2.5 Hunger

Wieder einmal muss sich Zevran in seiner Kräutersammlung bedienen, um die kommenden Tage durchzuhalten. Er entscheidet sich für Ephidra, denn das half ihm auch gegen den Hunger. Hunger - das ärgerte ihn. Wollte er doch endlich mal etwas zunehmen, stattdessen wurde er hier noch dünner. Zwar bekam er regelmäßig seine Mahlzeiten, aber die waren kärglich, wie die Mahlzeiten eines Küchenjungen eben aussahen. Seine Arbeit erforderte deutlich mehr Energie, als die wenigen Stücke Brot ihm geben konnten.

Beim Servieren des Mittagessens konnte er ein Magenknurren nicht verhindern, und konnte nur hoffen, dass es niemand von den Herrschaften bemerkt hat. Die Tochter, Signorina Martha, bestellte sich einen Nachschlag. Das war nicht ungewöhnlich und Zevran eilte, um ihren Wünschen nachzukommen. Als er ihr das Essen mit einer Verbeugung servierte, hob die Tochter den Kopf und schaute ihre Eltern an, räusperte sich verlegen:

"Vater, Mutter, ich würde gern in meinem Zimmer zu Ende essen. Wenn Ihr erlaubt..."

Der Vater schaute überrascht, die Mutter fragend. Als sie die Augen ihrer Tochter sah, glaubte sie zu verstehen, lächelte ihren Mann an und legte eine Hand auf seinen Unterarm.

"Geliebter Gatte, was macht das schon. Erfüllen wir ihr diesen bescheidenen Wunsch, Sie ist so ein liebes Mädchen."

Der Vater brummte kurz, nickte dann aber. Die Tochter drehte sich zu Zevran um: "Bring mir das Essen doch bitte auf mein Zimmer."

Zevran verbeugte sich "Ganz zu Ihren Wünsche, Signorina" und folgte dem Mädchen den Gang hinunter.

Das Mädchen schloss die Tür hinter sich und wies auf den Tisch in der linken Zimmerecke. Es war ein kleiner, runder Tisch aus dunklem Holz mit vier zierlichen Stühlen, in der Mitte stand eine Vase mit Magnolien. Er stellte den Teller auf den Tisch, trat zurück und verbeugte sich in ihre Richtung. Sie aber schüttelte den Kopf, ihr rosiges Gesicht wurde ganz und gar rot:

"Nein," sagte sie leise, "das ist für dich. Du hast Hunger, nicht wahr?"

Zevran schaute sie ungläubig an "Für mich?"

Sie nickte.

Er lächelte sie freundlich an, verbeugte sich "Oh, vielen Dank." Dann aß er die üppige Mahlzeit, bemüht, nicht zu sehr zu schlingen. Es schmeckte so gut.

Das Mädchen war mit langsamen Schritten näher gekommen und blieb hinter ihm stehen. Schüchtern streckte sie die rechte Hand aus und berührte sein Haar. Zevran drehte sich um und schaute in ein verlegenes, knallrotes Gesicht. Er lächelte:

"Das war angenehm, Signorina."

"Es... hat nicht gestört?"

Zevran lachte leise: "Aber warum sollte es mich denn stören, wenn ein so bezauberndes Mädchen meine Haare berührt?"

Martha schaute zu Boden. Ihre Verlegenheit hatte etwas Rührendes an sich. Zevran stand auf und nahm die rechte Hand des Mädchens in seine linke, und begann, ihre Handinnenseite sanft mit seinem Daumen zu streicheln. Das Mädchen hob die kleinen, hellblauen Augen und schaute ungläubig in Zevrans lächelndes Gesicht.

"Ich bin nicht bezaubernd" flüsterte sie.

"Aber wer behauptet denn so etwas?" antwortete Zevran lächelnd, genauso leise. Er ließ die Hand des Mädchens nicht los, seine andere Hand legte er unter ihr doppeltes Kinn und streichelte mit dem Daumen über ihre heiße, rote Wange. Dann seufzte er:

"Ich muss in die Küche zurück. Die Köchin frisst mich auf, wenn ich nicht bald da bin."

Das Mädchen löste sich aus seiner Berührung, ging mit forschen Schritten zu ihrem Bett und läuterte die Glocke, die am Kopfende an der Wand hing. Sabine erschien im Türrahmen und knickste "Mademoiselle?"

"Sabine, gib doch bitte in der Küche Bescheid, dass ich den Küchenjungen heute Nachmittag als Hilfe benötige."

"Sehr wohl, Mademoiselle." Sabine knickste erneut und verschwand. Martha drehte sich zu Zevran um und lächelte ihn an "Du hast noch gar nicht aufgegessen."