Kapitel 10: Reisegefährten

Roran hatte Mühe gehabt, in dieser Nacht ruhig oder überhaupt irgendwie zu schlafen. Der Tag war voller Schrecken und Rückschlägen gewesen. Der Moment, in dem der rote Drache angegriffen hatte, spielte sich immer wieder in seinem Kopf ab, egal ob er wach war oder schlief. Es war ein teuflisches Ungeheuer gewesen, das ihn aus leeren Augen angestarrt hatte. Noch nie zuvor war ihm so etwas begegnet und er legte auch keinen Wert darauf, diese Erfahrung zu wiederholen. Allerdings war er inzwischen zu der Erkenntnis gekommen, dass seine Aussichten in dieser Hinsicht nicht die besten waren. Er gehörte nun zu den Menschen, die das Böse regelrecht suchte, da war er sich sicher. Aber das alles beschäftigte ihn inzwischen nicht mehr halb so sehr, wie die Selbstvorwürfe, die seine Gedanken belagerten. Sicher, er hatte etwas tun müssen, um Katrina zu retten. Das verstand sich von selbst. Schließlich war sie nach allem, was passiert war, das Wichtigste in seinem Leben. Allerdings fragte er sich, ob es sein Recht gewesen war, Eragon in diese Angelegenheit hinein zu ziehen. Für ihn war es so selbstverständlich gewesen, dass ihnen die Befreiung gelingen würde. Schließlich war er selbst nicht gerade unerfahren was den Kampf anging und hatte mit Eragon einen Reiter und nicht zuletzt dessen Drachen an seiner Seite. Inzwischen dämmerte ihm allerdings, dass das recht kurzsichtig gewesen sein könnte. Hätte man nicht damit rechnen müssen, dass es eine Falle war? Mit dem Gedanken hatte Roran durchaus gespielt. Trotzdem hatte er die Gefahr schlicht unterschätzt. Mit dem roten Drachen und seinem Reiter hatte er nicht im Geringsten gerechnet und auch nicht damit, dass Katrina gar nicht mehr in den Händen der Ra'zac war. Das Ergebnis war nun, dass Eragon und Saphira wahrscheinlich schon in Urû'baen festsaßen und vermutlich unter Folter dazu gezwungen wurden, zukünftig Galbatorix zu dienen. Und trotz dieses hohen Preises hatten sie Katrina nicht befreien – nicht mal finden – können. Roran konnte sich des Gefühls nicht erwehren, dass das nicht unwesentlich seine Schuld war.

Die Sonne warf gerade ihre ersten Strahlen über die Landschaft, als er es schließlich aufgab, schlafen zu wollen. Es hatte einfach keinen Zweck. Nun stellte sich allerdings die Frage, wie er einen Reise bis zurück zu den brennenden Steppen oder gar nach Surda überstehen sollte. Arya und die Reiterin hatten sich um seine Wunden gekümmert, doch die Erschöpfung und den Schreck, die ihm immer noch tief in den Knochen steckten, hatte sie ihm nicht nehmen können. Außerdem war er sich nicht ganz sicher, ob er wirklich geheilt war. Sicher, da waren noch die Pferde. Aber auch auf denen musste man sich erst mal halten können.

Roran knurrte sich selbst an. Das war wirklich nicht der richtige Zeitpunkt um auch noch wehleidig zu werden. Er zuckte zusammen, als etwas seinen Arm berührte. Einer der beiden kleinen Drachen hatte ihn mit dem Kopf angestoßen. Nur mit Mühe konnte sich Roran den Impuls unterdrücken, aufzuspringen. Auch wenn er inzwischen gute Erfahrungen im Umgang mit Saphira gemacht hatte und ihm auch der große schwarze Drache der fremden Reiterin ganz vertrauenswürdig erscheinen war, konnte er sich noch nicht so recht mit diesen schuppigen Wesen abfinden. Und nun sollte er die Amme für zwei junge Drachen spielen. Der Gedanke missfiel ihm, auch wenn ihn das kleine Drachenmädchen noch so liebenswürdig ansah.

Lyda schmiegte sich eng an den jungen Mann und legte ihren Kopf auf seinen Beinen ab.

Sei unbesorgt, ertönte ihre sanfte, kindliche Stimme in seinem Kopf. Fraya und Arya werden bald zurückkehren. Und dann wird alles wieder gut werden.

Ihre großen Augen strahlten ihn an wie polierter Bernstein und bekräftigten ihre Worte so stark, dass Roran es fast geglaubt hätte.

„Ich weiß nicht, wie es da ist, wo du her kommst, aber hier ist Hoffnung oder gar Besserung Mangelware", entgegnete er mürrisch.

Lydas Blick wurde noch weicher und sie gab ein leises Surren von sich, das ein Gefühl in Roran auslöste, als würden tausenden von winzigen Insekten durch seinen Körper spazieren. Er wusste nicht genau, ob er es angenehm oder beängstigend finden sollte.

Meine Mutter sagt immer, selbst in den dunkelsten Stunden gibt es ein helles Licht. Und ich denke, wenn du nur willst, kannst du so ein Licht sein.

Verblüfft starrte Roran das Drachenmädchen an. Mehrere Gedanken auf einmal schossen ihm durch den Kopf. Zum Einen hatte die Kleine von ihrer Mutter gesprochen und das nicht wie von jemandem, der tot war. Es musste also mindestens noch einen weiteren Drachen irgendwo geben, vielleicht sogar noch mehr. Im Grunde konnte das doch nur ein gutes Zeichen sein, oder? Vielleicht konnten sie helfen. Aber vielleicht würde sie das Schicksal der Menschen in Alagaësia gar nicht interessieren, weil sie sich irgendwo verkrochen hatten und froh waren, noch am Leben zu sein. Möglicherweise gab es sie tatsächlich auch gar nicht und die beiden Jungen waren das Einzige, was von den wilden Drachen geblieben war. Mindestens genauso beschäftigte ihn aber Lydas eigentliche Aussage, dass sie ihn für ein Licht in diesen dunklen Zeiten hielt. Woher wollte sie das wissen? Woher hatte sie so viel Vertrauen in einen völlig fremden Menschen? Vielleicht spielte sie auch nur mit ihm. Man konnte nie wissen, was so ein Drache im Schilde führte. Die Vorstellung, dass er eine größere Rolle in diesem wahnsinnigen Krieg zu spielen hatte, war trotzdem abschreckend. Er hatte wohl oder übel einen großen Beitrag zum Überleben der Flüchtlinge aus Carvahall beitragen müssen und im Großen und Ganzen war das auch geglückt. Aber damit fühlte er sich am Rande seiner Kräfte, vor allem jetzt, da ihm Katrinas Rettung missglückt war.

Mürrisch rückte Roran ein Stück von Lyda weg und begann, das Gepäck und die Pferde für die Abreise vorzubereiten. Er wollte so schnell wie möglich außer Reichweite der Ra'zac kommen, hatte aber durchaus nicht vergessen, dass man ihm die Verantwortung für seine beiden Mitgefangen übertragen hatte. Lyda schmollte ein wenig, nachdem sich der Mensch ihrer Nähe entzogen hatte, legte sich dann aber gemütlich hin und wartete geduldig, was als nächstes geschehen würde.

Ein erschrockener Schrei riss Roran aus seinen Gedanken. Er zog eilig das Schwert, das er im Gepäck an den Pferden gefunden hatte, und drehte sich eilig in die Richtung um, aus der der Schrei gekommen war und versuchte das Bild zu verarbeiten, das sich ihm bot. Einer seiner beiden Leidensgenossen war aufgewacht und hatte den Oberkörper erhoben, sodass er sich mit den Armen abstützen konnte. Auf seinem Schoß hockte Lux und starrte ihn erwartungsvoll an. Die Augen des Mannes waren vor Schreck geweitet und er schien gegen den Fluchtinstinkt zu kämpfen, weil er es vermutlich klüger fand, sich erst mal nicht zu bewegen. Man konnte ja nie wissen, was das schuppige Ding da vor hatte. Sie sahen einander eine ganze Zeit nur schweigend an und bewegten keinen Muskel. Der Mann atmete heftig und seine Arme begannen irgendwann unter der Anspannung zu zittern.

„Du kannst dich wieder beruhigen", sprach ihn Roran schließlich an. „Er hat bisher noch nicht gebissen."

Einen Moment sah der Mann unsicher zu ihm herüber, richtete den Oberkörper dann aber gänzlich auf und streckte vorsichtig eine Hand nach Lux aus. Der junge Drache betrachtete ihn argwöhnisch und schnappte dann nach der Hand. Erschrocken zog der Mann sie wieder zurück.

Dummkopf, schimpfte Lyda. Du weißt doch, dass die Menschen hier keine Drachen gewohnt sind.

Lux warf ihr einen trotzigen Blick zu und wandte sich dann wieder seiner neusten Entdeckung zu.

„Ich glaube, er will nur spielen", versuchte Roran der Mann zu beruhigen.

Daraufhin schien er sich wieder ein Herz zu fassen und streckte noch einmal die Hand nach Lux aus. Diesmal hielt der Jungdrache still und ließ sich über den Kopf streichen.

„Unglaublich", entfuhr es dem Mann. „Das ist wirklich ein Drache, oder?"

„Ja, es sieht ganz so aus", stimmte Roran zu.

Er nahm etwas von dem, was vom Abendessen übrig geblieben war, ging zu dem immer noch etwas verwirrten Mann und reichte ihm die karge Mahlzeit.

„Danke", brummte der. „Mein Name ist Hagen und wie es aussieht verdanke wir deinen Freunden unser Leben."

Roran warf einen kurzen Blick auf seinen Begleiter, der immer noch schlief. Die beiden hätten unterschiedlicher nicht sein können. Hagen war groß gewachsen mit einem muskulösen Körperbau. Seine Jugendjahre hatte er schon eine Weile hinter sich gelassen, wirkte aber trotzdem noch kräftig und vital. Ein intelligenter wenn auch gerade etwas verunsicherter Ausdruck prägte sein kantiges Gesicht. Einige Narben zeugten davon, dass es das Leben bisher nicht besonders gut mit ihm gemeint hatte. Kurze, glatte, dunkelbraune Haare und die Bräune eines langen, sonnenreichen Sommers prägten sein Erscheinungsbild. Sein Kamerad hingegen war klein und schmächtig obwohl Roran ihm durchaus ein gewisses athletisches Geschick und Schnelligkeit zugetraut hätte. Der blonde Mann war nicht sehr viel älter als Roran, trug aber auch schon das eine oder andere Zeichen schwerer Zeiten am Körper. Auf seinem Kopf wucherten blonde Locken, zu denen seine eher blasse Hautfarbe passte.

„Roran", bekam Hagen zur Antwort. „Ich weiß nicht, ob man sie Freunde nennen kann. Ich kenne nur eine der beiden und das noch nicht lange. Aber sie sind in jedem Fall Verbündete. Was unser Leben angeht: Das ist erst gerettet, wenn wir irgendwo sind, wohin uns die Ra'zac nicht folgen können oder wollen."

Lux gab ein wütendes Knurren von sich und begann nach allen Seiten in die Luft zu schnappen.

Ich werde sie zerfetzen, tönte er so, dass beide Männer es hören konnten.

Aus dem Hintergrund erklang ein genervtes Schnaufen, während sich Hagen verwirrt umsah. Dann wanderte sein Blick wieder zu Lux und das Erstaunen stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Hat der Drache gerade gesprochen?", wollte er wissen.

„Ja, das tun sie offenbar alle", stimmte Roran zu.

Hagen wackelte anerkennend mit dem Kopf und stupste den jungen Drachen herausfordernd an. Lux fauchte empört und zuckte, als wollte er nach der Hand schnappen, die ihn unaufgefordert angefasst hatte.

„An Selbstbewusstsein fehlt es dir offenbar nicht, mein Kleiner", stellte der Mann mit einem breiter werdenden Grinsen fest.

Kleine Rauchwölkchen stiegen empor, während Lux empört die Zähne fletschte.

Ich bin nicht klein. Ich bin nur noch nicht groß.

Roran und Hagen sahen sich einen Moment fragend an. Dann konnten sich beide das Grinsen nicht mehr verkneifen. Er hatte zwar immer noch ein seltsames Gefühl bei der Sache, doch Roran beschloss, dass diese beiden Drachen – zumindest solange sie noch so klein waren – wohl nicht bösartig waren. Sie waren eher wie kleine Kinder, auf die man aufpassen und die man erziehen musste.

Ich wäre lieber schon größer, stellte Lux schließlich mit deutlicher Enttäuschung fest. Dann könntet ihr auf meinen Rücken steigen und ich könnte euch ganz schnell irgendwo hin fliegen, wo ihr sicher seid.

Wir, schob seine Schwester dazwischen.

Hagen erschrak erneut uns sah sich um. Den Anblick des Drachenmädchens ertrug er aber diesmal mit etwas mehr Fassung.

„Wie viele werden das noch?", fragte er vorsichtig.

„Erst mal nur die beiden", antwortete Roran und wusste nicht so recht, was er von der Situation halten sollte.

Ganz Unrecht hatte Lux nicht. Zwei ausgewachsene Drachen wären in diesem Moment sehr praktisch gewesen. Andererseits war er nach wie vor nicht begeistert davon, auf dem Rücken eines solchen Wesens zu fliegen. Die Luft war einfach nicht sein Element. Er wollte beide Beine auf dem Boden stehen haben und sie auch benutzen können, wenn Gefahr drohte.

„Deine Zeit wird kommen, Kleiner", meinte Hagen zu dem Drachen. „Die Frage ist nur, was wir bis dahin tun."

„Das Weite suchen, sobald dein Kamerad wieder wach ist. Ich werde dein Ratschlägen meiner Retter folgen und mich auf den Weg nach Surda machen. Dort dürfte es erst mal sicher sein. Das wird aber eine ganze Weile dauern. Aber ich sehe keinen anderen Weg. Wenn ihr nichts Besseres vorhabt, könnt ihr mich begleiten. Ich vermute, nachdem ihr fast Ra'zac-Futter geworden seid, habt ihr hier nicht mehr viel zu verlieren."

Hagen schüttelte nur den Kopf und warf einen Blick auf die drei Pferde, die sich offenbar immer noch nicht an die Anwesenheit der beiden jungen Drachen gewöhnt hatte und nervös wirkten.

Einige Minuten vergingen in Schweigen, während Hagen das angebotene Essen regelrecht verschlang. Auch wenn er im Grunde muskulös gebaut war, sah man ihm an, dass er nicht gerade im Überfluss gelebt hatte. Offenbar hatte man sich nicht die Mühe geben, den Ra'zac eine wohlgenährte Mahlzeit vorzusetzen oder sie hatten auf der Jagd keinen Wert darauf gelegt.

Die beiden Männer hatten sich gerade über eine Karte gebeugt, die ebenfalls im Gepäck gelegen hatte, als Hagens Begleiter aufwachte. Verwirrt sah er sich um und als sein Blick auf Lux und Lyda fiel, sprang er mit einem kräftigen Satz auf und sah sich nach etwas um, das sich als Waffe gebrauchen ließ. Panik stand ihm ins Gesicht geschrieben.

„Beruhige dich, Conrad", sprach Hagen ihn an. „Die Kleinen tun nichts. Setz sich und iss etwas. Wir sollten bald aufbrechen."

Einen Moment starrte ihn der jüngere Mann noch ungläubig an, dann setzte er sich wieder – in gebührendem Abstand zu den beiden Jungdrachen – und machte sich über das Essen her. Er hatte nicht weniger Hunger als sein Begleiter.

„Was hat euch in diese Lage gebracht?", wollte Roran inzwischen wissen.

Hagen verzog ein verärgertes Gesicht. Es war wohl keine angenehme Geschichte, aber das war auch nicht zu erwarten gewesen, wenn man bedachte, wo und in welcher Situation die beiden gelandet waren.

„Nun, grob gesagt ist es so gewesen, dass wir beide in die Armee eingezogen wurden. Dort haben wir uns kennengelernt. Wir sind schnell zu der Ansicht gekommen, dass wir das nicht mit unserem Gewissen vereinbaren können. Eine Weile haben wir unsere Bedenken noch runtergeschluckt. Schließlich verweigert man nicht einfach so den Kriegsdienst. Aber irgendwann haben wir beschlossen, die Armee zu verlassen, egal auf welchem Weg. Also sind wir desertiert. Viel Glück hatten wir nicht damit. Wir wurden wieder eingefangen und man hat beschlossen, uns zur Strafe nicht gleich zu töten sondern in die Sklaverei zu verkaufen – ausgerechnet hier hin, wo man die Sklaven an die Ra'zac verfüttert.", erklärte Hagen.

Roran gab ein zustimmendes Brummen von sich und beschloss für sich, dass das noch ein Grund mehr war, aus dieser Gegend zu verschwinden.

„Du bist dran", forderte schließlich Hagen.

„Später", lehnte Roran ab. „Erstmal sollten wir uns in Bewegung setzen."

Conrad hatte inzwischen seine Mahlzeit verschlungen und blickte etwas verstohlen zu den Pferden. Die drei Männer erhoben sich in schweigender Übereinkunft und räumten zusammen, was noch übrig war. Dann bestieg jeder ein Pferd. Die beiden jungen Drachen schwangen sich in die Luft und verkündeten, dass sie den Weg erkunden würden. Ihr Flug sah noch nicht annähernd so gekonnt wie der von Saphira aus, doch sie gaben sich alle Mühe und konnten sich offenbar in der Luft halten. Einen Späher vorauszuschicken konnte nicht schaden. Allerdings hatte Roran die Befürchtung, dass die beiden vielleicht entdeckt wurden und damit die ganze Reisegemeinschaft verraten könnten. Allerdings machte er sich nicht die Illusion, den beiden etwas vorschreiben zu können.