Soundtrack: „Iris", Goo Goo Dolls

Kapitel 9 – Das Ende einer Ära

And I'd give up forever to touch you
´Cause I know that you feel me somehow
You're the closest to heaven that I'll ever be
And I don't want to go home right now

And all I can taste is this moment
And all I can breathe is your life
Cause sooner or later it's over
I just don't want to miss you tonight

And I don't want the world to see me
'Cause I don't think that they'd understand
When everything's made to be broken
I just want you to know who I am

Die heulende Hütte, Mitte November 1994

Es tut weh. Wirklich weh. Der Schmerz ist so intensiv wie seit Jahren nicht mehr. Und dabei sollte ich doch eigentlich erleichtert sein. Alyssa ist hier. Ich habe sie gefunden. Und nach einem für mich endlosen Zögern hat sie Sirius geholfen. Für ihn alles getan, was in ihrer Macht stand.

Er sieht jetzt viel besser aus. Trotz des weißen, dicken Verbandes an seinem Arm und der unnatürlichen Blässe. Er war immer dunkel, selbst im tiefsten Winter, wenn Remus und ich käsig waren wie die weiß getünchte Wand. Wieso erinnere ich mich grade jetzt daran? Sirius Black war immer schön. Fast unnatürlich schön. Er wirkte immer, als sei er ohne Makel, die Fleisch gewordene Perfektion eines heranwachsenden Mannes. Und er war auch nie gehetzt und nervös. Nicht einmal, wenn große Klausuren waren und er am Abend zuvor immer noch nichts gelernt hatte.

Jetzt ist alles anders. Er ist so anders. Er ist gequält und von Angst zerrissen.

Ich stehe in der Tür, während Lyssa ihre Job macht, ihn viel effektiver reinigt als ich es gekonnt habe und ihm mühsam mehrere Heiltränke eintrichtert. Ihn festhält, als er die erste Portion erbricht. Ich kann nur den Blick abwenden, weil ich ihn so nicht sehen will. Ich will den Sirius nicht hergeben, der in meinem Herz all die Jahre gut verschlossen überlebt hat. Der mit dem schelmischen Blitzen in den braunen Augen und dem gewinnenden Lächeln. Aber dieser Sirius bröckelt, je öfter ich zu dem abgemagerten, vollkommen erschöpften Menschen auf dem Bett blicke.

Lyssa ist nun fertig und Sirius scheint endlich zu schlafen. Ich weiß, dass er dieses Mal nur schläft, weil er selbst so sich noch hin und her windet und von Albträumen gehetzt zu werden scheint. Ständig murmelt er etwas von Harry. Und ich beiße mir fest auf die Lippen, um die Tränen in meinen Augen zurückzuhalten. Die Erinnerung an das Baby, das ich in meinen Armen gehalten habe, ist unweigerlich verbunden mit der Erinnerung an seine Eltern. Und in dieser Nacht habe ich schon viel mehr Geister getroffen, als meine Seele es verkraften kann.

Ich kneife die Augen zusammen und wische mir hastig mit dem Ärmel über die Augen. Später kann ich zusammenbrechen. Wenn ich alleine bin. Hier, vor Lyssa, die ich noch als Teenager in Erinnerung habe, kann ich es mir nicht erlauben.

Sie sitzt neben dem Bett und spricht beruhigend auf ihn ein, wie auf ein kleines Kind, das sich in der Dunkelheit fürchtet. Und in diesem Moment ist er wohl auch nichts anderes.

Sie schafft es schließlich, ihn zu beruhigen. Doch anstatt Erleichterung fühle ich bohrende, dumme Eifersucht, weil es ihr gelungen ist und ich so kläglich in meinen eigenen, vorherigen Versuchen gescheitert bin. Sie hält seine Hand und ihr Blick geht ins Leere. Vermutlich erinnert sie sich genauso wie ich es tue.

„Was ist geschehen?" durchdringt ihre Stimme schließlich die dröhnende Stille und ich zucke wie unter einem Peitschenhieb zusammen. Ihre dunkelbraunen Augen schauen mich an und ich halte ihrem Blick nicht stand. Ich kann nicht. Ich stehe am Abgrund und es ist höchstens noch ein Schritt zwischen mir und der alles verzehrenden Dunkelheit. Und nichts hält mich mehr, außer vielleicht einem kümmerlichen Rest von Wut. Und noch viel weniger ertrage ich ihre leise Stimme, die das letzte bisschen Wut zerdrückt und nur noch Trauer und Schuld zurücklässt.

„Wir waren uns so nahe. Was haben wir falsch gemacht? Was war der Fehler, der so viele Menschen das Leben gekostet hat?"

Ich will meine Hände auf die Ohren pressen und laut summen. Sie soll einfach still sein! In meinem Kopf taumle ich am Abgrund. Und fast wünsche ich mir zu fallen und nicht wieder zurückzukehren.

„Wir hätten vielleicht …" Lyssa wird unterbrochen von Sirius, der entsetzt erneut Harrys Namen keucht. Es lenkt sie ab und ich ergreife die Möglichkeit, stürze aus dem Raum, aus dem Haus, weg, nur weg! Sirius ist in guten Händen. Jetzt hält mich nichts mehr.

Ich renne schon wieder, ohne Ziel, gehetzt von Schuld und Tod, bis meine Lunge zu zerreißen droht und mich nur eine Mauer davon abhält zusammenzubrechen. Ich lehne an dem kalten, feuchten Stein und schließlich kann ich sie nicht mehr zurück halten. Die Tränen durchbrechen meinen Schutzwall, ich ertrinke in ihnen. Und während ich mich zusammenkrampfe wie ein Ungeborenes hämmert es in meinem Schädel.

Weg! Weg! Nur weg!

- - - - -

In meinem Kopf schreien diese Worte eine halbe Ewigkeit, doch mein Körper kann nicht gehorchen. Ich bleibe, wo ich bin, in mich selbst zusammengerollt, und versuche das Atmen zu vergessen. Es funktioniert nicht. Unbarmherzig schlägt mein Herz weiter. Verdammte Pumpe!

Und es dauert noch eine weitere ganze Weile, bis die Tränen versiegt sind und ich wieder einen halbwegs klaren Gedanken fassen kann. Meine Hirnwindungen nehmen zuverlässig wieder ihre Arbeit auf und beginnen das Wirrwarr aus Gefühlen zu entwirren.

Punkt Nummer eins: Sirius ist wieder da. Und er ist unschuldig. – Sagt er zumindest.

Punkt Nummer zwei: Peter lebt vielleicht noch. Und er soll der Verräter gewesen sein.

Ist es möglich? Jetzt, wo ich ohne Knoten in meinem Magen darüber nachdenken kann, wird mir klar, dass Sirius entweder ein wirkliches Genie ist, so eine Geschichte noch im Fieberwahn aus dem Ärmel zu schütteln – oder diese Möglichkeit besteht. Was wurde denn von Peter gefunden, nachdem Sirius ihn angeblich über den Haufen gehext hatte? Ein Finger. Nicht mehr. Keine Leiche, keine Spuren. Nur dieser blöde Finger, der zusammen mit dem Orden des Merlin erster Klasse an Peters Mutter geschickt wurde.

Was, wenn er wirklich der Verräter war? Dieser Gedanke fällt mir nach den ganzen zwölf Jahren immer noch leichter, als Sirius in die Rolle des Verräters einzusetzen. Sirius war die ganze Zeit mit uns zusammen. Und es gab keinen einzigen Moment, in dem er sich eigenartig benommen hat. In dem etwas auf sein Doppelleben hingewiesen hätte. Und Peter? Nach Hogwarts hat er sich immer mehr abgesondert. Natürlich, er hatte einen Job in London, und vielleicht war er wirklich beschäftigt, aber das waren Remus mit seinem Studium und ich mit meinem Job auch. Trotz allem sind wir jede Woche mindestens ein Mal zusammen gewesen. Und Sirius war, so weit ich mich erinnern kann, fast ständig bei James und Lily. Etwas, das mich bei der Nachricht von ihrem Tod widerwillig und mit einem verdammt miesen Gefühl im Bauch hat in Erwägung ziehen lassen, dass Sirius sie verraten haben könnte. Aber jetzt ...

Die Beiden waren nicht dumm. Und sie hätten sich niemals auf Sirius als Geheimniswahrer eingelassen, wenn sie ihm nicht getraut hätten. Besonders Lily nicht. Sie hätte ihren Sohn niemals einer solchen Gefahr ausgesetzt.

Wer hat sich geirrt? Sie? Oder wir?

Ich seufze leise, ehe ich mich langsam aufsetze und mir mit den Händen durch das mittlerweile schmutzige Gesicht reibe. Was soll ich nur tun? Und wer wird mir die Antworten geben?

Ein leises Knacken weckt meine Aufmerksamkeit, allerdings zu spät. Im nächsten Augenblick ist ein Zauberstab von rechts auf mich gerichtet und ich höre ein leises „Keine Bewegung!". Ich tue, wie mir geheißen und rühre nicht einen Muskel. Nur meine Gedanken rasen. Wer ist da? Und ist er Freund oder Feind?

Der Zauberstab flammt in einem ‚Lumos' auf und ich muss die Augen schließen gegen die plötzliche Helligkeit. Und dann, während ich versuche, die dunkle Gestalt hinter dem Zauberstab mit zusammengekniffenen Lidern zu identifizieren, höre ich ein leises, ungläubiges „Toni?". Der Zauberstab erlischt und macht einer schwebenden Kerze Platz, die endlich auch mein Gegenüber beleuchtet.

Trotz der Dunkelheit um uns her, der vielen neuen Narben und der leicht gebeugten Haltung erkenne ich ihn sofort. Es sind seine Augen. Sie sind trotz Schmerz und Enttäuschung, die tief in sein Gesicht gegraben sind, immer noch silbern und weit offen, wie die eines Kindes. Sie hat weder der Wolf noch das Leben verdunkeln können. Unwillkürlich muss ich lächeln. Eine Bewegung, die ich in den letzten Stunden schon vergessen glaubte. Es ist nur klein und vorsichtig, doch es findet sein Echo in Remus John Lupins Zügen. Stumm sehen wir uns nur an, lernen den Anderen und seine Veränderungen in den vergangenen zwölf Jahren kennen.

„Du bist alt geworden, Moony", gelingt es mir wenig charmant schließlich zu sagen und er schneidet eine Grimasse.

„Und es ist Ewigkeiten her, das mich jemand so genannt hat", erwidert er, nicht auf meinen Fauxpas eingehend. Das konnte er schon immer gut. So streng er mit sich selbst war, so nachsichtig war er schon immer mit allen Anderen. Ich habe ihn oft dafür gescholten. Früher. Und ich tue es wieder.

„Du sollst nicht so schlecht von Dir reden lassen! Du bist nicht alt! Genauso wenig wie ich!"

Jetzt ist sein Lächeln echt und auch ich muss fast lachen, als ich seinen alten Trick errate. Er hat mich mit seiner Ignoranz punktgenau dazu gebracht, ihn zu verteidigen. Und mich selbst Lügen zu strafen. Alter Schlawiner!

Remus streckt mir seine Hand entgegen und zieht mich mit erstaunlicher Kraft wieder auf die Füße. Ich bin ihm sehr dankbar dafür.

„Was tust Du hier?" will er schließlich wissen. Die magische Kerze ist mittlerweile ebenfalls verschwunden und nur der schmale Mond erleuchtet die Welt um uns her. Ich erwidere die Frage und kann in seinen Augen lesen, dass er mich so schnell nicht entwischen lassen wird. Trotzdem antwortet er mit einem leisen: „Ich bin jetzt Lehrer in Hogwarts." Es schwingt echter Stolz so überdeutlich in seiner Stimme. Ist es doch eigentlich ein seltener Klang. Er war immer stolz auf alle anderen – nur fast nie auf sich selbst.

„Das ist wunderbar", freue ich mich ehrlich. „Endlich ein Lehrer, der nicht das Lachen verlernt hat oder scheintot ist." Wie zur Bestätigung lacht er leise.

„Und jetzt Du", kommt danach aber die unausweichliche Aufforderung und ich schneide eine Grimasse. Was soll ich sagen?

Hey Moony, ich war auf einer blödsinnigen Familienfeier und bin abgehauen. Und da hab´ ich doch glatt einen alten Freund von uns halb tot am Straßenrand aufgegabelt. Übrigens, Sirius ist unschuldig.'

Ich kann mich noch sehr gut daran erinnern, dass Moony es Sirius – Padfoot – damals am übelsten genommen hat. Vermutlich, weil er am engsten mit ihm verbunden gewesen war – immerhin teilten die Beiden sich sogar eine Wohnung. Einen solchen Hass wie bei ihm habe ich in Augen nie wieder gesehen, als wir die Nachricht bekamen, dass Pads James und Lily verraten haben soll. Wegen der dummen Prophezeiung einer zweitklassigen Wahrsagerin, die deren Baby zum Todfeind des größten Schwarzmagiers gemacht hat.

Und dann war er wortlos aufgestanden und hatte den Raum verlassen. Den Raum – und uns. Daher wage ich es nicht, mich ihm anzuvertrauen. Auch wenn ich es mir wünsche. Ein kleiner Teil in mir, der mit den großen Kinderaugen und dem unergründlichen Optimismus, glaubt daran, dass er sich freuen wird und wir wieder die gleiche Einheit werden können, wie wir es vorher gewesen sind. Dass er Sirius glauben wird, zu ihm stehen wird, wie Lyssa und ich es tun. Aber ich bin mittlerweile erwachsen. Und viel zu vorsichtig, um meinem inneren Kind Sirius' Schicksal anzuvertrauen. Auch wenn es mich schier zerreißt.

„Ich … bin von einer Familienfeier abgehauen", biete ich ihm schließlich die halbe Wahrheit. Er kennt meine Familie und weiß, wie wir zueinander stehen. Er wird also keine Erklärung verlangen.

„Was war denn der Anlass?" fragt er freundlich weiter und ich versuche den Geschmack von Unehrlichkeit zu ignorieren. Ich konnte ihn noch nie belügen. Das hat er nicht verdient.

„Ich habe eine neue Stelle. Auf dem Kontinent." Eine neue Stelle, bei der ich mir bis grade noch gar nicht sicher war, ob ich sie antrete. Doch jetzt reift dieser Entschluss, ganz ohne dass ich darüber nachdenke. Ich werde gehen. ‚Weg, weg', hallt es wieder in meinem Schädel.

„Oh." Auch seine Enttäuschung klingt deutlich. „Ich hatte gehofft …" Remus lässt den Satz unbeendet und ein bleiernes Schweigen senkt sich über uns. Ich fühle mich schlecht, weil er einen Freund so nötig zu haben scheint. Aber momentan habe ich nicht genug Kraft, uns beide zu tragen. Ich bin mir nicht mal sicher, ob sie für mich allein reicht.

„Ich muss dann auch wieder."

„Hmmm", ist alles, was er dazu sagt, sein Blick weicht meinem geschickt aus. „Dann alles Gute – Toni."

Ich nicke und wende mich um – doch im letzten Moment halte ich inne und schenke ihm ein kleines Lächeln. Da gibt es noch etwas Letztes, das ich tun muss. Eine letzte Sache für Sirius.

„Moony?"

Er blickt doch noch auf. „Ja?"

„Versprich mir eines, ja? Pass gut auf Harry auf."

Er scheint einen Moment überrascht, dass ich den Jungen erwähne, doch dann nickt er. „Ich schwöre es."

Mein Lächeln vertieft sich eine Nuance und ich nicke. „Du bist bestimmt ein toller Lehrer." Mit diesen Worten verschwinde ich in der Dunkelheit.

- - - - -

Toni.

Remus schluckte gegen den dicken Kloß in seiner Kehle an, während er verzweifelt versuchte, den Wirrwarr aus Gedanken und Emotionen aufzulösen, in dem er sich gerade befand.

Toni Sinera.

Nach all den Jahren. Nach all der langen Zeit. Und noch immer schimmerte dieser schreckliche Schmerz, diese Betroffenheit in diesen ungewöhnlich blauen Augen, genauso intensiv und zu Herzen gehend wie an dem furchtbaren Tag vor zwölf Jahren, an dem die Auroren ihnen eröffnet hatten, was Sirius getan haben sollte ... getan hatte.

Toni, daran erinnerte er sich noch ganz deutlich, hatte damals mit Unglauben, Schmerz und Fassungslosigkeit reagiert. Hatte sich vehement geweigert, die Erkenntnisse der Auroren als Wahrheit zu akzeptieren. Selbst dann noch, als die Ermittlungen offiziell abgeschlossen gewesen waren und Barthemius Crouch sich im Tagespropheten lang und breit über den Fall ausgelassen hatte. Und dabei die Brust mit dem neuen, glänzenden Orden daran stolz herausgestreckt hatte...

Er selbst – und auch das war ihm noch gewärtig, als wäre es erst gestern gewesen – hatte zuerst mit Wut und Hass reagiert. Mit Zorn und Enttäuschung. Zumindest nach außen hin. Weil er sich den verworrenen Gefühlen, die in ihm getobt hatten, noch nicht gleich hatten stellen können ... der Qual, der Verzweiflung, den entsetzlichen Schuldgefühlen und Selbstzweifeln ... und als er es schließlich getan hatte, war er davongelaufen.

Fort von den Erinnerungen

Den quälenden Fragen.

Fort von allem, was ihn an den Verlust erinnert hat. Sogar von Josie ...

Die Fragen und Erinnerungen waren ihm allerdings gefolgt. Sie waren, genau wie der Wolf, seine Begleiter geworden, verhasst, aber allgegenwärtig. Verloren ... verloren hatte er stattdessen den Teil seines Lebens, der es lebenswert gemacht hatte.

Remus schluckte gegen den harten, ihm die Luft abschnürenden Kloß in seiner Kehle an, blickte Tonis schlanker, sich hastig entfernender Gestalt nach und spürte, wie all die alten Emotionen wieder in ihm aufstiegen. Der alte Schmerz. Die alten Fragen.

Was war nur mit ihnen passiert?

Warum redeten sie miteinander wie ... Fremde?

Und wie kam es, dass die Begegnung mit einem Menschen, mit dem man fünf Jahre lang im gleichen Raum geschlafen hatte, mit dem man immer eine innige Verbundenheit verspürt hatte, plötzlich einen schalen, bitteren Nachgeschmack hinterließ? Ein hohles, wundes Gefühl der Leere ...

Und dabei hatte er sich so über dieses unerwartete Zusammentreffen gefreut! Noch immer pulsierte der Nachhall des freudigen Schreckens in seinem Innern, der dem Erkennen gefolgt war. Toni Sinera. Ein vertrautes Gesicht. Eine vertraute Stimme. Ein Freund. Jemand, mit dem er reden konnte – endlich, nach zwölf Jahren des Schweigens und der Selbstvorwürfe. Und er hatte schon so lange das Gefühl, bersten zu müssen, wenn er weiter all diese Emotionen in sich verschloss, die mit seiner Rückkehr nach Hogwarts in ihm erwacht waren, all die Erinnerungen, all die Zweifel.

Aber vermutlich hatte ja genau diese Aussicht Toni in die Flucht geschlagen. Sie hatten schließlich schon vor zwölf Jahren nicht miteinander reden können. Hatten schon damals keine Worte gefunden, die das auszudrücken vermochten, was in ihnen vorging. Warum sollte es jetzt anders sein? Es stimmte nicht, dass die Zeit es einfacher machte. Im Gegenteil. Jetzt standen nicht nur all diese unausgesprochenen Dinge zwischen ihnen – jetzt trennten sie auch noch zwölf endlose, einsame Jahre.

Ein Drittel ihres Lebens.

Wahrscheinlich hatte Toni ja Recht. Man konnte eine solche Kluft nicht einfach so überschreiten. Die Erkenntnis wie sehr man sich voneinander entfernt hatte, die unweigerlich erfolgen musste, wenn man es versuchte, würde alles vermutlich nur noch schlimmer, noch schmerzhafter machen. Noch schwerer zu ertragen.

Und davon konnte er doch ein Lied singen, nicht wahr?

Er war so naiv gewesen. So schrecklich naiv. Anders konnte er es beim besten Willen nicht nennen. Er war am ersten September tatsächlich mit der Vorstellung aus dem Hogwarts-Express gestiegen, dass seine schmerzlichste Erfahrung an seiner neuen Arbeitsstelle das häufige Zusammentreffen mit James' und Lilys Sohn sein würde. Dass das Zusammensein mit Harry in ihm all die Dinge erwecken könnte, die er so lange so tief in sich vergraben hatte.

Nun, das war auch nicht einfach. Den Jungen jeden Tag zu sehen, zu erleben, wie ähnlich er seinen Eltern war ... sich daran zu erinnern, wie er ihn als Baby im Arm gehalten hatte ... Aber es war noch lange nicht alles.

Er hatte nicht mit den Emotionen gerechnet, die jeder vertraute Raum, jedes bekannte Geräusch innerhalb der Schlossmauern in ihm auslösen würde. Er hatte nicht damit gerechnet, ständig diese Bilder vor Augen zu haben. Die Erinnerungen an längst vergangene, glücklichere Zeiten.

James, wie er mit diesem sehnsüchtigen Ausdruck im Gesicht hinter der betont desinteressiert vorbeirauschenden Lily herblickte – und augenblicklich dieses siegessichere, arrogante Gesicht aufsetzte und sich das Haar verwuschelte, sobald ihr Blick ihn streifte.

Peter, der ihm wie ein Hündchen hinterher lief, um ein Zipfelchen der Aufmerksamkeit zu erhaschen, die seinem Freund aufgrund seines guten Aussehens und seiner Fähigkeiten beim Quidditch entgegen gebracht wurden.

Sirius ... ja verdammt! ... Sirius. Das verschmitzte Grinsen, wenn er mal wieder etwas ausgeheckt hatte, von dem er – Remus – mit hundertprozentiger Sicherheit wusste, dass es sie in Schwierigkeiten bringen würde. Und an dem er sich letztendlich doch beteiligte...

Toni, die blauen Augen nachdenklich zusammengekniffen, die immer wieder zum Slytherin-Tisch hinüberwanderten und dort regelmäßig mit diesem intensiven, forschenden Blick auf Rabecca Magnifor verharrten.

Und Josie. Ihr strahlendes Lächeln über den Tisch hinweg. Die Art, wie sie ihm gelegentlich mit weicher Hand eine vorwitzige Haarsträhne aus dem Gesicht strich. Ihr warmer, süßer Atem, der seine Wange streifte, wenn sie die Köpfe über einem Buch zusammengesteckt hatten, ihre weichen, süßen Lippen, wie sie unter seinen nachgaben, sich öffneten, ihn willkommen hießen, während ihre Hände sich in seinem Haar vergruben und ihr kleiner, zierlicher Körper sich an ihn schmiegte ...

Mit einem Geräusch, das fast an ein ersticktes Schluchzen erinnerte, lehnte er sich gegen die Mauer, die bis eben noch Toni Halt gegeben hatte, während seine Schritte ihn während seines nächtlichen Spazierganges zielsicher hierher geführt hatten.

Zurück in die Vergangenheit.

Zurück in eine Zeit, als er noch gelebt hatte, als er noch geliebt hatte.

An den Ort, an dem er Josie das erste Mal geküsst hatte ...

- - - - -

Mai 1976

Was hatte ihn nur geritten, heute mit nach Hogsmeade zu kommen? An einem Tag nach Vollmond?

Remus biss die Zähne zusammen und zog die Manschetten seines Hemdes noch etwas tiefer, um den Verband an seinem Unterarm zu verbergen. Die Wunde, die er sich während der Transformation in der letzten Nacht selbst zugefügt hatte, bevor Prongs und Padfoot Schlimmeres verhindern konnten, brannte wie Feuer und laut Madam Pomfrey würde es auch noch ein paar Tage dauern, bis sie abgeheilt war. Also saß er hier – in der brütenden Hitze des sonnigen Maitages – und trug als einziger ein langärmeliges Hemd. Und die Blicke einiger Mitschüler, die ebenfalls in den ‚Drei Besen' eingekehrt waren, zeigten deutlich, dass sie ihn für vollkommen übergeschnappt hielten.

Er hätte sich von Sirius nicht bequatschen lassen sollen! Dann könnte er jetzt in der kühlen Bibliothek sitzen und in aller Ruhe die Hausaufgabe für „Geschichte der Zauberei" erledigen. DIE Hausaufgabe, die ebenjener Sirius ihm ohnehin abschwatzen würde, um sie abzuschreiben ...

Stattdessen hockte er also hier, hinter einer eisgekühlten Kürbislimonade, schwitzte, und schaffte es zu allem Überfluss kaum, der Unterhaltung seiner Freunde zu folgen, weil seine Aufmerksamkeit immer wieder von den kichernden Mädchen am Nebentisch gefesselt wurde.

Ach verdammt, wem wollte er etwas vormachen? Nicht DEN Mädchen! EINEM Mädchen ...

„Hey, Moony! Bist du noch bei uns?" Sirius wedelte mit der Hand vor seinem Gesicht herum und Remus riss den Blick von Josies lächelndem Gesicht los, um den Freund anzusehen. Und wünschte gleich darauf, dass er es nicht getan hätte. Auf dieses wissende Grinsen konnte er gut verzichten!

„Moony-Loony! Rieche ich hier etwa übersprudelnde Hormone?"

James kicherte belustigt.

Peter blickte verständnislos von einem zum anderen. „Häh?"

„Merlin, Wormtail!" In gespielter Verzweiflung schüttelte Sirius den Kopf. „Selbst du solltest mitbekommen haben, dass unser Moony gerade auf Wolke 28 schwebt. Er ist verknallt! In Grant!"

Heiße Röte stieg Remus in die Wangen und er bemühte sich, Sirius einen warnenden Blick zuzuwerfen. Doch dieser ignorierte ihn völlig. Er lief eher zu Höchstform auf.

„Josie und Remus sitzen auf dem Baum und K – Ü – S – S – E – N sich! Erst kommt die Liebe, dann kommen die …" Weiter kam er nicht, das Remus einen Satz über den Tisch gemacht hatte und Pads unter seinem eigenen Umhang begrub. Alles was sein Freund noch von sich geben konnte war gedämpftes Gelächter. Und Remus bekam zusätzliches Herzklopfen, weil Josie ausgerechnet jetzt zu ihnen hinüber sah und ihn anlächelte.

„Lass ihn in Ruhe, Pads!" James schien Mitleid zu haben – kein Wunder, hatte er sich doch über Jahre hinweg genau in derselben Lage befunden, in der Remus jetzt war. Allerdings hatte Sirius da auch nur selten Erbarmen gekannt...

„Ich frage mich immer wieder, warum sich überhaupt irgendwelche Mädchen mit dir abgeben, Sirius." Remus schüttelte verständnislos den Kopf, während er sich wieder auf seinen Stuhl fallen ließ. „An deinem Takt und deinem Einfühlungsvermögen kann es jedenfalls nicht liegen."

„Nein, nur an meiner außergewöhnlichen Attraktivität." Mit einer eleganten Bewegung warf der Angesprochene sein Haar zurück und bedachte den Tisch neben der Tür, an dem ein paar Ravenclaw-Mädchen Platz genommen hatten, mit einem Lächeln, das mindestens drei der dort Sitzenden erwartungsvoll seufzen ließ. „Die sind alle nur wahnsinnig scharf auf meinen Körper!"

„Was sicher eine Menge über sie aussagt." Remus zuckte die Achseln.

„Na und? Solange beide Seiten ihren Spaß an diesem Arrangement haben ..."

„Nun, ich würde mehr wollen. Ich wäre nicht auf der Suche nach EINER Frau. Ich wäre auf der Suche nach DER Frau." Remus' sehnsüchtiger Blick war wieder zum Nachbartisch gewandert. „DER Frau", bemerkte er leise – mehr zu sich selbst, als zu seinen Freunden – „die auch dann noch zu mir hält, wenn sie ALLES über mich erfährt ..."

Einen Moment lang herrschte betretenes Schweigen am Tisch und sogar Sirius' Gesicht war ernst geworden.

„Und du glaubst, dass Grant diese Frau sein könnte?" Auch James blickte jetzt zum Mädchentisch hinüber. „Hast du schon ... weiß sie es denn?"

Die Antwort war ein leichtes Kopfschütteln, bevor Remus flüsterte: „Josie ist wirklich ... besonders. Aber ich kann nicht ... Was, wenn sie so reagiert wie alle anderen? Wenn sie Angst vor mir bekommt ...?"

„Das könnte passieren, ja." Sirius lehnte sich vor und blickte seinem Freund ernst in die silbrigen Augen. „Es könnte aber ebenso gut sein, dass sie genau die Frau ist, die du suchst. Wie willst du das herausfinden, wenn du dich nicht traust, mit ihr zu reden, Moony? Bevor sie dir – und dem Wolf – eine Chance geben kann, musst du ihr doch erst einmal eine Chance geben, sich bewusst für dich zu entscheiden."

Er ließ seine Worte einen Augenblick lang einsinken. Dann – als er im Gesicht des Freundes nach scheinbar endlosem Zögern endlich den entschlossenen Ausdruck sah, den er erhofft hatte, hob er die Hand und nickte Madame Rosmerta zu. „Remus möchte gern zahlen!"

„Jetzt schon?" Peter warf einen Blick auf die Uhr über der Bar, bevor er Remus verblüfft ansah. „Aber es ist doch noch früh! Wir müssen doch noch nicht zurück ..."

„WIR nicht, du Knallkopf!" Sirius verpasste ihm scherzhaft eine Kopfnuss. „MOONY zahlt. Und dann wird er ein gewisses Mädchen zu einem Spaziergang einladen." Seine funkelnden. braunen Augen zwinkerten Remus über den Tisch hinweg neckend an.

„Enttäusch' mich nicht, Sohn. Du hast die Marauderehre hoch zu halten!"

- - - - -

Er hatte es vergessen!

Erschüttert starrte Remus mit leerem Blick in die Dunkelheit. Seine Hände krampften sich in die Falten seines Umhanges, ballten sich um den abgewetzten Stoff zu harten Fäusten, im verzweifelten Bemühen, die Tränen zu unterdrücken, die ihm bei der Erinnerung in die Augen schossen.

Tatsächlich. Er hatte allen Ernstes vergessen, dass es Sirius gewesen war, der ihn dazu ermuntert hatte, diesen Spaziergang mit Josie zu machen. Dass es Sirius gewesen war, der ihn dazu ermuntert hatte, ihr von dem Wolf zu erzählen. Von seinen Gefühlen. Von seinen Ängsten.

Der ihm geraten hatte, ihr die Wahl zu lassen.

Dass es Sirius gewesen war, der tatsächlich Recht behalten hatte. Josie hatte sich für ihn entschieden. Trotz der Lycantrophie.

Wie hatte er das alles nur vergessen können? Wie hatte er zulassen können, dass dieser heiße Maitag am Ende seines sechsten Schuljahres in seinem Bewusstsein einfach nach hinten rutschte, tiefer und tiefer unter anderen, viel unangenehmeren Erinnerungen begraben wurde, bis es irgendwann so war, als hätte es ihn nie gegeben?

Als hätte es nie diesen süßen, wundervollen Moment gegeben, in dem Josie ihm – genau hier an dieser Mauer – ihre Hände um seinen Nacken gelegt hatte.

In dem sie zu ihm auf gelächelt hatte.

In dem er ihr das inbrünstige „Na endlich! Ich dachte schon, du würdest mich nie fragen!" von den Lippen geküsst hatte ...

Ohne Sirius hätte er vermutlich nie den Mut gefunden. Und was immer später auch passiert sein mochte, was immer in den folgenden Jahren auch vorgefallen war – damals war Sirius Black sein Freund gewesen. Der beste Freund, den man sich wünschen konnte.

Die Erkenntnis tröstete im gleichen Augenblick, in dem sie auch alte Wunden wieder aufriss und alten Schmerz zu neuem Leben erweckte. Alte Fragen wieder aufwarf. Und als Remus sich langsam abwandte und mit müden Schritten dem Weg nach Hogwarts folgte, wusste er nur eines mit absoluter Sicherheit; Sirius Black war sein Freund gewesen.

Und so sehr er es sich manchmal wünschte, und sei es auch nur für kurze Zeit, um den Schmerz, die Schuldgefühle und die Selbstzweifel zu vertreiben, er konnte ihn nicht hassen.

Und damit würde er leben müssen...

- - - - -

Londoner Flughafen, Ende November 1994

Es gibt Menschen, die mich vermutlich als Feigling bezeichnen. Und mit größter Wahrscheinlichkeit haben diese Leute sogar Recht. Toni Sinera ist nie jemand gewesen, der sich Problemen gestellt hat, sondern immer den leichteren Weg gegangen ist. So wie auch jetzt.

Mein Koffer steht gepackt neben mir und ich warte auf meinen Flug, der mich hinüber in die Staaten bringen wird, damit ich dort meinen neuen Job als Fluchbrecher annehmen kann. Ein Job, der mir nichts bedeutet, außer vielleicht Rettung vor zu vielen Erinnerungen. Aber wenn dem so ist, dann versagt er dabei kläglich. Denn mir schwirrt der Kopf vor lauter Erinnerungen. Selbst bei dem Anblick der riesigen Flugzeuge auf den Landebahnen habe ich mich erinnert. An James, der mir kopfschüttelnd erklärt, dass er sich nicht vorstellen könne, freiwillig in so eine Blechbüchse zu steigen, und er den eigenen Besen immer vorziehen würde.

Ich muss lächeln bei dieser Erinnerung. Als wir per Zufall damals an dem Muggelairport Heathrow vorbeikamen, hatte James Potter - der mutige Quidditch-Kaptain - ein Gesicht gemacht, als stünde er Auge in Auge einer Horde Hornschwänzen gegenüber. Der Krach und die Größe waren zuviel für ihn. Sirius hat ihn den Rest der Woche damit aufgezogen.

Sirius…

Der freche, immer zu Späßen aufgelegte Sirius. Ich habe mir lange verboten so an ihn zu denken, weil ich es als Verrat an Lily und James empfunden hätte, wenn ich mich positiv an ihn erinnere. Doch jetzt ist es fast so, als würde er direkt neben mir stehen und mich mit diesem unverwechselbaren Lächeln anstrahlen. Ob er jemals wieder so sein wird? Ob dieser Mann, den ich heute Abend gefunden habe, jemals wieder lachen kann?

Und Remus!

Wie wird es ihm ergehen? Wird er jemals erfahren, dass sein Freund, zu dem er aufgesehen hat, unschuldig ist? Oder wird er weiter existieren mit diesem falschen Bild, mit diesem Schmerz tief in ihm, sich in einem so wichtigen Menschen getäuscht zu haben?

Hätte ich es ihm sagen sollen?

Ich seufze leise, werde jedoch von einem der Service-Mitarbeiter aus meinen Gedanken geholt. Er lächelt unverbindlich und weist dann zur Gangway.

„Ihr Flug wurde gerade aufgerufen, Miss."