Kapitel: Der Tag des Grauens

Und dann war er da, der Tag des Grauens. Heute sollte es passieren. Ich war fest davon überzeugt, dass Edward mich schützen konnte. Er hatte mir mehrmals versichert, dass er alles in seiner Macht stehende tun würde und ich vertraute ihm.

Ich hatte nicht gut geschlafen. Weitere Alpträume hatten mich heimgesucht und zu allem Überfluss fiel ich heute morgen aus dem Bett, als der Wecker mich aus meinem eben erst begonnenen Schlaf riss.

Edward war nicht da, er war vermutlich kurz nach Hause gegangen, um den Wagen zu holen.

Beim aus dem Bett fallen war ich mich dem Handgelenk an eine scharfe Kante meines Weckers gekommen und hatte mich geschnitten. Es hatte gebrannt und geblutet – es war fürchterlich. Am am schlimmsten war, dass ich kurz ohnmächtig geworden war, weil ich den Geruch von Blut nicht ertragen konnte. Jetzt bemühte ich mich um Eile – in 5 Minuten würde Edward vor der Tür stehen.

So schnell es ging putzte ich mir die Zähne und zog mich an. Meinen Ranzen packte ich auch noch schnell, und dann klingelte es bereits an der Tür. Ich stürmte hinunter und zog meine Jacke und die Schuhe an – für Frühstück hatte ich keine Zeit, auch wenn das, dass wusste ich aus Erfahrung, ein Fehler war. Erst zum Mittag würde ich was zu Essen bekommen und wenn ich bis dahin nicht zusammengebrochen war, würde es mich wundern. Ich hatte ja das letzte gestern Mittag gegessen. Seufzend schulterte ich meinen Ranzen und ging hinaus. Edward lehnte an seinem Volvo, doch er spannte sich an als er mich sah.
Was war mit ihm los?

„Guten Morgen.", sagte ich.

„Guten Morgen.", erwiderte er. „Geht es dir gut?"

„Mmh.", meinte ich und bemühte mich, ruhig zu klingen. Doch es klang eher nervös. Und das war ich auch. Außerdem fror ich leicht.

„Du hast Schweiß auf der Stirn.", stellte er fest und nahm mich in die Arme.

„Ja, ich … ich bin vorhin kurz ohnmächtig geworden." Es würde nichts bringen, es ihm zu verheimlichen.

„Und das sagst du mir erst jetzt? Warum hast du mich nicht angerufen? Ich wäre doch sofort gekommen! Ist wirklich alles in Ordnung mit dir, hast du dir weh getan?", erkundigte er sich besorgt und fasste mich an beiden Schultern. Edward sah mir tief in die Augen.

Mein Gott, Edward, dachte ich, deine Augen machen es auch nicht gerade besser!

„Na ja,", sagte ich. „Ich hab mich ein bisschen am Handgelenk verletzt. Ist aber nicht so schlimm, wirklich." Ich senkte den Blick, um nicht nochmal ohnmächtig zu werden.

Edward lockerte den Griff ein wenig.

Er wollte mir nicht glauben. „Zeig mal."

Mit diesen Worten nahm er meine Hand und betrachtete sie. Prüfend zogen sich seine Augenbrauen zusammen und er fuhr vorsichtig mit dem Daumen über den Schorf, der sich an der Stelle gebildet hatte.

Dann seufzte er. „Sei bitte vorsichtig, ja?"

„Ich bemüh mich.", versprach ich ihm.

Edward gab mir einen kurzen Kuss, dann schob er mich in das Innere des Volvos.

So schnell wie er eingestiegen war, konnte ich gar nicht gucken. Doch 1 Minute später startete er den Wagen und fuhr los.

„Ist irgendwas mit dir?", fragte ich, weil er nichts sagte und einfach nur starr auf die Fahrbahn schaute.

„Mmh, ja, Alice hatte noch eine Vision. Sie hat sie mir per Telefon mitgeteilt. Sie sind schon in der Nacht losgefahren, um so lange wie möglich jagen zu können.", gab er zu.

„Was hat sie gesehen?", flüsterte ich. Gespannt sah ich ihn an. Was, wenn sie noch etwas schlimmes gesehen hatte, weshalb mich Edward nicht schützen konnte?

„Sie hat gesehen, dass du einen Schwächeanfall bekommst." Besorgt griff er nach meiner Hand und hielt sie.

Ich seufzte. Soviel wusste ich auch.

„Ja, dass ist mir klar.", meinte ich.

Er sah mich erschrocken an. „Das ist dir klar! Das ist dir klar! Was hast du denn verdammt nochmal gemacht?"

Ich zuckte zurück. Ein Schauer lief mir über den Rücken als ein gewaltsamer Blick mich traf, obwohl er mich natürlich nicht absichtlich so ansah.

„Ich habe kein Frühstück gegessen, weil ich wegen dem Ohnmachtsanfall so spät dran war.", gestand ich. „Und wenn ich lange nichts esse und trinke – das letzte habe ich gestern Mittag zu mir genommen und ich weiß nicht, wann ich das letzte getrunken habe – breche ich zusammen. Es ist einfach so. Ich weiß auch nicht warum, nur, dass es so ist." Flehend traf mein Blick den seinen und seine geweiteten Augen zogen sich ein wenig zusammen und wurden ganz sanft.
„Dann werde ich dafür sorgen, dass du was zu essen bekommst.", setzte er sich in den Kopf und fuhr auf den Parkplatz der Forks High School. Er parkte und sah mich an.
„Bist du soweit?"

„Ich denke schon." Entschlossen nahm ich meinen Ranzen und wir stiegen aus. Einen Arm um meine Hüfte liegend brachte Edward mich zu meinem Englischunterricht. Und das nicht unbeobachtet. Alle sahen uns an, wirklich alle. Aus den Augenwinkeln sah ich, dass Jessica eifersüchtig guckte und Angela vor Ungläubigkeit fast den Boden unter den Füßen verlor. Glücklich lächelte ich. Mein Edward, meiner alleine.

„So.", meinte Edward und schob mich ins Klassenzimmer. „Wir sehen uns in der Mittagspause."

Ich nickte.

„Du schaffst das.", fügte er ermutigend hinzu. Und dann ging er, nicht ohne sich noch einmal nach mir umzudrehen.

Jetzt bist du allein. Das musste ich einfach denken, obwohl es nicht so ganz stimmte. Edwards Körper hatte mich zwar verlassen, aber sein Herz war bei mir geblieben.

Ich schüttelte mich kurz, um mir in Erinnerung zu rufen, wo ich mich befand und dann setzte ich mich auf meinen Platz. Ich packte mein Schulzeug aus, als auch Mike schon angelaufen kam und sich neben mich setzte.

„Hallo.", sagte ich.
„Hallo. Bist du jetzt mit Cullen zusammen oder was?", fragte er.

Innerlich schrie ich auf. Ja, verdammt. Ich weiß, dass dir das nicht passt, aber das interessiert mich nicht. Ich will einfach nur glücklich sein, okay? Und diese Glück kann nur Edward mir geben!

„Ja, was dagegen?", erwiderte ich schnippisch.

„Na ja, es geht mich ja nichts an, aber ich traue ihm nicht wirklich. Zwingt er dich zu irgendwas?"

Ich brach in ein Lachen aus. Edward und mich zu etwas zwingen?

Statt mich aufzuregen, was soundso nichts bringen würde, sagte ich: „Du hast Recht – es geht dich wirklich nichts an."

Damit war die Unterhaltung beendet.

Englisch, Mathe, Politik und Spanisch war eine reine Folter – jeder meiner Banknachbaren fragte mich nach Edward. Außerdem wurde ich von Stunde zu Stunde schwächer – oder erschöpfter. Ich konnte mich kaum noch konzentrieren und bekam nichts auf die Reihe.

Als es endlich zur Mittagspause klingelte sprang ich so schnell auf, dass ich damit hätte Edward Konkurrenz machen können. Zumindest, wenn er unter Menschen verweilte. Ohne mich umzudrehen lief ich in die Cafeteria, wo Edward an einem separaten Tisch auf mich wartete. Er lächelte mir zu. Ich lächelte zurück und begab mich zu ihm. Vor ihm stand ein Tablett mit Essen – 100%ig für mich. Und ich hatte Essen auch dringend nötig. Ich konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Auf den letzten zwei Metern zu ihm stolperte ich über die Tasche eines Schülers und Edward musste mich auffangen.

„Alles okay?", fragte er, nachdem er mich sicher zu meinem Platz gebracht hatte.

„Ja. Danke.", schnaufte ich.

„Schon gut.", meinte er. „Sag mir lieber, wie du die Stunden verbracht hast."

„Gar nicht am Besten." Ich begann zu essen.

Er runzelte die Stirn und wartete auf mehr.

Ich kaute, schluckte und meinte: „Jeder hat mich nach dir gefragt und außerdem habe ich nichts, aber auch nichts, auf die Reihe bekommen. Und jetzt lass mich bitte essen. Ich habe einen Bärenhunger. Oder soll ich zusammenklappen?"

„Nein, natürlich nicht. Iss nur."

Vorsichtshalber sah ich ihn noch einmal an, bevor ich weiteraß, um sicherzugehen, dass er nicht sauer war oder so. Aber er war nicht sauer, es sah nicht danach aus.

Edward ließ mich in Ruhe essen und wir gingen dann eng aneinander geschmiegt zu Biologie. Auch wenn ich jetzt zum Glück was im Magen hatte, und auch was getrunken hatte, war mein Gleichgewicht nicht vollständig hergestellt. Deshalb hielt er mich lieber im Arm.

Bio verging viel zu schnell. Edward brachte mich noch zu Sport.

„Viel Glück.", meinte er und nickte Richtung Sporthalle.

„Danke. Werd ich brauchen." Ich kuschelte mich an seine Marmorbrust.

Nach kurzer Zeit löste Edward unsere Umarmung.

„Pass auf dich auf.", sagte er.

„Mach ich.", versprach ich ihm.

Dann ging er zu Spanisch und ich in die Turnhalle, um mich umzuziehen.

Sport war die Hölle.

Wir machten Bockspringen. Ich stöhnte. Niemand wusste so gut wie ich selbst, was Bockspringen für mich bedeutete – ein Unglück. Auch wenn ich hoffte, dass alles gut ging, lag ich damit natürlich falsch.

Als beim 2. Durchgang mich der Teufel immer noch nicht gepackt hatte, wunderte ich mich schon sehr. Doch kaum hatte ich daran gedacht, als ich bei meinem nächsten Sprung natürlich die Ehre hatte, dass dieses blöde Sprungbrett unter meinen Füßen wegrutschte und ich geradewegs mit der Nase auf den Bock knallte. Die Folge war eine blutige Nase, weshalb ich ohnmächtig wurde, da ich ja kein Blut riechen konnte. Als ich wieder aufwachte, war ich im Krankenzimmer der Forks High School. Edward war bei mir und saß besorgt neben mir.

„Edward.", flüsterte ich.

„Ja, Bella, ich bin hier." Beruhigend drückte er meine Hand.

„Es tut mir Leid.", entschuldigte ich mich, als ich seine schwarzen Augen sah. Offenbar hatte er mein Blut gerochen. Ich mochte mir nicht vorstellen, wie er mit sich gerungen hatte.

„Schon gut.", besänftigte er mich. „Ich bin nur froh, dass du wach bist."

„Ja, ich auch. Ich bin froh, dass du bei mir bist.", sagte ich.

„Ich bleibe auch bei dir." Mit diesen Worten drückte er mich kurz und sanft in seine Arme. Doch dann kam die Schwester herein und Edward ließ mich los.

„Du bist wach, Isabella.", sagte sie. „Wie geht es dir?"

„Ganz gut.", meinte ich. Ich wollte hier raus, so schnell wie möglich. Es roch hier unangenehm nach Desinfektionsmittel.

Sie beäugte mich misstrauisch.

„Na ja,", fügte ich hinzu. „Ich bin noch ein bisschen erschöpft. Aber das geht schon."

Ms. Hammond, so hieß die Schwester, kam zu mir und maß meinen Blutdruck, dann sagte sie:„Wenn es dir wirklich gut geht, dann kannst du jetzt nach Hause gehen."

„Okay.", meinte ich und Edward half mir beim Aufstehen. Er brachte mich zum Wagen und sagte, als wir bereits bei mir Zuhause angekommen waren: „Tyler und Connor hatten heute in der Schule schon ziemlich heftige Gedanken. Ich möchte, dass du auf deinem Zimmer bleibst, wenn sie kommen. Ich kümmere mich darum."

Ich nickte. „Aber du wirst sie doch nicht umbringen, oder?"

Er schnaubte. „Würde ich gerne, aber das würde zu viel Aufsehen erregen. Nein, ich habe was anderes vor."

Ich sah ihn ängstlich an.

„Hab keine Angst. Dir wird nichts passieren."

Edward nahm mich auf die Arme und trug mich auf mein Zimmer. Er legte mich auf mein Bett und sah mich an. Dann lehnte er sich näher zu mir, doch er wich zurück, als unsere Lippen sich fast berührten.

„Edward, was … ?" Verwirrt sah ich ihn an.

„Tut mir Leid. Ich kann nicht. Mein Durst ist zu groß. Sobald das hier vorbei ist, geh ich jagen.", versprach er.

Ich nickte. „Ich versteh dich."

Niedergeschlagen seufzte er und senkte den Kopf.

„Du brauchst nicht traurig zu sein. Das ist okay. Und ich bin froh, dass du so handelst, als das du mein Leben riskierst.", versuchte ich ihn aufzumuntern.

„Ich würde dir nie wehtun.", sagte er.

„Ja.", mehr viel mir nicht ein. Ich sah auf die Uhr. 16:30 Uhr. Und dann hörten wir Stimmen vor dem Haus.

„Bella du bleibst hier.", wies Edward mich an. „Geh nicht ans Fenster und reagier auf nichts. Mach dir keine Sorgen, ich werde dich schützen."

Mit diesen Worten ging er zum Fenster und zog den Vorhang davor. Dann sah er mich noch einmal an, bevor er nach unten ging und das Haus verließ.