Die Abenteuer des Watson

10.

„Jürgen! Jürgen! Ich bin's, Bruno! Mach doch bitte auf, ich muss etwas ganz Dringendes mit dir besprechen", rief Lisas Bruder gegen die Tür des Zimmers hinter Jürgens Kiosk. Durch den Lärm aus ihrem Traum gerissen, hob Hannah kurz den Kopf. „Öhhhhh", brummte sie und ließ ihren Kopf wieder auf Jürgens Schulter fallen. „Ich glaube nicht, dass er geht, wenn wir uns tot stellen", grummelte Jürgen genauso verschlafen. „Einen kleinen Augenblick, Bruno!", rief Hannah und setzte sich auf. „Wo sind denn meine Klamotten?" – „Na irgendwo hier", grinste Jürgen und deutete auf die wild verstreuten Kleidungsstücke auf dem Fußboden. „Aber du willst doch nicht wirklich schon gehen, meine Schöne? Wir hätten da schon noch das eine oder andere zu besprechen, oder?", gab Jürgen zu bedenken. „Du meinst in Bezug auf letzte Nacht? In der Tat, da gibt es das eine oder andere zu besprechen, aber das kann warten. Bruno scheint da etwas sehr Dringendes zu haben und darum solltest du dich erst einmal kümmern. Glaub mir, ich sehe es im Moment so, dass das letzte Nacht nicht einfach nur Sex, sondern der Anfang von etwas war und von daher wirst du mich eh nicht wieder los." Zufrieden damit, wie sie sich die Decke um die Brust geknotet hatte, schwang Hannah sich aus Jürgens Bett, wobei sie ihn komplett freilegte. „Hey, was soll denn das?", empörte dieser sich. „Ich gehe zu mir hoch. Meine Klamotten hole ich später. Ich schicke dir Bruno auch gleich rein." – „Nein, warte kurz. Wir sind zwar richtig gut befreundet, aber den kleinen Jürgen möchte ich ihm trotzdem nicht zeigen. Außerdem würde ich dir gerne einen Abschiedskuss geben", lächelte Jürgen und stand dann auch auf, um seiner Ankündigung auch gleich nachzukommen. „Sehe ich dich in der Mittagspause?", wollte er von Hannah wissen, als diese ihre Hand auf die Türklinke legte. „Ja, auf jeden Fall."

„Was bedeutet das ‚letzte Mahnung'?", fragte Bruno panisch. Jürgen studierte nachdenklich den Brief, den er in den Händen hielt. „Das heißt, dass euch der Strom abgestellt wird, wenn die Stadtwerke nicht bald ihr Geld kriegen. Du hast seit Monaten kein Stromgeld bezahlt, Bruno", bemühte Jürgen sich sachlich zu antworten. „Du und Lisa, ihr wisst zwar, wie man ohne Elektrizität lebt, aber mal ehrlich, das geht so nicht." Beherzt griff Jürgen in seine Kasse. „Das ist die Rate, die du mir vor ein paar Tagen für Lisas OP gegeben hast. Du nimmst dieses Geld und begleichst deine Schulden bei den Stadtwerken, ja?" – „Aber…" – „Kein Aber, Bruno. So machst du das. Du zahlst für die Doktorei einfach, wenn du es wirklich kannst."

„Denkst du, die neue Kollektion wird gut ankommen?", wollte David zeitgleich von Rokko wissen. Dieser schlürfte genüsslich an einem Kakao und beobachtete den Trubel im Foyer. „Na klar. Sie ist gut, die Werbestrategie ist genial – was willst du mehr?" – „Ach keine Ahnung. Das wird wohl die übliche Kurz-vor-der-Präsentation-Panik sein. Nimm mich einfach nicht ernst", lachte David. „Mache ich doch nie", lachte Rokko. „Übrigens hat sich Mariella neulich lobend über eure Zusammenarbeit geäußert", fügte David hinzu. „Ehrlich? Was hat sie denn gesagt?" – „Er ist nicht mehr so ein Chaot wie früher." – „Sehr schmeichelhaft", schmunzelte Rokko. Im Gegensatz zu ihm bemerkte David, dass Lisa mit einigem Abstand zum Cateringtresen stand, aber ganz eindeutig etwas von Rokko wollte. „Nun komm schon her und werde los, was dir auf der Seele brennt", meinte David genervt. Lisa machte eine paar kurze Schritte auf Rokko zu und begann herumzudrucksen: „Du warst doch vorhin bei mir… also im Atelier… an meinem Arbeitsplatz im Atelier… also, da hattest du doch dein… dein Telefon… dein Mobiltelefon dabei und… und… du hast es da vergessen." – „Oh", meinte Rokko. Es amüsierte ihn, wie unsicher Lisa war. „Das ist sehr nett, dass du es mir bringst", fügte er hinzu, als er nach dem Gerät griff, Lisa es aber nicht losließ. „Ist noch etwas?" – „Ja", gestand Lisa. „Es ist so… also, es hat geklingelt… als es da so lag… auf meinem Arbeitsplatz. Und ich war doch so konzentriert auf meine Aufgabe und… ein… ein Mobiltelefon kann ich doch mittlerweile bedienen. Es hat also geklingelt und ich bin rangegangen. Das war bestimmt keine Absicht, das ist einfach so passiert." Langsam begann Rokko sich zu sorgen. „Das ist doch nicht weiter schlimm", beruhigte er sein Gegenüber. „Wer war denn dran?" Lisa atmete hörbar ein. „Ich… ich weiß gar nicht, wie ich dir das sagen soll. Es war… es war die Haushälterin deiner Tante… Sie ist gestürzt… also, deine Tante, nicht die Haushälterin. Sie ist gestürzt… in ihrem Haus… auf der Treppe. Sie… sie hat sich ein paar Rippen geprellt und das Bein gebrochen und… und du sollst zurückrufen, weil sie bei dir… also, sie will bei dir genesen." Rokkos Augen waren mittlerweile groß wie Pizzateller. „Es tut mir so leid", wiederholte Lisa hilflos. „Das muss es nicht, außer du hast Tante Trudi die Treppe hinunter geschubst", überspiele Rokko seine Sorge. „Das habe ich nicht", bestätigte Lisa eifrig. „Das weiß ich doch. Das war ein Scherz. Entschuldigst du mich kurz? Ich würde jetzt gerne telefonieren."

„Bruno, du hast vor über drei Monaten die Werkstatt vom alten Pönke übernommen und hast seither nicht eine schwarze Zahl geschrieben", tastete Jürgen sich bei seinem Freund vor. „Du musst den Tatsachen langsam ins Auge sehen – es hat keinen Zweck mehr. Noch kommst du glimpflich aus dem Ganzen raus…" – „Nein", unterbrach Lisas Bruder einen Freund heftig. „Ich habe immer davon geträumt, meine Schuhe zu verkaufen…" – „Genau, du hast geträumt, aber die Realität funktioniert anders. Bruno, glaubst du wirklich, ich würde dir das nicht von Herzen wünschen? Das tue ich, das schwöre ich dir bei allem, was mir heilig ist, aber… sachlich betrachtet, hat es keinen Sinn mehr." Ein tiefes Räuspern ließ Jürgen herumfahren. „Kann ich vielleicht endlich zahlen?", knurrte Richard. „Aber selbstverständlich", grinste Jürgen aufgesetzt und ging zur Kasse rüber. „Einen Playboy, eine Men's Health, eine Auto-Motor-und-Sport, eine Family, eine Tüte Gummitiere und eine Flasche Apfelschorle… macht… 21,50." Irritiert betrachtete Richard seinen Einkauf, der lediglich aus einem Wirtschaftsmagazin und der Tageszeitung bestand. „Ah, verstehe, Sie sind ein Witzbold", meinte er sarkastisch. „Sie kriegen trotzdem bloß 5,30 von mir." Süffisant lächelnd drückte Richard seinem Gegenüber einen Schein und einen Haufen Kupfermünzen in die Hand. „Oh, geht's mit den von Brahmbergs bergab? Und das gerade jetzt, mittlerweile kann ich Ihre Platinkarten auch annehmen." – „An Ihrer Stelle würde ich an meinem Humor arbeiten." – „Danke gleichfalls", lachte Jürgen. „Schönen Tag noch, Herr von Brahmberg und grüßen Sie die werdende Mama von mir."

„Natürlich kannst du bei mir wohnen, bis dein Bein wieder verheilt ist. Das ist gar kein Problem", versicherte Rokko seiner Tante am Telefon. „Soll ich dich abholen oder kannst du dich fahren lassen?... Fahren lassen? Wunderbar. Ich erwarte dich." Erleichtert drückte Rokko eine Taste seines Handys. „Tante Trudi geht es soweit gut. Ende der Woche kommt sie hierher. Sie will, dass die Familie sich um sie kümmert und nicht irgendein Pflegedienst." Mit besorgter Miene hatte das David das Telefonat belauscht. „Rokko, es gibt da nur ein Problem." – „Und das wäre?" – „Naja, Tante Trudi glaubt, dass du und diese Lisa…" – „Und? Sie hat ein gebrochenes Bein, sie hat erstmal andere Probleme und wird meine Wohnung nicht so schnell verlassen können." – „Es ist ja nur, weil… naja… ich habe Tante Trudi… sie hat sich neulich bei mir nach dir und Lisa erkundigt und da habe ich… also… ich habe sie glauben lassen, dass ihr zusammengezogen seid." – „Was?!", fragte Rokko aufgebracht.