Anmerkung der Autorin:

Dieses Kapitel ist ein wenig anders als die vorherigen… ich hoffe es gefällt trotzdem!

13. Mai 1409

Endlich ist hier wieder etwas los! Ich meine, natürlich ist es nicht gut, dass die Samogiten in meinem Land einen Aufstand angefangen haben, aber endlich gibt es für mich wieder etwas zu tun! Bei den Problemen an unseren Grenzen mit den anderen Ländern hat man mich in der Armee weder wirklich gebraucht noch gewollt: Sie haben diese Probleme gut selbst im Griff, und Länder haben ohnehin andere Dinge zu tun als Grenzschutz. Aber jetzt? Jetzt führe ich meine Ritter wieder in die Schlacht!

Ha! Diese Samogiten wissen gar nicht, mit wem sie es hier zu tun haben - ich werde versuchen sie zu schonen.

Aber nicht nur die Samogiten werden ihr blaues Wunder erleben: ihren Brüdern in Litauen soll es nicht besser ergehen, nach all den Schmerzen die sie mir über die Jahre bereitet haben. Und Polen? Er weiß, dass er mich nicht für immer unter seinem Joch halten kann. Die Samogiten sind nicht die einzigen, die aufbegehren werden.

Der Hochmeister des Deutschen Ordens seufzte und schloss Preußens Tagebuch, das junge Land sah sein Staatsoberhaupt verschämt an. „Du hast schon wieder geprahlt, hm?" murmelte der Mensch, mehr zu sich selbst als zu Preußen. „Preußen, die Litauer haben beschlossen den samogitischen Aufstand zu unterstützen und uns gedroht, hier einzufallen. Es reicht jetzt mit deinem reißerischen Geschwätz."

„Mit den Litauern können wir es aufnehmen," protestierte Preußen, obwohl er nicht wirklich so zuversichtlich war, wie er sich gab. „Wir werden gewinnen, ganz sicher."

„Aber können wir es mit den Samogiten, den Litauern und den Polen aufnehmen?" fragte Hochmeister Ulrich und musterte sein Land scharf. „Das hier ist ernst, Preußen, Krieg. Krieg gegen zwei der stärksten Länder dieses Erdteils."

Der Mann sah Preußen mit wachsendem Ärger an, obwohl der Unsterbliche wusste, dass sein Zorn nicht allein ihm galt.

Preußen seufzte und wandte seinen Blick ab. „Was soll ich denn tun?" fragte er, nun ebenfalls frustriert. Als könne er all ihre Probleme lösen! „Soll ich hingehen zu ihnen und sagen ‚Hey, bezüglich dieser Drohungen: Wir hatten die falsche Adresse, tut uns leid?' Wenn der Krieg kommt, kommt er, und das einzige was wir tun können ist kämpfen und siegen!"

Es klatschte laut, und bevor er wusste wie ihm geschah, lag er auch schon auf dem Boden. Er versuchte eilig, aufzustehen, und starrte den Hochmeister an. Seine Wangen glühten wie Feuer, der Hochmeister stand über ihm und sah mit Enttäuschung, Frust und Wut auf sein Land herab. „Du könntest die Situation wenigstens ernst nehmen, Junge," sagte er, dann drehte er sich um und ging.

Preußen starrte ihm nach, er blieb auf dem Boden sitzen bis der Meister weg war. Er wusste, dass der Hochmeister ihn zu Recht gemaßregelt hatte, und er fühlte keine Wut, nur Scham. Ulrich hatte Recht, er hätte diese Angelegenheit nicht auf die leichte Schulter nehmen dürfen. Wenn dieser Krieg ausbrach, würde er darin um sein Leben kämpfen müssen. Der samogitische Aufstand war an sich kein ernsthaftes Problem, wenn es denn nur das wäre, aber Polen kontrollierte ihn fast vollständig und er hatte noch nicht geschafft, sich zu befreien. Und Litauen… hat die ehemalige Personifikation Preußens umgebracht, erinnerte er sich, ein eiskalter Schauer lief ihm den Rücken hinunter. Was, wenn er es wieder tat? Jetzt allein, legte er sich auf dem Boden hin, auf den kühlen Mamor. Nichts konnte sein Blut so gefrieren lassen wie die Angst, die in diesem Moment seinen ganzen Körper erfasste. Er musste stärker werden, wenn er in dieser Welt leben wollte. Nur durch die Expansion seiner Landes konnte er dies tun, er brauchte mehr Einfluss, mehr Macht, dann würde er auch seinen Status als polnisches Lehen verlieren und wirklich unabhängig werden.

Dafür musste er kämpfen. Kämpfen für sein Volk, für ihre Zukunft. Für seine Zukunft. Aber es war nicht einfach, die Existenz des Ordensstaates und sein eigenes Leben zu schützen. „Ich kann das," flüsterte er sich selbst zu. „Ich kann…"

Preußen und der Orden beschlossen es sei besser zu handeln, als abzuwarten. Der Deutsche Orden fiel im August des selben Jahres in Polen ein. Bald darauf kam es zu einer Waffenruhe, die im Sommer 1410 ihr Ende fand.

Und dieser Sommer sollte der bis jetzt schlimmste seines Lebens werden.

Preußen wurde übel, als er die gegnerischen Armee sah. Die polnisch-litauische Armee war um einiges größer als seine eigene. Trotzdem stand er stolz und selbstsicher vor den Preußen, nicht ein Hauch von Angst in seinem Gesicht. „Männer, wir haben schon gegen wesentlich größere Armeen als unsere eigene gekämpft," sagte er zu ihnen. „Unser Volk ist im Kampf geboren worden. Die Kraft, Krieg zu führen und zu gewinnen, fließt in unseren Adern. Ich kann niemandem versprechen, dass wir heute siegen werden, aber ich schwöre bei Gott, dass was auch immer heute geschieht uns nur stärker machen wird."

Die Männer nahmen jedes einzelne Wort, das er sprach, auf und obwohl er wusste, dass einige von ihnen es nach wie vor seltsam fanden, dass ein Kind sie Seite an Seite mit ihrem Hochmeister in die Schlacht führen würde, schienen seine Worte sie zu ermutigen, und so zogen sie in die Schlacht.

Preußen wusste, dass Polen und Litauen heute auch hier sein würden, und obwohl ihn der Gedanke mit Grauen erfüllte, spornte er ihn auch an: er würde sich nicht von ihnen schlagen lassen - jedenfalls nicht einfach so. Er hatte kein gutes Gefühl an dem Tag, aber das sollte seine Kampfkunst nicht beeinträchtigen. Er kämpfte mit mehr Feuer als jemals zuvor, seine roten Augen suchten nach zwei besonderen Feinden. Er hatte nur Polen zuvor bereits gesehen, aber er wusste, dass er Litauen sofort erkennen würde. Wenn ich zwei Kinder sehe, dachte er, während er gerade einen feindlichen Krieger mit seinem Schwert enthauptete, dann weiß ich, dass nur sie es sein können! Plötzlich spürte er einen glühenden Schmerz in seinem Rücken, und fiel beinahe hin als er sich umdrehte. Das gegnerische Schwert hatte nicht sein Kettenhemd durchbohrt, aber die Metallringe hatten durch den Druck seinen Rücken aufgekratzt. Wut ergriff ihn und mit einem furchterregenden Brüllen schwang er sein Schwert in Richtung des Mannes. Dieser war darauf nicht vorbereitet - vermutlich hatte er nicht damit gerechnet, dass ein Kind so ein fähiger Krieger sein könnte. Aber ich bin kein Kind! dachte er und versank sein Schwert in der Brust des Mannes. Er hatte 200 Jahre voller Schlachten hinter sich: niemand hier sollte sich irgendwelche Hoffnungen auf einen Sieg über ihn machen! Niemand, außer die, die älter und erfahrener als ich sind. Aber selbst sie würden eines Tages versiegen, niedergestreckt von der scharfen Klinge eines Schwertes. Und zwar meinem Schwert.

Plötzlich sah er die litauische Kavallerie links von ihm vorbeiziehen, unter ihnen ein Jugendlicher mit langen grau-braunen Haaren, als Pferdeschwanz zusammengebunden. Er hielt an und starrte ihn einen Moment lang grinsend an. Gefunden. Litauen würde wohl kaum die ganze Schlacht über auf dem Pferderücken bleiben; sobald seine Füße den Boden berührten würde Preußen ihm sein Ende bereiten.

Doch vorerst zog er durch die polnischen Reihen, er war zu flink und schmal, als dass die polnischen Ritter ihm mehr als nur ein paar Kratzer zufügen konnten. In dem Moment, da sein Blick auf einen Jungen mit schulterlangen blonden Haaren fiel, fing sein Herz an schneller zu schlagen. Er hatte Polen und Litauen gefunden, nun wusste er, mit wem er es zu tun hatte, und wo er sie finden konnte, wenn er der Schlacht ein schnelles Ende bereiten wollte. Aber jetzt würde er erst einmal daran arbeiten, mit seinen Männern zusammen die gegnerische Armee zu bekämpfen.

Er wusste nicht, wie lange er gekämpft hatte, aber es musste eine ganze Weile gewesen sein. Die Sonne stand tief am Himmel als er beschloss, dass er genug Schmerzen ertragen hatte und nun gegen Polen selbst kämpfen würde - und zwar nur Polen, denn Litauen und seine Kavallerie hatten bereits reißaus genommen. Hoffnung wärmte sein Herz, mit Polen allein konnte er es aufnehmen. Das ältere Land hatte in der Schlacht genauso sehr gelitten wie er, aber Preußen war für den Krieg geboren worden, aus dem Krieg. Er hatte nicht gelogen als er gesagt hatte, das Kämpfen läge ihm im Blut. Warum sonst hallte der Kampfschrei seiner Armee stets die ganze Schlacht lang in ihm wider?

Es brauchte nicht lange, bis er Polen fand, der gerade einen deutschen Ritter niedergestochen hatte. Wütend rief Preußen seinen Namen, und der Jugendliche drehte sich um. Seine dunkelgrünen Augen funkelten vor Zorn, als sie sein Lehen erblickten, dann rannte er wortlos auf ihn zu, sein Schwert hoch über seinen Kopf erhoben. Preußen wich zur Seite aus und blockierte den Schlag mit seinem eigenen Schwert, dann versuchte er, Polen die Füße unterm Leib wegzutreten. „Jetzt bist du ganz allein!" triezte er das ältere Land. „Dein lieber Freund ist davongelaufen, Polen, und dasselbe würde ich dir raten!"

„Warum tust du das nicht?" antwortete Polen grinsend und schlug mit der stumpfen Seite seines Schwertes auf Preußens Schulter ein.

Schmerz zuckte durch Preußens Arm wie Glut, aber er schaffte es, seine Waffe nicht fallen zu lassen und holte ebenfalls aus. „Wir sind im Krieg," sagte er. „Und einen guten Kampf lasse ich mir nicht entgehen!" Er traf Polen hart in die Seite, und er verlor die Balance. Dann ging er schnell einen Schritt nach links, hinter Polen, und trat dem anderen Land in seine Kniekehle. Polens Knie knickten ein und er fiel zu Boden. Hastig versuchte er, wieder aufzustehen, aber Preußen hielt bereits sein Schwert nur Millimeter von seinem Gesicht entfernt. Das ältere Land sah auf zu dem jungen Ritter, Zorn in seinen Augen. „Schachmatt," sagte Preußen und grinste selbstzufrieden. „Jetzt lass dein Schwert fallen."

Polen funkelte ihn wütend an und murmelte etwas auf polnisch, dem Preußen, der nur einige Sätze in dieser Sprache beherrschte, nicht folgen konnte.

„Ich hab gesagt du sollst es fallen lassen, du Schwein!" schrie er vor Wut, sein Körper angespannt. Polen seufzte und ließ sein Schwert zu Boden fallen. Preußen grinste wieder, seine Augen glänzten, von Blutlust erfüllt. „Gut so," murmelte er, und hob sein Schwert mit beiden Händen hoch über seinen Kopf. „Ich hoffe du wirst deinen kleinen Freund im Jenseits wiederfinden." Sein Schwert zerschnitt die Luft mit Lichtgeschwindigkeit und-

Etwas blockierte seinen Schlag bevor es Polens Schädel entzwei spaltete. Fassungslos blickte er auf die Klinge unter seiner, die seinem Feind das Leben bewahrt hatte, und mit Grauen fühlte er eine weitere, kalte Klinge an seinem Hals. Sein Herz stand einen Moment lang still, als er realisierte, mit wem er es zu tun hatte.

„D-du bist doch abgehauen!" krächzte er.

Litauen lachte in sein Ohr. „Du musst auf deine Umgebung achten," sagte er in gebrochenem Deutsch mit schwerem Akzent. „Bevor du deinen Sieg verkündest." Er bohrte sein Messer so fest in Preußens Haut, wie er konnte ohne ihn zu verletzen, dann befahl er, „Du lässt jetzt deine Waffe fallen, du Wurm!" Preußen lief es eiskalt den Rücken hinunter, aber er folgte der Aufforderung. Der Anblick seines zu Boden fallenden Schwertes beschämte ihn: dies war seine Kapitulation. Preußen kapitulierte nie. Aber was blieb ihm anderes übrig? Sterben? Er war nur 218 Jahre alt, sehr jung für ein Land, er war nicht bereit, sein Leben aufzugeben! Dann erinnerte er sich, dass Litauen, der ihn in seinem früheren, baltischen Leben umgebracht hatte, ihn hier gerade festhielt, und sein Herz gefror vor Angst. „Was hast du jetzt vor?" verlangte er, tollkühn. „Mich umbringen, noch einmal?"

„Meine Schwester war die reinste Pest," antwortete Litauen. „Streitsüchtig, genau wie du. Aber ich habe sie nicht getötet. Nicht direkt. Weißt du, was ich getan habe?" Er ließ seinen Dolch über Preußens Haut gleiten, er fing an, etwas zu Bluten, wo die Klinge des Großfürstentums ihn schnitt. „Es war nur ein kleiner Schnitt," sagte er langsam, drohend. „Nur ein kleiner Schnitt, in ihre Schulter. Die Wunde infizierte sich und sie wurde krank. Niemand half ihr, niemand konnte ihr helfen, und sie musste sterben."

Preußen schluckte. Daran hatte er nicht gedacht. Er hatte zuvor schon infizierte Wunden gehabt, aber in diesem Fall war es eine von einem anderen Land verursachte Wunde, die sich infiziert hatte, das war mehr als nur schmerzhaft und schwächend - es war tödlich. „Also hast du sie nicht töten wollen?" fragte er bemüht gelassen.

„Nein," antwortete Litauen. „Aber getrauert habe ich auch nicht. Ich wusste, dass sie zurückkehren würde - ich wusste nur nicht, dass sie es in Form eines nervigen kleinen Wurms wie dir tun würde."

„Mach ihn schon nieder, Liet," sagte Polen zu seinem Freund und Verbündeten und stand auf. „Wir werden ihm zeigen, was es heißt sich mit uns anzulegen, aber sterben soll er nicht - noch nicht. Vergiss nicht, dass die Plage mir gehört."

Litauens gab Preußens Hals frei und das junge Land, welches nicht alles verstanden hatte, was Polen gesagt hatte, seufzte erleichtert, er dachte, sie würden ihn gehen lassen. Doch dann fühlte er einen Schlag auf seinen Hinterkopf und einen Moment lang wurde alles schwarz. Als er seine Augen wieder öffnete, lag er auf dem Gras, Polen und Litauen standen über ihm. Polen hielt sein Schwert wieder in der Hand und grinste sein Lehen an, dann schlug seine Waffe zwei, drei, vier mal nieder auf Preußens Brust und Bauch. Der Preuße schnappte nach Luft, er spürte eine schreckliche, metallisch schmeckende Substanz in seinem Rachen hochkommen und rollte sich gerade rechtzeitig auf die Seite bevor er hustete und Blut erbrach. Er versuchte, zu atmen und sah dabei das Schlachtfeld. Er sah zu viele Tote, die meisten von ihnen in weiß mit schwarzem Kreuz auf der Brust. Er sah einige seiner Männer davonlaufen, Litauer und Polen auf den Fersen, dann fühlte er noch mehr Blut hochkommen und übergab sich wieder. Er wurde immer schwächer bis er schließlich das Bewusstsein verlor.

Als Preußen wieder aufwachte, war er von Kälte und Dunkelheit umgeben, er musste tot sein. Und noch dazu war er vermutlich für seine Missetaten auf Erden in der Hölle gelandet. Aber wo ist das Fegefeuer? fragte er sich. Sollte mich nicht in der Hölle unerträgliche Hitze quälen? Das sagen die Priester jedenfalls immer… Dann setzte er sich auf und sah sich um, aber er konnte nichts sehen. Er stand auf und stakste ein wenig umher, dann stieß er gegen etwas hartes. Er stöhnte und rieb sich die Wange, die auf eine Metallbarriere getroffen hatte. Gitterstäbe? Er streckte seine Hände aus und suchte die Gitterstäbe in der Dunkelheit, und da waren sie: dicke Stahlgitterstäbe, zu eng beieinander um sich hindurchzuzwängen. Dann wurde ihm klar, dass er irgendwo eingesperrt war, und er hatte schon eine Idee, wo genau er war. „Hey!" rief er so laut er konnte. „Polen! Litauen! Zeigt eure feigen Gesichter!" Auf seine Forderungen folgte nichts als Stille, und nach einer Weile gab er auf, stolperte Rückwärts bis sein Rücken auf die Wand der Zelle traf - einer äußerst kleinen Zelle - und ließ sich wieder zu Boden sinken. Am ganzen Leib zitternd zog er seine Beine an seine Brust, bemüht um wenigstens etwas Wärme. Es war mitten im Sommer, einem heißen Sommer, aber er hatte das Gefühl, er würde hier drin erfrieren. Die Kälte schläferte ihn ein und nach einer Weile schloss er die Augen.

Er war gerade beinahe eingeschlafen, als er helles Licht vor seinen Augen öffnete sie, er wollte wissen, was los war. Polen stand vor ihm, eine Fackel in der Hand, und starrte Preußen mit frostigem Zorn an. „Endlich aufgewacht?" begann er. „Du hast eineinhalb Tage lang geschlafen. Aber das macht nichts, der Spaß fängt gerade erst an! Liet und ich haben haben eurem Lager nach dem Rückzug bei Grünfelde einen ‚kleinen' Besuch abgestattet. Da wurden mehr Männer abgeschlachtet als auf dem ganzen Schlachtfeld gestorben sind! Und du kleiner Wurm hast nur vor Schmerzen geschrien. Du warst kaum bei Bewusstsein, aber du hast geschrien und geweint und uns angebettelt, aufzuhören. Aber weißt du was? Das werden wir nicht. Du hast es nötig, dass dir mal jemand einen Denkzettel verpasst, Junge, dass du dich erinnerst, dass du absolut nichts bist, nichts wert bist, und es nichts gibt, das du tun kannst! Litauen und die Armee sind gerade dabei, eine Belagerung von Marienburg vorzubereiten." Preußens Herz stand einen Moment lang still, und Polen grinste. „Ja, deine Hauptstadt. Wurde jemals dein Herz angegriffen? Stell dich ein auf unerträgliche Schmerzen. Du wirst dir noch die Seele aus dem Leib schreien, lange bevor wir mit dir fertig sind." Dann drehte Polen sich um und ging.

Preußen starrte einen Moment lang in die Dunkelheit, dann zog er seine Knie wieder an seinen Leib heran, doch nicht einmal seine eigene Körperwärme konnte ihm das Frieren ersparen. Er fühlte Tränen in seinen Augen aufsteigen, und einen Moment lang war er froh, alleine zu sein. Wenigstens konnte niemand sehen, wie er vor Angst weinte.

Die Belagerung begann erst zwei Wochen nach Polens Warnung. Erst hatte er Schmerzen, große Schmerzen. Preußen zitterte pausenlos am ganzen Leibe und hatte Schwierigkeiten, bei den Schmerzen zu atmen. Er gewöhnte sich schließlich daran, was es aber nicht besser machte. Seit drei Tagen schon war er in diesem armseligen Zustand, und er hatte in diesen drei Tagen keinen einzigen Laut von sich gegeben. Er würde Polen nicht die Genugtuung erweisen, ihn schreien zu hören wie er es vorausgesagt hatte. In den Wochen darauf verblassten die Schmerzen nach und nach, und bald spürte er nichts mehr bis auf einen dumpfen Druck. Nach der zweiten Woche stand Preußen, wenn Polen mal wieder herunter kam um ihn mit Neuigkeiten über die Belagerung zu triezen, die Angriffe auf andere deutsche Siedlungen, und dass Preußen immer noch nichts war außer sein Lehen, auch nie mehr sein würde, immer nur da und sah ihn mit Ruhe und Selbstbewusstsein an. Jedes mal wenn er das tat, wuchs Polens Frust über ihn, und das war alles, was er in diesen Wochen zum Leben brauchte.

„Deine Schlösser allerorten werden von uns erobert, kleiner Wurm," erzählte Polen ihm eines Tages. „Hörst du das? Du verlierst deine Siedlungen. Du verlierst dein Volk. Und wenn wir dein ganzes Land erobert haben, verlierst du dein Leben. Willst du uns jetzt zuhören?"

„Ich bin ganz Ohr," antwortete Preußen ruhig. „Aber was macht es für einen Unterschied, ob ich zuhöre oder nicht? Oh, und es geht mir übrigens schon wieder um einiges besser als vor ein paar Tagen. Bekomme ich Hilfe aus anderen Ländern oder so? Muss echt scheiße sein für dich dass andere mich im Kampf gegen dich unterstützen."

„Die Ungarn und Böhmen haben keine Chance gegen uns," antwortete Polen. Preußen grinste. Ungarn und Böhmen waren dem Orden zur Hilfe gekommen! Dieses Wissen wärmte sein Herz gegen alle Gemeinheiten Polens. „Wenn du mir zuhörst," fuhr Polen fort, „Werde ich dich leben lassen. Ich brauche kein ungehorsames Lehen wie dich. Du solltest es dir also überlegen, wenn dir dein Leben etwas wert ist."

Preußen reckte nur arrogant sein Kinn und spuckte ihm ins Gesicht. Polen schnitt eine Grimasse, wischte sich die Spucke aus dem Gesicht und ging wieder. Als er hörte, wie das blonde Königreich die Tür zu den Kerkern schloss, setzte Preußen sich zitternd wieder hin in der unerbittlichen Dunkelheit. Er würde keine Schwäche zeigen, aber er fühlte sie mit jedem Herzschlag. Er fühlte sich, als hätte er keine Kraft mehr in seinem Körper, nicht nur wegen der Unterernährung, sondern auch durch Blutverlust, den Verlusten seines Volkes. Verlust von Land. Er konnte nur hoffen, dass der Deutsche Orden durchhielt. Er fragte sich, ob sie schon einen neuen Anführer hatten, denn Hochmeister Ulrich war in der großen Schlacht vor ein paar Wochen gefallen. Würde er sie doch noch zum Sieg führen? Er wünschte, er hätte mehr Anhaltspunkte als die Schmerzen seines eigenen Körpers für den Stand der Dinge in seinem Land. Er hatte kaum eine Ahnung, was los war.

Er hatte versucht, Polen umzubringen, wurde ihm eines Tages klar. Er hatte ihn sogar umbringen wollen, bevor Litauen seinem Verbündeten zur Hilfe gekommen war. Warum? Er liebte es, zu kämpfen, aber er hatte noch nie irgendjemanden umbringen wollen. Jetzt da er hier eingesperrt war, hatte Preußen alle Zeit der Welt um über alles, was an jenem Tag passiert war, nachzudenken. Was war nur falsch mit ihm, warum war er so blutrünstig, sobald der Feind vor ihm die Knie ging? Es hätte völlig ausgereicht, Polen zu entwaffnen und ihn in die Ecke zu treiben. Das wäre ein normaler Sieg gewesen. Er hatte keinen Grund, Polen umbringen zu wollen, überhaupt keinen, aber dennoch hatte er es ernsthaft tun wollen. War das überhaupt normal? War er von allen guten Geistern verlassen? War er wirklich dem Teufel so nahe, wie man ihm nachsagte? Ihm wurde einen Moment lang schlecht als er daran dachte, wie er sich gefühlt hatte in dem Moment, sein Schwert über seinen Kopf erhoben, bereit, Polens Kopf entzwei zu schlagen. Er war ein Kind des Krieges, das wusste er. War er auch als Killer geboren worden? Dazu verdammt, gegen einen Drang anzukämpfen, andere Länder zu töten? Vielleicht war das sein wahres Ich, seine Berufung in diesem Leben - ein Mörder, wenn irgendwann der Tag kam, an dem ihn niemand mehr davon abhielt?

Es war das erste mal gewesen, dass er gegen ein anderes Land gekämpft hatte, und er hatte den Jungen fast umgebracht! Gewiss würde nicht jede militärische Begegnung mit anderen Unsterblichen so ausarten?

Einen Moment lang war er sogar dankbar, dass Polen und Litauen ihn hier eingesperrt hatten, allein und ohne irgendetwas, mit dem er sich von seinen eigenen Gedanken, Gefühlen und Erinnerungen ablenken konnte. Wenn er immer noch gegen sie kämpfen würde, hätte er diese Seite von ihm vermutlich nicht erkannt, bevor es zu spät war.

Was auch immer ich bin, sagte er sich in der Nacht, ich bin kein Mörder. Und werde auch nie einer sein.

„Preußen!" hörte er Polens Stimme eines Nachmittags, und als der ältere Junge herunter in den Kerker kam, hatte er Litauen hinter sich und Schlüssel in seiner Hand. „Gute Neuigkeiten: Die Belagerung ist vorbei und das Lösegeld für dich wurde bezahlt. Du kannst jetzt nach Hause gehen." Dann lachte er. „Oder was davon übrig ist."

Litauen starrte ihn nur wütend an und seufzte. „Du bist echt nicht so leicht unterzukriegen, Lorbas, weißt du das?" sagte er zu Preußen. „Ich habe noch nie in meinem Leben eine Armee dermaßen kaputtgehen sehen, und trotzdem stehst du noch hier."

„Und du hast dein Deutsch verbessert," antwortete Preußen und zuckte die Schultern. „Es gibt wohl noch Wunder, hm?" Er ging einfach aus seiner Zelle heraus und an ihnen vorbei, sobald sie die Tür öffneten, aber Polen hielt ihn einen Moment lang an seiner mittlerweile völlig verdreckten und zerrissenen Tunika zurück. „Du bist jetzt frei," sagte er zu dem jungen Ritter. „Aber du solltest wissen, dass wir dir nicht noch einmal erlauben werden, bei uns einzufallen. Beim nächsten mal werden wir dir nicht solche Gnade erweisen."

„Gut," antwortete Preußen nur, und riss sich los. „Ich euch auch nicht."

Er würde nicht zum Mörder werden. Aber dies würde seine letzte solche Niederlage sein.

Das war die Schlacht bei Tannenberg (auch bekannt als „Battle of Grunwald", auf Deutsch Grünfelde) 1410. Sie gilt als eine der bedeutendsten Schlachten des europäischen Mittelalters, und die Niederlage des Deutschen Ordens war absolut vernichtend. Die Schlacht dauerte rund zehn Stunden, viele Deutschordensritter wurden gefangen genommen und nur gegen hohe Lösegelder wieder freigelassen.

Diese Schlacht wurde auch, zusammen mit den Polnisch-Schwedischen Kriegen, im Hetalia-Comic und im Anime dargestellt.