mit Farbe über ihm ausgeschüttet hätte. Harry presste seine Augen zusammen und zögerte sie wieder zu öffnen.

Erst als ein lautes, gurrendes Geräusch an seine Ohren drang, gewann Harrys Neugier die Überhand. Er blickte auf und fragte sich, warum sich sein zukünftiger Professor benahm wie eine Bruthenne, abwechselnd den kunterbunten Jungen in die Wangen kneifend und ihn umarmend. Ob Mut, vererbte Doofheit oder nur genug Verstand die Familienmitglieder am Leben zu erhalten; der Junge hatte geschafft, was die anderen Menschen hier aus Selbstschutz vermieden hatten; und Harry wäre nicht dazwischen gegangen, selbst wenn sein Leben davon abgehangen hätte.

Snapes einschüchternde Gesichtszüge schienen eisiger als zuvor. Er reagierte überhaupt nicht, als beide versuchten mit ihm zu sprechen; er hob einfach sein Kinn und heuchelte, daß sie nicht da waren. Traurigerweise führte das dazu, daß sich die beiden zu der einzig anderen greifbaren Person umwandten. Harry trat einen Schritt zurück und fluchte auf sich selbst. Warum war er nicht schon eingestiegen? Der Zug stand bereits seit ihrer Ankunft da. Ärger wallte ihn ihm auf, doch er blieb wo er war, als der Zauberer den Jungen zu ihm führte, seufzte schwer und dachte, daß die Zeit letztlich vorbeigehen würde. Er brauchte ihre Verrücktheit nicht viel länger aushalten.

„Das ist Junas. Mein Sohn," stellte der Narr den Jungen mit einem breiten Grinsen vor.

„Dachte ich mir," murmelte Harry und verzog das Gesicht. Konnte das Schicksal nicht einmal Nachsicht zeigen? Der Junge mußte einfach mit diesem ‚Nicky'-Typen verwandt sein. Das wäre ein Namen zum Hassen, entschied Harry. Sollte er jemals Kinder haben, diesen Name würde garantiert und für alle Ewigkeit nicht in Erwägung ziehen. Dennoch, man sollte ein Kind nicht für die Fehler seines Vaters verantwortlich machen. Harry zauberte sein strahlendes Gryffindor-Lächeln aufs Gesicht. Er begrüßte den Jungen mit höflicher Zurückhaltung und einem angefügten „Hallo", welches nicht zu viel preisgab, als daß sie Harry gegenwärtige Stimmung herausfiltern könnten.

Der Mann drängte den Jungen, der nicht viel jünger als Harry aussah, nach vorn direkt neben ihn. Er grinste schüchtern und drehte instinktiv einen großen Bogen um die düstere, Abscheu ausstrahlende Gestalt des Tränkemeisters. Kleverer Junge, hoffentlich mehr als sein Vater. Trotzdem zögerte Harry irgendetwas zu glauben, das der Junge sagte. Ein paar Augenblicke zuvor hatte er weder Schüchternheit noch Unsicherheit oder irgendetwas ähnliches gezeigt, als er zwischen die beiden ausgewachsenen Zauberer getreten war. War er der nächste in der Scharade? Da Vater und Sohn zusammen waren, war das nicht zu bezweifeln. Harry seufzte. Sein Glas genannt Durchhaltevermögen war bis zum Rand gefüllt. Bald würde es dem unglücklichen Kerl ins Gesicht explodieren, der ihm einmal zu oft in de Quere kam. Harry furchte seine Stirn, wenn eine Hand sein Haar zerzauste. Er zog sich abrupt zurück, so daß besagte Hand für einen Moment die Luft streichelte, bevor sie enttäuscht hinabsank.

„Und dies, Junas, Sohn," und das einzige, daß Harry vermisste war der Trommelwirbel, „ist Harry Potter." Der Junge starrte ihn genauso an wie der Vater, als der seinen Namen zum ersten Mal gehört hatte. Sein Blick war wenigstens nicht ganz so beunruhigend, vielleicht wegen dem fehlenden Funkeln in den braunen, mit gelben und grünen Punkten gesprenkelten Augen.

„Er ist in der sechsten Klasse an Hogwarts." Bradarowicz schaute seinen Sohn mit einem Ausdruck von Tadel an, und die Augen des Jungen weiteten sich vor Überraschung.

„Du bist in der sechsten Klasse?" Zweifelnd wandte er sich Harry zu. „Ich dachte, du würdest in der fünften sein, so wie ich."

„Nun ja," Harry machte ein finsteres Gesicht, denn genug war genug, „Letztes Jahr war ich in der fünften. Es tut mir sehr leid, dich enttäuschen zu müssen." Seine Stimme troff vor Sarkasmus. „Junas, oder?" Der Junge war genauso obskur wie sein Vater. Es ließ nicht Gutes ahnen für Harry, denn das Gefühl eingekreist zu werden wuchs um ein Vielfaches. Jetzt, mutmaßte Harry, hatte er auch unter den Schülern einen Beobachter. Harry hoffte nur, daß der Junge nicht nach Gryffindor kam, aber so wie er sein Glück kannte, konnte es gar nichts anderes sein.

„Na na, mein Junge, es ist nicht nett, solche Dinge zu sagen." Offensichtlich hatte der Pfau etwas wie Familiensinn in seinem Erbsenhirn. Harry ballte hinter seinem Rücken die Fäuste. Er mochte nicht den bestätigen Strom von ‚mein Junge' nicht. Er war niemandes ‚Junge' und bestimmt nicht der von diesem Narren. Dieser Wasserkopf hatte seinen eigenen Jungen, den er rechtmäßig so nennen konnte. Harrys Fäuste knirschten. Irgendwann in naher Zukunft würde er dem Mann sagen, was genau er von ihm und seinem ‚mein Junge' hielt.

„Ich?" Harry blieb für den Moment höflich. „Ich habe nur mein Bedauern ausgedrückt, daß wir unmöglich in dieselbe Klasse gehen könnten, Professor Bradabisi." Harry hatte sich für das respektvollle ‚Sir' entschieden, aber dieser Typ verdiente einfach niemandes Respekt. Jetzt ignorierte er den verwundeten Blick in seine Richtung. Schmale Augen beobachteten Harry intensiv und gerade als der Zauberer seinen Mund öffnen wollte, um eine Argumentation fortzuführen, die Harry schwerfallen würde einfach zu schlucken, entschied Snape sich nützlich zu machen und griff ein.

„Genug davon, Bradarowicz." Er sandte einen Blick voller Ekel zu dem grellbunten Jungen und fuhr fort: „Bringen Sie ihren Clown von einem Sohn zum Zug und nehmen Sie den Posten am Bahnhofseingang ein. Das ist, falls Sie ihn finden können bevor der Zug nach Hogwarts abfährt." Für einen Augenblick schien der blauäugige Mann unentschlossen, aber Snapes düsterer Blick brachte ihn dazu, sich in die korrekte Richtung umzudrehen, denn er nahm seinen Sohn an den Schultern und nickte, ein neues Grinsen versöhnlich auf seinem Gesicht.

„Du hast natürlich recht, Seve– lieber Kollege." Er wandte sich zu Harry um und seine Roben knisterten und raschelten nervenaufreibend. Harry starrte beschäftigt in Snapes bleiche Gesichtszüge. Der bösartige Grinsen, das sich selbst auf dem sonst ausdruckslosen Gesicht breitgemacht hatte, war es wert sich zu erinnern. Falls dieser Idiot von einem DADA-Professor nicht die Galle gehabt hätte, dem Tränkemeister den Rücken zuzudrehen, hätte er erkannt, daß 'lieber Kollege' nicht ausgesprochen besser war, als den beeindruckend gefährlichen Mann bei seinem Vornamen anzusprechen. Niemals hatte Harry so viel Abscheu an irgendjemanden gerichtet gesehen, nicht einmal sich selbst. Er wußte nicht, was in diesem schmierigen Kopf vorging, aber vielleicht hätte Harry ja ein bißchen Glück in diesem Jahr und die bissigeren Beschimpfungen würden sich in Kräuterkunde zur fünften Klasse und zum Esstisch der Professoren verlagern. Es würde von Harrys Seite her eine Menge Zeit sparen, wenn die Aufmerksamkeit sich für dieses Mal nicht ausschließlich auf ihn konzentrierte. Ohne Kommentar erduldete Harry das ‚mein Junge' ein letztes Mal und beobachtete wie Vater und Sohn zum Hogwarts Express hinübergingen, ihre Köpfe zusammensteckend und lebhaft gestikulierend um diesen oder jenen Punkt zu unterstreichen.

„Er ist ein Pfau mit einer Schraube locker." Sagte Harry aus dem blauen heraus und fand sich wieder unter einem forschend eindringlichen Blick. Zu seiner Überraschung hatte Snape jedoch nichts zu zu seinem unangebrachten Kommentar über einen seiner Kollegen beizusteuern. Wenn Snape ihn während des Unterrichts zu Boden schliff, würde Harry da sein, um ihn daran zu erinnern, daß er es irgendwie geschafft hatte, etwas zu sagen, ohne daß er zweimal soviel zurückbekam, wie Snape gewöhnlicherweise austeilte. Bis dahin hätte der Tränkemeister hoffentlich die geplante Unterredung vergessen, die nach ihrer Ankunft in Hogwarts stattfinden sollte. Harry freute sich ganz sicher nicht darauf.

Tränkemeister und Schüler schwiegen bis die schillernden Roben komplett aus ihrer Sicht verschwunden waren. Beide waren ein bißchen benommen mit der Erkenntnis, daß sie völlig übereinstimmten in ihrem Verständnis, daß sie die Gegenwart des jeweils anderen überhaupt nicht ausstehen konnten, aber daß sie die bloße Existenz dieser Familie von Pfauen absolut hassten. Harry hätte über diese erstaunliche Tatsache ein wenig länger nachgedacht, hätte er nicht in diesem Augenblick eine Mähne verblüffend roten Haares gesehen, neben einem Mädchen, das ihre Arme voller Bücher hatte und die meisten von ihnen gerade auf ihrem überrannt aussehenden Freund ablud.

Harry ging nur einen Schritt in ihre Richtung, bevor er plötzlich stoppte als wäre er in eine Wand gelaufen, denn zum ersten Mal konnte er die Magie sehen, die seine Freunde besaßen und er war erstaunt, denn er hätte es zuvor niemals für möglich gehalten.